|
|
Der Körper des
Salamanders
(Leseprobe aus:
Der Körper des
Salamanders, Erzählungen, 2001, Piper)
Jetzt ist es vorbei, das Geräusch, das Rauschen, wenn das Wasser sich durch meine Gehörgänge schleckt, um mit einem tiefen Gurgeln immer wieder von sich hören zu lassen. Nach der Entscheidung schlägt keine Brandung mehr von innen an meine Haut, keine Welle bricht sich Bahn, kein Tropfen dringt in keinen Spalt, nichts fließt, nichts bewegt sich, endlich kann ich beginnen:
Ich machte »pscht« und winkte in den Raum zu
den Mädchen hinüber, was sie dazu brachte, nur noch lauter
durcheinanderzurufen. Als ich nicht reagierte, wurden sie schließlich still.
Ich stellte das Radio lauter, die Nachrichten waren vorbei. Die Wettervorhersage
verkündete ungewöhnlich milde Temperaturen für Februar, und mein Gesicht
verfinsterte sich.
»Kein Eis«, teilte ich mit, und die Mädchen schauten kraftlos von den
zerkratzten Holzschemeln zu mir herüber. Ich sah sie nicht an, spürte aber,
daß sie erwarteten, ich würde mit einem Zauberspruch eine Schicht aufs Wasser
werfen, die so hart wäre wie im letzten Jahr. So fest auch, daß die
verschiedenen Schwimmtiere sekundenschnell in dem Eisblock erstarrten, über den
wir laufen könnten, anstatt den Fluß in seinem normalen Zustand zu
durchrudern, wie wir es seit Monaten schon taten, um die Regel: Belaste
möglichst täglich! nicht zu verletzen. Und nun schien es, als würden wir den
ganzen Winter über raus auf das Wasser müssen, denn was im Februar nicht fror,
blieb bis zum Frühling flüssig. Das stand zwar nicht im Handbuch, hatte ich
aber von den anderen kleinen Menschen, die die Boote steuerten, erfahren.
Solange es nicht um das Ausborgen von Werkzeug oder Putzschwämmen ging, ließen
sie sich, obgleich mißtrauisch, zu Informationen wie dieser überreden.
Kein Glück also wie im Winter zuvor, als die Blätter der Skulls schon in der
Schweinebucht gesplittert waren, noch keine fünfhundert Meter vom Ufer
entfernt, das der Trainer mit dem Motor seines wild kreisenden Bootes
freigeschmolzen hatte. Mit wütendem Gesicht hatte er uns fünf zu sich ins Boot
kriechen lassen. Da ich die einzige mit Handschuhen gewesen war, hatte ich den
Vierer, dessen Bug von der scharfen Eiskante aufgerissen worden war, wie einen
großen steifen Fisch hinter uns hergezogen, während sich die Mädchen
schweigend in die rotgefrorenen Hände gehaucht hatten. Bis zum März war ich in
der warmen Werkstatt geblieben, um die Blätter und die Kunststoffbespannung zu
reparieren. Ich hatte mir viel Zeit gelassen beim Lackieren und durch die
staubigen Fenster die Mädchen beim Gymnastiklauf beobachtet.
Mein Körper wurde nach dieser Nachricht zu einem
Stück Holz, als ich den Ölanzug über Pantalon und Trainingshose zog; die
T-Shirts waren noch klamm, in den Schuhsohlen quietschte das Wasser vom Vortag.
Ich besah meine Hände. Hier und da hatten sich bereits winzige Schuppen
gebildet, die zu Schwimmhäuten werden konnten, wenn sie sich mit den weißen
Stellen an den Fingern verbänden.
Bis wir nicht in der Juniorenstufe ruderten, würde während der kalten
Jahreszeit nichts mehr an mir trocknen und mußten wir für das Training in
dieser Baracke bleiben, die die Nässe einsog und die Pappwände schimmeln
ließ. Im Winter wurde der Trockenraum durch Gestank und Feuchtigkeit zu einer
Quarantänezone, die wir nur mit zugehaltener Nase betraten, um sie
schnellstmöglich wieder zu verlassen. Im Sommer half nicht einmal das
geöffnete Fenster, um Frischluft in den Brutkasten zu bekommen, aber wenigstens
trocknete die Kleidung in nur wenigen Minuten.
Und obwohl ich schon jetzt unter den feuchten Sachen zu frieren begann, mußte
ich die Mädchen, die der Trainer Mannschaft nannte, bei Laune halten.
»Ein Winter wie siebenundvierzig«, flehte ich zur Pappwand, um sie zu
unterhalten. Sie verstanden nicht. Nachmittags in der Schule waren sie müde,
schliefen in den Bänken und schleppten sich auf Hausschuhen durch die Gänge
des labyrinthischen Gebäudes. Sie verübelten mir meine Noten und haßten
meinen ewig ausgeruhten Körper, der als einziger im Klassenzimmer aufrecht saß
und sogar Worte herausbrachte, die zu den Fragen der Lehrer paßten.
Ich schickte Dramatik in meine Stimme und versuchte dabei, meine kalten Arme
steif neben der orangefarbenen Schwimmweste hängen zu lassen:
»Siebenundvierzig ging nichts mehr. Eiskalter Winter nach dem Krieg. Ein Haufen
Frühgeburten, überall wurden die Möbel aus den Gutshäusern verfeuert,
zumindest bei uns.«
Die Mädchen zogen sich ihre dünnen Hosen über die breiten, kräftigen Hintern
und hörten mit offenem Mund zu. Ihre Körper machten Geräusche und rochen
algig.
Als sie fertig waren, tat ich, als müßte ich nach den Steckschlüsseln suchen,
und schickte sie zum Einlaufen. Ein bummeliger Haufen, verließen sie
schließlich die Baracke und begannen sich draußen in der Kälte warm zu
hüpfen.
Auch wenn ich geredet hatte, war ich doch ganz stumm geworden. Wenn es kein Eis
auf dem Wasser gab, bedeutete das nicht nur angefrorene Zehen in den nächsten
Wochen. Ich tastete in meinem Spind nach dem blauen Buch, das ich vor einiger
Zeit schon angeschafft hatte. Als ich es aufschlug, wurden die Linien zu kleinen
Wellen, die sich launig über die leeren Seiten bewegten: Keine einzige Zeile
hatte ich bisher zwischen sie gebracht, und wenn es kein Eis gab, würde ich
auch diesmal keine Gelegenheit haben, einen Gedanken zu fassen. Draußen
sprangen die Mädchen in der Hocke über den grauen Beton, und dahinter lagen
die Stege glasig am Fluß. Bevor ich das Buch wieder in den dunklen, stinkenden
Schrank zurücklegte, bohrte ich einen Fingernagel in das rauhe Holz. Dann nahm
ich den Kanister und ging hinaus.
Draußen im Boot ging ein scharfer Wind, der mir
die Worte, die ich durch die Sprechanlage schickte, vom Mund riß, noch bevor
sie zum Lautsprecher unter dem dritten Rollsitz gelangen konnten. Ich hob den
hantelschweren Teekanister auf meinen Bauch, da meine fünfunddreißig Kilo
gelegentlich von Böen erfaßt und über die niedrige Holzreling geweht wurden.
(Mein geringes Gewicht hatte schon einmal dazu geführt, daß ich als
Achtjährige unter einem gemusterten Kinderschirm bei stürmischem Regen mehrere
Meter über den Gehweg getrieben worden war, wobei ich meine Füße sekundenlang
in einigem Abstand über den grauen Betonplatten unter mir hängen gesehen
hatte.)
Dieser Winter war nichts anderes als eine Wetterflucht, durch die die Mädchen
ruderten wie Ausgesetzte auf der Suche nach Land. Sie zogen Krebse in den
unregelmäßigen Wellen und stießen das Boot mehr vorwärts, als daß sie es
schoben. Bei diesem Wetter verzichteten sie freiwillig auf die Pause, denn das
Wasser war bis in ihre Knochen gedrungen, und wir trieben rasch aus der
Fahrrinne, wenn die Ruderblätter für eine Weile in der Luft blieben. Also nahm
jeweils nur eines von ihnen große Schlucke aus dem Kanister, an dessen Tülle
brauner Belag klebte, während die anderen drei weiter durch die garstige Natur
hasteten.
Wir hatten den Schwielowsee durchquert, als mir klar wurde, daß dieser Winter nicht einmal besser würde, wenn das Eis tatsächlich den Fluß zuwuchs. Denn ich hatte schon darüber nachgedacht, was ich noch zerschlagen, zerbrechen oder einfach nur als verloren melden könnte, um in die Werkstatt geschickt zu werden, in der den ganzen Tag über ein Heißluftradiator lief. Aber ich hatte nichts mehr finden können. Äußerst kopflos war es von mir gewesen, den bunten Stoffbeutel mit den Startnummern darin schon im Sommer verschwinden zu lassen. Der Trainer hatte es gleich nach dem letzten Wettkampf der Saison bemerkt. Ich hatte den Nylonsack einfach auf die Böcke der Magdeburger Mannschaft gelegt und nur eine halbe Minute warten müssen, bis sich eine beiläufige Hand fand, die ihn, ohne den Inhalt zu betasten, unter das T-Shirt steckte. Der Trainer erwiderte nichts, als ich ihm sagte, jemand hätte sie direkt aus meiner Reisetasche genommen. Er hatte genickt und noch am selben Tag einen Termin für die Werkstatt ausgemacht. So mußte ich zwanzig neue Startnummern aus einer Sperrholzplatte heraussägen und bemalen, während die Mädchen ihre Einer aus der Bootshalle zum Wasser trugen. Da aber hatten die Weiden am Ufer gerade erst angefangen, ihre filzigen Blättchen zu verlieren.
Jetzt waren sie kahl, und ich stellte fest, daß
ich ohnehin nur die Wahl hatte zwischen dem Eiswasser, das meinem Körper
gegenüber gleichgültig war, und den grimmigen Gesichtern der Mädchen, die bei
Minustemperaturen oder Bootsschäden zwar ins beheizte Ruderbecken durften,
dafür aber zusehen mußten, wie ich in wohliger Wärme am Geländer stand, sie
beobachtete und ihre Pulswerte in ein Diagramm eintrug.
Ich entschied mich für letzteres, denn vor den Gesichtern der Mädchen konnte
ich einfach die Augen schließen, was bei Eiswasser nichts half. Bei der
Heimkehr schob ich den Teekanister tief unter den Schalensitz, und als die
Mädchen das Boot herausnahmen, ließ ich auf das Kommando »Über Kopf hoch!«
einfach nichts folgen, so daß nach ein paar Sekunden zusammen mit etlichen
Litern schaumigen Flußwassers auch der Kanister aus dem umgedrehten Bug auf die
Schultern der Mädchen fiel. Nach zwanzig Kilometern gleichförmiger Bewegung
fiel es ihnen schwer, auf etwas Plötzliches zu reagieren. Nur eine von ihnen
brauchte willenlos ihre Hand von den Verstrebungen zu lösen, damit den anderen
das Gewicht zu schwer wurde und der Vierer mit seiner maßgeschneiderten
Kunststoffhülle auf die Holzplanken des Steges schlug. Dies war ein Schaden,
der nicht einmal vom Bootsmann selbst repariert werden konnte. Für einen
solchen Schaden mußte das Boot verschickt werden, in andere Bezirke, vielleicht
sogar in andere Länder. Einen aufgeschlagenen Rumpf reparierte man in Sofia
oder Moskau, bis dahin konnte es Frühjahr sein.
Wir durften nur ins kleine Becken, weil im
großen die Sportler trainierten, die zur Olympiade fuhren. Dort stand der
Steuermann nicht am Geländer, sondern an einem Computer, der die Werte der
riesigen Männer auf langen Papierbögen ausdruckte. Wie in einer Klinik waren
sie angeschlossen an Bänder und Elektroden, die um ihre verschwitzten
Handgelenke gewickelt wurden. Manchmal sah ich einen von ihnen zwischen den
Bootshallen oder auf dem Weg ins Sportlerrestaurant. Wie zu groß gebaute
traurige Golems schlichen sie mit gebeugtem Kreuz und ballongroßen Oberarmen
über das Gelände. Ihre Lider hielten sie halb geschlossen. Sprach man sie
unvermittelt von der Seite nach der Uhrzeit an, überlegten sie sehr lange und
zuckten dann mit den Schultern. Einen hatte ich in der Stadt nach der
Straßenbahn laufen sehen. Gleichmäßig langsam - er hatte kaum die Füße vom
Boden gehoben - war er mehrere hundert Meter gelaufen und hatte dann nicht
einmal laut atmen müssen. Später, als er aus dem Fenster sah, war sein Kiefer
heruntergeklappt, ohne daß er es gemerkt hatte.
Im Becken sprudelte das Wasser den Mädchen entgegen. Sie saßen auf ihren
Rollsitzen wie im Boot, nur daß sich der Betonsockel nicht bewegte und sie sich
trotzdem abmühen mußten, denn das Wasser drückte in der höchsten Stufe gegen
ihre durchlässigen Blätter. Wenn sie die Skulls spritzend zu ihren Bäuchen
rissen, sah es aus, als wollten sie sich aus dem Sockel herausheben. Doch eine
unsichtbare Riesenhand hielt ihn fest. Sie kamen nie vom Ufer weg. Während sie
sinnlose Bewegungen vollführten, saß ich stumm am Rand und drückte an der
Stoppuhr herum. So merkten sie nicht, daß ich an mein Gedicht dachte, obwohl
die Geräusche wie in einer Delphinhalle mich immer wieder aufschrecken ließen.
»Los, tauschen«, schnieften sie später, als der Trainer gegangen war. Immer,
wenn der Trainer ging, fingen sie an zu stöhnen. Einmal war ich schließlich
auf den hinteren Platz gestiegen und hatte schon nach wenigen Schlägen harte
Unterarme bekommen, weil ich mit der Hand zupackte, anstatt mit den Oberarmen zu
ziehen. Die Mädchen hatten gelacht. Sie mochten es nicht, wenn jemand weniger
geschunden wurde als sie.
Es war mir peinlich, sie mit verklebten Haaren und nasser Kleidung in dieser
gurgelnden Schale zu sehen. Oft weinten sie vor Erschöpfung. Um sie abzulenken,
erzählte ich, daß man im großen Becken Leinwände mit vorbeiziehenden
Landschaften und Tieren installiert hätte, damit den Olympioniken im Winter
nicht langweilig wurde. Doch die Aussicht, noch mindestens fünf Jahre
trainieren zu müssen, um diese Landschaften selbst sehen zu können, machte sie
nur wütender.
»Laß uns aufhören«, zischte es aus dem Wildwasserstrom. Auch wenn ihre
Körper nicht mehr wollten, hielten sie sich an die Regel, meine Kommandos
abzuwarten. Ich ging um das Becken herum und sah aus den winzigen
Fensterlöchern. Draußen regnete es matschige Wasserflocken. Der Trainer, der
keine Mütze trug, sah genauso naß aus wie die Mädchen hier drinnen. Er
unterhielt sich mit dem Verantwortlichen für politische Erziehung, der in einem
dicken weinroten Anorak steckte. dynamo stand in den Rücken hineingesteppt.
Ohne die Mädchen anzusehen, machte ich ein Zeichen, das sie sofort verstanden.
Pustend ließen sie die Skulls aus ihren Händen gleiten, die ohne die
Dollenringe von der Strömung an die Beckenwände gedrückt worden wären. Sie
wischten sich mit ihren T-Shirts über die Stirn und atmeten heftig. Die feuchte
Luft vermischte sich mit dem fischigen Geruch ihrer dampfenden Körper. Aus
ihrem starren Vierer heraus tauchten sie ihre Arme in das Wasser neben sich und
schickten ein paar Spritzer zu mir hoch. Die Fenster beschlugen.
Nach ein paar Minuten griffen die Mädchen plötzlich von ganz allein wieder
nach den abgeschabten Griffen ihrer Skulls, als würden sie dieses Spiel lieben.
Doch bevor ich mich wundern konnte, befahl eine Stimme, sie gleich wieder
loszulassen und die Finger an die Hälse zu drücken, um den Puls zu messen. Der
Trainer schwieg, als er die Ergebnisse hörte. Die Mädchen schauten in die
Strudel und ich auf das braune zerfusselte Band der Stoppuhr, die mir der
Trainer vom Hals nahm, um sie in seiner Jackentasche zu verstauen.
Abends im Speisesaal schien das weiße Neonlicht
auf die Sprelacarttische. Die Turner, die ihre Tabletts in die Geschirrablage
brachten, waren so klein, daß ich ihnen in die Augen schauen konnte, wenn sie
an unserem langen Tisch vorbeikamen. Als die Mädchen aufbrachen und mit ihren
schon großen Brüsten die Arme der Jungen streiften, ging ich noch einmal in
die Essenausgabe zurück und tat, als bräuchte ich noch Obst. Dann kam ich
zurück und setzte mich wieder. Ich nahm das blaue Buch heraus und legte es vor
mich auf den Tisch. Eine Melusine schwebte über dem dunklen Deckel. Ich
betrachtete ihre gesenkten Lider und dachte nach. Aber kein einziger Buchstabe
kam aus dem Füller auf die Seiten. Bald verließen die Fechter als letzte den
Saal, vor lauter Konzentration wurde ich ganz schläfrig.
Die Küchenfrauen begannen, die Stühle auf die Tische zu stellen. Laut schlugen
die Metallbeine gegeneinander, während die Sportler hinten auf dem Wandrelief
mit wilden Gesten sprangen, warfen, zogen, liefen, hüpften, schossen und
schwammen. Ihre Muskeln hatten die Maserung des Holzes, und die Gesichter waren
vom Sieg oder Schmerz verzerrt.
Als sie das Licht ausschalteten, mußte ich gehen, auch weil die Internatstür
bald verschlossen sein würde. Diesmal war ich erleichtert, daß der Hausmeister
den Fahrstuhl schon abgestellt hatte. Die zweihundertfünfzig Stufen bis in den
vierzehnten Stock reichten vielleicht, um zu einer Zeile zu kommen. Doch auf
jeder Etage stürmten mir Kinder entgegen, die mich schweigend rammten oder
johlend ignorierten. Ich hielt mich dicht am Geländer.
In der Sechsten begann die Aussicht, und in der Siebten war in der vergangenen
Woche jemand durch die Glastür in den Etagenflur gefallen. Die Blutflecken
lagen noch ausgewaschen auf dem braunen Linoleum. In der Zehnten flog eine Taube
auf, nur weil ich vorbeiging am Balkon. Ich atmete immer noch gleichmäßig, als
ich oben ankam, längst machte der Aufstieg mir nichts mehr aus. Aber ich war
auch langsamer geworden. Für eine Stufe brauchte ich oft mehrere Sekunden.
Im Zimmer roch es nach Schweiß.
Ich räumte die Schalen mehrerer Pampelmusen von der fleckenstarrenden
Tischdecke. Ohne daß ich es sah, wußte ich, daß neben dem Mädchen oben im
Doppelstockbett der Junge lag. Als ich meine Bücher aufschlug, ließen sie ihre
Köpfe über die Kante schauen. Der Junge war ganz rot im Gesicht und grinste.
Das Mädchen ließ gewaltige Kaugummiblasen zerplatzen, die sie von ihren Wangen
kratzte. Sie schauten mich an. Ich schob das Lesebuch auf meine Hände und tat,
als läse ich eine Zeile:
»Laß den Salamander«, sagte ich laut.
Ich sah nicht auf, hörte aber, wie sie, schon wieder unter der Decke, leise
quiekten. Ab und zu brüllte das Mädchen, wenn der Junge sie zwickte, manchmal
schlug sie ihm auch ins Gesicht, wenn er zu grob wurde.
An mir gab es wenig anzufassen. Ich war fast durchsichtig und sah aus wie die
kleine Schwester eines der Mädchen. Die waren im ersten Jahr auf der Schule oft
zwanzig Zentimeter gewachsen, was am guten Essen lag. Sie aßen fünfmal am Tag
warm. Mir dagegen erlaubten sie nur Pampelmusen und Äpfel, schließlich lag
ich, der Ballast, bloß reglos im Boot.
Ich nahm das blaue Buch heraus, um die Zeile zu notieren, die mir ein guter
Anfang zu sein schien. Oben im Bett wühlte und kicherte es immer noch. Ich
schraubte den Füller auf und setzte die Feder auf die erste Linie, als etwas
durch den Raum flog. Starr blieb ich sitzen und schloß die Augen, während die
milchige Flüssigkeit langsam in die rauhen Fasern unseres Teppichs drang.
Sie war bereits ein trüber klebriger Fleck geworden und der Junge schon
gegangen, als ich noch einmal aufstand und aus dem Fenster sah. Tief unter mir,
hinter den kahlen Ästen der Bäume, schimmerte dunkel der Fluß, als wäre er
schön und nicht aus Wasser.
Ich betrachtete es nicht als Strafe, daß ich am Samstag nachmittag die Zehn-Kilometer-Runde laufen mußte. So blieben mir die Mädchen erspart, die sich beschwerten, daß sie eine Woche lang im Einer fahren und eine Krafteinheit zusätzlich absolvieren mußten. Sie saßen mit den Jungen in ihren stickigen Zimmern, während ich immerhin den Wald hatte. Vorne in meiner Windjacke steckte das blaue Buch. Meine lauten keuchenden Bewegungen verschreckten alle Gedanken. Ich dachte an meine Glieder und die Rede des Verantwortlichen für politische Erziehung. Ihm zufolge war ich für Wettkämpfe im Ausland ungeeignet, da man im Ausland nur auf Fehler aus unseren Reihen warten würde. Für Journalisten, die es nur darauf absahen, Schlechtes über unser Land aus unseren eigenen Mündern zu erfahren, wäre ich leichte Beute. Ich hatte gegen die Regel: Setze die Führungs- und Leitungsqualitäten zu Trainingszwecken ein! verstoßen. Auf keinen Fall dürfe man zulassen, daß Disziplinlosigkeit um sich griffe. Bei dieser Art Seuche, hatte er geschlossen, müsse man schnell und durchgreifend handeln.
Wenn die Mädchen die Einer aus den Gestellen
hoben, wurden ihre Gesichter lang, und die Mundwinkel fielen herab. Im Vierer
konnten sie die eigenen Blätter wenigstens minutenlang mit dem Schwung der
anderen mittreiben lassen, denn die Kreismuster, die sie auf der
Wasseroberfläche zurückließen, waren genauso groß und rund. Ob man die
Muskeln anspannte oder nicht, störte die schnell herauszuhebelnden Skulls
nicht. Die Einer jedoch waren verräterisch. Sie kippten sofort und staksten nur
langsam voran, von den Schreien des Trainers begleitet. Diese galten von Zeit zu
Zeit auch mir, denn ich saß am Lenkrad des Motorbootes und bemühte mich um
gleichmäßige Fahrt. Doch immer verfiel ich angesichts der Tropfenspuren auf
der Scheibe in Gedanken und preschte weit vor den Mädchen davon. Wenn ich dann
ruckartig den Hebel herunterriß, um zu verlangsamen, schlugen die Wellen in
ihre Boote, und der Trainer wurde in die Polster seines Igelitsessels gedrückt.
Dann wieder war ich zu langsam, und wir schaukelten hinter ihnen her, bis ich
erneut heranfuhr und uns auf gleiche Höhe brachte.
Es konnte an meinen Fahrkünsten liegen, daß der Trainer nicht nur nach fünf
weiteren Stößen mit mir den Platz getauscht hatte, sondern auch einen anderen
Vierer für die darauffolgenden Tage fand und so die herrliche Aussicht auf
einen Winter fern vom Wasser zunichte machte für mich.
Immer noch war es kalt und doch zu warm. In den Nächten schlug eisiger
Nieselregen an die Fenster, der morgens aus tiefhängenden Wolken nur noch
vereinzeltes Tropfen war. Die Metallgestelle, in denen die Boote lagen,
glitzerten feucht in der Morgendämmerung. Manchmal blieben die Finger daran
haften. Die Mädchen befanden sich seit sieben Uhr auf den Liegebrettern im
Kraftraum und schwitzten oder weinten in ihre Handtücher. Ich hatte nichts mehr
entgegnen können, als sie mit jaulenden Lauten die Gewichte nicht mehr zu ihrer
Brust ziehen wollten und sie schließlich fallen ließen auf die abgeschabten
Matten unter ihnen. Ich hatte noch einmal je ein Kilo auf jede Seite gesteckt
und dann vorgegeben, mich um das Ersatzboot kümmern zu müssen.
Es kostete mich einige Mühe, die große metallene Rolltür der Bootshalle
aufzuschieben, in der ich mit einer Taschenlampe die Regale abzuleuchten begann.
Außen drückte der Wind gegen die rostigen Wände. Als ich die Luftklappen des
dunkelgrünen Bootes öffnete, das über Wochen ungefahren auf den Böcken in
der Halle gelegen hatte, sah ich einen Teichmolch. Winterstarr saß er zwischen
den muffigen Bugleisten. Ich nahm einen größeren Holzspan vom Boden und warf
ihn zu ihm hinein. Stockend begann er mir entgegenzukriechen, als säße er seit
Hunderten von Jahren dort und finge gerade erst an zu atmen. Bedächtig und
müde schwenkte er seinen winzigen Kopf. Aber ich wußte schon, daß ich diese
Geste als Aufforderung nehmen mußte, den Bewegungen und dieser Jahreszeit
selbst ein Ende zu bereiten.
Daß ich in diesem Winter nicht zum ersten Mal
schon nach den ersten Metern von einer Wellengruppe überspült wurde, lag nicht
nur an den Böen, die aus dem rappligen Wasser Schaumkämme machten, sondern an
der »Charlottenhof« und dem »Alten Fritz«, die das ganze Jahr über auf den
eisfreien Havelseen fuhren. Sie waren heimtückisch, denn sie näherten sich
trotz ihrer Größe fast lautlos. Erst in einiger Entfernung wuchsen die Wellen,
die vorn an ihrem breiten Bug noch gar nicht zu erkennen waren. Wenn sie an uns
vorbeizogen, war es meistens schon zu spät, um das Boot noch in einen spitzen
Winkel zu ihnen zu stellen. Ich konnte nur noch die Augen schließen und mir die
Fäustlinge auf die Ohren pressen. Dann versuchte ich in meiner Wasserschale ein
Fisch zu werden, dem dieses flüssige Material gefallen konnte. Oder ich stellte
mir vor, daß ich nur ein Kopf wäre, dessen Körper zu rein maschinellen
Zwecken genutzt wurde und keine Sensoren auf der Haut trug. Stumm begann ich
Lieder zu singen, denn bis zum Gemünde waren es noch fünfzehn Kilometer.
Dabei war es angenehmer, von einer Welle überrascht zu werden, als sie von
weitem heranrollen zu sehen. Das hatte ich schon nach den ersten Tagen als
Steuerfrau gewußt, als ich das Boot noch stumm in großen Schleifen durch das
blühende Wasser geführt hatte. Ich zog kräftig an den Seilchen, die straff
gespannt links und rechts neben meinen Händen lagen. Verzweifelt schaute ich
nach vorn und wieder auf die Welle, die weit hinten lässig herangeschaukelt
kam, versuchte das Boot zu verschieben, es zu plazieren, ja sogar, mich
luvwärts zu legen, obwohl ich bereits sah, daß sie ohne weiteres über die
Holzreling schwappen und sich von dort durch den schon feuchten Stoff meiner
kratzigen Trainingsjacke bis zu meiner Haut vorarbeiten würde. Sprang sie mir
von hinten in den Nacken und den Mädchen über die Knie, saß ich zwar
augenblicklich hellwach in meiner Nuß, hatte es aber schnell überstanden,
während die Welle, schon klein geworden, bereits am Ufer zerlief.
Doch nun schien mir das Wasser fast wie eine frohe Ankündigung, auf einen
nächsten Tag. Der Molch saß noch im Bug, verschlossen unter der Klappe im
trockenen Raum. Tag oder Nacht spielten keine Rolle für ihn, er hielt die
blinden Augen geschlossen.
Am darauffolgenden Morgen griffen die Mädchen
schweigend in die Rollbahnverstrebungen und hoben das Boot über ihre Köpfe.
Vorsichtig liefen wir über den Steg, auf dem sich über Nacht eine glatte
Rauhreifschicht gebildet hatte - wie ein weißer unregelmäßiger Teppich lag
sie auf den dunklen Planken -, und setzten den Vierer ins Wasser. Unter unseren
Bewegungen schmatzte es gegen das Holz. Als die Mädchen ihre Schuhe auszogen
und auf Zehenspitzen ins Boot stiegen, blieben ihre Socken bei jedem Schritt
kleben. Wir stießen uns ab, schabend mit den Blättern über den angefrorenen
Steg, und ich sah, während wir uns entfernten, die zurückgebliebenen bunten
Fasern auf der weißen Fläche. Daneben lagen die Turnschuhe, als stünden
Menschen schweigend unter einer Tarnkappe und blickten uns nach, wie wir in der
steifen, spiegligen Wasserlandschaft verschwanden. Ich dachte, daß die Havel
auch der Styx sein konnte, denn wir durchquerten feuchte Nebelfelder in eine
andere Welt.
Wie eine Genugtuung kam es mir diesmal vor, daß wir die Landschaft mit den
Blättern und der Steuerflosse nicht nur ritzten, sondern tief aufschnitten. Wir
holten sie aus ihrem Schlaf, um ihre glatte Haut, die in jeder Nacht wieder
zusammenwuchs, zu zerstören. Ich schob den noch heißen Teekanister zwischen
meine Schenkel und den Schal über das Kinn. Die Mädchen ließen das Boot nur
zögerlich laufen, denn sie dachten, ich sähe in dieser Gräunis genausowenig
wie sie. Wortlos waren sie sich einig geworden, daß mir selbst bei klarstem
Wetter nicht zu trauen war. Dagegen wußte ich wenig einzuwenden:
Einmal war ich in eine Vogelinsel hineingefahren, weil ich die Augen geschlossen
gehalten hatte. In der frühen Morgensonne, die flach über den See geschossen
kam, war der Horizont ein Kaleidoskop geworden, das meine Lider zum Flattern
gebracht hatte. Das ruhige Schieben der Rollsitze bewegte uns rasch vorwärts.
Als ich Sekunden später die Augen kurz öffnete, streiften die Blätter schon
das Schilf, das steuerbord lag und erst in den Tagen zuvor zu einem breiten Band
geworden sein mußte. Und während ich noch über die Vielfalt der Bezeichnungen
für Grüntöne bei anderen Völkern nachdachte, mußte da, wo vorher nur Wasser
gewesen war, plötzlich eine Insel entstanden sein, auf die unser schmales Boot
mit dumpfem Geräusch auflief. Gleichzeitig mit einem Kommando, das es nicht
mehr über meine Lippen schaffte, gruben sich die Skulls tief in den Schlick und
rissen die Enden mit den Gummigriffen, die von den Händen der Mädchen noch
umklammert waren, in die Höhe. Die Dollen sprangen auf und verbogen sich mit
lautem Knirschen. Der Bugball vor mir hatte sich in ein Nest geschoben und lag
dort wie ein weiteres Ei, während sein Bewohner, ein großer Schwan, auf die
Bespannung vor mir sprang und seinen leuchtenden Schnabel in die Kunststoffhaut
trieb. Rallen und Lietzen flogen auf und uns um die Ohren, andere bekamen nicht
sofort den Kopf aus dem schlafenden Gefiederkörper, rollten im Schrecken zur
Seite und von dort ins Wasser, wo sie mit panischem Flügelschlag davonruderten.
Das Geschrei der Vögel vermischte sich schnell mit dem der Mädchen, die sich
über die blutigen Fingerknöchel leckten. Ich schwieg und steckte unbemerkt
eine große weiße Schwanenfeder unter meine Trainingsjacke. Vielleicht fehlte
mir nur die richtige Ausrüstung, hatte ich gehofft, denn die Zeilen müßten
aus dem passenden Gerät wie von selbst fließen.
Ein Seniorentrainer hatte uns später bei seiner Raucherpause etwas abseits der
Fahrrinne entdeckt und abgeschleppt.
Noch immer hatte ich mit der großen Feder nichts in das Buch gebracht, sondern
sie lediglich in einem ausgewaschenen Apfelmusglas auf mein Internatsregal
gestellt, als wir wenige Wochen nach der Vogelbegegnung durch die Alte Fahrt
gerudert waren, an der Freundschaftsinsel vorbei. Nur selten ließ uns der
Trainer diese Route fahren, denn wegen der Grenze auf der Glienicker Brücke
mußte man schon bald wieder umkehren. Auch hatte man in den befestigten
Kanälen kaum mit Wellen zu tun wie auf den offenen Seen im Süden der Stadt. An
jenem Morgen brannte die Sonne in die Gesichter der Mädchen, die das ganze Jahr
über eine braune rissige Haut hatten. Ich lag in ihrem breiten Rückenschatten
und beobachtete backbord einen Mann, der an den Ast eines Uferbaumes ein langes
Seil mit einem Reifen daran gebunden hatte, mit dem er versuchte, weit bis in
die Mitte des Flusses zu schwingen, um sich dort mit einem Absprung ins Wasser
zu werfen.
Während ich mechanisch die langen rhythmischen Bewegungen der Mädchen
kommentierte, sah ich links und rechts bemalte Wilde hinter den Büschen
hervortreten, die uns, auf ihre langen Speere gestützt, aufmerksam mit den
Augen verfolgten. Wir durften keine mißverständliche Regung machen,
schließlich kamen wir in friedlicher Absicht. Als Mitglied einer
Forschungsgruppe im Urwald hatte ich mir verschiedene Zeichen zu überlegen, die
signalisieren konnten, daß wir auf die Hilfe der Eingeborenen angewiesen waren.
Längst hatten wir die Alte Fahrt passiert, längst waren auch die Gestalten aus
meinem Blickfeld in das der Mädchen gerückt, die mit ihren blinden Körpern
womöglich nicht auf sie achteten, sondern mit gesenkten Lidern auf ihre
blasigen Hände schauten, die uns gleichmäßig von ihnen entfernten. Ich aber
mußte Lösungen für den schwierigen Wasserfall, der auf unserer Strecke lag,
finden. Sicher würden wir Flöße bauen und uns von Proviant und
überflüssigem Gepäck trennen müssen. Vielleicht waren meine Augen aufgrund
dieser Überlegungen so schmal geworden, daß die Brücke, die doch immer näher
rückte, ein dünner Streifen am Horizont blieb. Ich war stumm geworden, und
obwohl ich kurz darauf deutlich die schwarzgekleideten Posten erkannte, die ihre
Maschinengewehre in die Vorrichtungen auf dem Brückengeländer legten, schwieg
ich noch immer. Als ich meine Augen endlich weit aufriß, konnte ich schon so
nah in ihre Gesichter blicken, daß ich kleine Schweißperlen auf ihren Stirnen
sah, die nach drei weiteren Ruderschlägen direkt über mir sein und von dort in
unser Boot fallen würden oder auf die gekrümmten Rücken der Mädchen.
Noch bevor ich den Vierer durch ein Kommando zum Stehen bringen konnte,
übernahm einer der Grenzposten mit Hilfe eines Megaphons diese Aufgabe. Die
Mädchen erschraken, als seine metallene Stimme aus dem Nichts über das Wasser
bellte, und tauchten die Skulls tief in die Havel hinein. Kopflos stoppten und
wendeten sie, die Holzblätter schlugen gegeneinander. Mit ein paar
Sprintschlägen, als gälte es bei einem Wettkampf günstig vom Start
wegzukommen, entfernten wir uns ruckartig von der unsichtbaren Wand, hinter der
die Posten immer noch lauerten und bereits die Schule informierten.
An diesem Februarmorgen aber waren meine Augen
offen, Sonne und Wilde diesmal nicht zu sehen. Weit schon hatten wir uns von dem
Steg entfernt, auf dem auch die Turnschuhe inzwischen mit einer Reifschicht
bedeckt sein mußten. Spiegelglatt lag der See unter der dicken feuchten
Nebelmasse, die die Bojen erst drei, vier Meter vor uns freigab. Doch ich
bewegte mich in dieser milchigen Landschaft wie in einem auswendig gelernten
Labyrinth. Gleichmäßig ruhig schoben wir uns durch das morgendliche Grau.
Obwohl ich nichts sah, wußte ich genau, wo wir uns befanden, und hielt mich
dicht am Ufer. Und von dort aus spürte ich, wie der »Kleine Klaus« sich
näherte. Winzig kleine Wellenhügel, die aus der Nebelwand herausliefen und
einige Zentimeter vor mir am Bug zusammenfielen, kündigten ihn an. Ich atmete
geräuschlos und sah so klar, als hätte ich mir eine Nebelbrille aufgesetzt.
Denn nicht erst, als der »Kleine Klaus« ein dumpfes Signal ertönen ließ,
erkannte ich seine Fahrt sicher, schon an den Luftbewegungen hatte ich gespürt,
daß er backbord lag, und hatte nach backbord gesteuert. Phantasie und Zufall
waren nicht im Spiel, als unser schmales Boot sich dem unsichtbaren Schiff
näherte und nach ein paar weiteren Schlägen schon dicht am Rumpf des
Weiße-Flotte-Dampfers vorbeigeschoben wurde, so dicht, bis der gewaltige
hochgezogene Anker plötzlich über den Köpfen der Mädchen schwebte. Durch den
Nebel sah ich, wie ich das Steuer, nun schon am Heck des Riesen, noch einmal
herumriß, so daß sich die Backbordskulls ohne weiteres in der Schraube
verfingen und augenblicklich zersplittert wurden. Das Boot kenterte sofort über
die andere Seite. Da hatte ich mich aber schon aus dem Liegesitz herausgezogen
und war absprungbereit. Nicht so die Mädchen, deren Füße fest in den
Schnürschuhen auf den Stemmbrettern steckten. Ich sah: Das Boot lag mit dem
Rumpf nach oben, und unten im Wasser, unter der Nebelwand, saßen die Mädchen
im Boot wie ein Spiegelbild, als wollten sie - eine stumm gewordene Galeere -
ihre Berufung in die Unterwelt retten.
In meinem dichten Ölanzug konnte ich nur langsam davonschwimmen, jeder Zug war
eine unerträgliche Anstrengung für meine dünnen Arme. Ich mußte sie
schließlich ausbreiten, als ich in eine dichte Nebelschwade kam, und mich auf
dem Rücken als leichter Ast vom Wasser treiben lassen. Und während der
»Kleine Klaus« sich in die andere Richtung entfernte und noch einmal ein
Signal abgab, das diesmal wie eine Aufforderung zum Einfinden der letzten
Passagiere vor der Abfahrt klang, begann das Wasser in gleichmäßigen Tropfen
über mein Gesicht zu perlen. Als fiele der Nebel herab, um unter den Fluß zu
steigen, zog er mich in seine feuchte Wolke hinein. Meine Augen konnten
geöffnet oder geschlossen sein, als etwas begann:
Laß den Salamander, in SteinSchweigend trieb ich durch den Nebel, der sich an diesem Tag erst gegen neun Uhr dreißig aufzulösen begann.
gehaunes Untier,
er sinkt zum Grund und anderes fällt mit.
Das braune Haar der Frau hängt noch
im Schilf, der Sumpf nimmt es nicht auf.
Um jeden Halm ist es
gewunden und blüht im nächsten Jahr.
Der Salamander irrt ...
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Piper