Maja Schnitzler

Verzweigungen

Verzweigungen im Inneren,

lassen einen Dschungel wachsen,

ein Chaos,

eine Reizüberflut.

Stränge,

Seile von schwindendem Grün

halten den Körper mit ihren Klauen

an der quetschenden Brust.

Krallen zerdrücken,

schlagen,

jagen die Existenz ins Nichts

nageln sie dort fest.

Zwingen das Leben in die Knie,

lassen den Irrsinn auferstehen,

die bittere Freude

während Skelette durch das Moor kriechen.

Die Morgensonne

lässt den seichten Sumpf schillern,

während zurückbleibende Hände,

nach einem Ast suchen,

einer Möglichkeit,

dem Strudel zu entgehen.

Doch sie sinken hinab

die knöchernen Hände,

hinab in die Ewigkeit,

in die schmerzende Stille.

Die Dunklen feiern das Versinken,

baden ihre Füße in der heilenden Erde.

Schaffen sich so

die ewige Schönheit und Allmacht.

Schwimmen im See des Schweigens,

tauchen durch den verschlossenen Mund.

Sie ziehen die Überbleibsel

aus der Tiefe empor,

basteln sich aus Gliedern

neue Gerippe.

Im Belieben der Zeit,

der passenden Gelegenheit.

Allmächtig,

herrschend,

entwerfen sie ein neues Muster,

die Reste erwachsen zu einem neuen Gefüge.

Sie nähen sich ihre Welt,

mit schwarzen Fäden,

verarbeiten ihre Opfer

zu einem ewig bunten Schal.

Die Fasern der Gefügigkeit,

des Zwanges,

passend untergebracht,

versehen mit goldenem Schweigen.

Die Götter

erwachen durch das feine Kunstwerk.

Ziehen rechts,

zerren links,

stricken weiter,

schneiden ab.

Eine neue Epoche beginnt,

eine glänzende Idee wird geboren.

Die einsamen Kreaturen versinken nicht,

sie nehmen sich der Götter an,

treten ein in die Welt des anderen Friedens,

schreiten durch das Tor der Unglaublichkeit,

laufen dem herrschenden Portal entgegen.

Der Stock der Hoffnungslosigkeit

stützt die zerbrechlichen Glieder

bei ihrem Wettlauf gegen den verlorenen Mut.

Sie werden Bewohner

des bestehenden Zerfalls.

Im Zuge der Zeit

wächst die bittere Einsicht,

dass Teilhaben an anderen Welt

verwehrt,

unmöglich wird.

Die Gleise dorthin

wurden still gelegt.

Nur die falsche Hülle der Illusion

Vermag über die lügende Schwelle zu treten.

Die Hölzer verriegelt,

gesichert durch ein schweres Schloss,

nur zu öffnen durch den Schlüssel

des ewigen Schweigens.

(10/2001)

Rezension I Buchbestellung IV02 © LYRIKwelt