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Im Versteck
(Leseprobe aus:
Döblin,
Eine Biografie, 2011,
Hanser)
Wer sich Alfred Döblin, dem Gebieter über tausend Reiche, dem Herrscher
über Ich und Er, dem Pan-Epiker und Geschichtengott, nähert, ist von der
Komplexität jeder Begegnung mit ihm rasch überzeugt. Döblin hat sich des
öfteren um seine Lebensgeschichte bitten lassen, um dann doch wenig von
sich zu erzählen. Er plauderte gerne über sich, noch lieber mit sich im Duett,
in unterschiedlichen Rollen, plänkelte gegen seine Umgebung, aber er hatte
meist abwiegelnde oder ausweichende Schutzbehauptungen parat, wenn
es um mehr ging. Undurchdringlich zu sein: das wollte er früh, das gehörte
zu seinem Lebensvorsatz. Anfangs musste er sich schützen. Seine literarischen
Neigungen hatten mit der Verachtung der Mutter und wohl auch ihrer
Brüder, der gewerbetreibenden
Holzonkels, zu rechnen und erprobten sichim Versteck. Ein tiefsitzender Reflex gegen jedes Artifizielle ist ihm davon
geblieben – und von ihm oft durchkreuzt worden. Im Roman
Der schwarzeVorhang,
dem Werk des 25-Jährigen, hatte es programmatisch geheißen:Monaden sind wir und haben keine Fenster.
Er wappnete sich gegen jedenVoyeurismus des Publikums, etwa am Schluss einer autobiographischen Skizze
von 1922:
Von meiner seelischen Entwicklung kann ich nichts sagen; da ichselbst Psychoanalyse treibe, weis ich, wie falsch jede Selbstauserung ist. Bin
mir außerdem psychisch ein Rühr-mich-nicht-an und nähere mich mir nur
in der Entfernung der epischen Erzählung. Also via China und Heiliges Römisches
Reich 1630.
Ironisch belustigt und ein wenig polemisch im Unterton,könnte er darauf verweisen, dass er dennoch mit autobiographischen Hinweisen
nicht gespart habe.
Die Prosa
Doktor Döblin, entstanden, als er sich den Vierzig näherte, bliebunveröffentlicht und fragmentarisch in der Schublade und diente wohl nur
der Selbstverständigung, wie man seine seelischen Nöte eben manchmal zu
Papier bringen möchte. Erst Mitte der zwanziger Jahre begann er, den Einzelnen
in sein episches Recht zu setzen. Bis dahin war, alles in allem, das Ich eine
zu vermeidende oder zu sprengende Größe. Diese Wende hatte Folgen auch
für seine Bereitschaft, von sich selbst zu sprechen. 1928 verstand er sich auf
einen autobiographischen
Ersten Rückblick in 13 Abschnitten. Doch erzählteer nicht nur von Herkunft und Familie, von Vaterflucht und Schuldrama,
sondern erprobte die Vielfalt der Texte über den Blick auf sich selbst; da gibt
es neben Auskünften den Dialog, den grenzwissenschaftlichen Streifzug, die
Variation des Gleichen, eine
Gespenstersonate. Die letzte Geschichte, LebenJacks, des Bauchaufschlitzers
, bringt keine Einblicke in die Person, sondernversiegelt sie im grotesken Gelächter: Das Monster Jack sitzt am Schluss an
der Ladenkasse. Von dieser Szene aus ist ein Rückverweis auf den Autor versperrt.
Es gehört zu Döblins Eigenart, dass er den Vorhang vor seinem autobiographischen
Ich nach Belieben auf- und zugezogen hat. Erst in der Ratlosigkeit
der ersten Exiljahre werden Selbstdarstellung und Roman in größerem
Umfang zusammengeführt: In
Pardon wird nicht gegeben berief er sich mitbislang nicht gekannter Deutlichkeit auf die
Familiengeschichte mit autobiographischemEinschlag
. Und der Buchtitel ist auf seinen Clan gemünzt. Ermeinte:
Das ist ein Fortschritt. Ich wagte mich an den Herd heran. Aber bereitsnach diesem Roman fand wiederum eine ausholende Gegenbewegung
statt. In den beiden Zyklen, der
Amazonas-Trilogie und der Tetralogie November1918,
tauchte der Epiker erneut weg in die größtmögliche Irredentastofflicher Ferne. Erst die Flucht aus Frankreich, das Studium des Christentums,
die völlige Verfremdung seiner Existenz in der amerikanischen Verschollenheit,
die von Bitterkeit durchsetzte Rückkehr zwangen ihn, seine
Schicksalsreise
nachzuzeichnen. Rasch fortschreitende Krankheiten und dieTrauer um seine Toten erforderten von ihm Rechenschaft in
Epilog und Journal,bestimmten ihn zu Aufzeichnungen und Diktaten über sich und seine
Auffassungen, seine wenigen Gewissheiten und seine Versäumnisse. Die
nachwirkende Katastrophe seines Sohnes Wolfgang, die auf eine geheimnisvolle
Weise mit dem frühen Vaterverlust korrespondiert, nötigte ihn außerdem
zur rückschauenden Reflexion. Sein letzter Roman
Hamlet oder Dielange Nacht nimmt ein Ende
spiegelt Familiengeschichte in mythologischenErzählungen und bindet sie in einen Gegenzauber: den von der Allmacht und
der Heilungskraft des Erzählens, das gleichzeitig ein Akt der Entblößung ist.
Die Familie wird durch die erzählten Geschichten in dem Maße destruiert, in
dem sich die seelischen Wunden des heimgekehrten Sohnes schließen. Das ist
sein großartiges Schlusswort als Romancier: das Erzählen vom Zerfall einer
Familie und von der Heilung des Sohnes durch die Erkenntniskraft der Fiktion.
Anderswo hat er seine Person in der anorganischen Natur versenkt. Im
Epilog
von 1948 findet sich die Versicherung: Das Werk, das war ich, meineArt zu dieser Zeit, und dann noch mehr: etwas, was unpersönlich, als Natur
in mir arbeitete und sich im Geistigen, im Phantastischen zu formen beliebte,
ein Meteor, eine Steinbildung, die sich aus meiner Substanz löste
.Er hat das meiste im Dunkeln gelassen, was ihn persönlich betraf. Den Zusammenhang
seines Werks, das einen geradezu kosmogonischen Radius hat,
deutet er nur vage an. Die Krisen der Produktion verschweigt er fast immer.
Das heroische Dennoch, sich in die größten Schreibprojekte seines Lebens zu
stürzen, gerade wenn die Aussicht auf Publikation am dunkelsten war: nicht
einmal erwähnt. Die erotischen Konstellationen in einigen seiner frühen Erzählungen
sind ebenso unbelichtet wie die seelischen Substanzen, die ihn zu
seinen oft grellen Weibsbildern brachten. Von seinem Leben inszenierte er vor
allem die Verweigerung, Auskünfte darüber zu geben.
Aber wenn er sich denn doch darauf verstehen wollte, erzeugt er einen
mächtigen Sog, eine detektivische Lust, der Person auf die Spur zu kommen,
inmitten all dieses Geschriebenen, das ihm immer wieder zu Papier wurde,
seiner Existenz, ihren Sprüngen, Rissen, Zeichnungen nachzuspüren. Es ist
unterhalb dieser oft strahlenden Schreiblust und Experimentierfreude nichts
anderes als ein fortgesetztes Drama sichtbar. Jede Biographie über Alfred Döblin
sucht also den Widerspruch zu seiner Abweisung:
Wo fängt es an, wohört es auf? Man frage nicht danach.
Er hat sich seinen geistigen Weg vorwiegend durch Romane gebahnt. Mit
ihnen tastete er sich im Dunkel und in den Abgründen, denen er nicht ausweichen
konnte, voran. Erzählen ist der Suchvorgang. Das heißt auch: die
großen Werke des Epikers Döblin unterliegen einem Wandel, der durch Finden
und neuerliches Verwerfen eintritt. Ihr Vorsatz ist am Ende nicht mehr
der gleiche wie am Anfang. Und jeder Roman wirft dem nächsten einen Ball
zu; das hat er selbst so behauptet. Eine stabile autobiographische Begründung
des Schreibens, die in seinem unübersichtlichen Feld der Prosa als Geländer
dienen könnte, liegt nicht vor. Noch im späten
Journal 1952/53 beharrte erdarauf, dass er seine Bücher nicht
hergerufen habe, sie hätten sich von selbsteingestellt:
Sie sind ganz von ungefähr zu mir gekommen, ich ware nichtim Stande, tief in ihre Entstehung hineinzuleuchten, ich habe mich ehrlich
zum Geburtshelfer hergegeben, oder war ich nur der Uterus in dem sie entstanden.
Er hat darauf bestanden, dass das Geschriebene eine eigene, selbständige
Wirklichkeit darstelle, dass nicht er seine Bücher hervorgebracht,
dass vielmehr sie ihn benutzt und aufgebraucht hätten. Zu seinem
Lebensgesetzgehört:
Und nicht ich habe erlebt, sondern die äußeren Dinge haben mich erlebt.In einer Festschrift für die Kölner Schriftstellerin Adele Gerhard, über
deren Verbindung zu Döblin nichts Näheres bekannt ist, hat er einige Seiten
über das Eigenleben seiner Bücher veröffentlicht. Sie sind demnach
Lebewesen.Sie entstehen als
Ablösung aus meinem mir unverständlichen Daseinskern.Das Werk ähnelt einem Astralkörper, es
zieht etwas Wolkenartigeswie ein Gewand hinter sich her
. Die Werke gleiten bei einer gewissen Dunkelheit aus ihm.Der Verstand könne um sie herumtänzeln, aber er könne sie,
durch zu viel rationale Fürsorge, auch abtöten. Das Buch stamme nicht aus
der personalen Existenz: Es ist aus einem mitgeborenen Zentralpunkt, einer
Keimzelle in mir entstanden wie der junge Spros aus dem "Auge" einer
Pflanze. Die Bücher bilden demnach Eigennaturen, sind keinesfalls Abbilder,
sondern Parallelwesen. In seinem Journal hat er sich ganz im Sinne des Aufklärungsphilosophen
Julien Offray de La Mettrie als Teil eines Getriebes, als
Funktion gedeutet, was der Anonymität Vorschub leistet. Döblin verkörpert
sich in einem Zusammenhang, der auf ihn hin – und gleichermaßen von ihm wegweist.
Man ist bei ihm, dem Kilometerfresser von Papier, Literschlucker von Tinte,
wie er sich selbstironisch gegenüber Gerhart Hauptmann 1922 titulierte,
vor keinem Widerspruch sicher. Man kann in manchen seiner Bücher etwas
von seinen Fährnissen und Schmerzen, seinen Verwundungen und seiner
Verzweiflung ermessen. Aber von seiner biographisch fassbaren Person ist er
höchst selten ausgegangen: Eine wirkliche Autobiographie ist nicht möglich.
Man kann Vorgange und Ereignisse seines eigenen Lebens berichten und
auch Betrachtungen daran anschliesen, aber tiefer geht es nicht. Wie soll
man es auch machen, wie soll man an sich herankommen? Wir tauchen in
diesen Schlund und bringen immer nur irgendein Bild mit. Denn man kann
nicht zugleich der Mann sein, der in den Spiegel schaut, und der Spiegel. Was
für eine Schutzbehauptung steckt dahinter?
Man kann den literarischen Weg Döblins als einen ersuch verstehen, gegen
die Faktizität des eigenen Lebens eine Schreibbiographie zu entwerfen.
Die Bücher bedingen demnach den Aggregatzustand des Subjekts. Verbunden
ist damit ein endloser Kampf um das Selbst zwischen Verbergen und Enthüllen
im Wald der Fiktionen. Eine Lebensdramatik sondergleichen arbeitet
auf diesem Döblinschen Manövergebiet: immer neu anzusetzen, sich selbst
zu verwerfen mitsamt der gefundenen Lösung, allein die energetische Spannung
zwischen dieser Schreibbiographie und der Alltagserfahrung mit ihren
ungezählten Katastrophen und novellistischen Großereignissen auszuhalten.
Oft wirkt dieses Leben von Tätigkeiten geradezu überwuchert, sind die Verwundungen
und Traumata, die er erfuhr, wie unter einer Isolierschicht aus Manuskriptpapier verdeckt.
Eine Paradoxie von Hingabe und Schreibaktion bestimmt seine Biographie.
Seine Lebensgeschichte ist ohne den ständigen Anblick seines Werks nicht zu
denken. Auf ihn fällt kein Licht, wenn es nicht beleuchtet wird. Seine Biographie
wird von seinem Werk entworfen: er ist, ganz im Sinne Heinrich
Manns, der gute Wortarbeiter. Diese Sachlage begründet auch die zahlreichen
Werkverweise in diesem Buch, das nicht mit einer monographischen Arbeit
verwechselt werden sollte. Mich hat immer die Beziehung des Urhebers zu
seinem Werk fasziniert, die Aktion des Schreibens, das Atmen des Werks im
Verfasser, wie es sich in ihm vorarbeitet und wie es in ihm weiterlebt.
Dies L eben Alfred Döblins ist nicht für sich nachzuzeichnen, nur im Reibungsfeld
der Tatsachenphantasie. Er steht nicht wie sein Gegenspieler Thomas
Mann geradezu körperlich vor seinem Werk und bindet es zusammen.
Er ist nicht wie jener ausgestattet mit der Autorität eines Klassikers und mit
einem Fundus an lebensgeschichtlichem Material, eingekleidet in den Ornat
der Repräsentanz, versehen mit einem Chor von beflissenen Deutern, die
sich wie Angehörige um ihn sammeln. Wo der Lübecker Patriziersohn stand,
wusste er Deutschland hinter sich oder glaubte wenigstens daran. Jede noch so
schwächliche Misshelligkeit erschien ihm als Gefährdung seiner Daseinshöhe.
Wo Döblin steht, ist eine bestimmte Leere, eine Freifläche. Um ihn herum ist
die Verlorenheit des Neuerers und Modernisten, dem niemals eine Mehrheit
folgen wollte; die Einsamkeit dessen, der über ein Riesenwerk gebeugt ist; die
Verwirrung, die aus seiner Verschollenheit entstand. Seine Kühnheiten des
Selbstwiderspruchs wecken nicht unbedingt breites Vertrauen.
Für Alfred Döblin war es in Deutschland immer zu früh oder zu spät. Aber
er selbst hat einiges zum Bild eines Titanen ohne Hinterland beigetragen. Seine
Produktion verschwand oft unter den langen Schatten seiner Polemiken.
Tucholsky hat über seine »penetrante Besserwisserei« geklagt. Döblin, auch
Schulmeister und Verwerfungsclown, hat der Bereitwilligkeit der Kritik, von
ihm abzusehen, Vorschub geleistet.
Als Günter Grass 1967 über ihn als seinen »Lehrer« schrieb, galt seine
Bewunderung einem weithin Unbekannten. Seitdem hat sich vieles geändert:
eine riesige (wenn auch noch immer nicht vollständige) Werkausgabe
von rund 40 Bänden liegt vor, Döblianer in aller Welt beugen sich über seine
Bücher und haben ein vielverästeltes Deutungswerk angehäuft, der Nachlass
ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach bestens geordnet und nun ohne
Einschränkungen zugänglich. Doch vertraut sind darüber hinaus mit seinem
Werk nur wenige Leser. Dieser Abstand zwischen Deutungswissen
und Ahnungslosigkeit soll mit meiner Arbeit überbrückt werden.
Der Biograph Alfred Döblins hat mehrere Lebensromane miteinander zu
verknüpfen, hat einen Mann in der ewigen Revolte zu vergegenwärtigen, der
mit tausend Fäden an sein Jahrhundert gespannt ist und doch eine zeitlose Zeit
anvisiert, muss sich selbst die Rolle eines Turbulenzengenerators anmaßen.
Döblin hat sein Publikum notorisch mit Neuansätzen konfrontiert – und damit
wohl auch überfordert. In einer Spur bot er sich als spöttischer Atheist
dar, in einer anderen entfaltete er sich als Gottsucher und Religionserprober.
Döblin war zeit seines Lebens gläubig, nur wechselte mit beinahe jedem Roman
die Religion oder die Philosophie: Nietzsche, Schopenhauer, Spinoza,
Augustinus, Kierkegaard, der Fortschritt, die Moderne und die Technik, der
Taoismus, der Sozialismus, indische Weisheiten, die Naturmystik, Exkursionen
ins Judentum, der Katholizismus gehören dazu.
Er ist vor allem ein Erzähler, der noch die vorschriftliche Rolle des Rhapsoden
im Blickfeld hat, Erfinder auch von Theaterstücken, von Filmskripts und
von Hörspielen, von Gelegenheitstexten, zwei Reisebeschreibungen, Religionsgesprächen,
einer Musikphilosophie, philosophischen Traktaten, passionierter
Berliner, Radiobastler. Jüdischer Kleinbürger und französischer Offizier,
Kassenarzt und Mystiker, Gottsucher, Expressionist, Surrealist, Berliner
Homer und Emigrant. Als er 1926 vom »Berliner Tageblatt« aufgefordert
wurde, sich an einer Umfrage unter dem Titel »Der Künstler hinter der Maske
der äußeren Erscheinung« zu beteiligen, antwortete er mit der witzigen
Glosse Gleiswechsel im Hirnkasten. Sie gipfelt in der ironisch sibyllinischen
Aussage: Ich habe einen Bahnhof in mir; von dem gehen viele Zuge aus.
Manchmal fährt bloß einer, manchmal mehrere zugleich. Ich schicke mal
den, mal den vor. Manchmal, wenn der eine läuft, kann der andere sich nicht
halten und läuft auch.
Proteus Döblin ist einer der sperrigsten unter den modernen Schriftstellern.
Er verhielt sich keinesfalls wie Bert Brecht, der eine geläufige Ideologie
bediente, um seine Abweichungen davon markieren zu können, der von »Versuchen«
sprach, wenn er sich zum Klassiker stilisierte. Alfred Döblin durchschritt
riesige Räume, und bei diesen erzählerischen Exkursionen häuften sich
die erzwungenen Lebensparadoxien. Er wollte nur zu H ause sein in Berlin,
dem er seinen berühmtesten Roman widmete, und musste vor den Nazis nach
Frankreich und in die US A fliehen. Als früher Rückkehrer wollte er 1945 und
danach helfen, wurde aber als Exilant mit seinen Absichten vielfach durchkreuzt
und kaltgestellt. Er hing mit tausend Fäden am Ich und sah es durch
die Kollektive zersprengt. Er war lebenslang auf der Suche nach dem richtigen
Gott und bekannte sich schließlich zum Christentum, sah aber beim Ende
doch wenig Tröstliches am Horizont.
Seine Bücher verdanken sich keinen Bürostunden; er stellte es so dar, als
verfassten sie sich gleichsam selber, als könnte kein äußeres Ereignis den Erzählfluss
aufhalten. Das war eine der Lieblingsfährten, die er für die Mitwelt
legen wollte: der Autor in der Dienerschule seines Werks. Seine Bücher warten
mit den Techniken der Montage, des Zitats, der Satzzertrümmerung, mit
der Onomatopoesie des schreienden Alltags und mit Mythengemurmel auf,
erweisen seinen avancierten Sinn für Konstruktion und wirken doch wie aus
Rausch und Sprachverfallenheit, unwillkürlicher Phantasie und obsessiver
Bilderflut geboren. Die Selbsterschaffung im Schreiben verlief triumphaler
als die von Thomas Mann, jedenfalls eruptiver, gewaltsamer, war das immerwährende
E xperiment einer Rebellion der Vorstellungskraft. Er ist der Lenkerungeheurer
Buchstabenwelten, die Kreuzung der literarischen Ruten, die in
die Moderne, in die großen Mythen, zu den phantastischen Epen, zur Zärtlichkeit
des realistischen Beobachters führen. Wie damit zurechtkommen?
Dieses Werk ist kaum zu überblicken allein wegen seines Umfangs, der um
einiges mehr, als Thomas Mann geschrieben hat.
Und vor allem: von welcher Position aus?
Als erster Grundsatz erscheint es mir wichtig, die Schwierigkeiten im Umgang
mit der biographischen Person zum Ostinato dieses Versuches zu machen.
Deshalb gibt es in diesem Buch häufig Fragezeichen. Döblin besteht
nicht auf Lösungen, vielmehr auf Experimenten – eine selbstbewusste Unsicherheit.
Sie hält ihn in Gang, trägt ihn über die Lebenskatastrophen hinweg.
Wer diesen Stoff besichtigt, wird instand gesetzt, ihre ungeheuerliche
Dramatik zu verstehen: das Trauma der Vaterflucht, das ihn lebenslang begleitet;
der preußische Schulzwang, der diesen Außenseiter demütigt; die familiäre
Verachtung von Literatur, gegen die sich der angehende Literat schützen
muss; eine übermächtige Mutter, aus deren Bannkreis er sich kaum lösen
kann; eine abgebrochene wissenschaftliche Karriere; eine von Anfang an unglückliche
Ehe und dazu ein jahrzehntelang anhaltendes Liebesverhältnis, das
immer wieder abgewürgt wird im Bestreben, nicht die Eheflucht des Vaters zu
wiederholen; die Sorgen um fünf Söhne; der mit offenem Neid quittierteErfolg
des einzig so empfundenen Konkurrenten Thomas Mann; die Erfolglosigkeit
des Schriftstellers, der gleichwohl in aller Munde war; der gewöhnliche
und dann mörderische Antisemitismus, der dem Juden Döblin galt und der
einigen Mitgliedern der Familie das Leben kostete, die Schrecken der Fluchten,
der Selbstmord eines Sohnes in französischer Uniform 1940, am Vortag
des Waffenstillstandes; die Verschollenheit im amerikanischen Exil; diedeprimierenden
Erfahrungen in Adenauers Nachkriegsdeutschland; die stille,
aber formulierte Verachtung, die der Christ erfuhr; 1953 die erneute Emigration
nach Paris, der Fluch der Krankheiten, die Physis als Membran der
Schicksalsschläge, mehr als drei Jahre am Schluss die Matratzengruft in Spitälern
und Sanatorien. Man muss das alles ausbreiten, nicht um seiner selbst
willen oder des Tremolos wegen, sondern um zu ermessen, aus welchem Dunkel
sein Werk strahlt. Er hat dieses einzigartige Gebäude über diesem
Dasein errichtet, und es wirkt nirgendwo wie eine Ausflucht oder wie die Aberration
in den eskapistischen Traum. Es gibt von ihm keine Hinweise, wie er diese
Selbstrettung bewerkstelligt hat. Wer ihm nahetritt, stößt auf fundamentale
Rätsel seiner Schreibexistenz. Für bestimmte Konstellationen in diesem
Schreiberleben oder doch genauer: erschriebenen Leben? kommt es vor allem
darauf an, diese Rätsel sorgsam zu präparieren, ohne ihnen – etwa mit Hilfe
der Psychologie – eine Erklärung aufdrängen zu wollen.
Er ist für fast jeden Roman durch ein Glaubensgebäude oder durch einen
Kulturkreis durchgegangen, ist dann zu neuen Ufern aufgebrochen, allerdings
mit den Sedimenten der zurückliegenden geistigen Welt im Gepäck. Ist sein
christlicher Glaube nicht doch viel schütterer und offener, als er systemgläubigen
Wissenschaftlern erscheinen mag? In der
November-Tetralogie ist ihmdas Christentum gleichsam zugewandert. Man kann es lokalisieren: ab dem
zweiten Band. Doch im späten Roman
Hamlet oder Die lange Nacht nimmtein Ende
gibt es einen Verzicht auf eine christliche Schlusswendung: I st dasnoch ein Zeichen für die Freiheiten, die sich der Christ Döblin nahm, oder
schon ein Ausdruck von Freiheit zum Nichts?
Für das Urteil über den aus Amerika bereits im November 1945 heimgekehrten
Döblin, den einzigen prominenten Autor, der sofort nach Westdeutschland
zurückkehrte, als es ihm möglich war, ist dieses Daseinsrätsel ungemein wichtig.
Ein Ärgernis besteht in seiner politischen Essayistik. Es steht, wie alles
beim Dualisten Döblin, unter dem Signum des Gegensatzes. Je näher man an
ihn herantritt, desto widersprüchlicher wird er. Er predigt Vernunft und Aufklärung,
sie sind seine heraldischen Zeichen, aber sie hindern ihn nicht, im
nächsten Moment sich in Naturmystik zu versenken. Verstand und das, was
Leiden schafft: gleichviel. Im Reich der alleinigen und ausschließlichen Ratio
ist Döblin ein vaterlandsloser Geselle. Er ist Rationalist in dem Sinne, dass
er über die Grenzen der Vernunft nachdenkt. Das hat manchen Forscher zu
wüsten Urteilen veranlasst.
Döblins Widersprüche bilden ein Gewebe: Spruch und Widerspruch, nicht
voneinander zu trennen. Wer da überbetont und wer unterbetont ist, kann
man, angesichts der Geschwindigkeit der Umkehrungen, kaum ausmachen.
Warum nur hat der Nach- und Vordenker Döblin nicht gewartet, bis das eine
oder andere zur Ruhe kam: geklärt und stillgelegt? Aber gerade das hat er gescheut:
die Stilllegung. Es kommt in diesem biographischen Versuch darauf
an, ein Denken zu beleuchten, das Resultate nicht verabsolutiert, das sich
der Suchbewegung widmet, das in aller Treue zum Werk nach wandelbaren
Lösungen strebt. Der Unruhe, dem Denken, das Köder auslegt, das auch davon
handelt, dass es eine verlorene Sache ist, gilt die Aufmerksamkeit. Gerade
darin kann ja die Modernität Döblins auch liegen: dass man seinem Denken
als einer mehrstimmigen Polarität zusehen kann, dass es in dem, was es anbietet,
nie zu Ende kommen will. So wird sich diese Biographie Alfred Döblins
auch den Falsifikationen widmen, mit denen er sich befasst hat, und seinen
Irrtümern, aus denen er sich herauswand.
Seines Umfangs wegen liegt das Werk dieses Schriftstellers noch immer
wie ein Sperrriegel da und harrt auf eine umfangreiche Gesamtbesichtigung –
mit allen Risiken, die solch ozenaische Bemühung mit sich bringt, der Unschärfe
im einzelnen, der Vorläufigkeit. Eine solche Gesamtschau des Epikers,
Privatmythologen, politischen Schriftstellers und Feuilletonisten wird hier
versucht. Entscheidend ist die Konstellation, die sich als Modell in diesem
Meer an Einzelheiten abzeichnet: der Autor vor seinem Werk, seinem Gegenüber.
Der Autor als Akteur, der handelt, indem er schreibt, aber auch derjenige,
der von seinem Werk gelesen und gezeichnet wird.
Eine Zentralperspektive auf Alfred Döblin verbietet sich von selbst. Angestrebt
ist die Blickweise des Facettenauges: viele Einzelaugen in abweichender
Richtung setzen ein Großbild aus unterschiedlichen Bildpunkten zusammen.
Meine Arbeit war und ist vor allem im Ganzen den Abenteuern verpflichtet,
denen preußische Juden, Existentialisten, anarchische Außenseiter, Emigranten
in mehrfacher Ausprägung, verschollene Meister, Experimentatoren
im abgelaufenen Jahrhundert ausgesetzt waren. Sie haben eine Königsfigur:
Bruno Alfred Döblin, gestorben 1957 im Psychiatrischen Landeskrankenhaus
Emmendingen, dorthin für die letzten drei Wochen verbracht, weil anderswo
für ihn kein Platz zum Sterben sich fand. Von ihr soll erzählt werden.
Rezension I Buchbestellung I home IV11 LYRIKwelt © Hanser Verlag