Vadetecum für Selbstschreiber
(Leseprobe aus: Das Land der Frösche,
Miniaturen, 2001, Edition Zeno)
Vadetecum für Selbstschreiber
§ 1
Blicke niemals über die linke
Schulter zurück, ohne dreimal auszuspucken.
Wiederhole die Prozedur vorsichtshalber nach rechts. Man weiß nie, ob man gesehen wird.
§ 2
Bevor du an die Arbeit gehst, danke
im stillen der Gesellschaft, die deinen Müßiggang trägt.
Du hast keinen Grund, dich aufs hohe Ross zu setzen. Doch danke ihr nicht zu sehr.
Sie kennt deinen Preis. Vor allem lass deinen Dank nicht laut werden. Man könnte dich
hören.
Verachtung ließe sich ertragen, Aufträge kaum.
§ 3
Misstraue allen Leuten, die wichtig
mit ihren Empfindungen tun; es sind Bauernfänger.
Gewöhne dir einen gesunden Ekel vor denen an, die in aller Öffentlichkeit behaupten, es
komme darauf an, sich auszudrücken.
Denke, falls es dir nicht gelingt, an Akne, Eiterbeulen oder ähnliches, betrachte die
Hände.
§ 4
Aufklärung ist ein gewichtiges
Wort: Vermeide es tunlichst. Lässt es sich nicht umgehen, Auskünfte über dein Tun zu
erteilen,
so gebrauche Wendungen wie: Es fällt mir gerade so ein, oder:
Vorgestern meinte ich noch,
oder: Wie ich schon früher zu sagen pflegte. Treibe die Offenheit nie bis zu
ehrlichen Sätzen wie: Da und da habe ich gelesen,
oder: Letzte Woche äußerte sich meine sehr kluge Freundin (mein sehr kluger
Freund) folgendermaßen : abgesehen davon,
dass dir kaum jemand die Freundschaft eines sehr klugen Menschen zutrauen würde, wäre es
äußerst unklug,
von ihr einen anderen als einen stillschweigenden Gebrauch zu machen, und unklug, also
töricht sein, das hieße doch,
die Freundschaft jenes sehr klugen Menschen über Gebühr belasten, sie geradezu aufs
Spiel setzen, oder?
§ 5
Wäre dein Geist eine Laterne und
das Schicksal der Menschheit eine Landschaft sie läge noch keineswegs im
Morgenglanz,
nur weil dir einfiele, so ungefähr in ihre Richtung zu deuten und deine Lampe zu
schlenkern. Auch ist nicht jede Larve trüb, an der
eine Funzel hinfährt. Leuchtet dir etwas ein, so geh auf Abstand.
§ 6
Kaum hat man ein paar Verse zu
Papier gebracht, aus denen eine elementare Vertrautheit mit dem einen oder anderen
Handbuch
der Vergleichenden Anatomie hervorlugt, schon sieht man sich umringt von Tonbändern und
Kameraleuten, soll man sich verbreiten
über die Arbeitswelt der anderen und das eigene Wahlverhalten, über seine ganz
persönlichen Wertvorstellungen und die neuesten
Auslegungen des Sexualverhaltens alter und neuer Nazigrößen, kurz, ist man aufgefordert,
mitzustricken am großen Kuschel-Strickstrumpf
der Sinndeutungen des Allgemeinen. Dies ist die Gelegenheit, den Hosenbund zu lockern, die
Füße auf den Tisch zu legen und mit beschwörender
Stimme unhörbar zu flüstern eine der so raren und, wenn vertan, kaum
wiederkehrenden Chancen, Härte zu demonstrieren und Ergriffenheit
zu verbreiten.
§ 7
Wie lautet nicht gleich die goldene
Regel der gehobenen Schreibart? Vergiss die Regeln! Sei eruptiv!
Der Täter hat immer irgendeine Wahrheit auf seiner Seite: wer unterzöge sich schon der
Mühe, ihn zu widerlegen?
Lehne dich also zurück, den Schreibtisch bequem in Reichweite, schließe die Augen, lass
die Fingergelenke knacken.
Keine Gewaltsamkeiten! Ein Gläschen Bourbon hilft in der Regel.
§ 8
Das Leben, an und für sich, ist
positiv. Du, der einzelne, bist immer negativ. Es lebt in dir, es denkt in dir.
Wie immer du dich dazu verhältst, du wirst nicht verhindern können, dass du dich
verrätst, und das ist gut so.
Wer auf dem Schindanger endet, hat ein Recht auf Abbrüche aller Art, hat ein Recht dazu,
sich achselzuckend abzuwenden.
Selbst wenn er es nicht wollte das Vergessen ereilt ihn. Bleib also ruhig bei
der Sache, man braucht eine gehörige Portion
Müdigkeit oder Dummheit, um nicht zu merken, dass sie es ist, die entweicht.
§ 9
Im Begriff, mit einem feuchten
Daumendruck das Papier zu netzen und die Menschen über die gangbaren Wege zum Glück
zu informieren, wende dich um und betrachte in der Milchglasscheibe deines Arbeitsraumes
dein mäßig intelligentes Gesicht!
Konzentriere dich! Nun das Schwerste: Vergiss diesen Anblick.
§ 10
Meide Erregungen. Verfahre stets
nach dem Grundsatz: Was ich weiß, macht mich noch lange nicht heiß.
Neue Erkenntnisse, die man an dich heranträgt, quittiere mit einem Stirnrunzeln und der
wie unabsichtlich hingeworfenen Replik:
Ich weiß. Wer weiß, obs stimmt? Du wirst dich hüten. Für den Hausgebrauch
empfiehlt es sich, das Ich weiß durch ein Man kennt die
Behauptung zu ersetzen den Euphemismus durch die verbale Fassung eines
Abwehrreflexes. Bedenke deinen Blutdruck!
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