Die Ethik der Nassrasur von Ulrich Schödlbauer, Manutius-Verlag 1997Ulrich Schödlbauer

Die Ethik der Nassrasur
(Leseprobe aus: Die Ethik der Nassrasur, Erzählungen, 1997, Manutius-Verlag)

...Im Hinausgehen erkundigte sich Bueb beiläufig bei der Geschäftsführerin, ob das kalte Büfett, wie verabredet, bereitstehen werde. Frau N. hatte alles Nötige veranlaßt. Beruhigt verließ er das Lokal.

***

Sie hatten in gerader Reihe Platz genommen: Frau N., blond und schwarz geschlossen, flankiert von Buebs Sohn und Gattin, zwei junge Literaturwissenschaftler (es schien, daß sie sich "köstlich amüsierten"), Resch, Klussinski, eine Kriminalautorin, die nicht zur Runde gehörte, aber, wie sie sagte, es sich nicht nehmen ließ, ihre eher verhaltene Gegenwart beizusteuern, sodann Van Venning in brauner Cordjacke, der dreinblickte, als erwarte er jeden Moment den Auftritt einer goldbetreßten Bergmannskapelle. Der Vorsitzende des Schriftstellervereins glänzte durch Abwesenheit; es hieß, er sei in der Nacht während eines Herzanfalls aus dem Bett geklettert und die Treppe hinuntergefallen. Auf seinem Stuhl thronte Tube Huppert. Er wandte den Wuschelkopf nach links und rechts wie jemand, der sich keine Einzelheit entgehen lassen wollte. Vielleicht, weil er wild darauf versessen war, einen Film zu drehen, wie er seiner gut gebauten Kommilitonin Tanja einmal wöchentlich mit Verschwörermiene anvertraute, die es, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, ihrer stets aufs Neue erbleichenden Freundin Abraxa weitertratschte. Einige weniger regelmäßige Mitglieder des Kreises schlossen die Reihe ab. Magnus Menge und der weiß bandagierte Klaus Schwäger, im Bewußtsein ihrer Würde, hatten sich etwas abseits gesetzt oder setzen lassen und harrten des Auftritts. Alle blickten zu Bueb hinauf, der gerade die einführenden Worte beendete und, von freundlichem Beifall geleitet, zu seinem Platz ging.

Es war soweit. Resch ordnete seinen Anzug, trat ans Pult - Schwäger hatte sein Versprechen wahr gemacht - und begann:

"Meine Damen und Herren!
Stellen Sie sich vor, diese Preisverleihung fände nicht statt: Leere auf den Sitzen der ersten Reihe, die Mitglieder des Preisgerichts einschließlich des Ehrenvorsitzenden glänzten durch Abwesenheit, das Publikum (also Sie) rutschte unruhig auf den sinnreich angeordneten Stühlen dieses Lokals, und in einer Ecke blätterte der nominierte Preisträger mit dem sanften Lächeln des Gefoppten in seinen mitgebrachten Manuskripten, kurz, es träfe ein, worauf im Grunde seines Herzens jeder schön längst einmal gewartet hat -:"

Eine junge Frau in der zweiten Reihe, dunkler Typ, prustete los; ihr Begleiter beugte sich zu ihr, legte die Hand an den Mundwinkel, flüsterte; im Saal herrschte Totenstille. Unbeirrt fuhr Resch fort.

"Und nun zügeln Sie Ihre Vorstellungskraft, konzentrieren Sie sich auf das, was, weil es so ist, wie man es Ihnen gesagt hat, und denken Sie mit mir zusammen darüber nach, daß der Preis, den wir hier und heute vergeben, ein Preis für standhafte Literatur ist, für Literatur also, denn das Epitheton "standhaft" ließe sich mit sozusagen leichter Mühe als Epitheton naturalis qualifizieren, als natürliche Mitgift gewissermaßen, denn Literatur ist entweder standhaft oder sie ist gar nicht, zumindest nicht zu rechtfertigen. Da liegt allerdings das Problem, oder, da wir höflich miteinander umgehen wollen, ein Problem: Standhaft bleibt die Literatur ohne Zweifel dort, wo sie hingehört, im Regal, zur stillen Freude mancher Bibliothekare und zum Verdruß vieler Buchhändler und Verleger, die den Zustand insoweit schätzen, als sie ihn zu beseitigen trachten, eine unendliche Aufgabe auch das...

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