Die Diktatur der Geschwindigkeit von Peter Schneider, Transit

Peter Schneider

Die Globalisierung des amerikanischen Gebisses
(Leseprobe aus: Die Diktatur der Geschwindigkeit. Ausflüge, Zwischenrufe, Transit)

Eines der großen, unaufgeklärten Geheimnisse der amerikanischen Kultur ist das Verhältnis der Amerikaner zu ihren Zähnen. Wer aus Europa kommt und nicht durch Neid behindert ist, wird zugeben, daß er von der Leuchtkraft und Schönheit der Gebisse, die ihn in der neuen Welt umgeben, geradezu geblendet wird. Nirgendwo kann man so viele hnreißend weiße und regelmäßige Zähne sehen wie hier. Wenn diese Gebisse lächeln, glaubt man, auf die Spitzen eines frisch geweißten englischen Gartenzauns zu blicken.
Daß Amerikaner diesem Körperteil eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenken, ist unstreitig. Es gibt nicht wenig Leute, die sich damit brüsten, den Gegenwert eines Mercedes in ihr Gebiß investiert zu haben. Neulich hörte ich eine Sendung des National Public Radio über den Schriftsteller Whittaker Chambers. Er ist um die Jahrhundertwende geboren und starb 1961. Die Interviewerin wollte von dem Autor einer Biographie über Chambers wissen, ob er etwas über dessen berühmte schlechte Zähne sagen könne. Der Autor der Biographie antwortete ganz unverwundert, er habe in den rund 100.000 Dokumenten keine Erklärung für den grauenhaften Zustand der Zähne des Schriftstellers gefunden – ganz offenbar habe ihm seine Mutter die hygienischen Grundregeln der Zahnpflege nicht beigebracht.
Als der Bericht des Leibarztes von Mao Tse Tung hier erschien, hat nichts soviel Aufmerksamkeit erregt wie Maos Antwort auf die diskrete Ermahnung seines Arztes zur Zahnpflege. »Ein Jaguar«, soll der große Vorsitzende erwidert haben, »putzt sich nicht die Zähne«. Ich kann bezeugen, daß Amerikaner ihren Hunden die Zähne putzen. Neulich, als ich in einer amerikanischen Zahnarztpraxis saß, kam ich dem Geheimnis dieser Obsession etwas näher. Während mein Zahnarzt und ich auf die Wirkung einer Spritze warteten, die er mir verpaßt hatte, blieb ich allein im Zahnarztstuhl. Während dieser Denkpause wurde ich einem Film über menschliche Gebisse ausgesetzt. Halbbetäubt wie ich war, konnte ich dem Film, der auf einem Monitor, der in meiner Blickrichtung am Fenster angebracht war, nicht entfliehen. Was ich sah, waren höchst verschiedene Gebisse, wie sie die Natur in ihrer kriminellen Lust an der Vielfalt hervorbringt. Gebisse mit vor- oder zurückstehendem Oberkiefer, Gebisse mit schräg oder übereinandergewachsenen Zähnen, Gebisse mit durchscheinenden, gelben oder grauen Zähnen, Gebisse mit schwarzem Kronenrand, Gebisse mit zu großen oder abgekauten Zähnen. Und nun passierte es, vor meinen Augen, das Wunder. Durch den Zeitraffereffekt beschleunigt sah ich, wie dieser bemerkenswerte Zoo von menschlichen Gebissen durch die Kunst der Zahnkosmetik – durch Klammern, Spangen, Zwingen, Drahtverhaue – vereinheitlicht und gezähmt wurde. Was alarmierend vorgestanden hatte, rückte wunderbar zurück, was krumm und schief gewesen war, stand plötzlich demokratisch in Reih und Glied, was als durchscheinend, gelb oder braun aufgefallen war, glänzte jetzt massiv und perlweiß. Alles Wilde und Unordentliche – die Höhen, Tiefen, Unregelmäßigkeiten der menschlichen Beißwerkzeuge – war zurückgeschliffen. Am happy end des Films waren alle Gebisse gleich und schön – Gebisse zum Anbeißen.
Erst nach einer Schrecksekunde wurde mir klar, worauf die unstreitige erzieherische Wirkung des Films beruhte: auf dem Terror der Vergrößerung. Es gehört zum Ritual der amerikanischen Zahndiagnose, dem Delinquenten den Zustand seiner Zähne mittels einer Mikrokamera, die nicht größer als ein Bohrer ist, vorzuführen. Wer seine Zähne auf dem Monitor des Zahnkosmetikers gesehen hat, sieht eine Ruinenlandschaft; Bilder, die den Luftaufnahmen der Stadt Berlin aus dem Jahre ’45 gleichen. Dies ist der Moment, da der Zahnkosmetiker zuschlägt. Er bietet dem Zerknirschten seine Hilfe an. Eine ungeheure, von keinem Marshallplan begleitete Aufbauarbeit und die entsprechenden Investitionen sind zu leisten.
Am Abend sah ich Umberto Eco in einem Fernsehinterview. Es war mir unmöglich, dem klugen Manne zuzuhören. Mit dem frisch konditionierten Blick und einer gewissen Nostalgie begutachtete ich seine europäischen Zähne und stellte fest: hier war ein Mann, der seine Unschuld noch nicht verloren hatte. Offenbar hatte er sein Gebiß noch nie in Großaufnahme gesehen.

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