Jonas von Ulrich Schödlbauer, 2001, Editon ZenoUlrich Schödlbauer

Jonas
(Leseprobe aus: Ionas, Gedichte, 2001, Edition Zeno)

2

Grau das Land, grau. Die Last des Himmels
ruht anderswo auf. In den Kavernen
dümpelt Gestank. Tote Segler
kreuzen im Raum. Sie hätten, sagt einer (von denen,
wie man dort sagt, im früheren Drüben)
nicht gewusst, was läuft. Nur dass nichts lief,
während manches nicht lief, das sei ihnen nicht
klar gewesen, obwohl nicht neu. »Es kam überraschend,
doch nicht unverhofft.
Neu, müssen Sie wissen, war nichts hier,
nicht viel jedenfalls. Das heißt, auch das Neue
war uns vertraut. Mehr oder minder. Das Experiment,
es war das Neue. Neues
war nicht vonnöten. Mit Brecht zu reden: Nur das brennende Haus
wird verlassen.« Erlittenes Unleid.
Verhärmt, nicht verbraucht. Gesichter, vom Warten
gezeugt, dann geformt: vom Warten auf nichts, außer
aufs andre, ein nämliches, wieder
grußlos erwartetes, also entwertetes. Wertlos,
ein Los von allem, ins Wegsein. ›Wegmachen‹,
auch ein Wort, das nichts wiegt,
außer die Tage, zu leicht
befundene Tage. Ungerechnet
die Nächte. Verarmte Nächte, vom Traum
bestohlene Nächte, vom Tagtraum.
›Mit Brecht zu reden.‹ Wem sonst. M & E: Die Firma. Tempi passati. Georgij
Dimitroff hieß die Brücke nach Nir-, nach Novana,
Atlantis. Ein vergoldeter August, Ein-August (stark)
empfängt seine Gäste. Zwischen den Plat-ten
Kolonien von Muscheln. Behende schlüpfen
Kaulquappen durch, schimmernde Lurche. In jedem Haushalt
stand ein Aquarium. Angestrahlt, blass, hinterlegt, nun
kurvt es herum. Amönozagen, Versat-
juvenilen. Geschuppt. Leggins. Stumm. Genuss, nicht für jeden: gepökelte
Engelszunge (»sz, wie spricht man das aus? Kellner!«)
Als Dessert wird C. Einstein gereicht, aus der Dose: Bebuquin oder ein Dilettant mehr.
Allerorts Wunder. Keiner,
sie zu bestaunen.
Nicht, um sich Gehör
zu verschaffen – fremdes? wäre es billiger? –,
hergekommen zu hören, Stimmen zu hören, den
fallenden Tropfen, den, der den Ton gibt,
nicht angekommen also, also entschieden
zu bleiben, auch wenn der Regen
sich vor ihm teilt, selbst der Regen:
schon weiß er, dass, was hier geschieht, ohne ihn
sich vollzieht, sich vollzieht. Zur Seite geworfen die Bilder,
die Entwürfe, die Bugwelle des Erdachten:
dieser Drang aus dem Nichts, dem Abseits, nie, nie mehr
dorthin zurück, zu intim
war die Umarmung. Er dagegen, neugierig, unentschieden,
schon erpicht, sie vorzudenken, ein Stück
zu erspüren – nicht der zurückgekehrten
aus Rausch und Blödsinn –, seiner Zukunft,
die im Entgleiten bevorsteht, im
Ent-.
Nicht das Land, nicht die Zeit. Schon gesprenkelt
mit den Früchten des Hohns, den ersehnten,
die bitter schmecken, genossen
unter den Augen der andern, der immer, wenngleich
anders, anderen, der kühlen Geber und Nehmer,
der Über- und Unternehmer, der Aus-
nehmer, der Geber. Zu kurz gesprungen die Gier,
doch schon, im Zorn, sich bereitend
zum zweiten Sprung: was ist, ist nicht, es darf nicht
sein, was es wäre, wäre es, was es bliebe,
wenn es denn bliebe. So aber ist es nichts
als ein Abgrund, schmerzhaft begangen
wie Messers Schneide. Warum also
sollte es nötig sein, das, was wird, zu ergänzen
um das, was nicht ist?
Nichts ist nötig. Das Wasser fließt,
wenn es sein muss, schweigend ins Meer.
Nichts ist nötig. Außer, mag sein, der
Aufmerksamkeit auf das Zuviel
im Zuwenig, dem Hier, das nicht zureicht,
um als wirklich zu gelten, als sei das Verschwinden
in dieser Phase nicht Herr seiner selbst und trete
deshalb ans Licht. Nichts ist nötig. Mehr nicht.

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