The Hidden Power of Nonchalance von Ulrich Schödlbauer, 2002, Netzbuch in der Edition ZenoUlrich Schödlbauer

The Hidden Power of Nonchalance
(mit einer Titelzeichnung des Autors)

1.

Das Kind ist tot, in den Brunnen gefallen, weg. Es ist aber wieder da, als wäre es nie verschwunden, ein altes Kind, mit Runzeln und Stoppeln und einem Bauch, der von einer letztjährigen Schwangerschaft herrührt, die aber nichts weiter abwarf als einen Stehplatz im Seitenportal einer vor dem letzten Krieg heruntergebrannten Kirche, das geeignet ist, in dem, der sich ihm nähert, sofort Aufmerksamkeit zu erregen, was aber selten, genauer gesagt, praktisch nie vorkommt. Manchmal kommt es jedoch vor, jedenfalls vorgestern, geben Sie mir doch einmal die Serviette, nicht das Glas, vorgestern glaubte ich dort eine Frau zu sehen, die hindurchschritt, einfach hindurchschritt - sie schreiten ja, unsere Frauen, gelegentlich jedenfalls, diese hier ging latschte eckerte mitten durch ihn hindurch, als wäre er Luft, was definitiv nicht der Fall war. Er ächzte ganz leise, vernehmlich eigentlich bloß dem, der sich ganz nah an ihn heranschob, Ohr an Lippe, was im übrigen nicht mein Stil ist ... dieses Ächzen hatte etwas Aufreizendes, es klang beinahe ungehörig - ich möchte sagen: an diesem Ort und auch zu dieser Zeit, vor allem zu dieser Zeit. Warum? Lassen Sie mich erklären. Herr Ober, diese Flasche hat kein Etikett, ich weiß gern, was ich meinem Körper zuführe. Die Frau, diese Frau war Lehrerin, glaube ich, natürlich weiß ich es nicht, nicht endgültig, meine ich, endgültige Sätze lehne ich ab, insofern hat die Lehrerin gute Karten, bei wem, das ist dann auch eher gleichgültig. Für eine Lehrerin ist es ganz normal, zu schreiten, zu durchschreiten, diese schritt aus großer Gewöhnung, und sie schritt nicht an ihm vorbei, sondern, ich wiederhole mich, wenngleich ungern, durch ihn hindurch. Sicher hatte das etwas mit dem Portal zu tun, das dadurch auffällig wird, dass hinter ihm kein Stein auf dem anderen stehen geblieben ist, man geht also, von außen kommend, ins Freie, sofern man sich nicht von dem Wissen gefangen nehmen lässt, dass hier einmal ein umgrenzter Raum existierte, innerhalb dessen die Menschen eine gewisse Scheu an den Tag legten, und sei es nur, um in der Gegenwart eines Abwesenden, jedenfalls eines Unsichtbaren (aber was heißt das schon) nicht unangenehm aufzufallen. Heute, wie gesagt, ist davon nichts übrig geblieben, man geht hinein, um gleich wieder draußen zu sein. Das Durchschreiten der Pforte wäre an sich eine schöne Geste, eine Art Reminiszenz, man verneigt sich vor etwas, das nicht mehr vorhanden ist, es kann schon sein, dass ich da etwas hineinlese, denn die Pforte steht ja noch immer da, und die Menschen gehen vielleicht nur hindurch, weil sie das so gewöhnt sind. Es mutet sie seltsam an, wenn sie sich gleich im Freien wiederfinden, aber sie sind ja nicht schuld daran, und so haben sie die Empfindung einer unverhofft um den Ernst des Lebens verkürzten Realität, sie lächeln albern aus sich heraus in dieses Nirgendwo, in dem sie sich plötzlich angekommen fühlen. Steht einer allerdings unter dem Portal und weicht bestenfalls andeutungsweise zur Seite, ohne Anstalten zu machen, selbst durchzugehen, dann blicken sie schon einmal schräg an ihm hoch, weil sie das Gefühl haben, dass da irgendwie eine Verbindung existieren könnte, von der sie nichts wissen; das wurmt sie und hält sie kurz in Schach. Natürlich ist das Gefühl viel zu schwach, um gegen den Drang anzukommen, das Hindernis zur Seite zu drücken, zu drängen und zu schieben, sich hier um keinen Preis aufhalten zu lassen, denn dazu, sie aufzuhalten, hat keiner ein Recht. Und haben sie etwa nicht Recht? In den allermeisten Fällen sind es ja auch dümmlich wichtigtuerische oder ganz leere Figuren, die sich an solchen Orten herumdrücken und sich wie Türsteher den Nachrückenden in den Weg stellen. Die Zahl solcher Schildwachen ist Legion, man findet sie zuhauf, vor allem in den Museen, wo sie einem das Besichtigen der Hauptstücke zur Qual machen. Sie finden, ich habe Recht? Das ist ein Zeichen von Intelligenz, darauf stoßen wir an. Sie sind eine Frau, da haben Sie schon eine gewisse Ähnlichkeit mit der Lehrerin, auf die ich jetzt leider wieder zurückkommen muss, denn sie hat ihr Fett noch nicht abbekommen, aber prima vista halte ich Sie für sympathischer. Ja sehen Sie, so kann man sich täuschen. Jene andere, Ihre Doppelgängerin, hatte, wie gesagt, es nicht nötig, den Portalsteher zur Seite zu schieben, sie ging einfach durch ihn hindurch und hatte ihn, bevor er sich von seiner Verblüffung erholen konnte, bereits das zweite Mal passiert, denn dass sie sich nicht länger als nötig im Nirgendwo aufhalten würde, stand ihr mitten ins Gesicht geschrieben. 

Was ich Ihnen hier erzähle, gute Frau, das ist eine Geschichte, und in so etwas, müssen Sie wissen, lasse ich mich ungern unterbrechen. Ach, nichts müssen Sie wissen, aber Sie könnten es wissen oder wenigstens so tun. Meine Mutter, sehen Sie, meine Mutter, eine Person, von der diese Lehrerin etwas besaß, pflegte ihre Hände bis ans Gelenk in kochendes Wasser zu versenken, vor allem dann, wenn ich ihr dabei zusah. Man muss lernen, es auszuhalten, sagte sie mit einem Lächeln, das willensstark wirken sollte. Es war aber nur Empfindungsarmut, ein körperlicher Defekt, der sie später das Leben kostete. Hier durfte ich kosten. Was brannte, war aber meine Seele, durch die sie ihre krebsroten Hände in Wirklichkeit zog. Sagen Sie, was Sie wollen, eine Lehrerin weiß, was sie will, auch wenn sie ganz unbeteiligt oder sogar unbedarft daherkommt. Darin liegt ein seelischer Defekt, ein Mangel, der sich zu einer richtigen Leere auswachsen kann, und auswachsen muss, wenn dabei die Fähigkeit wachsen soll, durch lebendige Menschen zu gehen und nicht etwa über Leichen oder über den See Genezareth. Sehen Sie, das ist, wie beim Sport, etwas ganz Körperliches und ganz Innerliches, es braucht schon ein bestimmtes Inneres, um solche Wirkungen in der Körperwelt zu erzielen, wie ich das einmal so sagen möchte. Meistens verachten die Menschen das Innere ja, sie wissen, es bringt keine Einschaltquoten, und das heißt ja nichts anderes, als dass sie erst gar nicht anspringen, sobald und solange es um das Innere geht. Das ist schon ziemlich merkwürdig, saublöd, sage ich Ihnen, sicher spielen diese vielen Reisen da mit hinein, denn dort, wo es schön ist, da lässt der Mitteleuropäer die Hosen herunter, das steht fest, und vor sich selbst, nur vor sich selbst, ist das eine ziemlich lächerliche Tätigkeit. Mancher weiß nicht einmal, wo er in einem solchen Fall eine Hose herbekommen soll, vom Rest ganz zu schweigen. Vor sich selbst, da ist man nackt, deshalb versucht sich jeder etwas überzuziehen, aber nur für zwischendurch, bevor es wieder losgeht, und diese zusammengerafften Klamotten sind auch ein Inneres, aber ein billiges. Wer dabei etwas abseits steht und sich nicht weiter bemüht, weil sein Bedürfnis, vor sich selber gut dazustehen und eine Figur zu machen, als komme man frisch aus dem Fernseher, nicht besonders gut ausgebildet ist, der hat natürlich Möglichkeiten, die anderen nicht im Traum aufgehen, dort schon gar nicht, weil sie aus der Leere entstehen. Diese Leere ist eine Abwesenheit, aber eine, auf die ich Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit lenken möchte, weil sie nicht die Abwesenheit einer geliebten oder meinethalben ungeliebten Person ist, auch nicht die Abwesenheit von Einfällen, Erfindungen oder auch Empfindungen, das alles meinetwegen auch, aber in der Sache ist sie die akzeptierte Abwesenheit all dieser Dinge. Wenn ich sage: ›gut, akzeptiert‹, dann wissen Sie, eine Sache ist ausgestanden, aber noch nicht ganz, ich kaue noch dran, aber irgendwann ist sie gegessen. Das ist etwas anderes als die Abwesenheit, von der ich rede. Die Person, um die es hier geht, hat sich nicht irgendwann damit abgefunden, dass das eine oder andere nicht kommt oder nicht geht, obwohl sie das dauernd beteuert, sie konnte sich gar nicht abfinden, weil diese Sache nie an sie herangekommen ist - als Wunsch, als Begierde, ich meine, als wirklicher Wunsch, als wirkliche Begierde. Diese Person hat im Gegenteil nie gelernt zu akzeptieren: Wenn sie etwas will, kommt sie wieder, immer wieder, bis sie es bekommt oder der Teil, der es ihr verweigert, kaputt ist, so dass sie ihn entsorgen kann, was sie dann mit großem Gleichmut betreibt. Sie essen ja gar nicht, essen Sie, anstarren können Sie mich später, das hat Zeit. 

Die Frage ist also weniger, was eine solche Person will, vielmehr, was sie nicht will. Nicht, weil sie es nicht wollte, wenn sie wüsste, um was es sich handelte, das können wir gleich ausschließen, denn eine Sache kennen und sie nicht haben wollen, ist für die meisten Leute ein Unding; nur weil sie hinreichend vieles nicht kennen, stürzen nicht alle gleichzeitig auf alles zu, das Tohuwabohu ist ohnehin groß genug. Wahrscheinlich kennt die Person, um die es hier geht, auch nicht weniger als andere, vielleicht kennt sie es weniger aus sich heraus und es bleibt ihr manches fremd, wenn andere davon reden oder sie ihnen bei ihren Verrichtungen zusieht. Hat sie weniger Gefühl? Ach wissen Sie, dieses alles und jedes an sich reißende Gefühl... nichts versteht es, gar nichts, jedenfalls in den meisten Fällen, und das Wissen von innen her bleibt ein entsetzlicher Traum, der die Menschen, wenn er sie am hellen Tag befällt, unausweichlich in Monster verwandelt, vor denen man am besten gleich davon läuft. Vielleicht hat sie auch weniger Gefühl als andere, aber ich sehe das positiv, daraus kann man was machen, fragt sich nur was. Empfindung, die hat sie, ein präzises Instrument, wie sie meint. Ihr folgt sie unbedingt. So eine Empfindung sagt einem aber nicht, was man tun, bestenfalls, womit man rechnen sollte, und hier, beim Rechnen, sind wir beim Thema. Der rechenhafte Mensch ist der gute, denn er wird nicht auffällig, es sei denn, er lässt größere Summen auflaufen, dann kann er schrecklich auffällig werden. Der rechenhafte Mensch hat ein Organ zuwenig, mag sein, es ist verkümmert, mag sein, es wurde amputiert, in den meisten Fällen hat es niemals existiert. Den Kindern sieht man es noch nicht an - inwendig, meine ich -, bei ihnen ist dieser Defekt vollkommen unsichtbar, denn das Organ selbst bildet sich erst durch ... Bildung. Das klingt tautologisch, ich weiß, aber die Sache bleibt deshalb nicht weniger unangreifbar. Frauen, sagt man, seien berechnend, berechnender als Männer, jedenfalls, was den Durchschnitt angeht, aber Durchschnitt, was heißt das schon, wenn es sich um Lebensentscheidungen handelt, die jeder für sich trifft und jeder an einer anderen Stelle, jedenfalls an Stellen, die andere nicht oder selten und dann flüchtig zu sehen bekommen. Zwischen einem berechnenden Menschen und einem rechenhaften gibt es, oberflächlich gesehen, kaum Unterschiede, doch geht man ins Detail - das Wort ›Tiefe‹ möchte ich hier aus naheliegenden Gründen nicht verwenden -, dann wendet sich das Blatt. 

Für den Portalsteher kommt die Einsicht zu spät, aber man soll eine so flüchtige Begegnung auch nicht überbewerten. Was ihm widerfuhr, passiert einem normalerweise ein- oder zweimal im Leben, husch! ist es vorbei, bevor man recht merkt, dass einen Moment lang nicht nur das Denken, sondern auch alle anderen Funktionen ausgesetzt haben, die man mit dem Leben verbindet, wenigstens mit dem eigenen, dass man also einen Moment lang aufgehört hat zu leben, während, nun, ich wiederhole mich, ein anderer durch einen hindurchgegangen ist, mit einem Gesicht, als sei das weiß Gott nichts Besonderes, als sei es nichts, als geschehe es gar nicht, mit einem vollkommen gleichgültigen Gesicht, das jeden Ausdruck von Hochmut weit hinter sich lässt. Problematisch wird der Fall, und man weiß zunächst einmal gar nicht mehr, was man davon halten soll, wenn aus diesen zwei oder drei Momenten ein mehr oder weniger zusammenhängender, mehr oder weniger lückenloser, mehr oder weniger ausgedehnter Moment wird, der sich sozusagen nicht mehr abschalten lässt, sei es, dass einer den Schalter nicht findet, sei es, dass der Zugang zum Schalter durch irgendeinen Umstand blockiert wird. Das ist ein hypothetischer Fall, ganz recht, doch man sollte ihn nicht schon deswegen ausschließen. Wenn Sie sagen, das sei den Frauen Jahrhunderte oder Jahrtausende lang so ergangen - Frauenfragen zählen immer seit Christi Geburt oder der Vertreibung aus dem Paradies -, dann muss ich Sie eines Besseren belehren, dann sind Sie auf dem Weg des mechanischen Niederquatschens der anderen Seite schon ein gutes Stück vorangekommen und ich möchte Ihnen gratulieren, aber nicht unbedingt über den Weg laufen, falls ein Bedürfnis Sie ankommt. Diese routinemäßige Ausbeutung einer Großwetterlage ist unserer rechenhaften Zeitgenossin unmittelbar. Soll heißen, sie muss nicht darüber nachdenken, um sie zu verwerten, ohne deshalb unbedacht zu wirken oder es wirklich zu sein. Als unbedacht sollte man sie nun wirklich nicht bezeichnen, das hat sie nicht verdient, im Gegenteil, Bedachtsamkeit hält sie für ihren größten Vorzug. In unserem hypothetischen Fall sieht es daher so aus, als habe der Mann die Positionen freiwillig geräumt oder gar nicht erst besetzt, in denen sie ihn - ersetzt, und es genügt ein Lächeln oder eine leise Andeutung, um diesen Eindruck in jedem Dritten zur Gewissheit zu verstärken. Ein solcher Dritter, sollte er länger in der Rolle des Zuschauers ausharren, könnte sich allenfalls wundern, dass die gelegentlich fallende spitze Bemerkung sich im Laufe der Jahre zu einem System handfester Anzüglichkeiten auswächst, es würde ihn möglicherweise befremden, Zeuge einer der im Lauf der Jahre häufiger werdenden Entgleisungen zu werden, aber das anwachsende Gezeter ist nur die eine, die freundliche Maske des Problems, das darin besteht, dass alle, soweit sie in das System einbezogen werden, wissen, was ... ihr Opfer nicht weiß, aber in seinen Auswirkungen zu spüren bekommt, die es nicht recht taxieren kann, denn es hält sich unseligerweise für einen merkwürdigen Menschen und ist sich seiner Wirkung auf andere aufgrund der einen oder anderen unglücklichen Entwicklung nie besonders sicher. Er weiß nicht, dass die rechenhafte Frau sich diese Unsicherheit zunutze macht, dass sie sie verstärkt und ihre Resultate im Umgang mit gemeinsamen Bekannten vorwegnimmt, vor allem dann, wenn er nicht dabei ist, dass sie überhaupt den katastrophischen Zug seines Wesens, einmal stärker, einmal schwächer, sottoliniert, mit fein abgestuften Ausrufezeichen versieht, ihm durch das unausgesetzt im Einsatz befindliche Signalement der Enttäuschung eine Folgerichtigkeit verleiht, deren Grund der Mann nicht einsieht, so dass er irgendwann mit dem beklommenen Gefühl am Tisch sitzt, allein zu sein, allein unter all den fremd gewordenen Bekannten und Freunden, soweit er sie noch hier und da sieht. 

Der Portalsteher - oder sein Gegenstück in dieser wirklichen Geschichte - ist in der Tat ein seltsamer Mensch. Er hat sich ein System von Pflichten zurechtgelegt, das, wie er glaubt, ihm den Weg auf die andere Seite offenhält und ihm das Gefühl vermittelt, sich relativ selbstbestimmt diesseits und jenseits des Durchgangs zu bewegen, das hat er von klein auf geübt, es ist ihm unwillkürlich geworden. Was nicht heißt, dass er es nicht mehr sieht, ganz im Gegenteil, es steht ihm fast täglich vor Augen und wenn er es einmal vergisst, dann erinnert ihn ein feingesponnenes Netz von Symptomen an die Fäden, an denen er hängt. Immer wieder gibt es in seinem Leben Zeiten, entspannte Zeiten, da glaubt er, diese Fäden verlören sich im leeren Raum und es läge nur an ihm, sich zu entscheiden. Straft ihn dann eine Person, die er kennt und mit der ihn, wie er glaubt, gemeinsame Interessen verbinden, auf drastische Weise Lügen - dadurch, dass sie die Fäden ganz selbstverständlich in die Hand nimmt und im Handumdrehen beweist, wie leicht es gelingt, ihn durch Zug und Druck in Bewegung zu setzen -, dann handelt er schroff und zuversichtlich, indem er eine solche Beziehung unwiderruflich kappt. Es kommt vor, dass er sich wundert, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute, denen er ganz sicher keinen Zugang zu seinen speziellen Lebensmotiven gewährt hat, sich dieser Motive bedienen, es veranlasst ihn zu Meditationen über die Fähigkeit der einfachsten Leute, die Schwächen ihrer Mitmenschen aufzuspüren und mit fast tödlicher Sicherheit auszubeuten. Allein der Gedanke an eine kontinuierlich sprudelnde Informationsquelle in seiner unmittelbaren Umgebung bleibt ihm fremd, was nicht heißt, dass er ihn nicht gelegentlich zur Lagebestimmung heranzöge. Er kommt ihm nur so widersinnig vor, dass er ihn als interessantes Element eines sich am Horizont als Möglichkeit abzeichnenden Verfolgungswahns rubriziert und beiseitelegt. Dabei entgeht ihm nicht, dass die sich abzeichnende Möglichkeit ohne einen realen Kern von steigerungsfähiger und gelegentlich steigerungswilliger Unruhe nicht existierte, der wiederum auf die Frau an seiner Seite zurückweist, die ihm ungefragt mit planerischer Unbeirrbarkeit eine Reihe von Lebensaufgaben abnimmt, die zu bewältigen ihm, folgt er ihren diesbezüglichen Bemerkungen, nur insofern zuzutrauen wäre, als sie dabei eine Reihe größerer oder kleinerer Fehlleistungen in Kauf nehmen müsste. Wirklich erinnert er sich solcher Fehlleistungen, meist läppischer Kleinigkeiten (ein vergessener Regenschirm, die von ihm eingepackten ›falschen‹ Zahnbürsten, eine im nachhinein günstige, nichtsdestoweniger unverzeihliche ›Fehlbuchung‹ in einem Hotel), die Erinnerung daran weckt ein gewisses Gefühl der Scham, während ihm aus jenen Zeiten, in denen er die Dinge mit der Selbstverständlichkeit dessen erledigte, der nicht gewohnt ist, ein Domestikengeschwader zu beschäftigen, um von X nach A zu kommen, nichts Gleichartiges im Gedächtnis haften geblieben ist. Auch hier kommt es ihm so vor, als sondere ihre gemeinsame Umgebung etwas leichtfertig Äußerungen ab, in denen das, was er aus dem Mund der Frau als zänkisch-gutmütigen Ausdruck einer in die Jahre gekommenen Vertrautheit mit einem gewissen Zucken hinzunehmen bereit ist, auf sonderbare Weise zu einem kompakten und selbst in Einzelfällen unrevidierbaren Urteil über seine Unfähigkeit in allen praktischen Lebenslagen geronnen scheint. Unüberhörbar klingt darin die Genugtuung mit, so einem wie ihm wenigstens in dieser Hinsicht überlegen zu sein, übrigens vorzugsweise aus dem Mund von Leuten, denen er sich in diesen Dingen durchaus ebenbürtig oder überlegen fühlt, wobei ihm diese Überlegenheit völlig unerheblich vorkommt, weil sie sich auf mediokre oder ganz unerhebliche Dinge bezieht, in welche jene Leute aber, das muss er zugeben, viel Zeit und Überlegung investieren. Auch nützt sich jener ja auch schmeichelhafte Eindruck im Lauf der Jahre ab, bis er eines Tages wirkliche Geringschätzung in ihrer Rede zu erkennen glaubt, woraufhin er beginnt, diese Kontakte schleifen zu lassen, um ein oder mehrere Monate später die Erfahrung zu machen, dass ihm dies keineswegs übel genommen wird. Wenn er genau hinsieht, kann er nicht umhin zu konstatieren, dass die betreffenden Leute sich so verhalten, als hätten sie seit Jahr und Tag darauf gewartet, von ihm fallen gelassen zu werden, als erfülle es sie geradezu mit Genugtuung, dass er endlich zu begreifen beginne. Das ist die Zeit, in der das Telefon nur noch selten und wochenlang überhaupt nicht klingelt, wenn er die Wohnung hütet, was hin und wieder vorkommt. 

Die Wohnung ist das Gehäuse der Frau, aus ihm bricht sie auf, in sie kehrt sie zurück, in ihr ist sie abwesend gegenwärtig. Der Mittelpunkt der Wohnung ist das Schlafzimmer, in der Geschichte ihrer Beziehung hat sie früh dafür gesorgt, dass es männerrein bleibt, abgesehen von den seltenen Gelegenheiten, bei denen ein Gelüst sie anwandelt. Das Mittel, den Mann aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zu vertreiben, ist denkbar einfach und in seiner Wirkung unfehlbar: Sie kann in seiner Gegenwart nicht mehr schlafen, allnächtens steht sie auf und wandelt durch die Wohnung, um sich an ungewöhnlichen und unbequemen Orten zum Schlafen nieder zu legen, wo er sie dann am nächsten Morgen vorfindet. Sie kommt ihm so ausgeschlafen vor wie immer, keinerlei Anzeichen einer durchwachten Nacht sind an ihr sichtbar, sie wirkt ausgeglichen, ja zufrieden, das sollte ihn stutzig machen, aber es spornt ihn an, nicht hinter ihr zurückzustehen, er nächtigt hinfort auf Teppichböden, unbequemen Sofas, in breiten, aber keine Schlafhaltung erlaubenden Sesseln, das alles, um ihr den zarten Impuls zu ersparen, in der zweiten Nachthälfte aufstehen und sich ein anderes Lager suchen zu müssen. Die relative Leere ihres Gemüts findet sichtbaren Ausdruck in der Leere des Doppelbettes, sie hat es gern, sich tagsüber dorthin zurück zu ziehen, um zu telefonieren, zu lesen, zu dösen oder zu schlafen. Die Tür bleibt angelehnt oder einen Spaltbreit offen, so dass niemand über ihre aufmerksame Anwesenheit in der gemeinsamen Wohnung in Zweifel sein kann. Da passt es gut, dass sich das Schlafzimmer am Ende des Flurs befindet, ihr Lager also im rückwärtigen Teil der Wohnung aufgeschlagen ist; aus dem Hintergrund überhört und beherrscht sie die Szene, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Anfangs, solange er nicht begreift, aber zu verstehen glaubt, schätzt er an ihr dieses fehlende Bedürfnis, in Erscheinung zu treten - immerhin gehört sie zu den Menschen, die auf andere uneitel wirken, weil sie nicht dem Bedürfnis verfallen sind, sich zur Schau zu stellen. Wenn es sich einrichten lässt, bleibt sie im Hintergrund, sie lässt andere reden, sie hört gern zu, das macht auch Eindruck. Andererseits gibt es Weisen des Zuhörens, deren Charakter erst nach Jahren zutage tritt, sei es, dass die betreffende Person nun zu reden beginnt und man sich wundert, was sie sich in der langen Zeit angehört hat (so wie andere anlesen oder anempfinden oder anträumen), um es nun wieder von sich zu geben, in spitzer oder unflätiger Gestalt, jedenfalls in denunziatorischer Absicht, denn nun weiß sie Bescheid, sei es, dass sie zu handeln beginnt, weil sie genug gehört hat - in einem solchen Fall kann sich die leidenschaftliche Zuhörerin, die in Wahrheit vollkommen leidenschaftslos zuhört, über Nacht in ein Wesen verwandeln, das jeden Versuch, mit ihr ein Gespräch zu führen, das über die unmittelbarsten Absprachen hinausgeht, mit schonungslos inszeniertem Desinteresse beantwortet. Die ganze Unterscheidung ist aber eher idealtypisch gedacht, denn das wirkliche Leben bietet keinerlei Schwierigkeiten, die eine Praxis mit der anderen zu verbinden. So ist es wichtig, die Posen zu beachten, in denen die Frau zuhört (oder auch nicht), mitsamt dem dazugehörigen Kommen und Gehen, das sich zu einem wirklichen Terrorinstrument um- und ausgestalten lässt und zu einem solchen ausgestaltet wird, mit den simpelsten Mitteln, wirklich, mit den simpelsten Mitteln, denn dass man jemanden nötigt, schneller zu sprechen, wegzulassen, sich auf das Notwendige zu konzentrieren, sobald man es versäumt, sich auf seine Bewegung einzulassen, also den Schritt zu verlangsamen, stehen zu bleiben, wenn die Sprechbewegung des anderen es verlangt, das weiß jeder, das besitzt die umwerfende Symbolik des Slapsticks, jeder weiß auch, dass es unhöflich, verletzend und nicht ungefährlich ist, solche Situationen mutwillig, also ohne gegebenen Anlass, ohne erkennbares Motiv zu provozieren, bloß um den bewussten Effekt beim anderen hervorzurufen und sich an ihm zu weiden. Mächtige benehmen sich so, sie zeigen damit, wie kostbar ihre Zeit ist und dass jeder Gesprächspartner am Ende nur als Bittsteller vor ihnen steht, aber sie wissen genau, dass sie dafür bezahlen werden, dass sie bereits dafür bezahlen. 

Die Frau weiß es auch; wenn sie mitten im Gespräch mit dem Mann sich umdreht und zur Tür hinausgeht, gleichgültig darum, ob er, in seiner Rede fortfahrend, ihr folgt oder vergeblich auf ihre Wiederkehr wartet oder mit erhobener Stimme weiter spricht, so ist ihr nicht entgangen, dass sie in solchen Momenten seine Verwandlung in ein anderes Wesen betreibt, dass sie in ihm die Empfindung, unwichtig zu sein, züchtet, langsam, geduldig, und dass sie im Begriff steht, sich eine kalte, inhaltslose, absolut reale Macht über ihn anzueignen, vorausgesetzt, dass ... er sich nicht umdreht und geht. Sie hat etwas gelernt und wendet es mehr oder weniger mechanisch an, dazu bedarf es zwar eines Gehirns, aber keines Gedankens, es genügt, dass sie einmal, in jenem früheren Leben, das die beiden noch immer verbindet, weil es das Arsenal der heute Reflex gewordenen Reiz-Reaktionsverhältnisse enthält und dadurch all jene teuflischen Verwechslungen des Damals und Heute ermöglicht, die in unserer Kultur ›stabile Beziehung‹ und ›partnerschaftliche Gemeinsamkeit‹ heißen, ein einziges Mal einen Grund hatte, so zu handeln, sei es, dass ein Kind schrie oder das Essen auf dem Herd stand, und dass sie sich dieses eine Mal gemerkt hat - gemerkt: soll heißen, gegen ein Mal, bei dem sie selbst unter Druck stand und ihn erfolgreich weitergab, stehen Dutzende anlassloser, tastender Versuche, im anderen auf die gleiche Weise Druck zu erzeugen, eine richtige Versuchsreihe, an deren Ende das fertige Produkt zu besichtigen ist, ein Verfahren, das immer funktioniert und auf das sie stolz ist. So stolz, dass sie im Lauf der Zeit der Versuchung nicht widerstehen kann, es vorzuführen - erst im kleinen Kreis (wobei sich die Freundinnen anbieten), dann, schon kühner, in der Öffentlichkeit, schließlich in Gegenwart von Personen, bei denen sie ihm damit ernsthaft schadet, weil diese einen, der nicht aufgestanden und gegangen ist, solange noch Zeit war, verächtlich finden und ihr Verhalten ihm gegenüber an dieser Überzeugung ausrichten. Unter den Freunden sind es die ›guten‹ und unter diesen die ›alten‹ Freunde, die das Angebot dankbar und voller Zuversicht annehmen, schließlich kennen sie ihn genauso lang oder länger als die Frau, und wenn sie etwas über ihn herausgefunden hat, dann gehört diese Einsicht ihnen so gut wie ihr, und von jetzt an wissen sie, woran sie sind und wie sie es mit ihm zu halten gedenken. Natürlich täuschen sie sich und verstehen nicht ganz, wieso der nächstbeste Konflikt, auf den sie es jetzt ankommen lassen oder sogar anlegen, so ganz anders ausgeht, als sie sich das vorgestellt haben, und der neue wunderbare Hebel mitsamt den alten Freundschaften im Bauch der mit einem Mal störrisch gewordenen Erinnerung verschwindet. Aber es sind seine Freunde, sie werden weniger, die Jahre bessern nichts, sie nehmen fort. - Sie sind ruhig geworden? Stehen Sie doch nicht auf, ich bitte Sie! 
2.
Wenn ein Mann, meinetwegen Ingenieur von Beruf, den die Umgebung jahraus jahrein als geduldigen Packesel kennt, der nie durch Intelligenz aufgefallen ist, sich aber auch nichts zuschulden kommen hat lassen, es sei denn, man will es ihm als Schuld anrechnen, dass er im Lauf der Jahre gerade in dem Maße an Gewicht verloren hat, in dem seine beruflich freigestellte Frau zur dominanten ›Persönlichkeit‹ herangereift ist, - wenn dieser Mann eines Tages die Schippe aufhebt und eine Handvoll glühender Kohlen gegen seine Frau schleudert (es gibt keine Zeugen für den Vorfall, aber nehmen wir einmal an, der Bericht, den die Frau davon gibt, entfernt sich nicht allzu weit von der Wahrheit), dann sollte der Vorgang auffällig genug sein, um Fragen zu provozieren, direkte und indirekte. Der Grundsatz, dass nichts ohne zureichenden Grund geschieht, dass gerade das scheinbar Grundlose höchst verdächtig ist, gehört zum dauerhaften Bestand des europäischen Bewusstseins, den keine voreilige Applikation der Quantenmechanik auszuhebeln vermochte, es ist der Grundsatz der Aufklärung, übrigens auch im kriminalistischen Sinn, das ist doch klar. Man sollte also meinen, dass Freundinnen, langjährige Freundinnen, denen die Attackierte sich anvertraut, Fragen stellen - vorsichtig, behutsam, wie man das nennt, keine will in einem solchen Fall verletzen, keine sich die Finger verbrennen, aber wer urteilen oder sogar helfen soll, der muss wissen, so verlangt es die Regel. Wenn gerade das aber nicht geschieht, wenn es von Stund' an nur noch darum geht, sich solidarisch zu verhalten, also kollektiv feindselig gegen den angeblichen Täter vorzugehen, wenn es nur noch darum zu tun ist, die Angegriffene mit Rat und Tat durch eine nach und nach sichtbar werdende Folge, sagen wir: hinterlistiger Handlungen zu geleiten, an deren Ende der - noch immer - Täter Weib und Kind Weib und Kind sein lässt, ihr, gewissermaßen schmachbeladen, das in jahrelanger Eigenarbeit hochgezogene und ausstaffierte Haus, verbaute und verbosselte Lebenszeit, hinwirft, um in ein nicht weiter interessierendes Nirgendwo zu entschwinden, ohne dass eine der solidarischen Schwestern - oder einer ihrer Ehegatten oder diversen Lebensbegleiter - während der Zeit wachsender Spannungen ein einziges persönliches Wort mit ihm gewechselt hätte, dann wirft auch das Fragen auf, Fragen nach der Art solcher schwesterlichen Freundschaften, nach ihrer Aufgabe und dem Nachdruck, den ihnen ebenso harmlos scheinende wie verbreitete Gesinnungen verleihen, so dass einer schon die Statur eines Don Quijote bräuchte, sich ihr zu widersetzen. Und auch das erscheint fraglich - wahrscheinlich wäre Don Quijote der ungeeignetste aller Ritter, wenn es darum ginge, sich gegen den Chor der Weiber aufzulehnen.

Nehmen wir einmal an, bei der betreffenden Personengruppe handelt es sich um Lehrerinnen einer bestimmten Altersstufe, so zwischen vierzig und fünfzig, je nachdem, in welchem Abschnitt sich die Geschichte gerade bewegt, so haben wir bereits ein Profil - bleiben Sie ruhig, ich habe nichts gegen Lehrerinnen, ich habe auch nichts gegen ihren Beruf, nach Pisa sowieso nicht, mit ihnen geht es wie mit den Militärs. Je schlechter die Lage, desto großartiger das Verdienst. Sie sind auch Lehrerin? Das dachte ich mir. Dann kennen Sie das Gefühl, mit dem Staat verheiratet zu sein, eine große, allen Unsicherheiten des Lebens enthobene Vernunftehe zu führen, die nur der Tod zu scheiden vermag, und auch das bleibt ungewiss. Er schlägt Sie nicht, er kürzt nicht das Haushaltsgeld, er schickt Sie einmal im Jahr nach Ischgl und auf die Balearen, dafür leisten Sie unbedingten Gehorsam, die männlichen Kollegen wissen ein Lied davon zu singen. Natürlich haben auch Lehrerinnen Gefühle, aber anders ... anders als andere Frauen, sie haben ein Recht auf ihre Gefühle, ein Recht, das sich nicht so sehr von dem auf ihre monatlichen Gehaltszahlungen unterscheidet und womöglich von derselben Inkassostelle betreut wird, denn sie müssen effizient sein, das verlangt nicht nur die Schulbehörde von ihnen, das verlangen sie selbst von sich. Denn darin unterscheiden sie sich vom Rest ihres Geschlechts. Übrigens verteidigen Lehrerinnen selten die Rechte anderer Frauen. Sehen Sie sich ruhig in Ihrer Umgebung um und hören Sie zu, wenn die Kolleginnen über die Mütter herziehen, die der Beruf ihnen in die Sprechstunden spült, Sie werden erstaunt sein. Sie reden über die Rechte der Frauen, das ist ihr Beruf oder das, was sie aus ihm machen, Unterrichtseinheiten über die Unterdrückung der Frau im siebzehnten Jahrhundert, nachzulesen bei Racine, auf den sie sich anhand solcher highlights vorbereiten, wenn sie ihn nicht schon seit Jahrzehnten intus haben. Hören Sie hin, achten Sie auf den Tonfall! Die Rechte, von denen da geredet wird, sind Schnee von gestern, Rechte, die man verbriefterweise und mentaliter längst besitzt. Lehrerinnen sind keine Frauenrechtlerinnen, in ihren Reden führt die Frauenbewegung ein höchst verschleiertes, um nicht zu sagen unwirkliches Dasein, das sind sie dem Staat, den sie im Gespräch unentwegt mit männlichen Attributen ausstatten und dessen Kinder sie hüten, nach ihrer Sicht der Dinge offenbar schuldig. Die Mütter dieser Kinder hingegen sind allesamt unfähig, eigentlich müsste man sie ihnen wegnehmen, aber da die Blagen ohnehin den halben Tag in der Schule verbringen und unsere Lehrerinnen sich ›darum kümmern müssen‹, mag es so hingehen. Schärfen Sie Ihr Gehör und Sie werden bemerken, dass die frauenbewegte Haltung Ihrer Kolleginnen über den Wassern des wirklichen Rechts wandelt, ohne es jemals zu berühren, außer es springt etwas dabei heraus: die Idee des Rechts ist ihnen fremd, sie streift sie nicht einmal von ferne, sie sind der personifizierte Anspruch, der ein ganzes Geschlecht in Gesinnungshaft nimmt. 

So sieht es aus. Der Mann, von dem unsere Geschichte handelt - der Mann der Frau, wenn Sie verstehen, was ich meine -, vernimmt mit einem Ohr die Geschichte des Ingenieurs, die sich nicht sehr von vorangegangenen unterscheidet, mit dem anderen hört er auf die Stimme, die sie ihm erzählt. Diese Stimme, das ist ihm dunkel bewusst, hat ihm etwas zu sagen. Sie sagt es in einem Idiom, das er nur mühsam versteht, falls Verstehen überhaupt das richtige Wort ist. Denn das, was auf ihn eindringt und ihn zwingt, hinzuhören, scheint nicht wirklich an ihn gerichtet zu sein, an diese Person, die zu sein ihm einen gewissen Rückhalt gibt, nicht allein, weil er sich im Laufe der Jahre an sie gewöhnt hat, sondern weil er sie, solange er zurückdenken kann, in sich auszubilden bemüht war. Es steckt, um in der Sprache der anderen zu reden, ein beträchtliches Kapital in dieser Person. Sie nimmt in seinem Innenleben den Platz ein, an dem andere mit Stellungen, Häusern und Automobilen wedeln. Er möchte sie weder geteilt noch gevierteilt wissen, aber darum geht es auch gar nicht, sondern darum, dass die Stimme, diese Stimme, ihm etwas zu sagen hat, jedoch unter der Voraussetzung, dass er ein anderer ist, was sie in gewisser Hinsicht zu unterstellen scheint, in anderer Hinsicht einfordert. Ein unbestimmtes Gefühl sagt ihm, dass beides nicht dieselbe Wertigkeit besitzt, dass die vorausgesetzte Person negativ, die eingeforderte hingegen positiv besetzt ist, das Gefühl verwirrt ihn. Noch mehr verwirrt ihn der Appell, den er aus dem Bericht der Frau heraushört. Er spürt, wie die Solidaritätsforderung aus dem Kreis der Freundinnen heraus nach ihm greift, so wie sie wahrscheinlich gerade oder schon seit längerem - denn aus den Reden der Frau wird nicht klar, wann das ominöse Ereignis stattgefunden hat - nach den Gatten bzw. Lebenspartnern der anderen greift, und gleichzeitig merkt er - es ist ein wirkliches Merken, so wie wenn einer ausruft: »Ich hab's gemerkt«, und die anderen seufzen und nicken und sagen »Endlich!« - eine Art versuchenden Vorwurfs in dieser Stimme, der zu sagen scheint: »So ist das mit den Männern, versuche nicht, dich aus der Verantwortung herauszuwinden«. Während er über die Art des Vorwurfs nachzudenken versucht, stellt er mehr oder weniger geistesabwesend die Fragen, die ihm am nächsten zu liegen scheinen, nach Anlass, Umständen, Folgehandlungen, auf die er nur ausweichende und, so scheint es, gleichfalls von einer gewissen Zerstreutheit zeugende Antworten erhält, worauf das Gespräch rasch verebbt. 

Wenn das eine Prüfung war, so hat er sie nicht bestanden. Solange sie dauerte, wusste er nicht, dass es eine Prüfung war, jetzt, nachdem die Situation vorbei ist, begreift er, dass er versagt hat. Allerdings scheint sein Versagen sich schon von langer Hand in ihm vorbereitet zu haben, er scheint es bereits in die Prüfung mitgebracht zu haben, so dass ihr Ausgang im Grunde nicht weiter verwunderlich ist. Eigentlich, so scheint es ihm, hätte er aus früheren Anlässen wissen müssen, dass er schon länger auf dem Prüfstand steht, sehr viel länger bereits, der Anfang verliert sich in der Frühzeit ihrer Beziehung, in einer Zeit der Ahnungslosigkeit, jedenfalls so weit es ihn betrifft. Es muss wohl eine parallel zu seiner verlaufende Zeit gewesen sein, in der unendlich verletzende Dinge geschehen sind, an die er sich nicht erinnern kann, aber die Erinnerung, das weiß er wohl, ist ein trügerischer Weg in die Vergangenheit, und dass der Mann in seiner naturgegebenen Rohheit sich an nichts erinnern kann, welche Frau wüsste das nicht und litte nicht darunter. Hat er nicht soeben einen erneuten Beweis dieser Rohheit geliefert, als er nicht begriff, dass es nicht die Zeit ist, Fragen zu stellen, sondern sich in Anteilnahme zu üben? Er hätte es wissen können, er hätte es wissen müssen, aber das Andere, diese ihm selbst so dunkle Wahrnehmung eines unausgesprochenen Vorwurfs, hat ihn daran gehindert, denn er hat nicht verstanden - und er versteht noch immer nicht -, worin seine Verantwortung in diesem Fall wohl bestünde. Er kennt den Übeltäter seit mehr als einem Jahrzehnt, er hat ihn als weichen, zurückhaltenden, höflichen Menschen kennengelernt, der nichts dabei findet, hinter seinen Mitmenschen zurückzustehen, keinesfalls geistreich, keineswegs unsympathisch, mit eher schlichten Unterhaltungsbedürfnissen und einem Basteltrieb, dem der Spagat zwischen Einkommen und Verschuldung ein weites Betätigungsfeld verleiht. Er wüsste nicht, was ihn mit diesem Menschen aus einer anderen Welt verbände außer der über die Frauenclique und die mit ihr verbundenen Rituale der Langeweile vermittelten Zufallsbekanntschaft. Entsprechend naiv klingen seine Fragen: Welchen Grund hat der Mann? Welches Spiel treibt die Frau? Was geht in einer Beziehung vor, die solche Handlungen provoziert? Er muss zugeben, dass er von der Angelegenheit nichts versteht, und auf dem Grunde seines Herzens empfindet er für die beiden keinerlei Sympathie. 

Die Frau ist da weiter, sie hegt eine Abneigung gegen die Freundin, aus Gründen, die sie scheinbar verlegt hat, würde sie sich darauf konzentrieren, sie herauszufinden, sie hätte sie im Nu bei der Hand. Aber eben dies erscheint ihr nicht tunlich, da sie sich einen unbefangenen Umgang mit ihr bewahren möchte, denn die andere genießt, was ihr selber abgeht, obwohl alle Freundinnen sie schätzen: Prestige. Auch darüber möchte sie sich keine Rechenschaft ablegen, weil das ihrem Wertekanon zuwiderliefe. Die andere ist im Laufe der Jahre zu einer unförmigen Matrone herangereift, während sie - äußerlich mühelos - ihr Gewicht hält und ihre Form im Griff hat. Damit nicht genug, ist die andere vor Jahren aus dem Schuldienst ausgeschieden, diese Entscheidung wurde im Kreis der Freundinnen viel diskutiert und schließlich von allen mitgetragen, obwohl sie sie alle im Grunde ihres Herzens missbilligten und eigentlich nicht verstehen konnten. Natürlich war die Entscheidung vernünftig, andererseits brachte sie eine Abhängigkeit vom Mann mit, die sich später rächt, wie man sieht, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Es ist nicht der Mann, es ist das seinerzeitige, schon damals als unziemlich empfundene Vertrauen auf den Mann, das sie keinen Augenblick an der Untat zweifeln lässt, weil sie die eigene Lebensentscheidung rechtfertigt und unantastbar macht. Einen Esel dirigieren kann jede, aber am Ende zahlt es sich nicht aus, es ist unmoralisch, weil es heißt, sich in Abhängigkeit zu begeben, und ausschlagen kann der dümmste. Entsprechend gilt die Solidarität, die sie empfindet, nicht der Freundin, sondern der Clique, in deren Mitte die andere jetzt, mit ihrer ›Erfahrung‹ im Rücken, mit Verve zurückkehrt, nachdem sie lange Zeit eher zur Peripherie gehörte und unterschiedlich distanzierte Beziehungen zu ihren Mitgliedern unterhielt. Was das Gruppen-Ego stärkt, stärkt auch das einzelne Ich, was nicht nicht ausschließt, dass es sich dadurch in einer komplizierteren Lage als zuvor befindet. In einer solchen Situation ist der eigene Mann hilfreich, da seine Anwesenheit es erlaubt, die erhöhte Energie der Gruppe abzuleiten und auf diese Weise an ihrem Machtzuwachs aktiv teilzuhaben. Warum auch nicht? Genauso halten es die Primaten, genauso halten es die Raubtiere im Zoo, da wird man als Frau wohl auf gleiche Rechte pochen können. 

Solidarität fordern ist das eine, sie gewähren das andere: Da das, was sie nun ihrerseits vom Mann einfordert, die Solidarität der Clique, sich gegen den Vertreter seines Geschlechts richtet, das in ihm, wie das Nachfrage-Tabu deutlich macht, als Ganzes unter einer diffusen Anklage steht, gibt sie dem Mann großzügig Gelegenheit, sich von allem Verdacht zu reinigen - ein Akt tätiger Partnerschaft, der allerdings nicht erklärt, warum er überhaupt unter Verdacht steht und worin der Verdacht in seinem besonderen Fall wohl gründe. Das einzig Reelle ist also ein Verdacht ohne Inhalt, den sie ihrer Beziehung auf diese Weise implantiert, der allerdings kaum zu wirken vermöchte, könnte er nicht auf Ablagerungen älterer Verdächte zurückgreifen. So erinnert der Mann sich gut, obgleich ungern, an Augenblicke, da ihn beim Spielen mit der kleinen Tochter das unbehagliche Gefühl ergriff, unter Beobachtung zu stehen, ein unerklärliches Gefühl, das sich auch in keiner Weise konkretisierte, nichtsdestoweniger, einmal stärker, einmal schwächer, zum ständigen Begleiter wurde und seinem Umgang mit der Kleinen eine Befangenheit beimischte, gegen die er heftig bei sich selbst opponierte, ohne Erfolg, wie man sich vorstellen kann. Die Frau könnte ihm, wenn sie wollte, Aufschluss darüber geben, aber das wäre gegen ihr System, das auf Schweigen basiert, stattdessen wachsen die Schatten. Ab jetzt liegt also der Schatten des ›gewalttätigen Mannes‹ über seiner Beziehung. Er sieht es wohl und fragt sich, ob diese Frau, die er jetzt nur noch mit einem Zögern und einem kleinen ironischen Akzent die ›Frau an seiner Seite‹ nennen würde, weil ihm scheint, dass sie ihre Seite mit einer Hartnäckigkeit, die er von seiner Mutter her kennt und die dort für andere Dinge reserviert war, als Gegenseite interpretiert und lebt, ohne dass ihr Griff dadurch nachließe, im Gegenteil. Die Lehrerin findet, er habe noch manches zu lernen. Und das wäre gewiss nicht das Schlechteste. Leider ist dieser Lernprozess blockiert - von was und durch was auch immer. Stattdessen rätselt der Mann darüber, ob es sein könne, dass diese Frau ihn mit einem anderen verwechselt, und wer dieser andere sein möge - sein Vorgänger oder ein Mann, den er nicht sieht, weil sie ihn sorgfältig vor ihm verborgen hält, oder das hässliche Gegenstück zu dem Unsichtbaren. Natürlich sind solche Überlegungen müßig. Aber sie entwickeln ihre eigene Dynamik und ziehen einen Rattenschwanz von Emotionen hinter sich her, die man sich wiederum nur schwer eingestehen will, weil die verletzte Eitelkeit auf beiden Seiten der Barrikade tätig ist. Am Ende dieser stummen, mehrere Wochen andauernden Raserei kommt ihm ein neuer Gedanke. Wäre es möglich, dass diese Frau - aus Antrieben, die gesondert zu untersuchen wären - ihn wissentlich und willentlich so behandelt, als wäre er eine andere Person, aber nicht etwa eine real existierende, sondern ein kühl ersonnenes Schema ›Mann‹, das sie über ihn legt und mit dessen Hilfe sie ihren Verkehr mit ihm bis in seine letzten Kleinigkeiten hinein kontrolliert? Möglich wäre es, immerhin. Nicht nur wäre es möglich, es würde auch viele Züge ihrer Beziehung erklären, an denen er sich seit Jahren abmüht, wenn er sie den ganzen Zyklus von stummer Verzweiflung, Geringschätzung, Nichtbeachtung, aggressiven Klärungsversuchen durchlaufen lässt, ohne dass sich dadurch etwas änderte. Er weiß, dass solche Bilder vom jeweils anderen Geschlecht das Zusammenleben über diese Grenze hinweg, die mehr ein bis zum Erdmittelpunkt hinab reichender Spalt als eine grüne Linie ist, praktisch ohne Ausnahme bestimmen, er weiß auch, dass solche Erwartungen und durch Worte und Gesten und selbst durch die seltsamen Botschaften der Mode übermittelten Erfahrungskondensate das menschliche Selbstbild von Kindesbeinen an mitformen. Aber in der Vorstellung, die er sich davon macht, funktioniert das anders, prozesshafter, eingehender, eingänglicher, keinesfalls so, dass eine der beiden Seiten eine Art Feindbild - denn so empfindet er es - fixiert und den ›Partner‹ jahraus jahrein nach Maßgabe dieses Phantoms traktiert, als sei sie in einem lang andauernden Feldzug begriffen, der nach Lage der Dinge nur mit seiner vollständigen Unterwerfung und seiner Verwandlung in einen Trabanten enden kann.

Merkwürdigerweise hat er den nunmehr auffällig gewordenen Ingenieur immer als einen solchen Fall angesehen, er traut ihm, offen gesagt, die Rolle des Empörers nicht zu, wenn er es recht bedenkt, kommt ihm die Darstellung, die er von dem Vorgang erhalten hat, verdächtig vor. Irgendein Umstand muss dabei im Spiel sein, den man ihm verschweigt, sei es, dass die Angegriffene ihre Freundinnen an der Nase herumführt, sei es, dass Frauensolidarität in diesem Punkt über alles geht; er spürt den Punkt, aber er kann ihn nicht benennen, er kennt ihn nicht. Kann man einen Mann zähmen, indem man ihn für eine frühe aggressive Entgleisung büßen läßt? Kann man sich eines solchen Mannes entledigen, indem man ihn zwanzig Jahre später zum Gewalttäter stempelt? Seltsame Einfälle. Der Mann weiß sich von aggressiv-törichten Anwandlungen frei, was aber die Aggressivität der anderen Seite nur zu ermuntern und aufzuheizen scheint. Deren Ausbrüche sind nicht übermäßig häufig, wahrscheinlich sind sie gesellschaftlich ›akzeptiert‹, aber im Lauf der Jahre addieren sie sich: das aus unerheblichen Anlässen erhobene forcierte Geschrei am offenen Fenster, die im Vorbeigehen gezischten oder gemurmelten, als Selbstgespräch maskierten Beschimpfungen des Typus' ›Das ist doch irre!‹, mit denen sie seine Handlungen und Gewohnheiten aufs Korn nimmt, das auffällige Zerbrechen und Verschwinden gemeinsam genutzter Gegenstände, soweit sie von ihm angeschafft wurden - sie kommen übergangslos, liegen wie erratische Blöcke in einer Landschaft aus gemessenen, hier und da mit einem Anflug von Sanftheit dekorierten Reden und Gebärden, die so direkt dem Wesen der Frau entsprungen scheinen, dass der plötzliche Wechsel wie ein momentanes und wesentlich folgenloses Außer-Sich-Geraten erscheint, das nur durch eine so ›irre‹ Gegenwart wie die seine induziert worden sein kann. Zweifel an dieser Lesart erweckt ihr seit jeher zur Heftigkeit neigender Umgang mit der gemeinsamen Tochter, aber das steht auf einem anderen Blatt. Augenblicklich beschäftigt ihn die Erinnerung daran, dass ihn diese Frau ehedem durch ihre Ruhe bestochen hat, weil sie sich sich in scharfem Kontrast von der explosiven Natur seiner früheren Lebensgefährtin abhob, eine gelassen wirkende Ruhe, die zu sehr ihrem Naturell zu entsprechen schien, als dass er auf den Gedanken gekommen wäre, sie könnte in einer nicht fernen Zukunft während einer Auseinandersetzung die Balkontür öffnen, um ihrem Gezeter ein größeres Publikum zu verschaffen. Dieses Element ist neu im Repertoire, es ist nach der Ingenieurs-Geschichte hinein gekommen, er weiß, dass sie weiß, dass sie damit eine alte Panik neu in ihm belebt, weil sein Selbstbild - dieses etwas starre, etwas ehrpusselige und von einem überlebten Gefühl der eigenen Würde bestimmte Selbstbild - gerade diese Form der Auseinandersetzung nicht erträgt. Es sind alte Geschichten, die sie aufgreift. Sie weiß, dass sie ihren Stachel in ihm hinterlassen haben. Sie weiß es, weil er es ihr irgendwann erzählte, und sie münzt sie jetzt gegen ihn aus, während er es noch immer nicht unterlassen kann, ihr neuen Stoff zu liefern. Das ist sein Problem: Er kann die Kriegserklärung nicht annehmen, die seit Jahren auf dem Tisch des Hauses liegt, erstens, weil er ihre Motive nicht versteht, zweitens, weil er, selbst wenn er sie verstünde, sie für null und nichtig hielte, drittens, weil die Vorstellung, die er vom häuslichen Zusammenleben besitzt, Feindseligkeit kategorisch ausschließt.

Er sitzt im Zug, es wird spät heute Abend, der Anschlusszug ist nicht zu schaffen, es schüttet vom Himmel, er hat soeben telefoniert, der Unmut der Lehrerin rauscht noch in seinem Ohr, immerhin: Sie wird ihn abholen, er soll sich melden, sobald er eintrifft. Dieser Unmut ... er kennt ihn, seit er die Bahn benützt und gelegentlich verpasste Anschlüsse solche Anrufe nötig machen. Im übrigen zieht er an seinen Ankunfts-Abenden den rumpelnden Rollenkoffer mit selbstverordnetem Gleichmut hinter sich her, über Straßenbahntrassen und Zierpflaster, durch Regen und Schnee, vom Bahnhof zur gemeinsamen Wohnung, die seine zu nennen weder ihr noch ihm jemals in den Sinn kam, obwohl gewisse Kontobewegungen darüber andere Auskunft geben könnten. Warum kommt ein Mann nach Hause? Er weiß es nicht, es ist ihm entfallen, abhanden gekommen im Lauf der Jahre, in denen das noch warme, während des Abkühlens hin und wieder leise Laut gebende Metall der Lampe signalisierte, dass das Licht soeben gelöscht wurde, vermutlich, als das Klappern der Haustür sein Kommen ankündigte. Verglichen mit den Monaten oder Jahren, in denen sie sein Kommen abwartete, um sich nach einer flüchtigen Begrüßung ins Schlafzimmer zurückzuziehen, wo noch lange das Licht brannte, ist ihm das jetzt fast lieber. Natürlich sind es die Kinder, derentwegen er diese ihn von Jahr zu Jahr mehr strapazierenden Reisen auf sich nimmt. Es sind immer die Kinder, seltsamerweise erfüllt er folgsam gerade darin das Programm der Frau. Mit diesem Satz hat sie ihn markiert, zu einer Zeit, als er noch ihre körperliche Nähe suchte: »Es geht um die Kinder, um nichts als die Kinder«. Der Schlag saß, er spürt ihn noch heute. Auf die kühle Annullierung der Zukunft folgte die Annihilation der Vergangenheit. Nein, sie kann sich nicht erinnern, sie hat das alles völlig anders erlebt, tja, da muss er sich wohl in der Frau geirrt haben, da kann sie ihm auch nicht helfen, sie weiß nun wirklich nicht, wovon er da redet, und Gemeinsamkeit oder sogar Innigkeit zwischen ihnen, das muss er wohl im Traum erlebt haben, das müsste sie wissen. »Das sagst du nur so, das ist nicht dein Ernst.« Auf ihre Entgegnung wartet er noch heute. Wartet er? Nein, er wartet nicht mehr, nicht, dass er es irgendwann aufgegeben hätte, Resignation liegt ihm nicht. Er hat das Programm gekappt, das ganze Programm. Sehen Sie mich nicht so an, als wüssten Sie nicht, was ich meine. Wenn er diese Frau geliebt hat - und er hat sie geliebt, daran besteht kein Zweifel -, dann war das, was er damals in Angriff nahm, unumgänglich: die Ausrottung, die Ausrottung dieser Liebe in ihm selbst, kein allmähliches Erkalten eines Gefühls, kein mysteriöser Umschwung der Psyche, keine egoistische Neuorientierung, kein Auf zu neuen Ufern, sondern die Durchführung eines Entschlusses, der unumgänglich geworden war, wollte er nicht die Achtung vor sich selbst verlieren. Denn diese Frau hat keine Achtung vor ihm, sie hat gar keine Ahnung, was das sein könnte, sie ist sich keines Mangels bewusst. Ich sehe es Ihnen an, Sie wollen mich fragen, woher ich das weiß, das werde ich Ihnen sagen. Ich werde es Ihnen sagen, aber vorher bitte ich Sie um einen kleinen Gefallen: Zeigen Sie mir eine Frau, diskret natürlich, die nicht zu wissen glaubt, wie ein Mann funktioniert, sie alle glauben daran bis ins Unglück und darüber hinaus, sie haben den Mann intus - daran scheitern sie, anschließend rächen sie sich. Diese hier, sie exekutiert ihr Programm, sie sieht gar nicht ein, was daran bedenklich oder falsch sein sollte, das miserable Ergebnis ficht sie nicht an, weil die ganze Sache von Anfang an darauf ausgelegt ist, dass der Mann sich bewährt - die Frau ›versteht sich‹ als Bewährungshelferin, sie opfert sich auf, selbstredend, und wenn's schief geht, hat sie ihr Möglichstes getan. Das ist etwas, das den Mann in stille Wut und offene Raserei versetzt, je nachdem, an welcher Stelle das Rad des Hinnehmens gerade angelangt ist, aber es nützt ihm nichts, weil ihr beides egal ist und weil sie keinen Grund sieht, verstehen zu wollen, was da in ihm vorgeht. Sie versteht nur, dass es im Augenblick keinen Zweck hat, weiter zu insistieren, das Tierchen tobt, das Tierchen wird sich wieder beruhigen. Das Tierchen wird sich beruhigen, aber das hat seinen Preis, und sie sollte, meinte sie es redlich, beunruhigt sein über Art und Höhe, aber genau das umhüllt sie mit dem Schleier des Geheimnisses. Und sie hat ihre Freude an dem, was ihr keinerlei Freude bereiten dürfte, weil es sich gegen sie selbst, gegen ihr eigenes Leben richten wird und bereits gerichtet hat, sie hat ihre Freude, ihre stille, tief gegründete Freude inmitten der Sprach- und Freudlosigkeit dieses Zusammenlebens, das ein Gegeneinanderleben ist, sie zahlt den Preis gern, denn nur so hat sie die Sache im Griff.

›Die Sache im Griff haben‹, das heißt, um die Sache auf den Begriff zu bringen: Nur so kann sie leben, nicht anders, das System der Sicherungen drängt aus ihr heraus, setzt sich in ihr und durch sie an die Hebel, es durchdringt ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Gedanken, es füllt sie an bis zum Äußersten, man könnte sich wundern, dass sich bei alledem eine menschliche Kontur erhält, eine täuschende Oberfläche, ein Flaum, der bei flüchtiger Berührung hinreicht, um solidarische Empfindungen zu wecken oder zu erhalten. Diese Frau stellt keine übertriebenen Ansprüche und sie verleugnet sich nicht, sie weiß offenbar, was sie will, und sie verfügt über genaue Vorstellungen, was sich davon verwirklichen lässt, sie scheint gut organisiert, eine verlässliche, gelegentlich burschikos auftretende, sich nie nach vorn drängende Partnerin, man kann sich gut vorstellen, mit ihr etwas durchzuziehen, fragt sich nur, was.
3.
Finden Sie's auch unerträglich? Dann kommen Sie, ich lade Sie ein, wir wechseln das Lokal. Ich kann hier nicht nachdenken, und ich muss nachdenken, wenn ich weiterreden soll. Soll ich weiterreden? Sie sagen nichts? Ich könnte verstehen, wenn Sie genug hätten, heben Sie die Hand oder so, das genügt. Ohnehin bin ich an einem schwierigen Punkt angelangt, es ist nicht einfach für mich, verstehen Sie, finden Sie immer den roten Faden? Ich nicht. ›Ziehen wir es durch‹, nicht wahr, das ist eine Metapher, eher mehr, ein Vermögen - nicht Ihres, nicht meines, doch irgendeiner wird sich daran schon gesund stoßen, das gewiss. Ich rede von keinem Nadelöhr, ganz sicher nicht, hier geht es um Dunkelstrecken, die Jahre in Anspruch nehmen, Lebensjahre, Lebensläufe, das geht so dahin, es zieht sich, aber man zieht es durch, es muss sein. Aus irgendeinem Grund muss es sein. Im Grunde braucht's keinen Grund, die Sache ist Grund genug, die Sache ist der Grund. Diese Sache aber, worin besteht sie? Ich bitte Sie, sehen Sie sich um: Wo ist die Sache? Verschwunden, kscht, durch alle Türen hinaus. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: die Sache, das ist die Kehrseite ihrer Abwesenheit. Was aber ist die Kehrseite der Abwesenheit? Die Abwesenheit der Abwesenheit? Das sind alberne Sprüche. Es durchziehen, um einmal rauszukommen, irgendwann, irgendwo, das ist die Sache. Rüde, inhaltsleer und belanglos. Die Sache, das ist die Abwesenheit des Urlaubs, in dem man rauskommt aus dem durchgezogenen Dasein, dem auf Durchzug gestellten Dasein. Sie ist der Schatten, den der abwesende Urlaub, die abwesende Abwesenheit, auf die Dinge des Lebens wirft, sie glanzlos, ölig, schmierig, belanglos macht. Ziehen Sie Ihre Beziehung durch? Ich wünsche Ihnen Glück, in jeder Beziehung. Man kann auch die Sache mit den Kindern durchziehen, das hat keine Schwierigkeit, im Gegenteil, es erleichtert vieles, und man kann sagen, was man will, sie wachsen, sie wachsen heran, was wohl die Hauptsache sein wird, das Heranwachsen. Einmal ist man auch damit durch, das Alter ist ein langer Urlaub vom durchgezogenen Leben, einmal im Jahr nimmt man sich Vorschuss, vielleicht auch zweimal, Lehrer haben Ferien, da muss es zweimal sein, unbedingt zweimal. Hassen Sie Ferien? Nein? Schade, Sie sollten Grund dazu haben. Die ganze Durchzieherei hätte mit einem Schlag ein Ende, gäbe es nicht die Ferien, das Wunder der Freilassung, durchgepaukt ohne Erbarmen. Sicher, die Finanzen erlauben nicht alles, auch hier waltet Kalkül, aber das Ziel, der Inhalt, das Sich-Freimachen, das Loslassen, das Weg-von-allem, steht jenseits allen Kalküls, es ist das Anti-Kalkül, die realisierte Abwesenheit. Wo bitte, fragen Sie mich, gibt's das? Fragen Sie mich nicht, ich bin kein Kulturkritiker, ich konstatiere die Maschinerie der Entwertung, und ich finde sie auf beiden Seiten tätig, im Durchziehen wie im Loslassen, vielleicht gibt es Menschen, die damit umgehen können, von denen rede ich nicht. Ich rede davon, ob es möglich ist, dass ein Kind ins Leben hinein gezwängt wird, weil ein Erwachsener, ein Selbst, wenn es so etwas gibt, diese Sache durchziehen will, einmal im Leben, so wie man die im Keller versteckte Schnapsbrennerei des Großvaters einmal im Winter anwirft, weil sie sonst doch nur nutzlos herumsteht, wozu hat man die Ausrüstung sonst? Natürlich ist das möglich, vielleicht ist es üblich, in diesem Fall geschieht es.

Der Mann erinnert sich ungern, er war nicht frei, er hat sich nötigen lassen, wer die Wiederholung nicht scheute, könnte sagen, die Frau hat auch diese Entscheidung schon durchgezogen, der Mann wird gefragt, aber er hat keine Stimme, er darf beistimmen oder es lassen, es ist ihr Körper, ihre Entscheidung - es wäre besser für ihre Beziehung, wenn er sie mittrüge - ihr Kind, ihr Leben, müsste er nicht wissen, was diese Besitztitel in Zukunft bedeuten werden? Der Mann erinnert sich ungern, ihm wird unbehaglich dabei. Aber die Erinnerung lässt ihn nicht aus, sie entwickelt sich zum ständigen Begleiter, zur fixen Idee. Hier beginnt sein abgespaltenes Leben, sein Leben als Stellvertreter des Mannes, den er nicht kennt, dessen Umriss er ahnt, dessen Schatten ihn bedrückt - des Mannes, den die Frau ihrer Entscheidung hinzufügt, um sie zu komplettieren, einer in vollkommener Willkür getroffenen Entscheidung, zu der er nur eine Kleinigkeit beiträgt, weil sie es sich so in den Kopf gesetzt hat: Er trägt sie mit. Jener Mann existiert nicht, er kann nicht existieren, er ist ein Phantom, dem er sich selbst auf Kosten der eigenen Person nicht annähern könnte, falls dieser Wahnsinns-Gedanke sich in seinem Kopf breit machte. Er darf nicht existieren, weil er ein Instrument in den Händen der Frau ist, die ihn herbeizitiert, wenn sie seiner bedarf, und ihn in die Flasche zurückbannt, sobald er seine Dienste verrichtet hat. Manchmal ist der Schatten kaum merklich, es gibt Zeiten - Tage, später Stunden -, da ist er verschwunden, einfach verschwunden. Dann wieder lastet er unerträglich, wie man wohl sagt, obwohl hier erst das Ertragen beginnt, auf dem Lebensgefühl, das sich unter dem Druck verkrümmt, bevor es hohl und flach wird und eine leere Zeit gebiert, eine leere Zeit. Es gibt Momente, da denkt der Mann, dass die Frau ihn ›betrügt‹. Aber er ist sich nicht sicher, er wird den Argwohn nicht los, dass er selbst sich betrügt, wenn er so denkt, obwohl sich genügend Anzeichen finden ließen. Es widerstrebt ihm, das Naheliegende zu ignorieren, nicht, weil er glaubte, dass die Situation durch Wissen erträglicher würde, sondern weil sein Gefühl für das Wirkliche leidet. Manchmal sieht er sich als der Stellvertreter des Nebenbuhlers, den er nicht kennt, den es möglicherweise nicht gibt, eines Toten vielleicht, der im Körper der Frau umgeht, eines Wiedergängers, der ihm an anderen Tagen quicklebendig erscheint, ein guter Bekannter, fragt sich nur, welcher. Auch hier führt ihn die Frau in die Irre: diese langen Umarmungen eines anderen, diese nicht enden wollenden Abschiedsküsse an der nächtlichen Gartentür oder im abgedunkelten Flur der eigenen Wohnung, sind sie getürkt, um ihn zu reizen oder seinen Verdacht zu schüren, sind sie Ausdruck der Verachtung und der völligen Sicherheit, vor seinen Augen tun und lassen zu können, was sie will, weil es nur um die Kinder geht, nur um die Kinder? Es sind aber nicht die Kinder, es ist dieses ihm abgedrungene Kind, das andere, von ihm mit in die Beziehung gebrachte, kommt nicht in Betracht, es ist kein Problem, es wächst auf, was nicht das Schlechteste ist, sollte es zum Problem werden, dann wäre das sein Problem, damit muss er dann leben. Das andere aber, das Problem-Kind, das durchzuziehende, beherrscht das Ritual, das den Mann knebelt - es löscht seine Stimme, seine nicht in Betracht kommende Stimme.

Wollten wir nicht gehen? Wollten Sie nicht gehen? Ich jedenfalls wollte gehen, aber vielleicht ist es so gut. Man weiß nie, wozu es gut ist. Eine Zeitlang ist man unruhig, es vergisst sich, die Unruhe kehrt zurück, man weiß nicht, wohin sie gehört, sie besitzt ihr eigenes vegetatives System, man trinkt einen Schluck, und es beruhigt sich. Nicht für lange, nicht wirklich, aber es beruhigt sich. Das nächste Mal wirkt der Schluck nicht mehr, man braucht mehr oder etwas anderes, man sucht, man findet etwas. So spaltet man sie ab, die Unruhe, sie verändert den Körper, man muss ihn behandeln, während man selbst behandelt wird. Behandle ich Sie? Behandeln Sie mich? Wer das wüsste. Der Behandelte hat es gut, er lässt sich behandeln, er behandelt sich mit. Vielleicht sollte er wirklich aufstehen, es ist Zeit, diese Zeit war schon längst, schon immer vielleicht, aber die Behandlung tritt vielleicht gerade in ein neues Stadium, warten wir ab. Sehen Sie, ich wechsle das Thema, das macht Sie neugierig, behandeln wir das Thema. Aber ich kann Sie beruhigen. Das Thema ist immer dasselbe, natürlich wissen Sie das. Sie bleiben, aber unter Vorbehalt, denn selbstverständlich können Sie jederzeit gehen, Sie werden gehen, soviel steht fest, Ihr Entschluss zu gehen wird durch Ihr Bleiben gar nicht tangiert. Auch hier sind zwei, eine, die geht und eine, die bleibt. Diejenige, die bleibt, schickt sich in die Behandlung, die ihr widerfährt. Merken Sie dieses Wort: ›schickt sich‹? Das Bleiben selbst ist eine Art Verschickung, ein Sich-Verbringen an einen anderen Ort, an dem man das, was einem widerfährt, selbst erbringt. Dieses Erbringen, sehen Sie, ist schon eine Leistung für sich, man übersieht sie leicht, das ist ein Fehler. Denn jedes Sich-Einlassen auf die Spiele, die ein anderer mit einem treibt, läuft darauf hinaus, dass dieses einem selbst darin mehr oder weniger gut verborgene Erbringen und wirkliche Erbracht-Haben - während man die Fäden noch in der Hand zu halten scheint und sich als Herr der Situation fühlt - früher oder später, nein, immer früher, der Zeitpunkt liegt immer früher, sich in eine Forderung der anderen Seite verwandelt: Wer vorleistet, muss es irgendwann bringen. Eine schöne Phrase! Sie sind vorhin geblieben, weil Sie darauf warteten, dass ich zu reden aufhöre, das war höflich von Ihnen, aber ein Fehler, denn ich habe nicht aufgehört, und nun habe ich Sie so in meiner Gewalt, dass die Unhöflichkeit unermesslich wäre, wenn Sie wirklich aufstünden und gingen. Gleichzeitig bin ich mit Ihnen unzufrieden, denn Sie sind eine miserable Zuhörerin, unkonzentriert und - entschuldigen Sie, wenn ich das sage - unhöflich, weil Sie nicht wirklich interessiert, wovon ich rede, weil nur die Situation Sie gefangen hält und ich alles daran setze, diese Gefangenschaft zu verlängern und fest zu zurren, indem ich zum Beispiel auf Wünsche eingehe, die Sie gar nicht geäußert haben, möchten Sie noch von dem Roten? Wo steckt überhaupt der Kellner? Wir scheinen die letzten zu sein, das ist schön. Aber ein Kind, das ist eine andere Sache, ein Kind, das Sie in dieser Weise einsetzen wollen, sollte schon ein problematisches Kind sein, ein Problemkind.

Der Mann dieser Frau muss ›es‹ also ›bringen‹, da trifft es sich gut, dass er kommt, nicht nach Hause, denn es ist ihr Zuhause, er selbst besitzt - irgendwo - eine Behausung, die nicht in Betracht kommt, an einem Un-Ort, in einem Un-Land, die man den Blicken der Kinder am besten entzieht, vielleicht verschöbe sich sonst die Erdachse. Man muss alle Eventualitäten im Auge behalten, vielleicht begehen sie sonst irgendwann in der Zukunft eine große, nicht revidierbare Dummheit, das muss verhindert werden. Es ist ihr Zuhause und selbstredend das der Kinder, das allein macht den Mann zum Fahrenden, einem, der niemals ankommt, den eine leise Panik einmal in die eine, dann in die andere Richtung treibt. Da die Strecke lang ist, versieht er sich in die Strecke, sie wird sein Zuhause. Was nicht das Schlechteste ist. An dem Familienort, dem er rollend und dösend, gelegentlich angespannt arbeitend, über Gebirge und Ströme entgegeneilt, ist sein Kommen zwar eingeplant, aber nicht vorgesehen - eine seltsam zwittrige Atmosphäre umgibt sein Kommen und Gehen, er fühlt sich als Gast behandelt, aber ohne dessen Anrecht auf Höflichkeit, Empfang und Abschied fallen unter das Zeremoniell des leeren Hauses, dazwischen findet man Verwendung für ihn oder man ignoriert ihn, wechselweise das eine sowie das andere. Er kommt und geht, aber in der Hauptsache kommt er, er ist der, den sie kommen lässt, weil sie Termine hat, Termine sich überschneiden, weil sie findet, sie sei überlastet oder weil sie findet, er kümmere sich zu wenig um die Familie. »Die Kinder wissen doch gar nicht mehr, wie der aussieht«, steckt sie lächelnd irgendwelchen Bekannten, die das gut verstehen, die Kinder kennen es nicht anders. »Du bist ja nie da« schallt es ihm entgegen, wenn er einmal etwas moniert oder verlangt oder erinnert, soll heißen: ›Streng dich nicht an, das macht auf uns keinen Eindruck‹. Es macht keinen Eindruck, dass er zwischen zwei Mühlsteinen rotiert, mitgerissen einmal von der einen, dann wieder von der anderen Seite, es macht keinen Eindruck, wer er ist und was er macht, das schon gar nicht. Es ist nicht bloß uninteressant, sondern unpassend, unziemlich, wenn es sich einmal ins Bild drängt, denn er - der es aufgegeben hat, die Dinge in seinem Sinn zurecht rücken zu wollen -, er kennt nur sich selbst und seine verrückten Ideen, er weiß nicht, wie es um die Kinder steht und wie es in ihnen aussieht, sie kann sich auf ihn nicht verlassen und muss deshalb anderweitig Sorge tragen, er bringt die Dinge durcheinander, stellt sie auf den Kopf, er bringt Chaos ins wohlgeordnete Dasein, man kann nicht mit ihm reden, man muss alles selbst organisieren, man hat alles bereits organisiert, er müsste nur unterschreiben, aber man hat auch das bereits an seiner Stelle getan, Amtshengste und Schulleiterinnen haben, wie er hört, gut verstanden und akzeptieren ohne nachzufragen.

Eigentlich, findet er, bringt er viel Zeit für die Familie auf, sein Beruf erlaubt ihm, den Kalender weitgehend nach eigenem Gutdünken einzuteilen, er nützt diese Freiheit, obwohl ihn seine Art, sie zu verwenden, immer aufs Neue in Bedrängnis bringt, aber die erübrigte Zeit verwandelt sich auf erschreckende Weise in einen Schlauch, einen Tunnel, erfüllt von modrigen Gerüchen und einer faden Düsternis, durch die er treibt, ein von der Besatzung verlassenes Boot ohne Ruder. Es sei langweilig mit ihm, sagt die Tochter und er spürt das Erschrecken. Noch erinnert er sich an Zeiten, in denen er als eingefleischter Liebling der Kinder galt, den sie nach der Begrüßung hastig ins Kinderzimmer zogen und zerrten. Damals hieß es, es sei sooo langweilig bei den Erwachsenen, sobald er Anstalten machte, sich wieder vom Boden zu erheben: »Bitte bleib!« ›Langweilig‹ also ist es mit ihm, unter der Oberfläche des kindlichen Vernichtungsurteils buchstabiert er eine andere Lesart. Geben Sie's zu, Sie wissen schon, Sie kennen die andere Lesart, denn es ist bereits jetzt die Ihre, einfach, weil Sie mir zuhören, wenn auch wider Willen: ›Es ist nicht recht‹ heißt sie, es ist nicht recht, unbefangen mit dem Vater umzugehen, sich mit ihm zu vergnügen, weil es der Mutter nicht recht ist, die alle Zugänge kontrolliert, die keinen ungeregelten Verkehr gestattet. Andererseits ist er der Vater, den die Kleine kennt, mit dem sie sich versteht, warum auch immer, den sie anders kennt als die Mutter, von der sie sich steuern lässt, wenngleich unter Protest. ›Langweilig‹, das ist die schonendste Art, sich vom Vater loszumachen, weil man schon zu viel Zeit mit ihm verbracht hat, weil es hohe Zeit ist, zur Mutter zurückzukehren, es ist Ausdruck des mütterlichen Schattens, der jäh oder schleichend über sie fällt. ›Es ist nicht recht‹ heißt: es wäre ihr nicht recht, es wäre ihr sicher nicht recht, in diesem ›sicher‹ liegt die Verschmelzung, die Mutter Tochter-Symbiose, die für das Kind ewige Rückkehr, für die Mutter das ins Künftige ausgelagerte Leben bedeutet, zu dem sie die Tochter erst abrichten muss, das Ende der Durststrecke, das durchgezogene Projekt Tochter, in Wahrheit ein Mutter-Projekt, die Selbst-Werdung der alten in Schmerzen erfahrenen Realität ›Mutter-Sein‹. Wie hochmütig muss eine Frau über ihre eigene Mutter denken, wie unmündig auch, um ein solches Projekt zu ›fahren‹, in dem sie gleichzeitig die Mutter und sich selbst parodiert, sich als diejenige entwirft, die - Punkt für Punkt - die mütterlichen Vorgaben imitiert, um ... sagen wir, es besser zu machen. Dieses Bessermachen bedeutet aber nichts weiter, als es der Mutter gleichzutun und das Spiel um die Tochter zu gewinnen, das die Mutter an sie verlor. ›Es ist nichts weiter dran‹ - am Leben, an was auch sonst -: dieser von der Mutter ererbte biologische Essentialismus dirigiert ein Leben, das nicht bestimmt sein will und sich deshalb über Pflichten bestimmt, die sich aus dem Mutter-Sein ergeben. Banale Pflichten, Alltagspflichten, die aber allesamt darauf hinauslaufen, dass die Frau den von außen auf das Kind wirkenden Impulsen als potentiellen Störfaktoren begegnet, sie abbiegt, zerstört oder in ihre Obhut nimmt. Ist er nicht schön, der Anblick einer unablässig ihr Kind bedenkenden Frau? Ist es nicht eine schöne Sucht? Ist es nicht eine hässliche Sucht? Ist es nicht eine zerstörerische Sucht? Ist es nicht ein auf Zerrüttung angelegtes Programm, das die Welt verschwinden lässt, in welche das Kind hineinwachsen könnte, wenn man es ließe, um an ihre Stelle eine Zelle aus Porzellan zu setzen, an der das Bedürfnis abtropft und fortrinnt und durch ein verborgenes Röhrensystem dubiosen Zwecken zugeführt wird?

Aber, wenden Sie ein, an dieser Darstellung kann etwas nicht stimmen. Die Frau hat schließlich einen Beruf, sie ist Lehrerin, hoch motiviert und akademisch gebildet, sie sollte gelernt haben, die unterschiedlichen Ansprüche, die das Leben an sie stellt, auseinander zu halten und ihnen gerecht zu werden, schließlich ist sie kein Muttertier, Sie sagen es selbst. Ich sage es selbst, natürlich sage ich es, von nichts anderem rede ich schließlich als von diesem scheinhaften Auseinanderhalten in Wahrheit eng miteinander kommunizierender Räume. Ihre Mutter war auch kein Muttertier, überhaupt laufen weit weniger Muttertiere herum, als man uns weismachen möchte, kein Muttertier würde dem Kind die eigene Zukunft wie eine bittere Pille verordnen. Wenn Frauen die unendliche Distanz glauben leben zu müssen, die ihr eigenes meist ziemlich banales Dasein von dem aller früheren Generationen trennt, dann ist das doch nur Gerede, giftiges, lebensfeindliches Gerede, in dem die wirklichen Unterschiede, die anschaulich und individuell erlebt werden, die Gemeinsamkeiten einschließen und von ihnen umgeben sind, sich wie in einem Säurebad auflösen, während sie selbstverständlich bleiben - eingeschlossen in ein stummes, misstrauisches, unsicheres und früher oder später völlig unbedarftes, weil in die Abstellkammer verbanntes Psycho-Milieu. Es sind immer die Dummen, die den ideologischen Quark auslöffeln, die gebildeten Dummen und die abgerichteten, vor allem die zum Abrichten abgerichteten Schlauen, damit wären wir bei den Lehrern. Ich möchte den Kindern nicht zu nahe treten, schließlich werden sie von Erwachsenen gezeugt und ausgetragen, aber es spricht einfach gegen sie, dass diese Kaste von Unberührbaren durch sie in die Welt kommt, die man Lehrer nennt - Leute, in denen die Chuzpe des Behauptens eine unmoralische Festigkeit gewinnt, wie man sie sonst allenfalls bei Politikern antrifft, bei denen sie sich aber mit Motiven und Mechanismen verbindet, die diesen Leuten ganz fern liegen. Die vollkommen verfestigte Statur eines Menschen, der weiß - inhaltlich auf dem Niveau portionierter Unterrichtseinheiten für das Fassungsvermögen von Kindern und Heranwachsenden -, verbunden mit der Sicherheit, welche die letzte unauflösliche Form der Ehe gibt - die der Beamtin mit dem Staat, der sie alimentiert -, und zwar bereits in relativ jungen Jahren, erzeugt oder ermöglicht diesen Typus Frau, der aus der Position der absoluten Überlegenheit heraus die mütterlichen Spiele nachspielt, um sie zu gewinnen, gegen die Mutter, gegen den Mann, gegen das Kind, gegen das eigene Geschlecht, aber als diejenige, die es in etwas anderes, wie sie glaubt: Neues, transformiert. In ihr erstirbt die Abenteurerin Frau, die sich nimmt, was sie begehrt, um als die Frau aufzuerstehen, die sich nimmt, was ihr zusteht - ebenso maßlos wie jene, aber ohne das Risiko des Scheiterns und daher ohne jede Notwendigkeit, ein anderes Selbst neben und um sich gelten zu lassen, es sei denn in Gestalt der Kollegin, mit der man sich trifft und essen geht und die man braucht, um sich der eigenen ›Kompetenz‹ zu versichern. Das ist die Clique, der Chor der Meta-Weiber, die von der Überzeugung gelenkt werden, dass sie über ihrem Geschlecht stehen, und sich deshalb als seine Hüterinnen verstehen.

Wenn daher den Mann gelegentlich der Gedanke heimsucht, diese Frau, die es vorzieht, eine häusliche Partnerschaft mit einem undeutlichen Nichts zu pflegen, finde nicht mehr von der Schule nach Hause, so ist das verständlich, aber er irrt sich: das Zuhause der Frau ist dort, wo sie sich aufhält, im verfestigten Jenseits-Raum derer, die nichts mehr anficht, aus ihm kommt die unerschütterliche Gleichgültigkeit, mit der sie seine Reden, die mehr Ausbruchsversuchen gleichen, quittiert, mit der sie seine Versuche, sich in familiäre Abläufe einzumischen, ins Leere laufen lässt, mit der sie seine Art, mit den Kindern umzugehen, in deren Beisein herunterredet und mittels eines wohlkalkulierten Terminkalenders torpediert. Sie lässt ihn auflaufen, nicht hin und wieder, sondern konsequent und ohne einen weiteren Grund als den, ihn als einen, der nicht in Betracht kommt, zu markieren und vorzuführen: sie ist nicht loyal, ihre Loyalität gehört dem im Cliquen-Ego sich manifestierenden Meta-Ich, dessen Dynamik sie ihre persönlichen Verhältnisse opfert - so taucht eines Tages die Figur des ausrastenden Ingenieurs in seinen vier Wänden auf, um sie nicht mehr zu verlassen. Er bleibt, als Alter Ego, als Doppelgänger, der Mann als Mann: einer wie alle und einer wie er, überdies, um das Maß voll zu machen, ihm überlegen, weil er sich wie ein Mann benimmt, was er - vermutlich aus Unfähigkeit - verweigert, wie zum Hohn zeigt die Frau ihre Bereitschaft, sich zu unterwerfen, irgendeinem Mann, nur nicht ihm, sie winkt damit aus sicherer Entfernung, so wie Mitschüler auf dem Pausenhof mit dem Lineal winken, das sie einem aus der Tasche entwenden, um einen damit aufzuziehen. Diese hier zieht ihn also auf, sie spannt ihn, vielleicht tickt er ja irgendwann nicht mehr richtig oder schnappt über oder dreht durch; solange das nicht der Fall ist, kann man die Ausdrücke schon einmal versuchsweise vor den Kindern oder ausgewählten Vertrauten üben oder in gut abgepassten Situationen in Hörweite ausprobieren, so dass ihm unklar bleibt, worauf sie sich beziehen. Traben lassen, meine Dame, traben lassen, das Pferdchen traben lassen, immer im Kreis, versteht sich, den Vorteil nutzen, dass man Herrin der Zeit ist, weil man im Plan liegt, das treibt den Puls, das stimuliert den Hypotoniker.

Brauchen Sie mehr? Bitte, der Mann beschwert sich nicht, er nimmt seine Zustände in sich hinein, er nimmt sich ihrer mit derselben Inständigkeit an, mit der die Alten ihre mitgealterten Leiden pflegen, denn er kennt sie schon, er kennt sie aus einem früheren Leben, das Bett ist bereitet, in dem sie sich ausstrecken und bedient werden möchten. Der Witz der Frau geht auf die Aneignung älterer Niederlagen, den größten Teil hat er ihr in einer anderen Zeit erzählt, den Rest erahnt oder erfindet sie sich. Erklärt sie ihn hinter seinem Rücken zum pathologischen Fall? Er weiß es nicht, will es nicht wissen. Er will so manches nicht wissen. Was er weiß, versiegelt ihm Mund und Augen, er will ein guter Vater sein, schon das ist Schwund, er sieht die Scheibe aus Panzerglas wachsen, hinter der ihm die Kinder ... entgehen - ein seltsamer Vorgang, denn eigentlich glaubt er sich ganz gut mit ihnen zu verstehen, nur diese Tendenz, ihn zu fliehen, als habe man schon zu viel Zeit mit ihm verbracht und könne es nicht länger verantworten, verwirrt ihn, doch jeder Versuch, die Entwicklung aufzuhalten oder sogar umzukehren, treibt sie voran. Die Kinder gehören dem, der das Sagen hat, der entmachtete, der machtentblößte Vater bietet den Anblick einer Vogelscheuche, auf der sich die Raben für einen Augenblick niederlassen, um sich krächzend wieder davonzumachen. Sporadische Versuche, von den Kindern kleinere Leistungen zu verlangen und gegen allerlei seltsame Widerstände durchsetzen, festigen seinen Ruf als Choleriker, ein Fall von übler Nachrede seitens der Frau, der ihn immer wieder aufs Neue erstaunt, weil er es einfach nicht glauben mag. Seit der Sache mit dem Ingenieur hat sie freie Hand, er wäre nicht verwundert, wenn sie ihm eine Missbrauchsgeschichte aus früher Kindheit anhängen würde. Seltsamerweise hält sie sich mit solchen Geschichten zurück, vielleicht ist das Thema durch die Mutter besetzt, vielleicht ist sie schon in einem Kreis damit aufgelaufen, in dem es härtere Aspirantinnen gab. Höchstwahrscheinlich passt es nicht zum Selbstbild der ›starken Frau‹, möglich auch, dass ihr ein leise lesbischer Zug verbietet, sich dieses finalen Appells an den Mann zu bedienen, die Rigorosität, mit der sie die Tochter an ihre Seite zwingt, lässt da manche Deutung offen. Die Pferdchen traben, das System ist eingeregelt, never change a winning team.

Nein, Sie brauchen nicht mehr, ich sehe es an Ihren Augen, mir reicht es auch. Kommen Sie, verlassen wir gemeinsam das trostlose Paar, wenden wir uns der Tochter zu, die den Hokuspokus zu legitimieren hat, sie weiß davon nichts, aber sie trägt an der Bürde, vielleicht trägt die Bürde auch sie. Sie ist auf der Welt, weil einmal der Mann sich hat nötigen lassen, sie ist das Mittel und die Garantin für den Erfolg einer fortgesetzten Nötigung, sieht man das einem Kind an? Ein tyrannisches Kind, wie gesagt, kaum dass es auf der Welt ist, es fordert, es zieht auf sich, es lässt nichts bestehen, es erscheint wie die personifizierte Herrschsucht, der die Mutter, ganz dienendes Wesen, lächelnd jedes Opfer bringt. Es sind aber Beziehungen, die sie opfert, die sie, so scheint es, aufgibt, aber sie gibt sie nicht auf, sie unterwirft sie dem einen Willen, den sie nährt und vor dem sie kniet: »Sag, was du willst«, dieser Satz, hundert-, tausendfach in das kleine staunende oder suchende oder schreiende Wesen hineingesprochen, buchstäblich auf den Knien vor ihm, es an den Schultern haltend, das sich heftig abwendende Gesicht immer wieder in die Frontale zurückdrehend, als sei es ein Spiegel, der es nur noch nicht weiß, ein erzwungener Spiegel, ein solcher Satz ist das weibliche Fiat, die Erzeugung des Wesens, das weiß, was es will, damit es einem sagt, was man will, damit man weiß, was man will, damit man unangreifbar wird in diesem Willen. Natürlich weiß die Kleine nicht, was sie will, sie weiß auch nicht, was die Mutter will, weiß nicht, was diese Wortkaskaden bedeuten, deren ›Bedeutung‹ jedenfalls nicht auf diese Weise gelernt wird, sie versteht das Kasperletheater nicht, es ist quälend und lustig, die Pythia zu spielen. Sie sagt auch nicht, was sie will, sie nickt oder stößt ein gepresstes ›Ja‹ hervor, der Mutter reicht es. Schließlich liegt ihr nicht wirklich daran, zu erfahren, was die Tochter will, sie weiß es tief in sich selbst, dort, wo sich der eigene, allzu lange gefangen gehaltene Wille mit einem Mal löst, um sich auf dem langwierigen und selbstquälerischen Umweg über eine eigenmächtig herbeiphantasierte Welt kindlicher Bedürfnisse hier und heute zu realisieren - praktisch unbeirrbar, weil ohne Inhalt. Das Programm, das er an sich erfahren hat, das er kennt, weil es ihn stipulierte, ist einfach, es betreibt die rituelle, als Rückkehr inszenierte Einswerdung der Tochter mit der Mutter, die sie ihrer Mutter verweigern musste, weil ein anderer - männlicher - Wille sie frühzeitig an der Hand führte: ein Fehler, den sie jetzt korrigiert. In der Frauenideologie verfügt sie über eine Waffe, die der Mutter abging, sie zögert nicht, sie einzusetzen: »Sag, was du willst!« Aber der eigene Wille ist keiner, den man gibt, sondern einer, den man lässt. An der Unfähigkeit der Mutter, der Tochter ihren Willen zu lassen, spaltet dieser sich auf: in einen starken, der will, gleichgültig, worum es geht, aber bereit, bis zum Äußersten zu gehen, und einen schwachen, der das, was er will, am Ende preisgeben wird, das Weinen, Schreien und Zerren gehört zum Ritual der unausweichlichen Ergebung unter den Willen der Mutter, die nun, da die Tochter den ihren artikuliert, keine Scheu mehr kennt, den eigenen als den besseren, angemesseneren, überlegenen gegen sie in Szene zu setzen. 

Ein schwieriges Kind. Ein schwieriges Kind? Keineswegs. Nein, kein schwieriges Kind, nur eines, das die mütterlichen Kräfte aufs Äußerste spannt, so wie es an den Kräften aller zehrt, die sich ihm in erzieherischer Absicht nähern, ein talentiertes, der Mutter überlegenes Kind, da müssen Überschüsse weggeredet und beiseite gebracht werden, während die Kleine das mütterlicherseits über sie verhängte Programm in ein Spiel verwandelt, in dem sie die Regel bestimmt, die da lautet: Fang mich doch! Zwar weiß die Mutter, dass die Tochter sich ihr wie all die vorangegangenen Male am Ende wieder zurück in die Hand geben wird, aber dieses Ende ist fast beliebig hinausschiebbar, erst müssen beide die volle Skala der Erregung durchlaufen, deren Nachzittern das mit einem Mal gelöste und entspannte Kind mit einer heimlichen Freude erfüllt, die das Tor zu ihren verschwiegeneren Freuden öffnet und verschließt, das eine wie das andere, die Zauberpforte.
4.
- Sie lieben Ihre Tochter?

- Wenn man davon absieht, dass ich keine habe: abgöttisch. 

- Der Mann in Ihrer Geschichte: Hat er nie daran gedacht, ihr ein Ende zu setzen?

- Der Entschluss existiert seit langem, das sagte ich bereits. 

- Das ist kein Entschluss, sondern eine Milchmädchenrechnung: Wenn ich so und so lange in dieser Geschichte aushalte, bekomme ich eine andere geschenkt. 

- Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Ich glaube, so denkt dieser Mann nicht. Er denkt überhaupt nicht in Geschichten, er ist eher verwundert, wenn ihm eine passiert.

- Das nenne ich arrogant.

- So nennen ihn viele. 

- Auch seine Freunde?

- Auch seine Freunde.

- Sofern er welche hat, was ja eher zweifelhaft ist. Trotzdem bleibt es eine Milchmädchenrechnung, vielleicht eine arrogante Art, da mögen Sie Recht haben. Denkt er nicht daran, dass so ein Leben vergeht, also auch seines, dass ein verpasstes Leben nicht nachgeholt werden kann?

- Doch, daran denkt er, und er fragt sich, ob er etwas verpasst. Er ist sich aber nicht sicher. 

- Weil er hochmütig ist. 

- Da bin ich mir nicht sicher. Sie können es auch Demut nennen, was gesellschaftlich weniger gut konnotiert ist, aber im Effekt bleibt es sich gleich. Ihm spukt so ein Satz im Kopf herum: Hier ist kein Ende des Irrens, denn der Weg ist der Irrtum.

- Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

- Schon gut. Der Satz vom Irrtum meint Eros, den Türenöffner und -schließer.

- Das klingt mir zu abgehoben. Was macht Ihr Freund beruflich?

- Abgesehen davon, dass er nicht mein Freund ist, mag ich darüber nicht reden. Lassen wir es im Dunkeln. Ein Mensch hat seine abgeschatteten Seiten, dieser hier leidet darunter, dass ihn alle Welt nach seinem Beruf fragt. 

- Das verstehe ich nicht.

- That's it. Mit dem Beruf geht es ihm wie mit der Frau: er müsste ihn aufgeben. Stattdessen füllt er ihn aus.

- Der Beruf den Mann oder der Mann den Beruf? 

- Der Mann den Beruf. Er hat aber noch Kapazitäten übrig. 

- Wie schön für ihn. 

- Das klingt spitz, und das war's, was ich sagen wollte. Aber wie Sie sehen, ist es mir gerade entfallen. So kann's gehen. Da fällt es mir wieder ein. Sehen Sie, der Mann lebt ja nicht aus der Welt. Ich meine, er ist keiner, der sich versteckt. Manchmal lässt er sich im Gespräch hinreißen, er redet dann anders, stockend, auf irgendeine Weise hingegeben, man merkt, er ist bei der Sache, auch wenn man nicht - oder nicht gleich - begreift, um was für eine Sache es sich dabei handelt, aber das kann einem schließlich egal sein. Übrigens redet er wirklich gern, obwohl man nicht sagen kann, er höre sich gerne reden, das nicht. Eigentlich redet er zu sich selbst, er entfaltet gern die Dinge im Reden, er beschaut sie sich, dreht sie nach allen Seiten, vergisst gerne Zeit und Ort, Sie kennen den Typ. Sie lächeln, obwohl ich sicher bin, dass Sie ihn nicht wirklich kennen, aber Sie glauben, dass Sie ihn kennen. Das meinte ich. O, ich will Sie nicht kränken, das liegt mir fern. Ich mag Sie. 

- Und die Frau redet nicht mit ihm?

- Nicht wirklich, nein.

- Wie lange geht das denn schon?

- Lassen Sie mich nachrechnen. Das sind ja nun zwei verschiedene Linien, die innere und die äußere Chronologie einer Geschichte, ich habe mich darauf beschränkt, die innere zu erzählen. Aber da Sie jetzt danach fragen: Das geht natürlich alles schon einige Jahre, es geht in die Jahre, wenn Sie verstehen, da liegt Staub drauf, aber manchmal geschehen so Dinge, da ist alles wieder ganz frisch, so wie neulich, als sie mit selten gesehenen Freunden - seinen Freunden, wohlgemerkt - beisammensitzen und er von einer vor kurzem, übrigens allein unternommenen Reise zu erzählen beginnt, wie gesagt, er legt Wert auf Details, sie unterbricht ihn und führt den Bericht mit ein paar dürren Worten zu Ende, dann steht sie auf, bittet ihn zu zahlen und geht. Nur eine Episode von vielen, wenn man es so sehen will, nicht anders ergeht es ihm vor den Kindern, aber diese Szene hier ist nicht häuslich, wenn Sie verstehen, was ich meine.

- O ja. Wie reagiert er? 

- Er erstarrt. Zunächst innerlich, aber das will bei ihm nichts heißen. Als die Frau weg ist, bestürmen ihn die Freunde und er lüftet den Schleier über dieser Beziehung - 

- und die Freunde sind entsetzt. Sie wollen es nicht wahrhaben. Eine so reizende Frau und all die Jahre, das kann so nicht stimmen. Etwas an seiner Wahrnehmung muss falsch sein oder sagen wir revisionsbedürftig. Nicht wahr? Ich persönlich glaube ja, dass sie damit nicht ganz falsch liegen. 

- Dann erzählen Sie mal weiter. Sie scheinen die Geschichte zu kennen. 

- Ich kenne solche Geschichten. Eigentlich kennt sie jeder. Ich persönlich meine ja, die Männer legen sich da etwas zurecht, was nicht da ist. Frauen machen das nicht mit Überlegung. Sie reagieren auf den Typ, und wenn dann der Typ nicht nach ihrem Geschmack ist, spinnen sie einen Kokon um ihn, sie spinnen ihn einfach ein. Es mag schon sein, dass es sehr schwer ist, da wieder herauszukommen, ich bin kein Mann, aber ich stelle mir das so vor. Das ist dann sein Problem. Die Männer können nicht von den Frauen verlangen, dass sie ihre Probleme lösen, das müssen sie schon selbst. Also worauf wartet er?

- Ich weiß nicht, ob er wartet. Er bemüht sich sehr, nicht zu warten. 

- Das verstehe ich überhaupt nicht.

- Ich versuche es zu verstehen. Wenn er wartet, dann ist jede Minute, die er bleibt, vergeudete Zeit. Er hat aber keine Zeit zu vergeuden. Der Grund liegt in ihm selbst, in dem, was er ist.

- Was ist er denn? Ein Krüppel?

- Sie aber auch! Nun, er ist nicht behindert, er hat kein künstliches Organ, er humpelt auch nicht. Seine Behinderung ist mehr innerer Natur, ich nehme an, eine Vorstellung oder eine Idee, die dann und wann vermutlich in jedem Menschen herumgeistert, aber eher als Tagtraum oder irgendwann als ein Albtraum, im Bewusstsein dieses Menschen hingegen hat sie sich dauerhaft eingenistet und führt dort ein herrisches Eigenleben: das ist die Idee der Vollständigkeit, eine Art Messlatte, die man nicht an andere anlegen kann, nur an sich selbst, obwohl in der Regel - 

- ich wollte gerade sagen - 

- man immer nur den anderen ansieht, woran es fehlt. Woran fehlt's denn? Man möchte es manchmal nicht glauben, aber sagen Sie, was Sie wollen, ein Krüppel ist jeder. Halten Sie sich für vollständig?

- Bis jetzt schon ... Ich habe nicht darüber nachgedacht, aber wie Sie das jetzt so sagen, enthalte ich mich wohl lieber der Stimme. 

- Gut, dass Sie's einsehen. Es hat auch keinen Zweck. Regen Sie sich nicht auf, es hat keinen Zweck. Obwohl Sie als Frau natürlich ein Recht darauf haben, sich zu echauffieren. Hübsches Wort, schade, dass es ausstirbt. Eine Frau echauffiert sich nicht, sie hat einen Grund. Also regen Sie sich nicht auf. Schließlich ist das, was ich Ihnen erzählen will, aufregend genug. 

- Sagen Sie mal - 

- Ja?

- darf ich Sie unterbrechen? Mir fällt da gerade etwas ein, was für den Fortgang Ihrer Geschichte nicht ohne Belang sein dürfte. 

- Erzählen Sie, was Sie wollen. Ich weiß nicht einmal, ob es meine Geschichte ist, vielleicht ist es unsere Geschichte, dann wäre es höchste Zeit, dass Sie anfangen, sich um die Einzelheiten zu kümmern. 

- Genau das wollte ich tun. Vorher müssen Sie mir aber etwas verraten: Haben Sie eine Vorliebe für grüne Krawatten? 

- Dasselbe könnte ich Sie fragen. Ich verabscheue grüne Krawatten.

- Das dachte ich mir schon. Ich finde, der Herr in Ihrer Geschichte trägt gern grüne Krawatten. 

- Das mag sein. Aber ich verstehe den Einwand nicht.

- Ich bitte Sie, das ist doch kein Einwand. Ich versuche die ganze Zeit, ihn mir vorzustellen und stelle fest: er trägt grüne Krawatten. Er sollte das lassen. Ich weiß nicht, was sich dadurch verändert, aber es könnte sein, dass sich sein Problem damit löst. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich glaube Ihnen alles, was Sie mir erzählt haben, aufs Wort. Vielleicht glaube ich Ihnen zuviel, vielleicht ist das mein Problem. Wissen Sie, ich habe da so einen Verdacht. Er trägt nicht auf, dieser Herr. Eine Frau schätzt es nicht, wenn ein Mann nicht aufträgt. Wenn er grüne Krawatten trägt, dann nicht deshalb, weil sie ihm gefallen. Vielleicht verabscheut er grüne Krawatten, aber er trägt sie, weil sie ihm jemand geschenkt hat. Hat seine Tochter ihm einmal eine geschenkt? Sagen Sie nicht ja, das wäre zu einfach. Es muss weiter zurückreichen, viel weiter. 

- Ach was, es sind nicht die Krawatten. 

- Davon rede ich doch. 

- Dann habe ich etwas falsch verstanden. Die Frage ist doch, wenn es nicht an den Krawatten liegt, woran liegt es dann? 

- Muss es denn an ihm liegen?

- In gewisser Weise schon. Ein anderer hätte diese Frau nach ein paar Monaten, spätestens aber nach einem Jahr verlassen. Er muss Gründe haben, es nicht zu tun, entweder liegen sie außerhalb seiner Person oder sie liegen in ihr. Sehen Sie, er lebt ein Dilemma, aber er inszeniert es auch.

- Genau. Er inszeniert es, weil es ihm die Möglichkeit gibt, die Rolle zu spielen, die er schon immer spielen wollte. 

- Das müssen Sie mir jetzt genauer erklären. 

- Wenn ich es kann? Schon gut, ich werd's versuchen. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass dieser junge Mann - ich halte ihn für sehr jung, obwohl Sie mir zu verstehen gegeben haben, dass dies nicht seine erste Beziehung ist und dass er daher wohl zu den reiferen Jahrgängen zählt -, dass dieser junge Mann sehr genau sieht, was sie ihm zufügt. Sie haben da sicher mehr Erfahrung als ich, aber ich halte das für ungewöhnlich. Genauso ungewöhnlich finde ich es, dass er sofort in den Sog dieser Sache mit dem Ingenieur gerät. Ich glaube übrigens, dass das Frauen häufiger zustößt, sie reden nur selten darüber. Aber das ist ein anderes Thema. Sie haben ja Recht, manche Frauen neigen dazu, so etwas auszubeuten, aber das sind nicht die, denen es gerade passiert. Sie können mir ja viel erzählen, aber nicht, dass ein Mann sich sozusagen als Büßer - oder wie soll man das nennen, mir fehlt jetzt das richtige Wort - für die Untaten eines anderen hergibt, es sei denn, er kommt dabei auf seine Kosten. Das ist etwas, was Sie mir noch erklären müssen, sonst halte ich Ihre Geschichte für unglaubwürdig. 

- Gut gebrüllt, Löwin. Wenn Sie jetzt anfangen, Ihr Kleines zu verteidigen, dann wird daraus endgültig unsere Geschichte. 

- Das will ich doch nicht hoffen, mein Herr. 

- Weiß man's? 

- Ich sollte jetzt wirklich gehen. Wie war das mit der Zeit, die man nicht doppelt ausgeben kann? Während ich hier sitze, könnte ich tausend Sachen erledigt haben, die jetzt warten müssen oder auf die ich niemals zurückkommen werde, weil es keinen Zweck hat. Aber was hat denn einen Zweck? Zum Beispiel hat es keinen Zweck, sich so von einem anderen Menschen behandeln zu lassen, dass am Ende nichts mehr von einem übrig bleibt. Ich weiß, was Sie sagen wollen. In gewisser Weise kommt diese Frau ja nicht an ihn heran, er beobachtet alles, er bedenkt alles, er führt sein Leben in gar keinem. Aber kein Leben ist nun mal keines, da hilft ihm auch keiner. Also, wie wollen Sie ihn aus diesem Dilemma herausholen? 

- Indem ich ihn darin belasse. Ein Dilemma ist ein Dilemma. Kein Dilemma ist auch eines. Das Dilemma, das diesem Mann zustößt, ist das Dilemma einer Generation. Im Grunde hat er doch nie eine andere Art von Frauen kennengelernt. Diese hier wirkt so extrem, weil sie den kleinsten gemeinsamen Nenner repräsentiert - zum Abgewöhnen genau das Richtige. Alle diese Frauen haben zwei Dinge gemeinsam: eine gute Ausbildung und die fixe Vorstellung, anders zu sein als ihre Mütter und Großmütter. Anders zu sein, das ist der Zwang, unter dem sie stehen, sie müssen anders sein, daran scheitern sie. Da ihr Anderssein abstrakt ist, wiederholen sie das Leben der Mütter, soweit sie es kennen, also aus der Kindperspektive, sie büffeln sozusagen den Stoff vom Vorjahr und erwarten eine bessere Note, weil sie jetzt in einer höheren Klasse sind, aber dieser Stoff steht nicht auf dem Lehrplan und alle Anstrengung bleibt umsonst. 

- Also Sie behaupten, diese Frauen stehen unter dem Zwang zum Anderssein - 
- einem ganz enormen Zwang - 

- und in der Beziehung zu ihren eigenen Kindern bleiben sie selbst das Kind, das sie einmal waren?

- So kann man es sagen. 

- Das verstehe ich nicht. Das hieße doch, dass sie die Erwachsenensicht verweigern. 

- Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sie verweigern die Mutterrolle, die sie als Kind mitgekriegt haben. Sie verweigern die Nachfolge. 

- Was ihr gutes Recht ist. Schließlich steht es jedem frei, etwas anderes aus seinem Leben zu machen. 

- Ach wissen Sie, der Mensch ist das mimetische Tier. Sie machen sie ja doch nach. Aber, wie gesagt, anders: entweder so, wie Kinder Erwachsene spielen, mit Inbrunst, nur ohne Zusammenhang, ohne Grundsätze, ohne Inhalt, wenn Sie mich verstehen, oder aus dieser lächerlichen Position der Überlegenheit heraus, die sie von ihrer Ausbildung oder ihrem Beruf abzweigen. Da wird dann durchgecheckt und durchgerechnet und durchorganisiert, dass sich die Balken biegen, falls man sie nicht sicherheitshalber vorher entfernt hat. Am Ende ist alles Berechnung, bevor es auseinanderfällt.

- Sie mögen die Frauen nicht. 

- Ich bin ein Mann. Dieses kriechende, fickende, erbärmliche, brutale, anmaßliche - 

- Könnten Sie die Litanei bitte abstellen? 

- Wie Sie wünschen. Um auf die grünen Krawatten zurückzukommen, so mögen Sie Recht haben, der Mann ist nachlässig. 

- Sag' ich doch. Aber das finde ich nicht so schlimm. Schlimm finde ich, was sie daraus macht. Eigentlich läuft es darauf hinaus, dass sie ihn zu entkernen versucht. Ich glaube nicht, dass sie ihn loswerden will, ihr genügt die leere Hülse. 

- Die so leer nicht ist.

- Die so leer nicht ist. Aber davon weiß sie nichts. Das interessiert sie auch nicht. Sie will nur, dass er funktioniert. Ich nehme an, das gelingt ihr blendend. Sonst würde er nicht kommen, das ist schon Indiz genug. 

- Mannsein als Bringschuld. 

- Ja genau. Mich fasziniert immer wieder, mit wie einfachen Mitteln es den Frauen gelingt, so etwas durchzusetzen. 

- Sie haben eine Perspektive.

- Wie meinen Sie das?

- Ich meine, wer sich auf die Siegerseite der Geschichte setzt, verfügt über andere Möglichkeiten. 

- Die Geschichte kenne ich nicht. 

- Aber Sie leben sie.

- Das müsste ich wissen. 

- Finde ich auch. Der größte Teil der Werbung redet doch von nichts anderem. Man fragt sich, welche Chance eine junge Frau hat, nicht zur Närrin zu werden angesichts des Schwachsinns, den man ihr von überallher zubrüllt. Gehören Sie etwa nicht zu den Frauen, die ihr Ego direkt aus der Sonne beziehen? Da entgeht Ihnen was. 

- Auf der Seite ist mir so manches entgangen. 

- Aber es ist Ihre Seite, Sie sollten sich mal informieren. 

- Ich kenne meine Mitfrauen, das ist nicht der Punkt. Aber Sie müssen schon genau hinhören, den Stuss reden auch die Männer, jedenfalls die meisten. Wenn Sie mal ein paar Takte gegen weibliche Verblendung sagen, haben Sie gleich zwei von ihnen am Hals, die gar nicht mehr aufhören können, Ihnen zu beweisen, dass Sie im Unrecht sind. Werden Sie die erst mal los. Was ist das? Ist das Feigheit? Jedenfalls ist es auch eine Art, die Frauen in Unmündigkeit zu halten. Apropos Unmündigkeit: Sagen Sie Ihrem Freund, diese Frauen sind alle Papiertiger. Auch seine. Er soll sich nicht einschüchtern lassen.

- Aber er ist überhaupt nicht schüchtern.

- Das habe ich befürchtet. Also liegt es an den Frauen. 

- Er hat nichts gegen Frauen. Er vertraut ihnen. Er vertraut ihnen so sehr, dass er sich nur sehr schwer zum Misstrauen entschließen kann, wenn bereits alles zu spät ist. Und selbst dann bleibt er ambivalent...

- Das muss ein Geburtsfehler sein. Dann ist ihm nicht zu helfen. Dabei ist alles so einfach, er müsste ihnen nur zuhören, wenn sie zusammen sitzen. Sie sagen es frei heraus, sie haben da gar keine Hemmungen. Wie naiv muss man eigentlich sein, um zu glauben, das, was da geredet wird, beträfe einen selbst nicht? Die Männer nehmen die Frauen erst ernst, wenn es zu spät ist. Arrogantes Pack. 

- Wissen Sie, es ist mit den Siegern wie mit den Besiegten: es kommt auf den Entschluss an, sich zur einen oder zur anderen Seite zu rechnen. Glauben Sie mir, auf der Siegerseite lebt es sich angenehmer. Mit den Jahren wird es sehr sehr lästig, als hässlicher Mann durchzulaufen. Der Bekennerdrang nützt sich ab. 

- Und warum lassen sie's dann nicht?

- Weil sie's nicht können. Weil es ihnen verwehrt ist. Weil ihnen die Maschinensprache aus dem Mund quillt. Weil man als Verlierer in seiner Haut allein ist. Weil sie nicht zu den Geächteten zählen wollen. Weil sie mitzählen wollen. 

- Schon gut. Aber Sie wissen, das gilt nur für eine ganz dünne Schicht der Bevölkerung, bei den anderen ist das doch gar nicht angekommen. 

- Ich weiß nicht, ob sie so dünn ist. Doch diese Geschichte handelt nun einmal vom harten Kern. 

- Die Unberührbaren, ich weiß. Ein fruchtbares Völkchen. Oder ein furchtbares, so oder so herum. 
5.
Die Frau ist nicht eine, sie ist viele. Es ist nicht mehr die Arbeit, die den Kreis der Freundinnen zusammenschweißt, das war einmal, inzwischen verteilen sie sich auf mehrere Schulen, die eine oder andere ist aus dem Schuldienst ausgeschieden oder hat ›reduziert‹, die damit verbundenen Erregungen sind abgeklungen, heute verbindet sie die permanente Verfügbarkeit von Auto und Telefon, die wöchentliche Runde beim Italiener oder Türken oder Inder mitsamt Vor- und Nachbereitung, die kollektive Bewältigung von Lebenskrisen, nicht zu vergessen der grüppchenweise verbrachte Urlaub - letzteres ein nicht unheikler Punkt, denn wer mit wem wann wohin fährt, verrät einiges über den Stand der Finanzen sowie das Ausmaß der augenblicklichen Eifersüchteleien. Geplant wird früh, praktisch im Anschluss an die gerade vergangenen Ferien, das Gefühl der Unsicherheit, das sich sonst breitmachen würde, wäre unerträglich. Warum das so ist, weiß niemand, es gehört zu den Ritualen der Kaste, der man angehört, über so etwas denkt man nicht nach. Wer einen anderen Lebensrhythmus besitzt, wer etwa das Bedürfnis verspürt, spontan zu verreisen, besitzt schlechte Karten, er wird rücksichtslos an die Wand gespielt, wie vor allem der eine oder andere Mann erfahren muss. Man kann nicht sagen, die Runde sei männerfeindlich, gelegentlich sitzt einer dabei, bei Geburts- und sonstigen -tagen trifft man sich selbstverständlich mit Anhang, über dessen Köpfe hinweg sich binnen weniger Minuten das Gespräch derer erhebt, die hier das Sagen haben. Die mitgebrachten Männer langweilen sich, führen Männergespräche, die daran kranken, dass alle seit Jahren miteinander ›nichts anfangen‹ könnten, sie wissen, dass sie im gemeinen Leben einander nicht einmal wahrzunehmen, geschweige denn zu schätzen bereit wären, während so, wie die Dinge nun einmal stehen, sie bis in intime Details über den jeweils anderen unterrichtet sind, was den Sympathiepegel keineswegs treibt. 

Seit eh und je kennt der Mann diese Runde, manchmal taucht ein neues Gesicht auf, in den letzten Jahren so gut wie nicht mehr. Männer, an deren nichtssagende Visagen man sich im Lauf der Zeit gewöhnt hat, sie kommen abhanden, werden nur selten ersetzt. Der Ingenieur zum Beispiel ist verschwunden, von der Sprachlosigkeit verschluckt, als habe es ihn nie gegeben. Der Chor der Weiber hat ihn zum Fall gemacht und fallengelassen. Dass die Geschundene, das blühende Leben, ihn mit einem glatten Schnitt vom gemeinsamen Haus getrennt hat, ist keiner Erwähnung wert, es versteht sich von selbst. Sein Fall ist nicht der einzige. Der Mann erinnert sich an einen großspurig auftretenden Sportsmann, einen Immobilienverwalter, der sein Gastspiel in diesem Kreis eher rasch beendete. Das kurze Engagement reichte aus, um ein waghalsig finanziertes zweistöckiges Wohnhaus hochzuziehen, in dem er inmitten seiner Familie ein standesgemäßes Leben zu führen gedachte. Seltsam, dabei zuzusehen, wie sich die in Scheidung begriffene Partnerin, eine noch immer halbwegs elegant wirkende Oberstufenlehrerin für Englisch und Französisch, unter den besorgten Kommentaren des Kreises in ein schluchzendes, stammelndes, nicht länger der Grundrechenarten mächtiges und auf diffusen männlichen Beistand angewiesenes Schoßgeschöpf verwandelte. Auch diese Person bewohnt heute, nach Außenstehenden undurchdringlich erscheinenden finanziellen Regelungen, eloquent und gelassen allein mit den Kindern das ehedem gemeinsame Haus, wenn man von der Mietpartei einmal absieht, die den ›Besitz‹ finanziert. Störend in diesem Fall wirkt vielleicht, dass die elegante Person vom Ex-Mann nicht nur das Haus, sondern auch die rüde Gesinnung zurückbehalten hat, so kann es ihr unterlaufen, dass sie mitten zwischen den untadeligsten Ansichten sich rückhaltlos keifend über irgendwelches ›Gesocks‹ verbreitet, das ihr oder ihresgleichen an den Beutel will, und sei es auf dem Weg über Steuerreformen oder ähnlich faule Umverteilungstricks der jeweils Regierenden. Der Mann glaubt zu bemerken, dass die Freundinnen diese Ausfälle schweigend passieren lassen, als handle es sich um epileptische Anfälle, die keiner Kommentierung bedürfen. Da hat sich die Älteste unter ihnen, mittlerweile pensioniert, schon besser unter Kontrolle. Ihre Scheidung reicht noch in jene biblischen Zeiten zurück, in denen dergleichen für ein Unglück, um nicht zu sagen für eine Katastrophe gehalten wurde. Auch sie eine respektable alleinstehende Hausbesitzerin in begehrter Wohnlage, der Mann erinnert sich undeutlich an die dazugehörige Legende, die sie ihm anlässlich eines Festes bei Schummerlicht anvertraute und deren fassliche Teile sich im Weiterreden immerfort zu entfernen schienen, je intensiver er versuchte, sich das bereits Gesagte zu vergegenwärtigen, aber damals war er noch arglos und beschloss sogar, die Person zu mögen. 

Übrigens ist sie die Intellektuelle des Klubs, ihre Lektüren machen die Runde, sie sorgt dafür, dass die Giftmischerinnen-Romane einer aus dem Ruder gelaufenen Provinztippse auf Monate hinaus ein absolutes Muss werden, der Mann verdankt ihr die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller-Phantom ›Houellebecq‹, dem das vage Kunststück gelingt, die Pulse im Damenkreis kurzfristig in die Höhe zu treiben - zum gelinden Erstaunen des Mannes finden diese marktschreierischen Bücher nach und nach Eingang in das Wohnzimmerregal, in dem sich seine eigenen Bestände seit den Anfängen mit denen der Frau vermengen. An der Giftmischerin nimmt er erstmalig ein Verhalten wahr, das sich irgendwann ›steppenartig‹ unter den Damen ausbreitet und auch die Erinnerung an frühere Begegnungen nicht unberührt lässt: den Unwillen oder die Unfähigkeit - er weiß nicht, für welche Auslegung er sich entscheiden soll -, sich länger als fünf Minuten auf ein Gespräch mit ihm einzulassen, und zwar gerade in einem Moment, in dem er, einmal völlig entspannt, wie er meint, einer Plauderei nicht abgeneigt wäre; er merkt, wie das Köpfchen steigt, sich hin und her zu drehen beginnt, die Stimme einen gepressten Klang annimmt und die einfachsten Repliken ausbleiben, so dass ihm der Verdacht kommt, sie suche Hilfe in ihrer Umgebung oder sie müsse den anderen signalisieren, dass dieses Gespräch nicht auf ihr Konto gehe, dass es ihr förmlich aufgenötigt werde und sie folglich darum bitte, es nicht zu berücksichtigen. Er hält sie noch eine Weile fest, weil ihr Verhalten ihn neugierig macht, dann gibt er sie frei und meint das Schwirren des entweichenden Kolibris zu vernehmen. Nein, es ist nicht das erste Mal, jetzt erinnert er sich, Ähnliches bereits früher, nur undeutlicher, mit der Gastgeberin erlebt zu haben. ›Frau‹ hat sich in der Wohnung der vormals eleganten Sprachlehrerin versammelt, die gerade eine Geburtstagstorte anschneidet, während ein Teil der anwesenden Gäste, Männer zumeist, auf den Balkon hinausgetreten ist, um schweigend, ein Glas Sekt in der Hand, auf den Garten des Grundstücks hinunter zu starren, der sich entlang einer riesigen Brandmauer erstreckt, allerdings auch ein Stückchen darüber hinaus, was mit seinem Anblick insofern versöhnt, als ohnehin nicht viel damit ›los‹ ist. Dieselbe Unfähigkeit, ein winziges Stück Natur überzeugend zu bändigen, zeigt sich seit einiger Zeit in der Frisur der Gastgeberin, wobei es dem Mann so vorkommt, als habe nicht etwa ihre Sorgfalt nachgelassen, sondern eine ihr voraus liegende Spannung, die er nicht genau lokalisieren kann, aber spontan ebenso sehr der veränderten Struktur des Haares wie des sich darauf richtenden Bewusstseins zuschreibt. Die Ursache dieser Veränderung bleibt ihm naturgemäß verborgen, es kommt ihm aber so vor, als finde sich ein Gegenstück dazu in der etwas sperrigen, frühere schräge Auftritte karikierenden Manier der Frau, die erst vor fünf Minuten den Raum betreten hat und die seine Partnerin ihre beste Freundin zu nennen keine Sekunde zögern würde, obwohl sie sie keines Blickes würdigt, während sie sich dreht und reckt und ihr unmögliches Verhalten zugleich mit der unglaublichen Leistung, nun endlich ›gelandet‹ zu sein, in den Raum trompetet. Ziemlich gewöhnlich, wie die schreienden Farben auf ihren Röcken und Blusen, ist auch ihr Gang, ein stürmisches Trippeln, das Ungeduld und immer leicht fiebrige Erregung verraten soll, aber nur anzeigt, dass sie zu den Wesen gehört, die niemals genug haben können, egal, wieviel ›Erlebnis‹ sie inhaliert - sie kann es nicht, stattdessen hat sich die Grenze, sichtbar wie ein Dragonersäbel aus einer der zahllosen Sammlungen, die sie mit ihren Schülern im Lauf der Jahrzehnte zwischen Hradschin und Louvre frequentiert hat, quer durch ihren Körper gelegt, mit dem Knauf mitten im starren, aufrechten, fragend-fordernden Gesicht. Entgleisung, findet der Mann, ist nicht das richtige Wort, ›Vergleisung‹ schon eher. Denn was sich in früheren Jahren hier und da als schwache oder mittlere Möglichkeit der Verhärtung zeigte, als eine Tendenz, die Dinge anzugehen und sich zu geben, als erst erkundetes, später mehr ›typisches‹ Verhalten, ist es nun ganz und gar geworden, ohne die leiseste Abweichung, ohne ein augenzwinkerndes Ich-komm-damit-schon-klar, und das wäre ja auch nach Lage der Dinge verlogen. Die Lüge, so denkt der Mann, während er den Papagei mit melancholischen Blicken streift, ist in diese Körper eingetreten und an einer unvermuteten Stelle wieder herausgekommen, sie ist jetzt so sehr Bestandteil der Person, dass jeder Versuch, sie zu lokalisieren, nur Stimmiges zutage fördert, wo sie doch unmittelbar ins Auge springt. ›Ich bewege mich unter Personen, die nicht in Betracht kommen, sollte es sich um Automaten handeln, so sind sie geschickt konstruiert, aber bloß geschickt, sie wissen über alles und also auch über sich auf diese mechanische, repetitive Weise Bescheid, die Lehrern und Automaten eignet, man kann ihnen nichts sagen, entweder es fällt in ihr Programm, dann zerschneiden sie deine Rede und führen sie statt deiner zu Ende, oder es gehört nicht dazu, dann ist ihr Zuhören bloße Illusion. Vielleicht hören sie trotzdem zu, so, wie sie ihren Schülern zuhören, über deren Leistung sie sich währenddessen ein Bild machen, vermutlich vergeben sie Noten, wenn sie mit angehaltenen Mienen zu lauschen scheinen, aber wahrscheinlich warten sie einfach auf ihren nächsten Einsatz, immer auf dem Sprung, denn es darf keine Pause entstehen, das wäre Absenz.‹ 

Es ist aber so - und er spürt es genau -, dass er hier nicht in Betracht kommt, wie ihm die Sprungbereitschaft der Giftmischerin vorhin einmal mehr signalisiert hat, obwohl er gerade darüber Zweifel empfindet, da sich in ihrem Verhalten ein neues Element zeigt, das sich vielleicht nicht so sehr von den gewohnten unterscheidet, aber doch auf einer ansonsten ruhig scheinenden Wasserfläche eine Kräuselung bildet, einen hellen Fleck im Bewusstsein. Banal wäre es, anzunehmen, sie hätten über ihn geredet, diese Reden sind zirkulär und endlos, solange sie nicht den Punkt erreichen, an denen ein Strang abreißt, denn das ewige Schieben und Drücken der Redensarten und Erregungen funktioniert am Ende so wie ein gelegentlich - keiner kennt den Tag und die Stunde - kalbender Gletscher, und es könnte sein, dass nach dem Abgang des Ingenieurs nunmehr seine Verabschiedung auf der Agenda steht. Dem würde entsprechen, dass sich die Gastgeberin nicht, wie sonst, auf einen Sprung neben ihm niedergelassen hat, um ein wenig gehobene Konversation zu führen, zu der sie sich aus irgendeinem Grund im Kreis ihrer Freundinnen besonders befähigt glaubt, wohl deshalb, weil sie den eigenen Typus instinktiv für kostbarer hält. Vermutlich verdankt sie dieser Überzeugung, die von ihr ausstrahlt, als könne sie nichts dafür, das Haus samt Interieur, auch wenn man nichts Genaues darüber weiß. Andererseits sind das, wie er aus langer Erfahrung weiß, trügerische Zeichen, die Ursachen dafür können ebenso in einer verdorbenen Vorspeise wie in einer zur Unzeit eingelaufenen Rechnung liegen, auch wenn er sich eingestehen muss, dass er sich nicht nur überflüssig vorkommt, sondern auch entsprechende Signale von den Anwesenden empfängt, rasch hingeworfen und wieder verwischt, deutlicher übrigens seitens der Männer, ein Hauch von Duellforderung liegt in der Luft. Verstärkt wird der Eindruck durch die gegenläufige, geradezu leutselige Art, in der ihm der Ehemann der ›besten Freundin‹ diesmal entgegenkommt, ganz auf der Linie eines auch sonst von ihm bevorzugten Honoratioren-Verhaltens, das den Abstand zum zwanghaften Gebaren der übrigen Männchen in jeder Wendung aufs Neue herzustellen weiß. Der Mann kann nicht recht feststellen, worauf die Wissbegier des anderen sich richtet, vermutlich hat man sich früher so einem zum Tode Verurteilten genähert, der von dem ihm bevorstehenden Schicksal nichts weiß, vielleicht, um die Unschuld des todverfallenen Lebens zu riechen, vielleicht, um den bitteren Vorgeschmack des eigenen Abgangs zu kosten, jedenfalls blitzt zwischen seinen leichten Bemerkungen ein wirkliches Interesse auf, das dem Gesagten einen Platz in einem imaginären Orbis Pictus zuweist, der dem Mann naturgemäß unzugänglich bleibt. Er reicht ihm sogar die Hand, bevor er sich im Strudel der anderen Gäste verliert, eine rätselhafte, absolut unübliche Geste, die den Mann an einen anderen, eher einsilbigen Abschied erinnert, der nun schon einige Zeit zurückliegt. 

Was ist das? Gute Frage, selten gestellt, vor allem, wenn die Antwort Fisch oder Aquarium lautet. Er hat sie sich seinerzeit gestellt, im Inder, einem Lokal, das er bis dahin nur einmal von innen gesehen hatte, das aber den Mitbesuchern vertraut zu sein schien, da er nur selten, eigentlich nie mit der Frau ausgeht, es sei denn, sie bringt ihn dazu, aus irgendeinem Anlass im Beisein der einen oder anderen Freundin Staffage zu mimen, wie auch diesmal, findet er das völlig in Ordnung, wenngleich ihm der Anlass des heutigen Besuchs unklar geblieben ist, doch so ein Dunkel kann sich lichten. Ist er bereit? Er weiß nicht wozu, er ist abgelenkt, denn er hängt einem Gedanken nach, an dessen Formulierung er vorhin am Schreibtisch, mehr aus physischer Erschöpfung, gescheitert ist, der Abend könnte ihn wieder flottmachen, wenn nicht, so dient er wenigstens der Zerstreuung. Die Erinnerung an solche Abende taucht wie eine gelbe Scheibe aus dem immer vorauszusetzenden Nieselregen, das Gelb ist bitter, wer davon kostet, wird den Geschmack lange nicht los. Könnte er nicht doch von dem Sekt haben? Nein, Orangengeschmack wäre ihm heute zuwider. Endlich hat die Frau den Platz schräg gegenüber der besten Freundin erbeutet. Ihr Körper signalisiert, dass er ihn nicht mehr aufzugeben gedenkt, beinahe berühren sich ihre Knie, die Freundin dreht den Kopf über die Lehne, spricht zu einer Gruppe von Freundinnen hinauf in einem schnellen, stakkatoähnlichen Sprechgesang, das kann dauern, irgendwann wird der Hals ermüden, davon darf die Frau ausgehen, darauf zu warten bereitet keinerlei Mühe, eher das Gegenteil, alles an ihr ist Anteilnahme, frauliches Mitsein. Warum nicht? Aus Konstellationen wie dieser erwachsen die fruchtbarsten Momente des Lebens, auch andere, etwa die Szene am Gartentor. An einem drei-plus-eins-Verhältnis kann nichts falsch sein, man geht gelegentlich essen, man besucht sich, die Kinder erben voneinander die Klamotten, das ist normal. Anders als die restlichen Männchen hat der Papageien-Gefährte, dieser ›gute Freund‹, einen Stammplatz am Damentisch, den er natürlich die meiste Zeit leer lässt, aber nicht immer. Wenn die Damen über ihn reden, verändern sich ihre Stimmen, sie bezeugen einen beiläufigen Respekt, der nur deshalb durchgeht, weil der hier die Ausnahme ist, die man zulässt, die einzige vermutlich, die sich rechtfertigen lässt, auch wenn man von einer solchen Operation besser absieht, lieber behandeln sie ihn ein wenig wie frühere Geschlechter von Bäuerinnen den Großknecht: da er der einzige ist, der ›es bringt‹, muss er auch richten, was anfällt, und da ihm neben einer gewissen täppischen, durch den Beruf weltläufig gewordenen Selbstgefälligkeit auch eine gutmütige Handwerkerseele eignet, bringt und richtet er, was so zu richten ist, hinter seinem Rücken von den Männchen, die ›es‹ nicht ›bringen‹, mit einem Achselzucken und einer gelegentlichen Grimasse bedacht, was ihm sicher nicht ganz entgeht, ihn aber kalt lässt. Wenn er sich rächt, dann allenfalls dadurch, dass er ihnen gegenüber dieselbe gutmütige Ratgeber-Pose einnimmt wie gegenüber den Frauen: die anderen, Männer wie Frauen, mögen vielleicht wissen, er weiß, wie es geht und wo es langgeht. Dafür gestatten die Freundinnen ihm die verbale Ausgießung dessen, was sie bei ihren häuslichen Anhängseln rigoros auf das Notwendigste heruntergestutzt haben. Soll heißen - hören Sie ruhig weg! -, der von ihm bestrittene Teil des gemeinsamen Tischgesprächs dient, soweit ihn nicht allerdings uferlose gastronomische Erörterungen verschlingen, der wortmächtigen Belehrung über allerlei Schwellungs- und Alterungsaspekte seines Geschlechtsorgans, was die eine oder andere der Damen ab und an mit einem halb pikierten ›Ach!‹ quittiert, ansonsten herrscht Schweigen. Wehe dem Neben-Männchen, das es ihm gleichtun wollte! 

Natürlich weiß die Papagei-Frau, welche Goldgrube sie da verwaltet, sie bewältigt die Aufgabe verantwortungsvoll und nicht ohne Geschick, mit Sicherheit besser als jeder Mann, sonst machte die Sache auch keinen Sinn. Die Informationen über den jeweiligen Erhaltungszustand ihres Mannes sind irgendwann zum Transmissionsriemen geworden, der das Rad der Sensationen am Laufen hält, soweit sie nicht von Schule und Kindern diktiert werden. Der erste, noch haltlose Prostata-Verdacht bringt seinen Schwanz endgültig in aller Munde, auch der Mann erfährt davon, manchmal spürt er eine Versuchung in sich aufsteigen, der er widersteht, während er zusieht, wie die Frau ihre beste Freundin hartnäckig dazu benützt, sich als Nebenfrau des Organträgers in Szene zu setzen und sich so im Kreis eine privilegierte Stellung zu verschaffen. Die Freundin scheint es nicht ungern zu sehen, sie fördert den Kontakt, wo sie nur kann, sie streut dem Mann Sand in die Augen, belügt ihn ein wenig, es liegt an ihm, wenn er das Angebot zur Triebabfuhr ausschlägt, wenn die ›reife Sexualität‹ des Kreises an seiner Gleichgültigkeit oder seinem Hochmut abgleitet, so wird er dafür wohl büßen. Ihr Mittel, den eigenen Mann wie ein Dromedar auf der Suche nach einer neuen Wasserstelle in steter Bewegung zu halten, ist die Hysterie, eine kleine, blitzende, unendlich verwandlungsfähige und immer einsatzbereite Hysterie, gegen die auch die beste Freundin nicht ankommt, die dieser aber die Rolle des unkomplizierten, vom Organträger dankbar und ausgiebig in die Arme genommenen Kumpels erlaubt, die ihr ohnehin liegt. Vielleicht ist er ja impotent. Oder nicht? Wer möchte das wissen. - Auf dem Tisch des »Inders« stehen wunderliche Gedecke, Kerzen brennen, sie brennen nieder, die Papageienfrau ist sommerlich angezogen, etwa so, als habe sie unter ihren Schülerinnen einen Ideenwettbewerb zum Thema ›Sommer‹ angeregt und sei mit den Resultaten noch nicht zufrieden. Mit ihrem Körper schirmt sie die Freundin gegen den Mann ab, dem das ganz recht ist, übrigens auch gegen den eigenen, der an diesem Abend ungelaunt erscheint, das Gespräch lahmt, das Lokal ist schlecht, die Preise sind gepfeffert. Aber noch ist der erlösende Augenblick, die aufgelaufenen Rechnungen zu begleichen und sich zu erheben, nicht gekommen. Auch weiß der Mann noch nicht, dass die Frau diese Rechnung begleichen wird, um ihn daran zu erinnern, dass hier und heute sie die Unkosten ihrer Beziehung zu übernehmen bereit ist, vorausgesetzt, er zeigt sich der Größe des Augenblicks gewachsen und stellt keine weiteren Fragen, denn die Rechnung, die im anderen Fall aufzumachen wäre, beliefe sich auf ganz andere Summen und es wäre ihr leider unmöglich, sie ihm zu erlassen. Das alles ruht noch im Bauch der Zukunft, als die Frau, ein Gespräch fortsetzend, dem der Mann ›rein akustisch‹ nur halb gefolgt ist und von dem seine Gedanken sich in der Zwischenzeit weit entfernten, mit einfachen, beinahe könnte man sagen: bescheidenen Worten den Abschied von ihrem Lover mitteilt, in einem Apropos ohne jeden stimmlichen Aufwand, es sagt auch niemand etwas darauf. Papageienfrau samt Mann haben sich in eine blicklose Existenzform zurückgezogen, der Mann, der aus einem klebrigen Traum erwacht, schwankt, ob er richtig gehört, ob er etwas gehört hat oder einer Sinnestäuschung erlegen ist. Letzteres würde er zwar bestreiten, falls man ihn darauf anspräche, doch ohne rechte Überzeugung, nur auf der Rückfahrt, beim ersten Ampelstopp, bricht die Frau das zwischen ihnen bis dahin herrschende Schweigen mit der etwas klamm, aber klar artikulierten Frage: »Was geschieht nun?« Ist das jetzt Männersache? Muss er ›es bringen‹? 

Die Gastgeberin trägt den Nachtisch herein, sie macht das nicht ohne Geschick, plötzlich ist TV im Spiel, die Sendungen, aus denen all das unerbittliche ›Ah‹ und ›Oh‹ herüberschlägt, sind sicher längst Fernsehgeschichte, die Kommentare ließen sich wohl nur mit aufgeblättertem Lehrplan verifizieren. Das Geflecht der Anspielungen ist dicht und unter den Männern mimt der einzige Lehrer den Triumphator, ohne Erfolg übrigens, denn sein Auftritt wirkt peinlich. Er ist in diesen Beruf hineingegangen, als das noch ein Männerberuf war, mit ihm kamen die Frauen, er ist ihre Generation: am heutigen Abend will er sie hoch leben lassen, aber sie lassen ihn nicht, sie reden ihn nieder, wie sie ihn in all den Jahren niedergeredet haben, weil er so unvorsichtig war, ihre Ideologie zu teilen und ihnen dabei zu nahe zu kommen, ein Mann, der sich unter Frauen wohl fühlt, man sieht es, man spürt es, eine Bizarrerie der Natur, ein armer Hund. Wäre er Deutschlehrer, so interpretierte er mittlerweile jahraus jahrein den Woyzeck, ohne wegen dieser Vorliebe sonderlich ins Grübeln zu kommen. Er ist aber Mathematiker, die grübeln gern, wenngleich über andere Dinge. Die Wege der Frau im Mann wimmeln von den unterschiedlichsten Mustern, eines davon ist die Spur des Absatzes, der seine heimliche Leidenschaft auslöscht, die nicht den Frauen gilt: der Mann sieht noch immer die Absätze der Anwältin steigen, die ihn seinerzeit um ein Haar hereingelegt hätte, und mit ihnen das aufkommende Rot der Sohlen, sichtbar nur für den, von dem sie sich gerade entfernt. Eine Frau, die Blut geleckt hat. Gleichheit, erfuhr er von ihr, ist kein Ziel, es geht um die Macht. Tja, entfährt es den Damen an diesem Tisch, tja, da hat einer nicht aufgepasst, tja, das ist dann ganz allein seine Sache, tja, ein inflationäres Schnipsen, ein aus der Retorte gewonnenes Gender-Merkmal, so muss man es wohl nennen, ob primär oder sekundär, steht dahin. Tja. Sollte er damals zur Liebe gepresst werden? Gut möglich, wenn er heute die Striemen im Gesicht fühlt, dann wegen dieser verpassten Gelegenheit. Fragt sich, wer sie verpasst hat. Grau ist sein Gegenspieler in diesen wenigen Wochen geworden, geradezu fahl, fällt kaum noch auf, vielleicht doch die Prostata, vielleicht war das vorhin ehrliche Neugier, aber worauf? Die Menschen sind rätselhaft, sie erwarten Aufschluss von dem, den sie aus ihrer Mitte gedrängt, den sie über den Rand ins Dunkel geschubst haben, man kann nicht sagen, dass sie bösartig sind, aber sie sind böse, denn es liegt ihnen. Männer wie der hier, Trittbrettfahrer einer Gesinnung, die ihre Frauen in Kanaillen verwandelt, gutmütige Trottel und ahnungslose Liebhaber, sammeln keine Leichen im Keller, sondern phantasievoll etikettierte Weinflaschen, deren längst zu Essig gewordener Inhalt von ihren Kindern in nicht allzu ferner Zukunft in den Ausguss entleert wird. Sie sind Wachs in den Händen irgendeiner herrschsüchtigen Tussi, während sie sich an den körperlichen Produkten von zweitausend Jahre Unterdrückung ›schadlos‹ halten, wie sie es nennen, wofür jene Entgelt fordern, aber nicht zu knapp. Was die Gesellschaft einem vorenthält, das zieht man am besten gegen die durch, die einem am nächsten stehen, es gibt kein falsches Leben im richtigen. 

Er betrachtet die Frau, mit der er seit einem Jahrzehnt zusammenlebt. Sie sitzt nicht mehr der Freundin gegenüber, die nicht mehr den Hals verdreht, sondern munter und aufgereckt mit ihren Nachbarinnen zur Linken und Rechten plaudert, sie hat sich in der Küche zu schaffen gemacht und trägt eine weitere, die vermutlich letzte Köstlichkeit in den Raum, langsam wird es Zeit für einen Espresso. Die Frau des verschwundenen Ingenieurs hält zwischen Novizinnen Hof, Gäste wohl nur dieses Abends, junge Kolleginnen mit lebhaften Gesichtern, eine Blondine befingert ihr asymmetrisch geschnittenes Schwänzchen, neugierig kommen sie, aber sie bleiben nicht mehr, sie sehen sich um, ziehen weiter, die Freundinnen merken es nicht, wollen es nicht merken, und wenn sie es merken, dann ist es ihnen egal. Sie sind, die sie sind, sie sind geworden, mehr lässt sich beim besten Willen nicht sagen, unwillkürlich bekleidet sie das Gedächtnis mit dem Aufputz vergangener Zeiten, denn es schmerzt, sie nackt zu sehen, dabei wollen sie gesehen werden, genau das. Die Freudlosigkeit, die sie verbreiten, strahlt in ihnen wider, ein milder Schein, sie fühlen sich keineswegs unwohl in ihrer Haut, sie ist ihnen vertraut, sie bewegen sich sicher und aufrecht in ihr, sie haben sich selbst erbaut. Ich-Schwäche, denkt der Mann, zum von der Werbegesellschaft erwünschten Ego aufgeplusterte Ich-Schwäche, die sich bückt, wenn sie einem ins Gesicht sehen müsste, um einen liegen gebliebenen Krümel aufzuheben, kaum begütigt man sie, sind sie obenauf. Die billige Überlegenheit über die Mütter, die in ihre Sprechstunden strömen, hat sie korrumpiert, korrumpiert hat sie das sichere Geld, das auf ihre Konten strömt, denn es ist ihnen wichtig, es macht sie unabhängig vom Urteil derer, die nicht zu ihrer Kaste gehören, korrumpiert hat sie der Stolz auf ihr Anderssein, denn es ist kein Stolz, sondern bewusstlose Anmaßung. Übrig bleiben die Männer in ihrem Gesichtskreis, vor deren Einkommen ihr Beamtengehalt zum Klamottengeld schrumpft, auf ihnen rutschen und reiten sie wie die Kinder auf diesen großen Balken, die dann in die Höhe gehen, wenn ein Erwachsener sich auf das andere Ende setzt. Man sieht es den Augen und Mündern an, vor allem den Mündern, der verschobenen Schmallippe und dem Breitmaul, was sie noch passiert, schmeckt nach Katheder oder es schlüpft so durch. 

»Tja«, sagt die Älteste, die schon längst nicht mehr nippt, denn sie muss noch fahren, »jünger werden wir nicht, aber ich muss gestehen, ich fühle mich jünger von Tag zu Tag, das Alter, ich muss schon sagen, es kommt nicht an mich heran, es ist unwirklich, das ist es, was ich damit eigentlich sagen will.« Sie reist, seit sie pensioniert ist, in den Zwischenzeiten lässt sie sich zu den Freundinnen herbei, das erhält die Autorität, zuletzt war sie auf Spitzbergen. »Grönland«, sagt sie, »ich hätte ja nicht gedacht...« Den Rest des Gedankens teilt sie nicht mehr mit den Anwesenden, sie will ihn nicht teilen, denn er ist ihr entfallen, still sortiert sie die Krümel auf ihrem Teller, während der Papageienmann die Videokamera hebt, denn, so sagt er, man kann ja nie wissen. Dieses Leichtwerden, denkt der Mann, das tut keinem mehr weh. Wenn nur nicht unentwegt diese schrecklichen Sätze aus ihrem Munde kämen, sie ist die Einpeitscherin, sie trainiert die Jüngeren, die jetzt nach und nach auch aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Seit zwanzig Jahren hat sie keinen Mann mehr auf der Matte gehabt, doch ihr ›Élan‹ ist ungebremst, oft sieht es aus, als werfe sie Kusshändchen, dann weiß man, sie hat wieder in Gedanken gesiegt. Manchmal wird es den anderen zuviel, sie blicken sie an, als wollten sie Schonung oder zumindest Aufschub von ihr erbitten, aber vor dieser Stimme verstummen sie und begreifen, dass es nicht an ihnen liegt und dass sie lernen müssen, schonungslos und unerbittlich zu sein, denn das müssen sie von sich fordern. Diese Stimme, flatternd, kreischend, auffahrend, hetzend, dieses stoßende, hackende, immer und immer wieder dieselbe Kerbe traktierende Organ hat sein halbes Leben begleitet, es ist an seinem Tisch gesessen und jetzt hackt es ihn weg. Die Ex-Ingenieursgattin präsentiert sich der Kamera, bläst die Backen halb auf und zieht die Mundwinkel tief, während die Äuglein blitzen, das kann sie gut, das hat sie gelernt, das Gesicht hat sie gezeigt, wenn jemand sie nach ihrem Mann fragte, was selten genug vorkam. Dieser Krieg dauert dreißig Jahre, kein Westfälischer Friede ist in Sicht, die Parteien führen ständig frische Truppen ins Feuer, kein Einzelner hält das aus. Müde ist er, ein Veteran des Geschlechterkriegs, er sollte um seinen Abschied ersuchen und sich mit einer schmalen Pension zur Ruhe setzen, leider ist das nicht vorgesehen, das hier ist ein totaler Krieg, Ruhe und Vernichtung sind eins. Warum ihm? Er hat dieses Geschlecht geliebt, er mag keine Männer, ein Fehler vielleicht, aber er will sich nicht mehr umstellen, auch er ist ein Gewordener. Doch davor mangelt es ihnen an Respekt. Sie sehen nicht, was aus ihnen geworden ist, aber sie bestehen auf dem, was sie sind, keine Handbreit gäben sie her. Dass auch der Andere, den sie mit dem Zauberwort ›Partnerschaft‹ ins Schlepptau genommen haben wie die Polizei irgendeinen Verkehrssünder mit dem Schriftzug ›Bitte folgen‹, ein Gewordener ist, zeugt gegen ihn, es ist ein Quell fortwährender Denunziationen und Vorwürfe. Das wäre komisch, aber diese Weiber sind nicht komisch, sie haben auch keinen Sinn für Komik, sie sind ironiefest. Die Ex-Ingenieurfrau zum Beispiel, die ihm die Matratze für ihr neues Bett aus dem Keller holt (ohne auf den Gedanken zu verfallen, der Besitzer habe dabei noch ein Wort mitzureden, schließlich ist die Sache unter Frauen abgesprochen), komplettiert den Raubzug mit der ebenso lächerlichen wie ungeheuerlichen Bemerkung, ihr Ex zwinge sie, auf dem nackten Fußboden zu nächtigen. Dieselbe Frau fand bis zur ausgesprochenen Scheidung keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, seit ein paar Wochen ist sie wieder im Schuldienst. Sie haben aber - bei aller ›nötigen Differenzierung‹ - etwas gegen Sozialhilfeempfänger und finden, der Ausländerzuzug sollte auf das Nötige begrenzt werden. Hat er nicht gerade wieder ein paar anzügliche Sentenzen gehört? Sie können es nicht lassen, es ist die Murmel, die immer wieder die tiefste Stelle im flachen Gelände findet. 

Die Frau hat er aus den Augen verloren, vielleicht treibt sie sich in der Küche herum, er müsste die nicht für ihn bestimmte Veranstaltung längst verlassen haben. Er besitzt kein Auto, aber jemand könnte ihn mitnehmen wie damals der Ingenieur, dem er an einem verregneten Tag beim Hausbau geholfen hatte und der ihn dann mitnahm, weil er an diesem Tag noch einen Altman-Film sehen wollte. The Wedding hieß der Streifen, turbulentes Zeug, von dem noch ein paar kaum befestigte Fetzen in seinem Gedächtnis haften. Danach konnte er ihm schlecht den Wunsch abschlagen, noch ein oder zwei Bier in der leeren, bald obsolet werdenden Wohnung zu trinken. Das endete vor der Glotze, im Auge den Schwachsinn, mit dem ein Mann zwischen seinen vier Wänden kaschiert, dass er ein ganz kleines Licht ist, noch immer schüttelt ihn die Erinnerung. Dazwischen keimt eine befremdliche Empfindung: Solidarität. Solidarität? Mit wem? Warum? In welcher Sache? Wenn er das wüsste, ihm wäre wohler. Nein, er weiß es nicht, er sperrt sich gegen die Vorstellung. Aber er weiß, dass mit dem Abgang des anderen auch seine Zeit abgelaufen ist, dass er das Quentchen Freiwilligkeit, das er sich im Gegensatz zu jenem bewahrt hat, in die Wagschale wird werfen müssen, wie es in dieser etwas unhandlichen, aber ungemein lebenspraktischen Sprache heißt, die ihnen allen ein wenig fremd geworden ist, denn man darf ihn noch nicht aus der Verantwortung entlassen, man ist noch nicht ganz mit ihm fertig. Das sieht er auch so und er fürchtet es. Er geht aber, weil es an der Zeit ist. Dass sein Platz hier bereits leergeräumt ist, kümmert ihn nicht. Sie haben es eilig, weil es sie nichts angeht und weil sie das wissen, nur aussprechen können sie es nicht. Es müsste schon ein Mann sein, der es ihnen sagt, und damit sind sie durch. Schade eigentlich, denn so sind sie selbst der Rest, der ihnen entgeht. Aber das ist jetzt nicht sein Problem.

- Hören Sie mal, ist das jetzt Ihre Geschichte oder unsere oder eine ganz andere?

- Gute Frage. Kommen Sie, wechseln wir das Lokal.

finis 

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