Odette Toulemonde und andere Geschichten von Eric-Emmanuel Schmitt, 2007, Amman

Eric-Emmanuel Schmitt

Odette Toulemonde und andere Geschichten
(Leseprobe aus: Odette Toulemonde und andere Geschichten, 2007, Ammann - Übertragung Inés Köbel).

Ruhig, Odette, ruhig.
In ihrer überschwenglichen, brennenden Ungeduld war ihr, als flöge sie auf und davon, weg aus Brüssel, aus seinen Straßenschluchten, hoch hinaus über die Dächer, hin zu den Tauben am Himmel. Jeder, der ihre zarte Gestalt den Mont des Arts hinabeilen sah, spürte, daß diese Frau, deren lockiges Haar eine Feder schmückte, etwas von einem Vogel hatte...
Bald schon sah sie ihn! Wirklich und wahrhaftig ... Ging auf ihn zu ... Berührte ihn – vielleicht –, wenn er ihr die Hand hinhielt ...
Ruhig, Odette, ruhig.
Sie war über Vierzig, und doch hüpfte ihr das Herz wie einem jungen Mädchen. Bei jedem Fußgängerüberweg, an dem sie auf dem Trottoir warten mußte, kribbelte es sie in den Beinen, und ihre Fersen drohten abzuheben, sie mußte sich beherrschen, um nicht über die Autos zu springen.
Als sie die Buchhandlung endlich erreichte, hatte sich dort bereits eine lange Warteschlange gebildet, und sie mußte sich, wie man ihr sagte, wohl fünfundvierzig Minuten gedulden, ehe sie vor ihm stehen würde.
Sie griff nach dem neuen Buch, aus dessen Exemplaren die Buchhändler eine Pyramide, prächtig wie ein Weihnachtsbaum, errichtet hatten, und begann mit den Frauen zu plaudern, die gemeinsam mit ihr anstanden. Alle waren sie Leserinnen von Balthazar Balsan, doch nicht eine war so eifrig, so leidenschaftlich und gut informiert wie Odette.
»Ich habe eben alles von ihm gelesen, alles, und alles hat mir gefallen«, entschuldigte sie sich für ihr Wissen.
Es erfüllte sie mit großem Stolz, daß sie, wie sie bemerkte, den Autor und sein Werk besser kannte als alle anderen. Da sie bescheidener Herkunft war, tagsüber als Verkäuferin arbeitete und nachts als Federschmuckmacherin, da sie wußte, daß sie mäßig intelligent war, und mit dem Bus aus Charleroi kam, einer grauen Industriestadt mit stillgelegten Minen und Bergwerken, gefiel es ihr durchaus, daß sie diesen Brüsseler Bürgersfrauen scheinbar überlegen war, überlegen in ihrer Begeisterung.
In der Mitte des Ladens thronte Balthazar Balsan, von so gleißendem Schweinwerferlicht umgeben, wie er es von Fernsehsendungen kannte, auf einem Podium und signierte eifrig und gutgelaunt seine Bücher. Nach zwölf Romanen – und ebenso vielen glänzenden Erfolgen – wußte er nicht mehr recht, ob er diese Signierstunden mochte oder nicht: Einerseits betrachtete er sie als eine langweilige, monotone, sich ständig wiederholende Pflichtübung, andererseits schätzte er es, auf diese Weise seinen Lesern zu begegnen. Allerdings hatte sich in letzter Zeit eine gewisse Müdigkeit eingestellt und seine Freude am Diskutieren etwas geschmälert; und so machte er eher aus Gewohnheit weiter als aus einem inneren Verlangen heraus, er war an jenem heiklen Punkt in seiner Karriere angelangt, wo er den Verkauf seiner Bücher zwar nicht mehr unterstützen mußte, aber fürchtete, er könnte zurückgehen; wie auch deren Qualität ... Vielleicht hatte er ja gerade mit seinem letzten Opus jenes »Buch zuviel« geschrieben, das Buch, das nicht mehr einzigartig und nicht mehr so wichtig war wie die anderen. Doch Schluß jetzt mit diesen Zweifeln, sie plagten ihn schließlich bei jeder Neuveröffentlichung.
Unter all den anonymen Gesichtern war ihm das einer schönen Frau aufgefallen, einer Mulattin in goldbraun und fahlgelb getigerter Seide, die ein Stück abseits alleine auf und ab ging. Obgleich in ein Telefongespräch vertieft, warf sie dem Schriftsteller von Zeit zu Zeit einen prickelnden Blick zu.
»Wer ist das?« erkundigte er sich beim Verkaufsleiter.
»Ihre Pressefrau für Belgien. Möchten Sie, daß ich sie Ihnen vorstelle?«
»Ja, gern.«
Erfreut über eine kurze Signierpause, ergriff er die Hand, die Florence ihm hinhielt.
»Ich werde mich während der nächsten Tage um Sie kümmern«, murmelte sie verwirrt.
»Ich verlasse mich ganz auf Sie«, antwortete er betont herzlich.
Die Finger der jungen Frau erwiderten seinen Händedruck freudig, und in ihren Augen blitzte Einverständnis auf. Balthazar wußte, er hatte gewonnen: Er würde die Nacht im Hotel nicht allein verbringen.
Beschwingt vom Gedanken an die Sinneslust, die ihn erwartete, wandte er sich der nächsten Leserin mit einem breiten Grinsen zu und fragte betont flott:
»Nun, Madame, was kann ich für Sie tun?«
Odette war so überrascht von dieser virilen Energie, daß sie augenblicklich Fassung und Sprache verlor.
»Mm ... Mm ... Mm ...«
Sie brachte kein Wort heraus.
Balthazar Balsan sah sie an, ohne sie anzusehen, sozusagen von Berufs wegen freundlich.
»Haben Sie ein Buch dabei?«
Odette reagierte nicht, obgleich sie ein Exemplar von Die Stille der Ebene an die Brust gedrückt hielt.
»Möchten Sie, daß ich Ihnen das da signiere?«
Es kostete sie eine ungeheure Anstrengung, seine Frage auch nur ansatzweise zu bejahen.
Er streckte die Hand nach dem Buch aus; irritiert wich sie zurück, trat der Dame hinter ihr auf den Fuß, begriff ihr Mißverständnis und streckte ihm das Buch so abrupt und freudig hin, daß sie ihn um ein Haar am Kopf verletzt hätte.
»Auf welchen Namen?«
»...«
»Ist es für Sie?«
Odette nickte.
»Wie heißen Sie?«
»...«
»Ihr Vorname?«
Odette faßte sich ein Herz, machte den Mund auf und murmelte, ihren Namen halb verschluckend:
»...dette!«
»Wie bitte?«
»...dette!«
»Dette?«
Der Ohnmacht nahe, versuchte die unglückliche Odette mit erstickter Stimme ein letztes Mal ihren Namen zu nennen und brachte wieder nur:
»...dette!« hervor.

Einige Stunden später, das Licht graute bereits und wich der aufziehenden Dämmerung, saß Odette auf einer Bank und konnte sich nicht entschließen, nach Charleroi zurückzufahren. Fassungslos betrachtete sie immer wieder die Titelseite, auf die ihr Lieblingsautor »Für Dette« geschrieben hatte.
Sie hatte sie gehörig vermasselt, ihre einzige Begegnung mit dem Schriftsteller ihrer Träume, ihre Kinder machten sich bestimmt über sie lustig ... Zu Recht. Da war eine Frau ihres Alters doch tatsächlich nicht in der Lage, ihren vollständigen Namen zu nennen!
Kaum aber saß Odette im Bus, vergaß sie, was geschehen war, und fühlte sich zusehends wie im siebten Himmel, denn Balthazar Balsans Buch erfüllte sie vom ersten Satz an mit Licht, nahm sie mit in eine andere Welt, und aller Kummer war vergessen, alle Scham, alles Gerede der Nachbarn, aller Maschinenlärm und die ganze traurige Industrielandschaft von Charleroi. Dank seiner schwebte sie.
Wieder zu Hause, ging sie auf Zehenspitzen, um niemanden aufzuwecken – und vor allem, um nichts von ihrem verunglückten Unterfangen preisgeben zu müssen.
Sie schob sich die Kopfkissen in den Rücken, setzte sich gegenüber der Fototapete ins Bett – ein chinesischer Schattenriß, der ein Liebespaar vor einem Sonnenuntergang am Meer darstellte – und schlug Balsans Buch auf. Sie konnte sich nicht davon losreißen und löschte ihre Nachttischlampe erst, nachdem sie es bis zur letzte Seite gelesen hatte.

Balthazar Balsan hingegen verbrachte eine sehr viel sinnlichere Nacht. Die schöne Florence hatte sich ihm ohne Umschweife hingegeben, und er hatte sich, angesichts dieser vollkommen gebauten schwarzen Venus, bemüht, ein guter Liebhaber zu sein. So viel Ungestüm erforderte Kraft, und er hatte gespürt, daß sich auch beim Sex die Müdigkeit eingeschlichen hatte; die Dinge begannen ihren Tribut zu fordern, und er fragte sich, ob er sich nicht ungeachtet aller Anstrengung an einem Wendepunkt in seinem Leben befand.
Um Mitternacht wollte Florence den Fernseher einschalten, um die berühmte Literatursendung anzusehen, in der man sein Buch zweifellos bejubelte. Balthazar willigte nur ein, da sich ihm auf diese Weise die Gelegenheit zu einer kleinen Erholungspause bot.
Das Gesicht des gefürchteten Literaturkritikers Olaf Pims erschien auf dem Bildschirm, und ohne daß er wußte weshalb, spürte Balthazar sofort, daß man über ihn herfallen würde.
Hinter seiner roten Brille – der Brille eines Matadors, der sich anschickt, den Stier zu reizen, ehe er ihm den Todesstoß verpaßt –, setzte der Mann eine gelangweilte, nahezu angewiderte Miene auf.
»Ich wurde gebeten, das letzte Buch von Balthazar Balsan zu besprechen. Nun gut. Wenn dem wenigstens so wäre und man sicher sein könnte, daß es sich tatsächlich um sein letztes Buch handelt, wäre dies eine gute Nachricht! Was soll ich sagen? In literarischer Hinsicht ist dieses Buch eine Katastrophe. Alles daran ist schockierend, die Geschichte, die Personen, der Stil ... So schlecht zu sein, so dauerhaft, so gleichbleibend schlecht, ist geradezu eine Leistung, ja, nahezu genial. Und könnte man vor Langeweile sterben, wäre ich gestern abend gestorben.«
Nackt, mit einem Handtuch um die Hüften, wohnte Balthazar Balsan in seinem Hotelzimmer sprachlos und live der Demontage seiner Person bei. Neben ihm, auf dem Bett, wand sich die peinlich berührte Florence verzweifelt wie ein Wurm.
Olaf Pims fuhr ungerührt mit seiner Massakrierung fort.
»Es ist mir um so unangenehmer, Ihnen dies sagen zu müssen, als ich Balthazar Balsan zufällig in Gesellschaft begegnet bin, er ist ein liebenswürdiger, freundlicher Zeitgenosse, adrett gekleidet, mit dem etwas lächerlichen Aussehen eines Sportlehrers, doch ein durchaus umgänglicher Mensch, kurz, der Typ Mann, von dem sich eine Frau gern gütlich trennt.«
Mit einem schalen Lächeln wandte sich Olaf Pims der Kamera zu und begann zu reden, als säße er Balthazar Balsan plötzlich direkt gegenüber.
»Wenn man einen so ausgeprägten Sinn für Klischees hat, Monsieur Balsan, sollte man sein Buch nicht als Roman bezeichnen, sondern als Wörterbuch, jawohl, Wörterbuch der Allgemeinplätze, Wörterbuch der seichten Gedanken. Wie dem auch sei, ab in den Müll ... mit Ihrem Buch, und zwar schnell.« Olaf Pims zerriß das Exemplar, das er in seiner Hand hielt, und warf es voller Verachtung hinter sich. Auf Balthazar Balsan wirkte diese Geste wie ein Kinnhaken.
Erschrocken über den heftigen Ausbruch, fragte der Moderator der Sendung:
»Wie aber erklären Sie sich seinen großen Erfolg?«
»Schließlich haben auch die Kleingeister Anrecht auf einen Helden. Die Concierges, die Kassiererinnen, die Friseusen und all die anderen Sammlerinnen von Jahrmarktspüppchen und Sonnenuntergangsfotos haben zweifellos den idealen Schriftsteller gefunden.«
Florence schaltete den Fernseher aus und sah Balthazar an. Hätte sie über mehr Erfahrung in der Pressearbeit verfügt, hätte sie gesagt, was man in solchen Fällen zu sagen pflegt: ein verbitterter Kerl, der dir den Erfolg deiner Bücher neidet, er glaubt, du bist ein Ranschmeißer, und hält folglich, was so natürlich daherkommt, für demagogisch, wittert hinter der Kunstfertigkeit wirtschaftliche Interessen und glaubt, dein Bestreben, die Leute wachzurütteln, sei reine Marketingstrategie; davon abgesehen disqualifiziert er sich selbst, wenn er die Leser als minderbemittelte Untermenschen bezeichnet, diese soziale Geringschätzung ist geradezu schamlos. Doch die noch unerfahrene und mäßig intelligente Florence war leicht beeinflußbar und verwechselte Bosheit mit einem kritischen Verstand: Somit war die Sache für sie klar.
Zweifellos war der mitleidig verächtliche Blick der jungen Frau der Auslöser für die langanhaltende Depression, die Balthazar an diesem Abend befiel. Mit gehässigen Kommentaren hatte er immer umgehen können, nicht aber mit mitleidigen Blicken. Er kam sich alt vor, vernichtet, lächerlich.

Seit dieser Nacht hatte Odette Die Stille der Ebene dreimal wiedergelesen. Für sie war es eines des besten Bücher Bal¬thazar Balsans. Ihrem Sohn Rudy, dem Friseur, erzählte sie schließlich doch noch von ihrer verunglückten Begegnung mit dem Schriftsteller. Er lachte sie nicht aus, denn er begriff, daß seine Mutter litt.
»Was hast du denn erwartet? Was wolltest du ihm sagen?«
»Daß seine Bücher nicht nur gut sind, sondern mir auch guttun. Sie sind die besten Antidepressionsmittel der Welt. Eigentlich müßte man sie auf Rezept bekommen.«
»Wenn du ihm das nicht sagen konntest, dann schreib’s ihm doch.«
»Findest du es nicht seltsam, daß ausgerechnet ich einem Schriftsteller schreiben soll?«
»Was soll denn daran seltsam sein?«
»Eine Frau, die nicht gut schreiben kann, schreibt an einen Schriftsteller, der gut schreibt?«
»Es gibt schließlich auch kahle Friseure!«
Das leuchtete Odette ein, und so setzte sie sich in die Wohnküche, schob ihre Federarbeiten kurzerhand beiseite und begann ihren Brief.

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