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Die
Globalisierung des amerikanischen Gebisses
(Leseprobe aus: Die Diktatur der
Geschwindigkeit. Ausflüge, Zwischenrufe, Transit)
Eines der großen, unaufgeklärten
Geheimnisse der amerikanischen Kultur ist das Verhältnis der Amerikaner zu
ihren Zähnen. Wer aus Europa kommt und nicht durch Neid behindert ist, wird
zugeben, daß er von der Leuchtkraft und Schönheit der Gebisse, die ihn in der
neuen Welt umgeben, geradezu geblendet wird. Nirgendwo kann man so viele
hnreißend weiße und regelmäßige Zähne sehen wie hier. Wenn diese Gebisse
lächeln, glaubt man, auf die Spitzen eines frisch geweißten englischen
Gartenzauns zu blicken.
Daß Amerikaner diesem Körperteil eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenken,
ist unstreitig. Es gibt nicht wenig Leute, die sich damit brüsten, den
Gegenwert eines Mercedes in ihr Gebiß investiert zu haben. Neulich hörte ich
eine Sendung des National Public Radio über den Schriftsteller Whittaker
Chambers. Er ist um die Jahrhundertwende geboren und starb 1961. Die
Interviewerin wollte von dem Autor einer Biographie über Chambers wissen, ob er
etwas über dessen berühmte schlechte Zähne sagen könne. Der Autor der
Biographie antwortete ganz unverwundert, er habe in den rund 100.000 Dokumenten
keine Erklärung für den grauenhaften Zustand der Zähne des Schriftstellers
gefunden – ganz offenbar habe ihm seine Mutter die hygienischen Grundregeln
der Zahnpflege nicht beigebracht.
Als der Bericht des Leibarztes von Mao Tse Tung hier erschien, hat nichts soviel
Aufmerksamkeit erregt wie Maos Antwort auf die diskrete Ermahnung seines Arztes
zur Zahnpflege. »Ein Jaguar«, soll der große Vorsitzende erwidert haben,
»putzt sich nicht die Zähne«. Ich kann bezeugen, daß Amerikaner ihren Hunden
die Zähne putzen. Neulich, als ich in einer amerikanischen Zahnarztpraxis saß,
kam ich dem Geheimnis dieser Obsession etwas näher. Während mein Zahnarzt und
ich auf die Wirkung einer Spritze warteten, die er mir verpaßt hatte, blieb ich
allein im Zahnarztstuhl. Während dieser Denkpause wurde ich einem Film über
menschliche Gebisse ausgesetzt. Halbbetäubt wie ich war, konnte ich dem Film,
der auf einem Monitor, der in meiner Blickrichtung am Fenster angebracht war,
nicht entfliehen. Was ich sah, waren höchst verschiedene Gebisse, wie sie die
Natur in ihrer kriminellen Lust an der Vielfalt hervorbringt. Gebisse mit vor-
oder zurückstehendem Oberkiefer, Gebisse mit schräg oder
übereinandergewachsenen Zähnen, Gebisse mit durchscheinenden, gelben oder
grauen Zähnen, Gebisse mit schwarzem Kronenrand, Gebisse mit zu großen oder
abgekauten Zähnen. Und nun passierte es, vor meinen Augen, das Wunder. Durch
den Zeitraffereffekt beschleunigt sah ich, wie dieser bemerkenswerte Zoo von
menschlichen Gebissen durch die Kunst der Zahnkosmetik – durch Klammern,
Spangen, Zwingen, Drahtverhaue – vereinheitlicht und gezähmt wurde. Was
alarmierend vorgestanden hatte, rückte wunderbar zurück, was krumm und schief
gewesen war, stand plötzlich demokratisch in Reih und Glied, was als
durchscheinend, gelb oder braun aufgefallen war, glänzte jetzt massiv und
perlweiß. Alles Wilde und Unordentliche – die Höhen, Tiefen,
Unregelmäßigkeiten der menschlichen Beißwerkzeuge – war zurückgeschliffen.
Am happy end des Films waren alle Gebisse gleich und schön – Gebisse zum
Anbeißen.
Erst nach einer Schrecksekunde wurde mir klar, worauf die unstreitige
erzieherische Wirkung des Films beruhte: auf dem Terror der Vergrößerung. Es
gehört zum Ritual der amerikanischen Zahndiagnose, dem Delinquenten den Zustand
seiner Zähne mittels einer Mikrokamera, die nicht größer als ein Bohrer ist,
vorzuführen. Wer seine Zähne auf dem Monitor des Zahnkosmetikers gesehen hat,
sieht eine Ruinenlandschaft; Bilder, die den Luftaufnahmen der Stadt Berlin aus
dem Jahre ’45 gleichen. Dies ist der Moment, da der Zahnkosmetiker zuschlägt.
Er bietet dem Zerknirschten seine Hilfe an. Eine ungeheure, von keinem
Marshallplan begleitete Aufbauarbeit und die entsprechenden Investitionen sind
zu leisten.
Am Abend sah ich Umberto Eco in einem Fernsehinterview. Es war mir unmöglich,
dem klugen Manne zuzuhören. Mit dem frisch konditionierten Blick und einer
gewissen Nostalgie begutachtete ich seine europäischen Zähne und stellte fest:
hier war ein Mann, der seine Unschuld noch nicht verloren hatte. Offenbar hatte
er sein Gebiß noch nie in Großaufnahme gesehen.
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