Uhuru-Peak von Ulrich Schödlbauer, 2001, ManutiusUlrich Schödlbauer

Uhuru-Peak
(Leseprobe aus: Uhuru-Peak, Ein Bericht, 2001, Manutius).

Der Aufstieg beginnt um Mitternacht.

Hat man die Felsnase umrundet, die den Blicken die stumpfgrau gegen den Nachthimmel abgehobene Wand entzieht, so stößt man auf eine Halde aus losem Gestein, das unter den Füßen zu federn scheint.

Hinter ihr, zirka hundert Meter oberhalb des nun flach im Mondlicht glimmenden Hüttendachs, wird dann die Meyer-Höhle sichtbar, groß genug, eine Gruppe Männer für eine Nacht aufzunehmen. Jenseits der Höhle beginnt das Geröllfeld, durch das man sich in den kommenden Stunden Meter um Meter, Fuß um Fuß emporarbeitet.

Der strenge Nachtfrost hält das Geröll fest - ein Vorteil, den sich die schweigend steigenden Gruppen zunutze machen. Die dünne Luft läßt keine raschen Bewegungen zu; Lebhaftigkeit wird mit sofortigem Brechreiz bestraft.

Die meisten nehmen vorsorglich Kopfschmerztabletten ein, bevor sie sich auf den Weg machen. Man steigt fünf bis sechs Stunden in der Dunkelheit, angetrieben von der Hoffnung, den Ruhe- und Aussichtspunkt am Rande des Kraters - Gillman's Point -, dessen schwarzer Kegel den gleißenden Sternenhimmel unterbricht, vor Sonnenaufgang zu erreichen. Die Besucher tragen wattierte Anoraks und Stirnlampen über ihren Skimützen; eine unregelmäßig blinkende Lichterkette windet sich im Zickzack den Hang hinauf.

Hat man den Kraterrand erreicht und der über den Felszacken des Mawenzi - des falschen Gipfels - auflodernden Sonne den Rücken zugewandt, so begibt man sich ein paar Meter in den Krater hinab. Die nächsten anderthalb Stunden geht es verhältnismäßig eben dahin.

Dieser Teil der Begehung kann als malerisch bezeichnet werden.

Bis zu sieben Metern hoch türmt sich der Gletscher neben dem vorwärts taumelnden oder, falls es sein Zustand zuläßt, gemächlich ausschreitenden Besucher, blaue Gewölbe und bizarre Zapfeninformationen lenken seinen Blick ab, der im übrigen starr auf eine eher unscheinbare Erhebung gerichtet bleibt - UHURU PEAK, das Ziel der Vielen an diesem wie an jedem anderen Morgen, bevor die Regenzeit mit Orkanen und Schneegestöber auf dem Gipfel dem Treiben ein Ende setzt.

***

The Gate

1.

Ohne weiter auf das an sich ungewöhnliche Faktum zu achten, den Zutritt zum Berg durch ein von bewaffneten Posten beschirmtes Gate reguliert zu finden, haben sich die Mitglieder der Gruppe mit Paßnummer und Berufsbezeichnung in das ausliegende Gästebuch eingetragen. Angerührt von der Resolutheit, mit der die Geschäftsführerin des Hotels, die sie heraufbegleitet hat, im Hintergrund die weiteren Formalitäten erledigt, saugen sie die tropische Luft ein, die noch morgenkühl und bereits ein wenig klebrig die Nasenflügel durchzittert. Der eine und andere probiert mit ungläubig zuckenden Fingern den langen, unten spitz zulaufenden und blechbeschlagenen Stock aus, mit dem die Geschäftsführerin jeden von ihnen versehen hat. Fast als sei es die ihre, genießen sie die Leichtigkeit, mit der die einheimischen Träger Taschen und Säcke auf Köpfe und Schultern heben. Noch durchgerüttelt von der kurzen Anfahrt, ist jeder begierig wie ein junger Hund, den Weg unter die Füße zu nehmen.

Die Führer - Casper, Melchior, Anthanasios - treten den Kies, posieren leutselig lächelnd vor Kameraaugen und erwecken durch leichte Kleidung und nachlässiges Schuhwerk den Eindruck von Sonntagsausflüglern, die dem Unternehmen noch nicht den gebührenden Ernst abgewinnen können.

"Das ist es." Dieter hat die Stollenlandschaft seines rechten Bergschuhs erforscht; nahezu umsichtig setzt er ihn in den Sand.

Die anderen "verstehen", auch wenn die Wendung rätselhaft bleibt.

Die Tatsache, daß man sich hier befindet, daß der Weg dort hinauf führt und sich bald angemessen verengen wird, daß die Träger bezahlt sind und sich bereits in Bewegung gesetzt haben, so daß man gezwungen ist, ihnen zu folgen, schon, um seine Habe nicht allein und sinnlos zwischen den Bäumen verschwinden zu sehen - das alles läßt keinen anderen Schluß zu als den, daß jetzt den schwachbrüstigen Bildern die Stunde geschlagen hat, mit deren Hilfe die Phantasie seit Tagen und Wochen gegen den horror vacui ankämpft, der sich bei jedem anders, aber im großen und ganzen vergleichbar von einem Moment zum anderen im nach und nach zerfasernden Alltag eingenistet hatte.


2.

Gleich nach der Ankunft auf dem windigen International Airport hatten die Bilder Farbe bekommen: Auswurf des Landes, das sie im Landrover durchbrausten, Tönungen, welche die Scheinwerfer aus der Nacht hervorzogen, um sie ebenso rasch zu verwerfen; allen voran ein stumpfes Grau, das alles allenthalben bereit schien, in ein verwittertes Braun überzuwechseln, bevor es rasch und willig hinter ihnen versank.

Das Weiß der Polizeiuniform an der Straßensperre, das wie ein Zeiger in die flachen Häuser und gelegentlichen Baumgruppen portionierte Skala hineinstach, gehörte ebenso dazu wie die Schwärze der lackierten Fingernägel, die ihnen die Geschäftsführerin des Summit-Hotels ein wenig höher als üblich entgegenstreckte, als habe sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß einmal sich ein Gast zum Handkuß verstehen werde.

Dafür war es zu spät, Mitternacht lag hinter ihnen, die kleine Zeitverschiebung hatte zu wirken begonnen.

Lustlos kreuzte und verwob sich die gespannte Erwartung der Ankömmlinge mit der enttäuschten Erwartung der Frau, die sich einen Tick zu willig an die Theke heftete und dem stumm hantierenden Barmann befahl, zum Willkommen ihnen allen einen südafrikanischen Premier Cru aus dem Pappkanister einzufüllen.


3.

Aus der Tiefe des Office auftauschend, winkte sie mit einem Stück Papier. Aufbruch. Der Fahrer kippt die Mütze ins Gesicht und entfernt sich in Richtung Parkplatz. Die Gruppe löst sich vom Geländer. Von den Führern umkreist, steuert sie auf den Waldweg hinaus und schwenkt bergwärts. In Edwards Kopf setzt ein gewaltiges Brausen ein.

Vogelstimmen schrieen, pfiffen, keckerten und gurrten über- und durcheinander. beiderseits des Weges, unter den hochaufragenden Baumkronen, raschelte und knackte es im Gehölz.

Das hier ist Afrika, dachte er. Africa is great.

Sicherheitshalber tastete er nach den Tablettenvorräten, von Baripur bis Reptozen, die griffbereit in den Hosentaschen und einer gewissen Ausbuchtung des Rucksacks auf einen unbestimmten Einsatz warten.

Ein dunkler Punkt: die Malariaprophylaxe. Im Augenblick mag er nicht daran denken.


4.

"Ksst!" Stefan, der vorausgestapft ist, breitet die Arme aus und drückt die Handflächen nach unten.

Sachte, sachte, soll das wohl heißen.

Er reckt sich, tänzelt, läßt einmal den rechten, einmal den linken Bergschuh über dem Boden kreisen und hält beharrlich auf einen Busch zu, der im Gegenlicht ruhig vor sich hindorrt. Eine knappe Handvoll Gefieder wippt dort, Flügel zucken, hektisch fährt ein Hälschen hin und her. Das winzige glitzernde Greisenauge späht nach dem Tänzer.

"Webervogel. Ploceidae. Weitläufig mit unserm Sperling verwandt."

Der Vogelfreund schnalzt mit der Zunge und lacht.

Ein klagender Laut steht in der Luft. Der Weber schwirrt auf und davon.

Bureaucratic, feixt eine Gehirnwindung. Krächzvogel, gehört zur Familie der Rabenartigen.


5.

Der Weg gabelt sich.

Athanasios, Entschiedenheit in der Stimme, weist rechts hinauf. Über den anderen Weg, der gemächlicher ansteigt, schweigt er.

Melchior hält sich im Hintergrund.

Casper läßt sich nirgendwo blicken.

 

6.

Ein Weg zur Linken fällt rasch ab und verliert sich im Gebüsch.

"Waterfall" steht auf dem verwaschenen Schild.

"No rain, no water", klagt Athanasios und richtet den Blick nach oben.

Das ist Geplauder. Man spürt die beim ersten Schritt bergwärts angesprungene Aufmerksamkeit der Guides, die jetzt leer läuft. Eine Höflichkeit liegt darin, die nicht den Kunden, sondern dem Berg gilt.

Fragt sich, auf welche Weise er sie erwidert.

 

7.

Sie sind zu sechst: sechs Männer mit einer Abmachung.

Abmachung? Hoho. Ein Scherz unter Männern.

Zwar... genau weiß das keiner.

Voneinander wissen sie gerade einmal die Vornamen: Dieter, Bernhard, Edward, Stefan, Werner, Wolfgang.

Noch reden sie einander mit "Herr" an. Die Aufgabe des Duzens werden sie am Nachmittag meistern.

Jeder hat einen in die Gruppe gebracht - mit Ausnahme von Edward, der als letzter dazustieß.

Keiner redet über das Papier, genauso wie keiner darüber geredet hat, als es bei Gesù herumgereicht wurde. "Da Gesù": so hieß das Lokal, in dem sie sich das erste und einzige Mal vor der Abreise trafen.

Sie speisten Seeteufel am einzigen erleuchteten Tisch in einem verlassenen Saal.

Die Abmachung las sich ebenso lachhaft wie unmißverständlich: Wer nicht hochkommt, geht nicht zurück. Alle würden zusammenlegen, um dem, der zurückbleibt, ein zweites Leben zu ermöglichen, wo auch immer.

Schön, schön, denkt Edward, das Geld wäre schon recht.

Er ist erstaunt darüber, daß er nicht kräftiger schwitzt.

Der Stock in der Hand wird ihm lästig, am liebsten würde er ihn unauffällig am Wegrand vergessen. Aber Melchior, aufmerksam, ist zur Stelle und weiß es zu verhindern.

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