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23. November
(Leseprobe aus: Der Schattenfotograf,
Biografie, 1978, List).
Marina, lächelnd: Was sitzt du hier dauernd bei mir
herum? Schreib gefälligst."
Was man jetzt natürlich nicht darf: Die Zeit, die ich mich, des Buchs wegen, Marina entziehe, in Relation zum Lesepublikum setzen. Da drehte man durch.
Unterschied zwischen Publikum und Leser. Das Publikum beurteilt den Habitus des Autors; der Leser sein Buch.
Dichterlesung. Grenzenlose Verlorenheit in nicht zu Neugier reizenden Städten, die Eutin, Recklinghausen, Wanne-Eickel heißen. Der Bahnhof verspricht Anschluß an eine Welt, die es nicht gibt. Filzhüte über Tortengebirgen. Der Bankfilialleiter kontrolliert in der spiegelnden Schauvitrine voll Erhardmünzen den anpassungsfähigen Scheitel. Die Passanten zu jeder Tageszeit mit den prall werbenden Tragetüten aus dem diktatorischen Kaufhaus behängt. Selbstmordbereitschaft fördernde Biederkeitsaggression in den blanken Gesichtern. Knapp dreihundert von ihnen dann vor dem wackligen Stehpult am Abend. Befreiter Applaus. Bücherverkäufe: schließlich rückt Weihnachten näher. Der Kugelschreiber wird heiß; sie wollen immer den ganzen Namenszug haben. Und über das krallig weiße Tischtuch im Vereinssaal hinweg dann in gelockerter Stimmung die Frage: "Und woran arbeiten Sie gerade?"
"Es gibt Fragen, über die wir nicht hinwegkommen könnten, wenn wir nicht von Natur aus von ihnen befreit wären." (Franz K.)
Merke. Der Leser geht nicht zu Lesungen. Er liest. (Personifizierungen des Autors irritieren ihn eher.)
Mit das Ärgste. Nachts in fremder Stadt, aus dem Kino kommen. Alle Fäden gerissen. Bereit, sich sofort unter ein Auto zu stürzen.
Warum ich Marina so liebe. Weil sie einen selbst da noch aufzufangen versteht. Da vor allem.
Am schlimmsten. Schutzlos den Weihen des bürgerlichen Sonntags ausgesetzt sein.
Was den gesetzlichen Sonntag für einen an ungesetzliche Arbeitsdisziplin Gewöhnten so enervierend macht, ist die Tatsache, daß heute alle dasselbe tun: nichts.
Werktags am Schreibtisch dagegen: Solidarisch mit jedem Beruf. (Gefängnispersonal ausgeschlossen.)
Den Sabbat zu halten, das wäre zu machen. Denn ihm liegt nicht der Wunsch nach Zerstreuung zugrunde, sondern das Gebot sich zu sammeln.
Sabbat: Rasttag der Seele.
Geflügeltes Heimatgefühl wie noch nie im Leben empfunden: Beim Blick aus dem hochgelegenen Hotelzimmer in Haifa, und auf der sabbatstillen Straße tief unten die blauweißen Häher, die mit ihren läutenden Rufen von Garten zu Garten fliegend, den Vogelseelen die für diesen Tag geltende Einhaltung der Fluggrenzen auftrugen.
"Der Sabbat gleicht einem Sechzigstel der messianischen Zeit", sagt der Talmud. Gemessen an jenem Blick aus dem Fenster: Unmöglich, ihr gewachsen zu sein. - Auch noch Talmud: "Drei Dinge vermitteln einen Vorgeschmack des Ewigen Lebens: Die Sonne, der Sabbat, die Liebesumarmung." Hier hätte ich keine Befürchtung.
Dennoch. Hillel hat recht: Es wird kein Messias mehr kommen. Er ist schon zu der Zeit erschienen, da Hiskia König war; und viele sagen ja auch, Hiskia selber ist der Messias gewesen. Hillel lehrt das, um die Gläubigen tatkräftiger leben zu lassen. Denn nach der Überlieferung wird zwar zuerst der Prophet Elias erscheinen, um die große Wende zu verkünden. Aber dann werden die messianischen Wehen einsetzen, die den Umsturz jeder menschlichen Ordnung und die Heraufkunft und Herrschaft des Bösen bedeuten, und der mörderische Kampf mit den apokalyptischen Völkern Gog und Magog beginnt. Wie nah liegt es da, sich nicht zum Widerstand aufgerufen zu fühlen, wenn Terrorregime die Welt überziehen, weil man hofft, in ihrem Sturmschatten auf den Ersehnten zu stoßen, an dessen so oft verkündetem Reich man nun endlich teilhaben möchte. - Hillel hat den Messias in die Vergangenheit verbannt, um den Menschen sich die messianische Zukunft selber erkämpfen zu lassen.
Wir würden nicht so oft von Lichtgestalten reden, wenn wir nicht Beleuchtung nötig hätten auf Erden. (Nicht für die Direktionsetage einer Elektrizitätsgesellschaft gedacht.)
Ali an Atma. "Der Ausdruck 'Schlagschatten' wirft ein grelles Schlaglicht auf die Dunkelziffer der Heiligkeitsmorde auf Erden."
Atma an Ali. "Glauben Sie nuhr nicht, daß erloschene Lichter wieder der Dunckelheidt zugeführt wührden."
Der trauernde Revolutionär. (Titelschutz beantragen.) Wen betrauert er denn? Die Zukunft der Revolutionen. Denn sie werden im Flutlicht von zentral gelegenen Fußball-Arenen stattfinden und voll ausgeleuchtet auf dem Bildschirm erscheinen.
Der Fortschrittsgläubige: "Dann wird das große Dunkelmänner-Sterben beginnen."
Nein. Denn. Eine erleuchtete Dunkelkammer läßt noch keine Rückschlüsse auf Helligkeit zu.
Ali an Atma. "Ist das nicht aufmerksam? -: In 'Heiligenschein' steckt für alle Fälle schon 'scheinheilig' drin."
Atma an Ali. "Das könnte erklären, wieso die Heiligen noch durch diese zusätzlichen Lichteffecte kenntlich gemacht werden müssen. Offenbahr sind die Zeiten forbei, da sie noch Außstrahlungk hatten."
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