Wenn ich ihnen, meine Herrn! fieng er an, eine auffrichtige Erzehlung meines bißherigen Lebens-Lauffs abstatten soll, so bitte voraus, nicht übel auszulegen, wenn ich die Fehler und Verbrechen meiner Eltern und Freunde mit lebendigen Farben abmahle, auch die Sünden und thorichten Streiche meiner selbst eigenen Jugend nicht heuchlerischer weise zu vermänteln suche. Anbey aber bitte den Unterscheid zu betrachten, was ich nehmlich vor diesem vor ein Früchtgen gewesen, und wie ich dargegen itzo gesinnet bin. GOtt lob! mein Sinn hat sich bereits vor etlichen Jahren zu bessern angefangen, und ich verhoffe nunmehro im Stande zu bleiben, mich biß an mein Ende vor allen muthwilligen Sünden zu hüten, auch GOTT und meinem Nächsten desto eiffriger und nützlicher zu dienen. Mein Vater war von Geburth ein Augspurger und von solchen Eltern gezeuget, welche die Evangelisch-Lutherische Religion äuserst bekeñeten, auch alle ihre Kinder darinnen wohl erzogen hatten. Da aber mein Vater nachhero, als ein junger Goldschmidts-Geselle in die Frembde reiset, und zu Schaafhausen in der Schweitz, sein zeitliches Glück, vermittelst einer reichen Heyrath zu machen, Gelegenheit findet, lässet er sich verblenden, die Lutherische Religion mit der Reformirten zu verwechseln. Zehen biß zwölff Jahr hat er nachhero zwar in ziemlich ruhigen vergnügen gelebt, und drey Kinder mit der erheyratheten Wittfrau gezeugt, nehmlich mich, einen ältern Bruder, und dann auch eine jüngere Schwester, anbey als ein besonderer Künstler, durch fleißiges Arbeiten sein Vermögen um ein merckliches vergrössert, so daß mehr Uberfluß als Mangel in unserm Hause zu spüren, und in keinem Stücke Noth vorhanden war. Allein so bald meiner Mutter Bruder, als ein alter Vagaband von seinen 15. jährigen Reisen zu Hause kömmt, und meiner Mutter allerhand verzweiffelte Lufft-Schlösser ins Gehirne bauet, läst dieselbe nicht nach meinem Baier so lange in den Ohren zu liegen, biß er sich mit demselben als einen vermeinten Alchymisten in verschiedene chimische Processe verwickelt. Ob nun schon die ersten Versuche sehr unglücklich ablauffen, und bereits etliche 1000. Thlr. theils an das Laboratorium und andere requisita verwendet, theils aber in die Lufft verflogen sind, mein Vater also mit gröster Raison die Hand von der Butte ziehen, und fernerem Unglücke vorbauen können; findet sich dennoch in seinem Gemüthe das klare Gegenspiel, kurtz zu sagen, es ist nach diesem ersten verunglückten Processen, kein Mensch begieriger, erpichter und versteuerter auf das Goldmachen, als mein Vater.
Ihr werdet vielleicht gedencken, meine Herrn, mein Vater müsse ein alberner Schöps oder liederlicher Hauß Wirth gewesen seyn, allein solchergestallt irret ihr gar sehr, denn ohne Flatterie, kan ich ausser demjenigen, was den Punct des Goldmachens anbelanget, theur versichern: daß er einen ausserordentlich guten Verstand gehabt, zwischen der Verschwendung und dem Geitze aber, die Mittel-Strasse dergestallt zu wandeln gewust, daß ich ihn seiner nachherigen Thorheiten wegen, weit mehr verdacht, oder gar eine Hirn-Wandelung vermuthet hatte, wenn ich mit der Zeit nicht an meinem eigenen Exempel erfahren: welcher gestallt die Alchymie die allerentsetzlichste Art einer Gelben-Sucht des Gemüths, ja ein solch verzweiffelt ansteckendes pestilentialisches Fieber, welches sehr selten gäntzlich zu vertreiben, palliative aber durch nichts als Armuth und Mangel zu curiren sey.
Jedoch zur Sache. Mein Vater fieng zum grösten Vergnügen seiner Frauen und deren Bruders, das Werck weit kostbarer und arbeitsamer an als vorhero, ließ seine schöne Profession, die ihm doch jährlich ein gewisses und ansehnliches Interesse vor Aufwand und Mühe einbrachte, gäntzlich liegen, schaffte Gesellen und Lehr-Jungen ab, und gab bey andern Leuten vor, sein übriges Leben in Ruhe und Friede hinzubringen. Jedoch es geschahe nichts weniger als das letzte, denn er kunte sich kaum Zeit zum essen, noch weniger aber zum schlaffen nehmen. Bald darauff wurde ein Gemurmele unter den Leuten, welche curieus waren zu wissen: worzu doch wohl mein Vater so grausam viele Kohlen und andere Materialien gebrauchen müsse? Dieserwegen hielt er vor rathsamer und desto unverdächtiger, die Gold-Schmidts Werckstädten wiedrum anzulegen, neue Gesellen und Jungen anzunehmen, und weit fleißiger als jemahls arbeiten zu lassen, nur damit die Leute nicht in ihren, ihm vielleicht schädlichen Urtheilen, gestärckt würden. Allein was halffs? Es war bey aller Arbeit und bey allen Vornehmen nunmehro weder Seegen, Glück noch Stern, denn binnen wenig Jahren wurde mein Vater an auswärtige und einheimische Creditores, mehr schuldig als sein gantzes Vermögen betrug, daß, so zu sagen kein Ziegel auf dem Dache, weder ihm noch meiner Mutter annoch zugehörete. Also war es an dem, daß entweder sehr schleunig, Gold, oder Banqverott gemacht würde, indem ein oder zwey Creditores schon von ferne in etwas zu brummen anfiengen, derowegen gehet meine Mutter mit ihren Bruder zu rathe, drehen die Poltzen, welche mein Vater nachhero verschiessen muß. Kurtz zu sagen: weil das Goldmachen nicht gerathen will, verfallen sie auf das gefährliche Mittel: Geld zu machen. Denn vor das viele verlaborirte schöne Geld und Gut, hatten sie dennoch eine betrügliche Massam erfunden, welche dem Golde aufs genauste ähnlich sahe, eine ziemliche Geschmeidigkeit hatte, den Strich auch vollkommen hielt, allein im Schmeltz-Tiegel, und zwar erstlich im dritten Gradu des Feuers, zu einer nichts nützigen schwartzen Schlacke wurde. Die Sache gieng ihrer Meynung nach herrlich und gut von statten, mein Vater muß die Stempel zu Frantzösischen und andern Gold-Müntzen schneiden, die Mutter hilfft mit müntzen, deren Bruder aber, nachdem er eine starcke Quantität von der saubern Massa gemacht, begiebt sich, mit einer grossen Summe solches neu geprägten Geldes, auf die Reise, um selbiges zu vertreiben und gute Sorten davor einzuwechseln, ist auch so glücklich binnen zwey Jahren, allein in Franckreich, vor 20000. Thlr. dergleichen falsche Müntze anzuwerden, ohne was nach Holland oder Deutschland gegangen war. Solchergestallt rissen sich meine Eltern sehr geschwind aus allen ihren schulden, und hatten mehr als 30000. Thlr. werth an baaren Gelde und Meublen beysammen, über dieses, so war zu damahliger Zeit noch nicht der allergeringste Verdacht auf den Unwerth solcher falschen Müntze, und noch viel weniger auf sie, geworffen; derowegen wäre es annoch hohe Zeit gewesen sich zu retiriren, allein sie werden blind, verstockt, und desto muthiger ihre gefährliche Handthierung so lange fortzutreiben, biß endlich mein respective super kluger Herr Vetter, in Flandern mit 15000. Thlr. solcher falschen Gold-Müntze ertappt, gefangen gesetzt, und endlich durch grosse Marter dahin gebracht wird: meinen Vater als seinen Complicen anzugeben.
Nun wäre es zwar ein leichtes gewesen meinen Vater, in gröster Sicherheit, auf frischer That zu ertappen, allein zu seinem Glücke, entdecket ein alter mit in den Gerichten sitzender Susannen-Bruder, ich weiß aber nicht aus was vor Affection, den gantzen Handel, vielleicht aus besondern Absichten meiner Mutter, und zwar annoch zur höchsten Zeit, diese aber hat doch noch die eintzige Barmhertzigkeit, ihren Eh-Gatten, der auf ihr Zureden, sein Alles in die Schantze geschlagen, mit etwa 500. Thlr. abzufertigen, und ihn auf einer schnellen Post des Landes auf ewig zu verweisen. Meiner Mutter Bruder hat nachhero an einem sehr gewaltsamen hitzigen Fieber, und zwar auf einem, von Holtz und Stroh gemachten Sterbe-Bette, die Seele im Dampf und Rauche von sich blasen müssen. Ob ihm eine solche Todes-Art allzuschmertzlich angekommen? solte man fast zweiffeln, weil Feuer, Dampff, Rauch und Gestanck, so zu reden, sein Element auf dieser Welt gewesen. Meine Mutter als ein sehr verschlagenes Weib, gedencket zwar, nachdem sie den Vater fort, und die meisten verdächtigen Sachen beyseits geschafft, den Kopff aus der Schlinge zu ziehen, und das Ihrige in Friede und Ruhe zu besitzen, jedoch sie kömmt dem ohngeacht in die Inquisition, überstehet alle angethane Marter heldenmüthig, ohne das geringste von ihrer Mit-Wissenschafft zu bekennen, schweret sich durch ein cörperliches Eid von der gantzen Sache loß, allein was halff ihr solches viel? denn alle ihre Güter wurden confisciret, meine Schwester in ein Waisen-Hauß zur Aufferziehung gebracht, sie aber selbst zu ewiger Gefängniß condemniret, dahingegen mein Vater seine Flucht an einen solchen Ort genommen, wo er nicht leicht auszuspüren war.
So ergieng es den Meinigen, die sich von einem gottlosen Buben und Land-Streicher, und dann durch die schnöde Gold- und Geld Sucht ins Verderben stürtzen liessen. Ich habe ihnen aber, meine Herren, sagte hierbey Mons. Plager, diese Geschichte dergestallt erzehlet, als ob ich bey allen gegenwärtig gewesen wäre, jedoch nichts weniger als dieses, denn ich bin von meinem 11ten Jahre an, auf inständiges Verlangen meiner Groß-Eltern, bey ihnen in Augspurg erzogen worden, und in meinem 17den Jahre, lieff daselbst die betrübte Zeitung von meines Vaters Gefahr und Flucht ein, jedoch alles was ich ihnen voritzo gemeldet, ist mir einige Jahre hernach von meinem Vater selbst, und zwar kurtz vor seinem Ende offenbaret worden, wie der Verfolg meiner Lebens-Geschicht mit mehrern zeigen wird, als welche ich nun mehro so ordentlich als möglich fortsetzen will.
Mein Geburths-Tag war den 21. Decembr. des1691sten Jahres, und die Aufferziehung also beschaffen, wie selbige von so wohlhabenden Leuten, als unsere Eltern zu seyn schienen, verhofft werden konte. Da aber im Jahr 1702. mein Groß-Vater als ein noch sehr frischer Mann, meinen Vater besuchte, und mit heimlichen Verdruß wahrnahm: wie derselbe seine Kinder ebenfalls in der Reformirten Religion auferzöge, indem mein 15. jähriger Bruder bereits etliche mahl zum Tische des HErrn gegangen war, und ich ihm ebenfalls bald nachfolgen solte; verfällt mein treuer Groß-Vater gleich auf ein gutes Mittel, mich in den Schoß der reinen Evangelisch Lutherischen Kirche einzulegen, erhält derowegen nach vielen gütigen Versprechungen endlich so viel von meinem Vater, daß er mich etwa auff ein halbes Jahr lang, zu seinem, und der Groß-Mutter Vergnügen, mit nach Augspurg nehmen darff.
Er mein Groß-Vater war ein berühmter Mechanicus, und wuste mich durch allerhand Lieblosungen dergestallt an sich zu ziehen, daß ich mich nicht allein zu seiner Profession applicirte, sondern auch zur Evangelisch-Lutherischen Religion bekennete, und durchaus nicht wieder zurück zu meinen Eltern verlangete. Mit den Jahren nahm die Lust zu denen Wissenschafften, und der Fleiß bey der Arbeit dermassen zu, daß mein Groß-Vater nicht nur ein ungemeines Vergnügen dieserwegen bezeigte, sondern auch den Trost gab: wo ich also fort führe, würde wegen meines guten Ingenii und geschickter Faust, mit der Zeit ein guter Meister aus mir werden. Die Großmutter hatte ihre eintzige Freude an mir, weil sie noch kein eintziges von ihren Kindes-Kindern, als mich eintzig und allein zu sehen, das Glück gehabt, denn ihre andern zwey Söhne waren ebenfalls in der Ferne verheyrathet, die eintzige Augspurgische Tochter aber unfruchtbar. Allein da, wie bereits gemeldet habe, in meinem 17den Jahre die erschreckliche Zeitung von dem Unglücke meines Vaters einlieff, zog sich die Großmutter selbiges dermassen zu Gemüthe: daß sie darüber ihren Geist aufgab, ja es fehlete wenig, meinem lieben Groß-Vater wäre ein gleiches wiederfahren, jedoch der Himmel ließ ihn vielleicht zu meinem Troste noch eine Zeitlang leben. Wir hoffeten nach der Zeit immer auf Briefe von meinem Vater, allein gantz vergebens, endlich aber da im Jahre 1713. mein Groß-Vater vor genehm hielt, daß ich mich in frembde Länder begeben, und die Inventiones anderer geschickten Leute in Augenschein nehmen solte; trieb mich dennoch die Liebe zum Vater-Lande in meine Geburths-Stadt, wiewohl ich mich daselbst unter einem andern Nahmen, gantz incognito auffhielt, und meine Mutter zu sprechen trachtete, allein selbiges war nicht möglich, dahingegen kundschaffte ich meine Schwester aus, die bey einer vornehmen Dame als Aufwarte-Mägdgen in Diensten stund, und gewann dieselbe mit leichter Mühe, sich mit mir auf die Post zu setzen und den Groß-Vater zu zu eilen. Sie hatte ihre Mutter ebenfalls seit 5. Jahren nicht gesehen, sondern war, nachdem sie 3. Jahr im Waisen-Hause zugebracht, von besagter Dame heraus, und in ihre Dienste genommen, auch noch so mittelmäßig tractiret worden, weßwegen sie von derselben schrifftl. Abschied nehmen, und sich vor erzeigte Güte bedancken, ihre plötzliche Abreise aber bestens excusiren muste. Mein ältester Bruder war als ein Goldschmidts-Geselle, etwa ein halbes Jahr vor meines Vaters Falliment, nach Welschland gegangen, und hatte sich seit der Zeit noch nicht wieder gemeldet. Meinem Groß-Vater war es von Hertzen angenehm, daß ich ihm so unverhofft die Schwester ins Hauß brachte, indem er lauter frembde Leute zu seiner Bedienung und Wirthschafft halten muste. Sie hat sich jederzeit sehr wohl auffgeführet, die Lutherische Religion angenommen, und nachhero eine glückliche Heyrath getroffen. Ich aber trat meine ernsthaffte Reise aufs neue an, und zwar in die Residentz-Stadt eines gewissen deutschen Fürsten, bey dem sehr viele Leute von meiner Profession ihren Auffenthalt gefunden, und vortreffliche Werckstädten angelegt hatten. Bloß meines Nahmens und meines Groß-Vaters wegen, der weit und breit berühmt war, fand ich sehr bald was ich suchte, der Fürste selbst aber, sahe und merckte so wohl als seine Directeurs, daß ich mein Geld und Brod nicht mit Sünden verdienete, sondern ohne Ruhm zu melden, mehr Kunst und Geschicklichkeit als Jahre besaß, wannenhero ich binnen 3. Jahren Gelegenheit genung fand, mir ein ansehnliches Stücke Geld zu sammlen. Nach der Zeit da unser Fürst einen andern grossen Fürsten mit einer besonders künstlichen Machine beschenckte, muste ich nebst zweyen unter mir stehenden Gesellen, selbige dahin überbringen und behörig auffrichten, wovor mir ein Recompens von 2000. Thl. zu Theile wurde, mit welchem schönen Capitale ich eben meine Rück-Reise anzutreten im Begriff war, da mich eines Abends ein Knabe auf der Strasse anredete und bat, ihm in ein gewisses, in der Vorstadt gelegenes Häußlein, zu folgen, allwo mich ein kranckliegender Lands-Mann zu sprechen verlangete. Diesem Ruffe folgte ich ohne Bedencken, weilen vielleicht Gelegenheit zu finden vermeinete, einem armen bedürfftigen Landes-Manne, meine freygebige Hand zu zeigen, traff auch würcklich einen Menschen daselbst an, der in einer besondern Stube, bey dunckel brennenden Lichte, auf seinem Siech-Bette sehr schwach und elend darnieder lag. Jedoch da er mich im propern rothen Kleide, mit einer geknüpfften Perruque zu seiner Thür hinein treten sahe, richtete er sich ein wenig auf, betrachtete mich eine lange Zeit, und sagte endlich, nachdem ich ihn gegrüsset: Monsieur Sie vergeben mir, daß ich ihnen die Mühe gemacht, mich elenden an diesen schlechten Orte zu besuchen. Ists wahr, daß sie ein Enckel des berühmten Augspurgischen Mechanici NB. sind? Ich weiß nicht anders, war meine Antwort. Und von welchem Sohne? redete er weiter, vielleicht von dem Schweitzer? Da nun ich solches bejahete, fragte er nach meinem und meines Vaters, auch meiner Mutter und Geschwister Nahmen, welche ich ihm in gröster Verdrüßlichkeit meldete, jedoch solches nicht wohl abschlagen konte, weiln vermuthete, daß dieser Mann allem Ansehen nach, vielleicht die gantze Historie von meinen Eltern, besser als ich wissen möchte. Er lag hierauff eine ziemliche Weile sehr stille, weßwegen ich endlich zu fragen anfieng, ob er meinen Groß-Vater von Person wohl kennete. Seine Antwort war: Ja! mein Freund, sehr wohl, aber euren leiblichen Vater noch weit mehr, thut so wohl und eröffnet mir, wo sich derselbe voritzo auffhält, und welcher gestallt er in so grosses Unglück gerathen, denn ich versichere, daß derselbe mein allervertrautester Freund gewesen. Mein Herr! versetzte ich, den Auffenthalt meines unglück seeligen und dennoch geliebten Vaters zu erfahren, habe ich seit etlichen Jahren, sehr viele vergebliche Mühe angewendet, sonsten ist es leyder an dem, daß er sich, von einem gottlosen und ehrvergessenen Land-Streicher, der noch darzu meiner Mutter Bruder gewesen, ins Unglücke führen und um sein zeitliches Glück bringen lassen, da er doch sonst jederzeit, und von jederman vor einen redlichen, geschickten und vernünftigen Mann gehalten worden. Hierauff fragte der Patient: Ob ich nicht wisse wie es meiner Mutter und Geschwistern ergienge, und ich berichtete ihm die Wahrheit, daß nehmlich die Mutter meines wissens, annoch in gefänglicher Hafft, mein ältester Bruder noch nicht aus Welschland zurück gekommen, die Schwester aber von mir vor einigen Jahren nach Augspurg geführet sey. GOtt sey gelobt, schrye er hierauff mit weinender Stimme, der doch zwey von meinem lieben Kindern aus dem Verderben gerissen hat. Ich wuste nicht so gleich was ich aus solchen Worten schliessen solte, so bald ich aber das Licht genommen, und dem Patienten unter die Augen geleuchtet hatte, erkannte ich ohngeacht seiner starck veränderten Gestallt, meinen leiblichen Vater, fiel ihm um den Halß, und benetzte sein Angesicht mit vielen heissen Thränen. Er weinete gleichfalls überlaut, da aber mittlerweile sein Aufwärter in die Stube trat, wurde derselbe abermahls in die Stadt geschickt, vor mich eine Bouteille Wein zu langen. Also blieben wir allein beysammen, und mein Vater fieng an, mir eine ausführliche Erzehlung seiner Glücks- und Unglücks-Fälle zu thun, jedoch weil ich das meiste bereits gemeldet habe, so will voritzo nur berichten, daß er auf seiner Flucht von Schaafhausen, gerades Wegs nach Holland gereiset, und daselbst unter gantz veränderter Tracht, auch unter dem veränderten Nahmen Plager, etliche Jahr ziemlich ruhig hingebracht, indem er seiner Profession eiffrig obgelegen, und sich schönes Geld verdienet. Jedoch der Satan hat aufs neue sein Spiel, indem er sich zum andern mahle von einem so genandten Adepto verführen lässet: seine gantze Baarschafft an die Alchymisterey zu legen, und mit ihm in Compagnie zu treten. Seinem bedünckē nach, gehet der angefangene Process glücklich genung von statten, da sie aber ehester Tages den erwünschten Azoth oder Mercurium Philosophorum Catholicon, nach welchen ihnen die Schrifften des Welt bekandten Henrici Kunradi, die Mäuler so trefflich wäßrig gemacht, mit Augen zu sehen und mit Händen zu greiffen gedencken, zerspringt ohnverhofft eine Phiole auf dem Feuer, dem Haupt-Artisten aber springt ein groß Stücke Glaß dermassen tieff ins Auge, daß er etliche Tage hernach elendiglich crepiren muß. Solchergestallt fällt der gantze kostbare Process auf einmahl in den Qvarck, mein Vater erbet etwas Geld und Mobilien von diesen unglückseeligen Artisten, an statt aber, sich dessen Schaden zur Warnung dienen zu lassen, verwendet er alles sein Haab und Gut auf einen nochmahligen Process, geräth darüber in die gröste Armuth, so, daß er fast das Bettel-Brod darüber essen muß, endlich aber bringet er dennoch ein mercurialisch metallisches Liquidum zur Perfection, durch dessen Hülffe wie er mir gesagt, er die fixen Gold-und Silber-Strahlen im offenen Tiegel, auf dem Feuer, ohne alles corrosiv von ihrem Corpore absondern kan, also fehlet ihm nichts mehr als die volatilischen mercurialischen, zu einer philosophischen truckenen Tinctur zu zwingen, welches ihm aber nach der Zeit niemahls recht gerathen wollen, gleichwohl verdienet er sich bey etlichen Adeptis durch Eröffnung dieses Arcani, mehr als 1000. Thlr. und gehet aus besondern Ursachen aus Holland nach Ungarn, hält sich daselbst auch etliche Jahre auf, und verlaboriret abermahls sein gantzes Vermögen, muß sich also aus Ungarn biß nach Deutschland, als wohin er ein besonderes Verlangen getragen, mit Betteln behelffen. Er kömmt nach langen herum vagiren endlich an denjenigen Hof, allwo ich, wie oben bereits gemeldet, meine Machine zu præsentiren hatte, vermeynet durch Entdeckung seiner Inventorum und Arcanorum ein Stücke Geld zu erhaschen, allein dieses ist am selbigen Hofe zu der Zeit schon etwas bekandtes, weil der Principal vor den einzigen Process des mercurialisch-metallischẽ Liquidi mehr als 5000. Thlr. gezahlet, und zwar an eben diejenigen Kerls, welche denselben meinem Vater sämmtlich vor 1000. Thlr. abgekaufft hatten. Jedoch da der Principal ohnedem einen grossen Schwallich eingebildeter kluger Adeptorum sitzen hat, und doch bey meinem Vater ein und andere, sonst noch nie erfahrne und gesehene Curiosa antrifft, weiset er ihm in seinem Laboratorio eine Stelle an, nebst jährlicher mittelmäßiger Pension. Mein Vater hilfft eine ziemliche Zeit lang sehr getreu arbeiten, trifft aber solche Künstler an, die von sich ausgeben, daß sie nur noch einer eintzigen Haare breit von dem Astro auri entfernet wären, in der That aber sind es eitel Betrüger, ausgenommen ein eintziger, welcher nicht so viel Boßheit als einfältigen Hochmuth in sich hat. Er giebt aber allen um so viel desto genauer Achtung auf die Finger, mercket eines jeden Schelmerey mit der Zeit sehr klüglich ab, und entdecket endlich den Principal gantz treuhertzig: daß er unter seinen 21. Laboranten oder Goldmachern, wenigstens 19. Schelme und Spitzbuben ertappen könne. Dieser hält hierauff eine General-Musterung läst alles genau untersuchen, und nach glücklich entdeckten Betrügereyen, schöpfft er auf einmahl einen dermassen hefftigen Eckel gegen diese gefährliche Kunst, welche ihn binnen etlichen Jahren nicht allein um ein entsetzliches Capital, sondern über dieses noch in mehr als 2. Tonnen Goldes Schulden gebracht, so daß er das gantze Laboratorium zerstöhren, meinem Vater aber nebst seinem eintzigen, noch etwas ehrlichen Consorten 2000. Thlr. reichen lässet, mit dem Bedeuten, daß sie selbiges Geld in ihren selbst beliebigen Nutzen verwenden möchten, auch die Freyheit haben solten, in seiner Residentz und Landen zu bleiben, doch mit dem Beding: daß keiner, der da ferner zu laboriren gesonnen, sich unterstehen möchte, von ihm hinführo einen eintzigen Pfennig zu fordern, biß er den veritablen Lapidem Philosophorum auffzuweisen hätte, und sich eine unverdächtige Probe damit zu machen getrauete. Im Gegentheil werden die andern 19. Haupt-Betrüger, nebst ihren Handlangern, in aller Stille des Landes auf ewig verwiesen, weil der allzugütige Herr seiner gerechten Rache nicht den völligen Zügel schiessen, oder vielleicht andern Leuten keine fernere Materie zu verdrüßlichen Sentiments überlassen wollen.
Wiewohl hätte doch mein armer Vater gethan, wenn er seinen Theil à 1000. Thlr. auf Zinsen gelegt, und als eine Privat Person von dem jährlichen Interesse gelebt hätte, zumahl da er ausserdem noch ein paar hundert Thlr. Geld in Händen gehabt, und sich an einem solchen Orte befunden, wo seine Ruhe leichtlich von niemanden wäre gestöhret worden. Allein es ist ihm unmöglich, die Hand von demjenigen Pfluge abzuziehen, mit welchen er noch immer den Stein der Weisen, die Tinctur der Physicorum das Astrum Metallorum das Mysterium magnum, ja die Himmlische Sophiam, oder wie das Ding sonsten noch genennet werden mag, auszuackern gedenckt. Kurtz zu sagen, er legt nebst dem Compagnon sein noch übriges alles aufs neue an, miethet sich in der Vorstadt ein Garten-Hauß zum Laboratorio, und arbeitet Tag und Nacht mit solchen unermüdeten Fleisse: diß ihn endlich der Dampf von einer gewissen communicirten Massa, nicht allein gantz contract an allen Gliedern macht, sondern auch eine dermassen hefftige Schwindsucht zuziehet, daß er bey annoch gantz frischen Hertzen, Lunge und Leber auszuspeyen gezwungen ist. Er hatte trifftige Ursachen zu glauben gehabt, daß ihm ein böser Bude, diesen Streich muthwilliger und mörderischer weise gespielet habe, jedoch erträgt er sein Creutz mit ziemlicher Gelassenheit, und eben in diesem Zustande erfährt er meine Anwesenheit zufälliger weise, schicket derowegen seinen Aufwarte-Knaben so lange nach mir aus, biß selbiger mich endlich antrifft und zu ihm bringt.
Ich bejammerte meines Vaters elenden Zustand, und erfuhr, daß er keines Thalers mehr mächtig wäre, sondern einzig und allein von der Gnade, seiner, selbst sehr armseelig lebenden, vermeintlichen Artisten, dependiren muste, weiln er ihrer Meynung nach, noch ein und andere Arcana auf dem Hertzen, so wohl auch in Schrifften verborgen hätte, die sie nach und nach von ihm heraus zu locken gedachten. Ich hergegen machte nunmehro alle Anstallten meinen Vater aufs beste zu verpflegen, jedoch durffte ich ihn in Anwesenheit anderer Leute, nicht Vater, sondern nur Vetter nennen, damit sein veränderter Nahme nicht verdacht erweckte. Wiewohl die Hoffnung zu seiner Genesung, schien gantz vergeblich zu seyn, und binnen Monats-Frist wurde sein Zustand dermassen schlecht, daß er selbsten zu verstehen gab: welchergestallt sein Ende heran nahete, derowegen möchte ich mir weiter keine grössere Mühe geben, als ihm einen Lutherischen Prediger zuzuführen, der ihn täglich etliche Stunden zum seel. sterben præpariren, und mit dem letzten Zehr-Pfennige, nehmlich dem heil. Abendmahle, welches er seit 5. Jahren nicht empfangen, versehen möchte. Dennoch erkundigte ich mich mit allem Fleisse, nach einem recht exemplarischen Priester, war auch so glücklich einen solchen anzutreffen, und nachdem ich ihm den leiblichen und geistlichen gefährlichen Zustand meines Vaters, als ein besonderes Geheimniß anvertrauet, ließ er sich gefallen, denselben täglich, wenigstens 4. Stunden zu besuchen. Ich weiß nicht ob sich mein Vater mehr über die Gesellschafft seines Seelsorgers, oder dieser über das offenhertzige Bekänntniß, wahre Reue, ernstliche Busse und festen Glauben, des bißhero verirrt gewesenen Schaafs erfreuet; genung ich kan mich nicht erinnern, Zeit Lebens zwey vergnügtere Personen gesehen zu haben. Endlich aber da sich mein Vater wiederum völlig zur Evangelisch-Lutherischen Religion gewendet, auch das heil. Abendmahl empfangen hatte, brach er bey immer mehr und mehr abnehmenden Kräfften in beyseyn des Priesters und meiner, in folgende Worte aus: GOTT sey gelobet! der mich armen fast gäntzlich verlohrnen Sünder wieder zu Gnaden auf und angenommen hat, ja! nunmehro weiß ich gewiß, daß ich von den verguldeten Ketten des Teuffels befreyet bin, und die gewisse Hoffnung habe, ein Erbe der ewigen Seeligkeit zu werden. O du verdammter Gold- und Geld-Durst! O du verfluchte Begierde! hättest du mich nicht bald mit Leib und Seele in den ewig breñenden höllischen Schwefel-Pfuhl gestürtzt? Ja! bey nahe wäre ich aus dem zeitlichen ins ewige Verderben verfallen. Spiegle dich mein Sohn! sprach er zu mir, an meinem Exempel, und laß dich die zeitlichen Kostbarkeiten, Künste und Wissenschafften, die ich in Wahrheit nunmehro erstlich vor Koth, Eitelkeit und Stückwerck erkenne, niemahls verleiten: GOttes darüber zu vergessen, oder solche Güter höher, als die unvergänglichen zu achten. Bleibe, mein Sohn! beständig bey der einmahl erkandten Evangelischen Wahrheit, so wirst du auf deinem Todt-Bette nicht Ursache haben: dich, halb verzweiffelt, mit dem Teuffel und deinem bösen Gewissen herum zu schlagen, wie du leyder, an mir zur Gnüge verspüret. Laß dich nicht zu solchen Sachen verführen, die dir zu hoch sind, sondern bleibe viel lieber in deinem Stande und Beruff, lege dein Geld nicht an etwas ungewisses, zum wenigsten nicht mehr, als du ohne deinen Schaden verschencken oder verlieren kanst, sondern halt dasselbe zu rathe, weil du an mir vermerckest, daß Armuth im Alter und auf dem Siech-Bette wehe thut. Ja mein Sohn! strebe nicht so eiffrig nach Reichthum, denn es bleibt ewig wahr, was die heil. Schrifft sagt: die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke, u.s.f. Hüte dich ein Weib zur Ehe zu nehmen, die anderer Religion ist als du, hauptsächlich aber vor einer Reformirten. Glaube mir, da ich jetzo zwischen Tod und Leben stehe, daß ein Reformirtes Weib den Grund-Stein zu meinem zeitlichen Verderben gelegt, GOtt erbarme sich ihrer und bekehre sie, wo sie anders noch am Leben ist. Uberhaupt laß dir gesagt seyn, daß du dich nicht leicht einem andern Glaubens-Genossen anvertrauest, ich vor meine Person weiß gewiß, daß ich unter hunderten kaum einen angetroffen, der ohne Falschheit gewesen. Die wenigen Scripturen so unter meinem Haupt-Küssen liegen, verbrenne viel lieber, als daß du dich selbst, oder deinen Neben-Christen zu der betrüglichen Kunst, ich meyne die Alchymie, verleiten lässest. Deiner vollkommenen kindlichen Liebe bin ich mehr als zu viel versichert, dieses ist auch mein eintziges zeitliches Vergnügen, so ich noch vor meinem Ende empfinde und GOtt hertzlich davor dancke, dieserwegen will ich auch alle Sorge vor meinen entseelten Cörper, deiner Treue einzig und allein überlassen, und dir den väterlichen Seegen ertheilen, welchen GOtt wegen meiner Busse und Bekehrung bekräfftigen wird, theile du denselben mit deinen Geschwistern, daferne sie in der Gottesfurcht stehen, wo nicht, so bleibe derselbe allein auf deiner Scheitel.
Nach diesen und noch vielen andern treuhertzigen Vermahnungen, empfieng ich den väterlichen Seegen mit weinenden Augen, hierauf befahl er noch kürtzlich: was ich meinem Groß-Vater und der Schwester vermelden solte, bekümmerte sich weiter aber um keine zeitlichen Dinge, sondern verharrete nebst dem Prediger, noch etliche Stunden im eifrigen Gebeth, biß er endlich bald nach Mitternacht sanfft und selig einschlieff. Ich ließ den entseelten Cörper, auf Einrathen des redlichen Priesters, Abends in der Stille auf dem Gottes-Acker an einen reputirlichen Ort begraben, bezahlete alle diejenigen, welche damit zu thun gehabt reichlich, nahm meines Vaters hinterlassenes Geräthe zu mir, packte selbiges in einen besondern Kasten, und war willens mit ehester Post zurück an denjenigen Hof zu reisen, allwo ich meine Pension zu ziehen hatte; als Tages vor Abgang der Post, ein unbekannter schlecht gekleideter Mann in meine Cammer trat, und mich ohngefähr also anredete: Monsieur nehmet mir nicht ungütig, daß ich euch unangemeldet Beschwerlichkeit verursache, ich trage hertzliches Mitleyd über den kläglichen Todes-Fall eures Vettern und bedaure sonderlich, daß ich heute mit der Post zu späte gekommen bin, denselben vor seinem seeligen Ende noch einmahl mündlich zu sprechen, denn wir sind in Wahrheit jederzeit sehr gute Freunde gewesen, ich bin gewißlich fast um keiner andern Ursache willen verreiset, als einen Gottes-Mann her zu führen, der euren Vater von dem Irrwege auf die rechte Strasse führen, und ihn zu einem wiedergebohrnen Menschen und rechtschaffenen Christen machen solte, da ich aber von einem meiner Mittbrüder, nur vor wenig Stunden vernommen, daß er als ein bußfertiger und bekehrter Christ von der Welt geschieden, gönne ich ihm die seelige Ruhe von Grunde meiner Seelen gern, euch aber, mein Herr, will ich freundlich ersucht haben, mir um eine billige Bezahlung, dieses euren seel. Vetters hinterlassene chymische Schrifften zu überliefern, weil sie doch vermuthlich euch schlechten Nutzen schaffen werden. Ich gab hierauff zur Antwort: daß mir an etlichen Thalern Geldes wenig gelegen sey, jedoch weil ich dergleichen betrüglichen Plunder gantz und gar nichts achtete, wäre ich bereit ihm die Schrifften meines Vetters sehr gern zu überlassen, wenn erwehnter mein Vetter mir nicht vor seinem Ende befohlen, diese Schrifften viel lieber zu verbrennen, als mich selbst oder meinen Neben-Christen dadurch zu der gefährlichen und betrüglichen Goldmacher-Kunst zu verleiten. Ich halte euch, mein Herr! war des Frembden Gegenrede, euer Gespräch dißfalls zu gute, weil ich höre, daß ihr so wenig Wissenschafft von der himmlisch Göttlichen Kunst habt; als ein rechtschaffener wiedergebohrner Mensch seyd. Jedoch übereilet euch nicht, mein Freund, dasjenige zu unterdrücken, was Gott durch seine unerforschliche Barmhertzigkeit, zu Vergrösserung seiner Herrlichkeit, auch einem schlechtglaubigen Menschen erfinden lassen, glaubet anbey sicherlich, daß euer Vetter den Welt beruffenen Stein der Weisen vor 1000. andern Artisten würde gefunden haben, woferne er nur etliche Jahre zeitiger Busse gethan, und mit feuriger Andacht im lebendigen Glauben und Gebet, die Gnade des heil. Geistes angesucht, ja ich will fast glauben, daß er diesen kostbaren Schatz schon würcklich in seiner Gewalt gehabt, allein weil er bey seiner Arbeit nicht auf Theosophische Weise durch geheime Gespräche mit Jehova, eine reine Gottesfurcht geübt hat, so sind ihm von der himmlischen Sophia die Augen seines Leibes und Gemüths gehalten worden, dasjenige nicht zu sehen, und zu begreiffen, was er doch würcklich vor Augen und unter seinen Händen gehabt hat.
Ich wurde über diesem Gespräche dermassen verwirrt, daß ich nicht wuste, was ferner antworten solte, endlich aber fragte ich, gantz in Gedanckenvertiefft: Mein Herr, wie ist euer Nahme? Mein gewöhnl. Name, sprach er, ist euch zu wissē ohne eintzigē Nutzen, mein Kunst-Nahme aber heisst Elisæus, habt ihr selbigen bereits erwehnen hören? Nein versetzte ich, sonsten aber fällt mir bey, in einem Tractætlein von einem Adepto gelesen zu haben, der sich Elias Artista genennet, bereits vor etlichen 40. oder 50. Jahren dem berühmten Haagischen Chymico Helvetio erschienen seyn, und demselben den Lapidem Philosophorum nicht allein gezeigt, sondern auch etwas davon mitgetheilt haben soll. Eben dieser Elias, sprach der Frembde, ist mein Meister, er lebt biß diese Stunde noch in seinem 94ten Jahre, dermassen gesund und frisch, daß er itzo vor einen Mann von etliche 40. Jahren anzusehen ist, denn die aus dem Lapide præparirte universal Medicin, bewahret ihn nicht allein vor aller Kranckheit, sondern auch die Theile seines Leibes vor aller Ungestaltniß, Runtzeln und andern gewöhnlichen Beschwerlichkeiten. Mein Freund, rieff ich endlich aus, wenn ihr mir diesen Wunder-Mann, so wohl als sein arcanum nebst der Probe davon zeigen wollet, so bin ich nicht allein erböthig euch völlig Glauben zu zustellen, sondern über dieses meines Vettern hinterlassene Schrifften zu übergeben, welche euch aber meines Erachtens wenig nützen können indem, wie ihr sagt, euer Meister den Lapidem schon würcklich besitzet. Ich könte euch, sagte der Frembde, durch eine kurtze Erzehlung sehr wunderbarer Geschichte, gar bald aus dem Traume helffen, allein derjenige Eyd, welchen ich meinem Meister geschworen; verbiethet mir solches zu thun, doch verzeyhet mir, daß ich mich über eure Einfalt wundere: ihr erbiethet euch, daferne ihr meinen Meister nebst der Probe von dem himmlischen Arcano zu sehen bekommet, der Sache völligen Glauben zu geben, und die Schrifften eures Vettern auszuliefern. Ist dieses auch etwas besonderes? O ihr thörichter Mensch! warum woltet ihr euch nicht vielmehr bestreben sein Jünger und mein Mitschüler zu werden? Wie viel Könige, wie viel Fürsten, wie viel tausend gelehrte und ungelehrte solten sich ein solches Glück nicht wünschen, und es mit der Helffte ihres Bluts erkauffen? Lebet wohl! Ich verlasse euch und zweiffele, ob ihr mich nur ein einzig mahl wieder zu sehen das Glück haben werdet.
Ich meines Theils weiß biß diese Stunde noch nicht, ob mich dieser Mensch mit seinen blossen Worten bezaubert, oder als ein Basilißke durch das Ansehen vergifftet hatte, denn so bald er mir nur den Rücken zukehren wolte, wurde mein gantzes Wesen dergestalt verändert, daß ich augenblicklich aufsprung, ihm um den Hals fiel, und hertzlich bat, mich als einen verwirrten Menschen, der da nicht wisse, was er glauben solle, um des Himmels willen nicht zu verlassen, sondern meiner Schwachheit zu Hülffe zu kommen, und wenigstens Morgen, nachdem ich meine 5. Sinne wiederum in einige Ordnung gebracht, noch ein einzigs mahl bey mir einzusprechen. Er versprach solches zwar, jedoch mit einer solchen Gebärde, daß ich daraus die stärckste Ursache nahm, an der Erfüllung seines Worts zu zweiffeln, weßwegen ich mit Bitten nicht abließ, biß er endlich den Schwur that, mir, so wahr er ein wahrhafftiger Anbeter des grossen Jehova wäre, sein Wort zu halten.
Weñ ich erzehlen solte, wie mir in folgender Nacht zu Muthe gewesen, und welchergestalt alle meine Affecten und Gedancken durch einander her gegangen, so müste mehr als einen Tag Zeit darzu haben. Kurtz! ich bleibe fast darbey, daß mein gantzer Verstand bezaubert worden. Die Vermahnungen meines sterbenden Vaters, zerschmoltzen wie Butter an der Sonnen, und wie sehr ich sonsten auf die betrügerischen Alchymisten erbittert gewesen, so sehr wünschte ich nunmehro den wundervollen Elias und den frommen Elisæum zu umarmen, an die Abreise aber wurde gar im geringsten nicht gedacht.
Etwa zwey Stunden, nachdem ich von meinem Lager aufgestanden, stellete sich der so sehnlich gewünschte Elisæus ein, fragte gantz devot, ob ich wohl geruhet und Belieben hätte ihm zu folgen. Derowegen warff ich mit erfreuten Hertzen, in gröster Geschwindigkeit, meinen Mantel um mich, und folgete meinem Führer, welcher sich durchaus nicht erbitten ließ, etwas von meinem delicaten Früh-Stücke einzunehmen, indem er einen halben Fast-Tag zu haben vorschützte. Er führete mich jenseit der Stadt ebenfalls in ein kleines Häußlein, allwo ein etliche 40. Jahr alt scheinender Mann, in der Stube herum gieng, und mich ohne besondere Ceremonien willkommen hieß. Selbiger redete erstlich weiter nichts, Elisæus aber fieng einen sonderbaren geistlichen Discours an, worinnen er die vermeinte Göttliche Kunst, biß in den Himmel erhub, und beyläuffig den gegenwärtigen so genandten Elias, noch höher als alle heil. Propheten und Evangelisten erhub, endlich gab er zu vernehmen, wie mir die Probe von der Transmutation der Metallen, noch in dieser Stunde gezeigt werden solte; daferne ich kein Bedencken nähme eine Eydes-Formul abzuschweren, welche ohngefähr folgendes Innhalts war: 1) Solte ich mit andächtigen und Gottesfürchtigen Hertzen meine Augen auf das grosse Welt-Wunder richten. 2.) Dem Meister Elias und seine Junger so wenig, als das Wunder selbst, verrathen und ausplaudern. 3.) Daferne ich ja so glückseelig werden solte, bey ihnen unter die Zahl der Lernend in aufgenommen zu werden, mich aus allen Kräfften der Seelen, dahin zu bestreben, als ein wiedergebohrner heiliger Mensch zu leben, auch wie es der Zustand rechtschaffener Christen erforderte, alles das meinige, und hingegen auch alles das ihrige gemeinschafftlich zu halten. 4.) Dem Artisten Elia alle Huld, Treue und Gehorsam zu leisten, oder da mir solches nicht länger anstünde, und ich etwa vor mich allein leben und arbeiten wolte, ihm vorhero danckbarliche Aufkündigung zu thun.
Kan man wohl glauben, daß ich so thöricht gewesen, dergleichen Eyd zu schweren, welchen gemäß zu leben, doch eine weit andere als menschliche Krafft erfordert wurde. Allein man bedencke nur, daß mein Verstand, in Wahrheit durch die hefftige Begierde nach dem Steine der Weisen, nicht um ein kleines verrückt worden, derowegen hätte ich wohl noch weit unmöglichere Dinge angelobet, um nur desto hurtiger meine Neugierigkeit zu befriedigen. Endlich wurde ich in ein kleines Laboratorium geführet, allwo ein bereits angemachtes Kohl-Feuer, überall aber lauter chymisches Geschirr zu sehen war. In der Wand stunden etwa 7. oder 8. kleine Schmeltz-Tiegel, derowegen sagte Elisæus: Mein Freund, leset euch einen von diesen Schmeltz-Tiegeln aus, besehet ihn, ob er tüchtig ist, und setzt denselben ins Feuer, denn ich und mein Meister werden euch gantz allein handthieren lassen und allhier vor der Thür stehen bleiben, damit ihr völlig versichert, seyn möget, daß alles ordentlich und richtig zugehe. Ich zitterte vor Freuden, gehorsamete aber und setzte den Tiegel in die Gluth. Habt ihr etwas Bley oder Zinn bey euch, fragte Elisæus, so wäget dort auf der Wage 1. Loth ab, und werfft es in den Tiegel. Ich hatte einen bleyernen Griffel in meiner Schreib-Taffel, weil aber selbiger noch kein Loth wuge, so muste noch einen zinnernen Knopff von meinen Bein-Kleidern reissen, etwas davon abschneiden und hinzu legen, damit ein accurates Loth-Gewicht heraus kam. So bald ich gesagt, daß es zerschmoltzen sey, fiel Elias auf seine Knie nieder, schlug mit der Hand an die Brust, kehrete die Augen gen Himmel, murmelte etliche unverständliche Worte her, zog immittelst ein klein Büchslein hervor, und nahm aus selbigen ein röthliches Stücklein Hartz, oder was es sonsten seyn mochte, etwan einer halben Erbsen groß, schabte so viel darvon, als ein halber kleiner Stecke-Nadels-Knopff beträgt, und fragte, ob ich etwas Wachs bey mir hätte? Da nun ich solches verneinete, sprach Elisæus, sehet hier ist Wachs genung, damit euch aber wegen unserer Materialien kein Verdacht erweckt werde, so nehmet ein wenig Ohren-Schmaltz, machet mit Kothe aus der Hand eine Massam daraus, damit ihr dieses kleine Stäublein von dem Lapide darein kleiden und in das geschmoltzene Bley werffen könnet. Nachdem solches geschehen, und ich die vortreffliche Pille hinein geworffen, muste ich ein bey der Hand liegendes, etwa halben Fingers dickes, Eisen nehmen, ein einzig mahl damit auf den Boden des Schmeltz-Tiegels, und zwar nicht gar zu gelinde stossen, worauf alsobald ein starckes Getöse im Tiegel entstund, jedoch Elisæus erinnerte mich das Gesicht hinweg zu wenden, und hernachmahls gar eines Schritts breit davon, auf den Sessel nieder zu lassen, allwo ich etwa eine halbe Stunde pausiren muste, ehe Elias sich mit besonderes andächtigen Gebärden von der Erden aufhub, mir den Tiegel aus dem Feuer zu heben, und das, was darinnen, auf die Steine zu schütten befahl. Indem ich solches verrichtete, giengen sie beyderseits in die Stube, sich aber folgte ihnen nicht eher nach, biß ich den erkalteten Guß, unter dem Kothe hervorziehen, und zur eigentlichen Betrachtung in die Stube tragen konte. Ach Himmel, wie erfreut war mein Hertz, da sich ein Stück, aus Bley gemachtes Gold, in meinen Händen befand. Elias fragte: Kennet ihr nun das gemachte Gold? Glaubt ihr nun, daß die Transmutation keine Hirn-Geburth ist? Haltet ihr nun darvor, daß Elias Artista ein von GOtt auserordentlich begnadigter Mann sey? Ja, lieber Herr! ich glaube alles, war meine Antwort, lege mich derowegen zu euren Füssen, und bitte, mich Unwürdigen in die Lehre zu nehmen. Pfuy! schrye er, betet GOtt an, und nicht mich als seinen unwürdigsten Knecht, dancket dem Höchsten, der euch das Geheimniß mit sichtbaren Augen anzusehen, und zu gleich eine solche Glückseligkeit vergönnet hat, welche so viel hundert Kayser und Könige vergeblich gewünscht haben. Allein mein Sohn, fuhr er fort, ihr seyd dennoch viel zu leichtgläubig, woher könnet ihr wissen, daß dieses würckliches und aufrichtiges Gold sey, da selbiges noch von keinem Unpartheyischen, sattsam probirt ist, gehet derowegen hin, ich schencke euch das gantze Stück, lasset es von allen Goldschmieden examiniren, bedencket aber dabey euren gethanen Eyd, und kommet in dreyen Tagen wiederum an diesen Ort, so dann wollen wir weitläufftiger mit einander sprechen. Um keine Grobheit gegen diesen capricieusen Kopff zu begehen, bequemte mich augenblicklich zum Gehorsam, gieng auch zu allen Goldschmieden in der gantzen Stadt, ließ mein Stück probiren, und erhielt das allgemeine Zeugniß, daß selbiges vom allerschönsten Kremnizer-Ducaten-Golde wäre.
Nunmehro beklagte ich erstlich: daß mein seel. Vater nicht noch am Leben seye, um dieses unvergleichliche Kunst-Stück mit Augen anzusehen. Nunmehro bedaurete ich meine vormahlige Einfalt und dummes Judicium von der Transmutatione Metallorum. Ja nunmehro war ich entschlossen alle andern Wissenschafften an den Nagel hängen zu lassen, und mich eintzig und allein auf das laboriren zu legen. Allein, wie wurde mein gantzes Gemüthe doch in das allergröste Betrübniß versetzt? da ich am dritten Tage, das leere Nest, und weder den Elias, noch den Elisæum antraff, auch in nachfolgenden 8. Tagen nicht die geringste Nachricht von allen beyden erhalten konte. Ich blieb gantz ohne Trost in meinem Logis, brachte die meiste Zeit als ein, am Leibe und Gemüthe krancker Mensch auf meinem Lager zu, lieff doch täglich 3. oder 4. mahl in das kleine Hauß, allwo ich das grosse Geheimniß erfahren, fand aber selbiges von solchen Leuten bewohnet, welche weder den Eliam noch Elisæum kennen, oder nur das geringste von ihnen gesehen haben wolten. Endlich da ich mir die gäntzliche Rechnung gemacht, daß sie mich nicht würdig geschätzt in ihre Gesellschafft aufzunehmen, und darüber fast in Verzweiffelung fallen wolte, kam am Abende des 8ten Tages Elisæus, ohnangepocht in meine Stube getreten, fragte, wie ich mich befände, und entschuldigte hernach, ziemlich freundlich, daß er und sein Meister wichtiger Ursache wegen sich einige Tage verborgen halten müssen, meldete auch: daß sie binnen 3. Tagen diese Stadt gäntzlich verlassen, und sich in ein ander sicherer Land begeben würden, allwo weit frömmere Leute, als hiesiges Orts anzutreffen wären. Ich fiel dem Elisæo um den Halß, bat ihn aufs flehentlichste, mich nicht zu verstossen, sondern bey dem Artisten Elia allen Vorspruch anzuwenden: Daß mir vergönnet werden möchte, in seiner Gesellschafft mit zu reisen. Endlich wurde mein Bitten erhöret, und ich zu einem Mitgliede ihrer Kunstgenossenschafft auf und angenommen, sie schwuren mir, welches erstaunlich zu erwegen, beyderseits einen theuern Eyd: Mich in keinem Glücks- oder Unglücks-Falle zu verlassen, sondern mir jederzeit mit treuer Lehre, auch Gut und Blut zu dienen, ich hergegen muste alle meine Mobilien zu Gelde machen, einen niederträchtigen Habit anziehen, und alles in Gold verwechselte Geld, welches sich ohngefähr auf 2300. Thlr. belieff, darein vernehen. Hierauf traten wir die Reise zu Fuß an, und zwar an denjenigen Fürstl. Hof, wo ich meine mechanische Werckstadt hatte, daselbst nahm ich meinen Abschied, unter dem Vorwande eine Reise nach Engelland anzutreten, verkauffte alle noch übrigen Geräthschafften, und lösete 530. Thlr. daraus, hatte also ein Capital von 2830. Thlr. beysammen, welches ich dem Elisæo halb zu tragen gab, und mit meinen Führern immerfort reisete, ohne mich zu bekümmern, wohin. Uberall wo wir nur einkehreten, musten die aller delicatesten Speisen aufgetragen werden, ohngeacht aber alles aus meinem Beutel bezahlet wurde, bekümmerte ich mich doch sehr wenig um das eitele Geld, weilen mich versichert hielt, daß so bald selbiges verzehret sey, Elias den Schaden schon durch einen wichtigen Gold-Klumpen ersetzen könte. Endlich gelangeten wir in einem Holländischen Dorffe an, allwo unser Wirth den Elisæum und Eliam als wohlbekannte Freunde empfieng, und mir ebenfalls alle Höfflichkeit erzeigte, es fand sich daselbst ein unterirrdisches weitläufftiges Laboratorium, in welchen Elias Artista mit mir zu laboriren anfieng, und zwar keine andern, als diejenigen Processe, welche mein seel. Vater schrifftl. hinterlassen, Elisæus aber muste eine Reise antreten, um ein und andere Materialien herbey zu schaffen, hierzu nahm er mein Geld mit, warum ich mir aber nicht die geringste Sorge machte. Mittlerzeit war der vortreffliche Lehrmeister so gnädig, mir dann und wann ein Stücke von seinem Lebens-Lauffe zu erzehlen, und gab vor: er sey ein Nord-Holländer, im Jahr 1622. gebohren, hätte von Jugend auf bey einem seiner Verwandten dem laboriren beygewohnet, und zum Scheine das Roth-Giessen gelernet, nach der Zeit wäre er durch die Zubereitung verschiedener trefflicher chymischer Artzeneyen in starcken Ruff kommen, so daß ihm viele berühmte Künstler besucht, und ihres Vorhabens wegen seinen Rath verlanget hätten. Endlich aber sey, bey sehr schlimmen Wetter, einsmahls ein unbekandter Mann zu ihm gekommen, den er wegen seiner Erfahrenheit im laboriren etliche Tage beherberget, wohl gepfleget und von ihm letzlich die Præparation des Schatzes aller Schätze nehmlich des Lapidis philosophici erhalten hätte, jedoch mit dem Bedinge, selbigen keinen Menschen völlig zu offenbaren, als welcher gewisse Merckmahle, die mir aber Elias nicht sagen wolte, in seinem Gesichte, Gebärden und gantzen Wesen von sich blicken liesse.
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