Die Schnecke
(Leseprobe aus:
Die Schnecke, Geschichten, 2002, Klett-Cotta)
Zufällig hatte ich also eine Möglichkeit gefunden, unverdächtig, ja ich möchte sogar sagen, gerechterweise an einem öffentlichen Ort zu existieren und dabei gleichzeitig ein Publikum hautnah an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich begriff, daß diese gläsernen Wartehäuschen nichts anderes sind als genial ersonnene jagdliche Ansitze, an denen, wenn mir ein Fortfahren in dieser Bildwelt gestattet ist, das Wild nicht nur vorbeiläuft, sondern in die es sogar hineinhüpft und -schlüpft. Überdies ist der Aufenthalt auch in Zeiten seltenen Wildwechsels durchaus angenehm: Ein Blick über die Elbe, in den Jenisch-Park, ein bißchen in der Morgenpost lesen, oder auch, wenn gar nichts los war, das Döschen Bier leer trinken, das ich stets in meiner Schein-Arbeitstasche mit mir trage. Ich habe eine winzige Erbschaft gemacht, die ich dem Arbeitsamt verschwieg. Mit dem Geld legte ich mir ein durchaus ansehnliches Gehobener-Angestellter-Outfit zu, als zusätzliche Sicherheit, wenn man so will. Ich kaufte mir einen eleganten Trenchcoat, ein paar schwarze Oxford-Schuhe, die zumindest auf den ersten unerfahrenen Blick sehr edel wirken, ein teures englisches Eau de Toilette, die besagte Arbeitstasche aus feinstem dunkelgrünen Leder, in der ich neben der Bierdose und der Morgenpost auch die "Financial Times" und die schweizerische Zeitschrift "Du" mit mir führe. "Du" kommt gut bei kulturbeflissenen Geisteswissenschaftlerinnen mittleren Alters. Leider sind sie fast ausnahmslos sehr unattraktiv. Ein Fünfhundert-Euro-Fliegerchronograph, der nach zweitausend Euro aussieht, sowie ein teures Portemonnaie mit Reißverschluß und Krokoprägung tun ein übriges: Ich hätte mir früher nicht träumen lassen, welch einen Zugewinn an selbstempfundener Existenzberechtigung solche Dinge mit sich bringen. Ich leide an starken Antlitzschwankungen, für die selbst jahrelange Ursachenforschungen keine brauchbaren Kausalitäten gefunden haben. Manchmal schlafe ich leidlich gut und sehe fahl und zerfressen aus. Das andere Mal liege ich die ganze Nacht mit Gemütsrasen wach, finde mich jedoch am nächsten Tag einigermaßen erträglich. Meine physiognomischen Unbeständigkeiten werden durch die genannten Ausstattungsgegenstände eingeebnet. Ein bestimmter Wahrnehmungsstandard bleibt bestehen, und selbst dann, wenn das Gesicht deutlich zerrüttet ist, wird gutwillig vermutet, daß die Karriere wohl ihren Tribut fordert. Und "Karriere" ist schließlich ein Wort, das die Frauen sinnlich aufwühlt und erregt: Ein Mann hat sich etwas geschaffen, allein, ihm fehlt der erdig ruhende Pol eines Weibes, das ihm mit seiner emanzipierten Fürsorglichkeit sowie mit avancierten erotischen Angeboten und mit Blumensträußen die geschmackvoll eingerichtete Wohnung beseelt.
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