Aus dem Jenseits von Ulrich Schödlbauer, 2002, Edition ZenoUlrich Schödlbauer

Aus dem Jenseits
(Leseprobe aus: Aus dem Jenseits. Die Furie des Verschwindens, Erster Teil, Roman, 2002, Edition Zeno).

4.

Wie gesagt, meine Erinnerung an den Abend in Düsseldorf ist nach wie vor geeignet, mich über das, was dort geschah, zu belügen. Nicht, weil ich sie für falsch hielte – für lückenhaft schon –, sondern weil sie den Blick auf die andere Seite verstellt, von deren Vorhandensein ich seit damals Kenntnis gewonnen habe, falls dies das richtige Wort ist. Denn um es vorweg zu sagen, ich habe es bis zum Beginn dieser Niederschrift vorgezogen, keine Erkundigungen einzuziehen – einmal, weil mich eine gewisse Scheu daran hinderte, dann aber, weil ich nach Deutungen suchte und mich nicht durch Tatsachen ablenken lassen wollte, Tatsachen, die zu meinem Problem nolens volens schwiegen. Wenn ich recht hatte mit der Annahme, dass es keinen Rennertz neben dem zu entdecken gab, den ich, dürftig genug, gekannt hatte, dann war es nur konsequent, das nachgelassene Werk als die einzige Quelle meiner Erkenntnis zu betrachten. Schon gar nicht war mir daran gelegen, das Bild Rennertz’, wie ich es aus unseren Zusammenkünften aufbewahrte, nach den Aussagen Dritter zu überarbeiten. Das Bild war gewiss einseitig, geprägt durch die rituell wiederkehrende Form dieser Begegnungen, doch darin lag kein Mangel, im Gegenteil: da er mir (und wie ich annehmen musste, niemandem sonst) das Werk überantwortet hatte, musste in ihnen etwas enthalten sein, was sie seinen übrigen Lebensverhältnissen voraus hatten, und zwar gerade das, wonach ich suchte. Wonach ich suchte? Es schien mir nötig, ein Motiv zu finden, das mich in Stand setzte, die Entschlusslosigkeit, unter der ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu leiden begann, aufzuheben, eine Entschlusslosigkeit, die, wie es mir vorkam, sich geröllartig ausbreitete, je mehr ich mich in mein Problem vertiefte. Gab es kein derartiges Motiv, so war mein Wunsch, den problematischen Zustand aus eigenen Mitteln zu beenden, vergeblich, und ich durfte allenfalls von einem unverhofft eintretenden Ereignis die Lösung erwarten, eine Lösung, die mich, soviel war klar, mit mir selbst in Widerstreit bringen würde, da sie nicht meinen Möglichkeiten entsprang und folglich den Willen des Toten verletzte.

Naturgemäß war ich über die Art des Motivs, das ich suchte, völlig im Ungewissen. Es war – vorderhand – nicht mehr als der blinde Fleck, auf den sich meine Erwartung konzentrierte. Falls meine Erinnerung an jenen Abend es nicht preisgeben konnte (was a priori nicht zu entscheiden war), so deshalb, weil es wohl niemals in sie eingegangen war. Sooft ich die immergleichen Bilder herbeirief, stieg unwiderstehlich das Behagen in mir auf, das ich an dem Abend wirklich genossen hatte und das mir jedesmal aufs neue sagte, Rennertz sei damals ganz der alte gewesen, derjenige, den ich durch und durch kannte. Es tat diesem Gefühl keinerlei Abbruch, dass ich ihn inzwischen besser zu kennen glaubte. Wirklich bezog sich der Glaube ja weniger auf die Person als auf die Leere, die sich in ihm und um ihn aufgetan hatte, nachdem ich in das Manuskript eingedrungen oder vielmehr von ihm angerührt worden war. Den Ausschlag gab nicht etwa, dass ich damals nichts gemerkt hatte, sondern dass es nichts gab, was ich hätte bemerken können. Der Grund für diese Überzeugung war, wenn ich so sagen darf, ein empirischer: wann immer ich mein Gedächtnis befragte, antwortete es in ein und derselben Weise. Das ließ sich nicht verhindern – ebenso wenig allerdings, dass sich meine Aufmerksamkeit allmählich auf diesen Aspekt verlagerte: es war nicht länger die Erinnerung selbst, die sie reizte, sondern die Immergleichheit, in der sie sich aus meinem Gedächtnis herausschälte, mit einer Bereitwilligkeit übrigens, die nach und nach eine neue Empfindung aufrief und mit der eigentlichen Erinnerung zu einem Ganzen verband. Es war die Empfindung einer grundlosen Entblößung. Ich fühlte mich ärgerlich berührt durch eine Gegenwart – die des Vergangenen –, die als falsche Gegenwart gerade das unterbrach, worauf es mir, wie ich bemerkte, ankam: das Ausspannen der Möglichkeiten, die jener Abend dem kreisenden Denken bot. Neben der immergleichen gab es die Erinnerung, die sich nicht festlegen wollte, und die sich durch die andere unangenehm unterbrochen sah, ohne ihr anders Paroli bieten zu können als sich zuzuflüstern: Es hat nichts zu bedeuten... Was ist, so fragte ich mich, eine gleiche Erinnerung? Eine Erinnerung, die sich nicht häutet, ein Kiesel im Gedächtnis, gebildet aus der Substanz eines Selbst, das im übrigen restlos vergangen ist, und an das ich, wäre nicht diese Erinnerung, keinerlei Vorstellung knüpfen würde. Wobei die Vorstellung meines vergangenen Selbst in der Erinnerung nicht enthalten war; sie tauchte nur flüchtig auf, bevor die Erinnerung ihre spezifische Schärfe gewonnen hatte, und erneuerte sich, flüchtig und unbestimmt, wenn diese sich löste und davontrieb. Und doch war sie es – und sie allein –, die, wie mir langsam bewusst wurde, das gesinterte Stück Erinnerung von einer fixen Idee unterschied, bedenklicherweise, weil sie von Mal zu Mal schwächer wurde, so dass Aussicht bestand, dass sie irgendwann ganz verblasst sein und mir ein subjektloses Stück Erinnerung hinterlassen könnte.

Hier war kein Durchkommen. Wie zum Beweis flatterte mir an dem Tag, an dem mein Argwohn sich bis zum Zorn gegen mein unfähiges Selbst verdichtete, eine Nachricht auf den Schreibtisch, die mich dringend nach Düsseldorf rief. Die Dringlichkeit ist mir heute nicht mehr nachvollziehbar, was unschwer mit dem mageren Resultat der geschäftlichen Besprechung zu erklären sein dürfte, um derentwillen ich mich scheinbar auf den Weg machte, im Regen wie jenes andere Mal, gespannt und ein wenig resigniert im voraus: nicht, weil ich nichts, sondern weil ich etwas erwartete und gleichzeitig, dass diese Erwartung enttäuscht werden würde. Der Sekundenzeiger der Armbanduhr überquerte gerade die obere Markierung des Ziffernblatts – es war neun Uhr abends –, als ich, den von der zurückschwingenden Eingangstür herrührenden Luftzug im Nacken, die Tür zum Lokal aufdrückte. Der Tisch, an dem wir gesessen hatten, war unbesetzt. Ich sah es und wusste, dass ich nichts anderes vorausgesehen hatte. Mit raschen Schritten (vielleicht um jenes Wissen zu dämpfen) ging ich auf ihn zu und arrangierte die Stühle so, wie sie damals gestanden hatten, bevor ich mich setzte und die Bestellung aufgab, für die ich nicht erst die Karte bemühen musste. Damals hatte der Raum hell und warm gewirkt; jetzt bemerkte ich an den Wänden eine umlaufende dunkle, fast blauschwarze Täfelung, sie ließ die Örtlichkeit größer erscheinen, als sie war, und ließ sie in die frühe Nacht entgleiten. Zusammengehalten und an sich zurückerstattet wurde sie von sandfarbenen Vorhängen, die dem Streulicht der ihren Schein (eine Form der Aufmerksamkeit) jeweils fast gänzlich auf die eine ihnen unterstellte Sitzgruppe konzentrierenden Lampen eine Echo-Helligkeit eigener Art entlockten. Dies war nicht das Restaurant, in dem wir uns sonst trafen. Ich war ein wenig herumgeirrt, um es zu finden, hatte es dann aber an dem heraldischen Schwertknauf mit den beiden Kugeln erkannt, die eher den Zugang zur Geschäftsstelle einer Versicherungsgesellschaft zu weisen schienen als zu einem Speiselokal der von mir bevorzugten Art. (Rennertz meinte, es seien Kanonenkugeln.) Das waren Äußerlichkeiten, die mir durch den Kopf gingen, während ich abwechselnd auf die stille Lehne des leeren Stuhles und die von Zeit zu Zeit geräuschvoll sich meldende Pendeltür schaute, als bestünde zwischen beiden – ich karikiere etwas – ein bisher nicht bedachter Zusammenhang. Die geneigte Lehne verriet, dass der Stuhl schief stand, ohne jedoch eine Entscheidung darüber zu gestatten, ob eines seiner Beine zu kurz geraten oder ob vielleicht eine der Tonplatten, aus denen der Fußboden bestand, ein wenig tiefer gebettet war als ihre Umgebung und so die schmale Unregelmäßigkeit erzeugte.

Leicht hätte ich die Frage entscheiden können, vorausgesetzt, ich hätte mich entschlossen, mich unter den Tisch zu bücken oder aufzustehen und um ihn herumzugehen, doch beides schien mir meiner Lage nicht angemessen. Trotzdem (oder deshalb) setzte sich die Empfindung der Unregelmäßigkeit umstandslos in mir fest, während mein Blick zur Tür strich: ein rhythmischer Nukleus, ins Bewusstsein getreten durch eine statische Ungenauigkeit, Arsis und Thesis, zwischen ihnen, nicht zu vergessen, die kleine Panik, hervorgerufen durch die Revolution des Gleichgewichts im Moment des Kippens, der ausschließlich meiner Imagination angehörte. Denn der Stuhl blieb leer und somit stabil und teilnahmslos gegen meine Panik. Mehrfach hatte ich inzwischen meine Hand nach dem Chablis ausgestreckt, der, wie damals, meine durch die vom Teller aufsteigenden Gerüche gekitzelten Nerven in leise vibrierende Erwartung versetzte. Jedesmal hatte ich die Hand zurückgezogen, zerstreut zunächst, dann mit steigender Aufmerksamkeit auf die innere Stimme, die mir abzuraten schien, und die, je achtsamer ich ihr nachforschte, sich umso mehr als unvernehmlich erwies, als schweigende Abweisung einer Erwartung, die sich so natürlich eingestellt hatte, dass ich sie erst aufgrund der Intervention des Schweigens (in dem deutliche Missbilligung schwang) in mir entdeckte. Es war die Erwartung, mit dem ersten Schluck Chablis werde die Episode jenes Abends aus der Flasche heraufsteigen und sich Zug um Zug vor meiner inneren Wahrnehmung, und zwar ohne mein Zutun, ein weiteres Mal entrollen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn augenblicklich Rennertz den Stuhl gegenüber eingenommen hätte, und sei es nur der größeren Deutlichkeit wegen, auf die ich an diesem Abend einen untrüglichen Anspruch zu haben glaubte. Gleichzeitig – dies war in der Erwartung inbegriffen – hätte ich mich als Beobachter der Szene gewusst, als der, vor dessen Augen sie spielte und für den sie zum zweitenmal spielte, obwohl sie ihn doch (von den beteiligten Personen her gesprochen) gar nichts anging: ganz, als wäre ich, das heutige Wesen, nicht vorhanden. Dieses Ich, Produzent – nicht Regisseur – der Szene, würde ihr seine Gegenwart leihen und, um sie vermindert, in eine ort- und zeitlose Vergangenheit eintauchen, die, ihrer Fixierung in der Zeit ledig, jene Episoden wie Kontinente eines langsam rotierenden Globus preisgeben würde, preisgeben an ein Auge, das, dem Auge Gottes verwandt, sie auf sich selbst zurückspiegeln würde, während sie es durchquerten. Es dauerte eine Weile, bis ich den schweigenden Widerstand in meinem Inneren gegen diese Lösung zu würdigen lernte, weil ich begriff, dass ich weniger als nichts von alledem erfahren würde, was mich in meinem Fall voranbringen konnte, wenn ich der Versuchung nachgeben würde, die in der harmlos schimmernden Flüssigkeit bereitlag. Denn was konnte das durch sie stimulierte Erlebnis anderes sein als die Auslöschung der Vergangenheit: ein kurzes Auflodern marginaler Empfindungen, in dem – gewiss originelle und unerwartet heftige – Zufallsverknüpfungen meines Gedächtnisses in eine gläserne Aura entrückt werden würden, die es mir allenfalls noch erlaubte, mich Zeitreisenden zu mir selbst zu beglückwünschen. Mein Fall hingegen bedurfte zu seiner Lösung des Dunkels, in dem alle Erinnerung grau ist. Ich verlangte nach keinen Details, außer vielleicht dem einen, dessen Entdeckung, jenem Kippmoment nicht unähnlich, den Schwindel auslöste, in dessen Verlauf das Arrangement, in dem ich mich bisher blindlings befangen wähnen durfte, deutlich hervortreten würde.
Als ich dies dachte, hatte ich den Eindruck, in einen Zustand geistiger Klarheit einzutreten, wie ich ihn während der ganzen Affäre noch nicht gekannt hatte. Es war, als betrete ich ein leeres Zimmer. Ich verstand, dass der Schwindel, auf den ich hoffte, mich bereits mit der Ankunft des Manuskripts ergriffen und seither nicht mehr losgelassen hatte. Ich verstand, dass das Motiv, nach dem ich suchte, von Anfang an auf der Hand lag, als abwesendes und daher unverfügbares. Ich hatte Rennertz damals angerufen. Mag sein, dass der Anruf ihm gelegen kam, Tatsache war, dass er mich nicht ausgesucht hatte – aus einem Bekanntenkreis, dessen Zusammensetzung und Umfang ich nur raten konnte –, sondern dass ich ihm eher zufällig in die Quere geraten war. Es musste in meiner Erscheinung an jenem Abend etwas gelegen haben, das ihn, inmitten eines entspannt geführten Gesprächs, zu seinem Schritt verrührt hatte. Ehrlicherweise hatte ich mir zu sagen, dass der blinde Fleck meiner Erinnerung mich – oder meine Außenansicht – betraf, dass es also ganz unsinnig war, eine Erinnerung aus dem Glas zu beschwören, die nicht die seine war und deshalb die Hauptsache, mich selbst, nicht enthielt.

Ich hob das Glas und trank unversehens einer Frau am Nebentisch zu, die prompt, als habe sie die ganze Zeit auf diesen Augenblick gewartet, ihr Glas in einer parallelen Bewegung an die Lippen führte, mit einem kleinen Nicken, wie mir schien, in meine Richtung, ohne dass ich mich dadurch im Fortgang meiner Gedanken beirren ließ. Bei Licht betrachtet, war es ein Akt übertriebenen Selbstbezugs, Rennertz’ Geschenk dem Eindruck zuzuschreiben, den ich auf ihn an dem Abend gemacht hatte. Für Rennertz (genau genommen für mich selbst, wollte ich mich nicht in den Fallstricken der Eigenliebe verfangen) war ich der Nächstbeste, der seinen Weg kreuzte, ein wahrer Jedermann, und sein Geschenk – oder seine Mitgift – ging an mich wie an jeden anderen. Ich und kein anderer war dieser andere. Vermutlich führte es sogar in die Irre, wenn ich davon ausging, dass er auf jemanden wie mich gewartet hatte, dass er auf den Zufall gesetzt hatte, der ihm diesen Jemand vorbeischicken würde. Selbst das setzte zuviel voraus. Es war viel einfacher anzunehmen, er sei an jenem Abend mit sich ins Reine gekommen. Seine Bitte an mich war der logische Abschluss einer Gedankenkette. Warum sollten logischer und zeitlicher Anlass seines Verhaltens auseinanderklaffen und dadurch den Abgrund an Unsicherheit erzeugen, den keine denkbare Operation nachträglich überbrücken konnte? Ich war als Niemand, weniger, als Neben- oder Beimensch in dieses Spiel eingetreten und durfte mich nicht wundern, wenn meine Anstrengungen, es zu verstehen, als sei es für mich entworfen, ins Leere trafen. Erneut streifte mein Blick die einzeln an ihrem Tisch sitzende Unbekannte, die sich gerade zurücklehnte und mit leicht geöffnetem Mund dem Rauch ihrer Zigarette nachsah. Und mit einem Mal (war es die Wirkung des Chablis oder ein unerkannt hinzugekommener Reiz) hörte ich ihr girlandenartig aufsteigendes Lachen, sie beugte sich zurück und richtete im nächsten Augenblick, das Gelächter parierend, mit einem Blick auf Rennertz und mich einige Worte an ihren Begleiter, dessen wuchtige Schultern jeden weiteren Einblick in die Szene verwehrten. Das war der Blick, der an jenem Abend (wenn auch nur zeitweilig) auf mir geruht hatte, und zwar, wie ich ohne Umschweife feststellte, auf mir als dem anderen, denn die beiläufige Aufmerksamkeit, mit der sie Rennertz umgab, machte aus ihm etwas in der Art eines guten Bekannten, auch wenn er sich vollkommen indifferent gegen sie verhielt. An jenem Abend war ich weit entfernt davon gewesen, mich darüber zu wundern. Ich hatte die Erscheinung der lebhaften Nachbarin als atmosphärische Zutat an Ort und Stelle verzehrt, nicht ahnend, dass sie mir – gleicher Ort, gleiche Stelle – erst bevorstehen sollte. Ich stand auf, verbeugte mich kurz und fragte sie, ob ich Platz nehmen dürfe, als ich hörte – und ich war keineswegs sicher, dass sie meine Frage abgewartet hatte –, wie sie mit verhaltener Stimme sagte: »Dachten Sie etwas anderes?«

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