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Odette Toulemonde und andere
Geschichten
(Leseprobe aus:
Odette Toulemonde und andere
Geschichten, 2007, Ammann
- Übertragung Inés Köbel).
Ruhig, Odette,
ruhig.
In ihrer überschwenglichen, brennenden Ungeduld war ihr, als flöge sie auf und
davon, weg aus Brüssel, aus seinen Straßenschluchten, hoch hinaus über die
Dächer, hin zu den Tauben am Himmel. Jeder, der ihre zarte Gestalt den Mont des
Arts hinabeilen sah, spürte, daß diese Frau, deren lockiges Haar eine Feder
schmückte, etwas von einem Vogel hatte...
Bald schon sah sie ihn! Wirklich und wahrhaftig ... Ging auf ihn zu ... Berührte
ihn – vielleicht –, wenn er ihr die Hand hinhielt ...
Ruhig, Odette, ruhig.
Sie war über Vierzig, und doch hüpfte ihr das Herz wie einem jungen Mädchen. Bei
jedem Fußgängerüberweg, an dem sie auf dem Trottoir warten mußte, kribbelte es
sie in den Beinen, und ihre Fersen drohten abzuheben, sie mußte sich
beherrschen, um nicht über die Autos zu springen.
Als sie die Buchhandlung endlich erreichte, hatte sich dort bereits eine lange
Warteschlange gebildet, und sie mußte sich, wie man ihr sagte, wohl
fünfundvierzig Minuten gedulden, ehe sie vor ihm stehen würde.
Sie griff nach dem neuen Buch, aus dessen Exemplaren die Buchhändler eine
Pyramide, prächtig wie ein Weihnachtsbaum, errichtet hatten, und begann mit den
Frauen zu plaudern, die gemeinsam mit ihr anstanden. Alle waren sie Leserinnen
von Balthazar Balsan, doch nicht eine war so eifrig, so leidenschaftlich und gut
informiert wie Odette.
»Ich habe eben alles von ihm gelesen, alles, und alles hat mir gefallen«,
entschuldigte sie sich für ihr Wissen.
Es erfüllte sie mit großem Stolz, daß sie, wie sie bemerkte, den Autor und sein
Werk besser kannte als alle anderen. Da sie bescheidener Herkunft war, tagsüber
als Verkäuferin arbeitete und nachts als Federschmuckmacherin, da sie wußte, daß
sie mäßig intelligent war, und mit dem Bus aus Charleroi kam, einer grauen
Industriestadt mit stillgelegten Minen und Bergwerken, gefiel es ihr durchaus,
daß sie diesen Brüsseler Bürgersfrauen scheinbar überlegen war, überlegen in
ihrer Begeisterung.
In der Mitte des Ladens thronte Balthazar Balsan, von so gleißendem
Schweinwerferlicht umgeben, wie er es von Fernsehsendungen kannte, auf einem
Podium und signierte eifrig und gutgelaunt seine Bücher. Nach zwölf Romanen –
und ebenso vielen glänzenden Erfolgen – wußte er nicht mehr recht, ob er diese
Signierstunden mochte oder nicht: Einerseits betrachtete er sie als eine
langweilige, monotone, sich ständig wiederholende Pflichtübung, andererseits
schätzte er es, auf diese Weise seinen Lesern zu begegnen. Allerdings hatte sich
in letzter Zeit eine gewisse Müdigkeit eingestellt und seine Freude am
Diskutieren etwas geschmälert; und so machte er eher aus Gewohnheit weiter als
aus einem inneren Verlangen heraus, er war an jenem heiklen Punkt in seiner
Karriere angelangt, wo er den Verkauf seiner Bücher zwar nicht mehr unterstützen
mußte, aber fürchtete, er könnte zurückgehen; wie auch deren Qualität ...
Vielleicht hatte er ja gerade mit seinem letzten Opus jenes »Buch zuviel«
geschrieben, das Buch, das nicht mehr einzigartig und nicht mehr so wichtig war
wie die anderen. Doch Schluß jetzt mit diesen Zweifeln, sie plagten ihn
schließlich bei jeder Neuveröffentlichung.
Unter all den anonymen Gesichtern war ihm das einer schönen Frau aufgefallen,
einer Mulattin in goldbraun und fahlgelb getigerter Seide, die ein Stück abseits
alleine auf und ab ging. Obgleich in ein Telefongespräch vertieft, warf sie dem
Schriftsteller von Zeit zu Zeit einen prickelnden Blick zu.
»Wer ist das?« erkundigte er sich beim Verkaufsleiter.
»Ihre Pressefrau für Belgien. Möchten Sie, daß ich sie Ihnen vorstelle?«
»Ja, gern.«
Erfreut über eine kurze Signierpause, ergriff er die Hand, die Florence ihm
hinhielt.
»Ich werde mich während der nächsten Tage um Sie kümmern«, murmelte sie
verwirrt.
»Ich verlasse mich ganz auf Sie«, antwortete er betont herzlich.
Die Finger der jungen Frau erwiderten seinen Händedruck freudig, und in ihren
Augen blitzte Einverständnis auf. Balthazar wußte, er hatte gewonnen: Er würde
die Nacht im Hotel nicht allein verbringen.
Beschwingt vom Gedanken an die Sinneslust, die ihn erwartete, wandte er sich der
nächsten Leserin mit einem breiten Grinsen zu und fragte betont flott:
»Nun, Madame, was kann ich für Sie tun?«
Odette war so überrascht von dieser virilen Energie, daß sie augenblicklich
Fassung und Sprache verlor.
»Mm ... Mm ... Mm ...«
Sie brachte kein Wort heraus.
Balthazar Balsan sah sie an, ohne sie anzusehen, sozusagen von Berufs wegen
freundlich.
»Haben Sie ein Buch dabei?«
Odette reagierte nicht, obgleich sie ein Exemplar von Die Stille der Ebene an
die Brust gedrückt hielt.
»Möchten Sie, daß ich Ihnen das da signiere?«
Es kostete sie eine ungeheure Anstrengung, seine Frage auch nur ansatzweise zu
bejahen.
Er streckte die Hand nach dem Buch aus; irritiert wich sie zurück, trat der Dame
hinter ihr auf den Fuß, begriff ihr Mißverständnis und streckte ihm das Buch so
abrupt und freudig hin, daß sie ihn um ein Haar am Kopf verletzt hätte.
»Auf welchen Namen?«
»...«
»Ist es für Sie?«
Odette nickte.
»Wie heißen Sie?«
»...«
»Ihr Vorname?«
Odette faßte sich ein Herz, machte den Mund auf und murmelte, ihren Namen halb
verschluckend:
»...dette!«
»Wie bitte?«
»...dette!«
»Dette?«
Der Ohnmacht nahe, versuchte die unglückliche Odette mit erstickter Stimme ein
letztes Mal ihren Namen zu nennen und brachte wieder nur:
»...dette!« hervor.
Einige Stunden später, das Licht graute bereits und wich der aufziehenden
Dämmerung, saß Odette auf einer Bank und konnte sich nicht entschließen, nach
Charleroi zurückzufahren. Fassungslos betrachtete sie immer wieder die
Titelseite, auf die ihr Lieblingsautor »Für Dette« geschrieben hatte.
Sie hatte sie gehörig vermasselt, ihre einzige Begegnung mit dem Schriftsteller
ihrer Träume, ihre Kinder machten sich bestimmt über sie lustig ... Zu Recht. Da
war eine Frau ihres Alters doch tatsächlich nicht in der Lage, ihren
vollständigen Namen zu nennen!
Kaum aber saß Odette im Bus, vergaß sie, was geschehen war, und fühlte sich
zusehends wie im siebten Himmel, denn Balthazar Balsans Buch erfüllte sie vom
ersten Satz an mit Licht, nahm sie mit in eine andere Welt, und aller Kummer war
vergessen, alle Scham, alles Gerede der Nachbarn, aller Maschinenlärm und die
ganze traurige Industrielandschaft von Charleroi. Dank seiner schwebte sie.
Wieder zu Hause, ging sie auf Zehenspitzen, um niemanden aufzuwecken – und vor
allem, um nichts von ihrem verunglückten Unterfangen preisgeben zu müssen.
Sie schob sich die Kopfkissen in den Rücken, setzte sich gegenüber der
Fototapete ins Bett – ein chinesischer Schattenriß, der ein Liebespaar vor einem
Sonnenuntergang am Meer darstellte – und schlug Balsans Buch auf. Sie konnte
sich nicht davon losreißen und löschte ihre Nachttischlampe erst, nachdem sie es
bis zur letzte Seite gelesen hatte.
Balthazar Balsan hingegen verbrachte eine sehr viel sinnlichere Nacht. Die
schöne Florence hatte sich ihm ohne Umschweife hingegeben, und er hatte sich,
angesichts dieser vollkommen gebauten schwarzen Venus, bemüht, ein guter
Liebhaber zu sein. So viel Ungestüm erforderte Kraft, und er hatte gespürt, daß
sich auch beim Sex die Müdigkeit eingeschlichen hatte; die Dinge begannen ihren
Tribut zu fordern, und er fragte sich, ob er sich nicht ungeachtet aller
Anstrengung an einem Wendepunkt in seinem Leben befand.
Um Mitternacht wollte Florence den Fernseher einschalten, um die berühmte
Literatursendung anzusehen, in der man sein Buch zweifellos bejubelte. Balthazar
willigte nur ein, da sich ihm auf diese Weise die Gelegenheit zu einer kleinen
Erholungspause bot.
Das Gesicht des gefürchteten Literaturkritikers Olaf Pims erschien auf dem
Bildschirm, und ohne daß er wußte weshalb, spürte Balthazar sofort, daß man über
ihn herfallen würde.
Hinter seiner roten Brille – der Brille eines Matadors, der sich anschickt, den
Stier zu reizen, ehe er ihm den Todesstoß verpaßt –, setzte der Mann eine
gelangweilte, nahezu angewiderte Miene auf.
»Ich wurde gebeten, das letzte Buch von Balthazar Balsan zu besprechen. Nun gut.
Wenn dem wenigstens so wäre und man sicher sein könnte, daß es sich tatsächlich
um sein letztes Buch handelt, wäre dies eine gute Nachricht! Was soll ich sagen?
In literarischer Hinsicht ist dieses Buch eine Katastrophe. Alles daran ist
schockierend, die Geschichte, die Personen, der Stil ... So schlecht zu sein, so
dauerhaft, so gleichbleibend schlecht, ist geradezu eine Leistung, ja, nahezu
genial. Und könnte man vor Langeweile sterben, wäre ich gestern abend
gestorben.«
Nackt, mit einem Handtuch um die Hüften, wohnte Balthazar Balsan in seinem
Hotelzimmer sprachlos und live der Demontage seiner Person bei. Neben ihm, auf
dem Bett, wand sich die peinlich berührte Florence verzweifelt wie ein Wurm.
Olaf Pims fuhr ungerührt mit seiner Massakrierung fort.
»Es ist mir um so unangenehmer, Ihnen dies sagen zu müssen, als ich Balthazar
Balsan zufällig in Gesellschaft begegnet bin, er ist ein liebenswürdiger,
freundlicher Zeitgenosse, adrett gekleidet, mit dem etwas lächerlichen Aussehen
eines Sportlehrers, doch ein durchaus umgänglicher Mensch, kurz, der Typ Mann,
von dem sich eine Frau gern gütlich trennt.«
Mit einem schalen Lächeln wandte sich Olaf Pims der Kamera zu und begann zu
reden, als säße er Balthazar Balsan plötzlich direkt gegenüber.
»Wenn man einen so ausgeprägten Sinn für Klischees hat, Monsieur Balsan, sollte
man sein Buch nicht als Roman bezeichnen, sondern als Wörterbuch, jawohl,
Wörterbuch der Allgemeinplätze, Wörterbuch der seichten Gedanken. Wie dem auch
sei, ab in den Müll ... mit Ihrem Buch, und zwar schnell.« Olaf Pims zerriß das
Exemplar, das er in seiner Hand hielt, und warf es voller Verachtung hinter
sich. Auf Balthazar Balsan wirkte diese Geste wie ein Kinnhaken.
Erschrocken über den heftigen Ausbruch, fragte der Moderator der Sendung:
»Wie aber erklären Sie sich seinen großen Erfolg?«
»Schließlich haben auch die Kleingeister Anrecht auf einen Helden. Die
Concierges, die Kassiererinnen, die Friseusen und all die anderen Sammlerinnen
von Jahrmarktspüppchen und Sonnenuntergangsfotos haben zweifellos den idealen
Schriftsteller gefunden.«
Florence schaltete den Fernseher aus und sah Balthazar an. Hätte sie über mehr
Erfahrung in der Pressearbeit verfügt, hätte sie gesagt, was man in solchen
Fällen zu sagen pflegt: ein verbitterter Kerl, der dir den Erfolg deiner Bücher
neidet, er glaubt, du bist ein Ranschmeißer, und hält folglich, was so natürlich
daherkommt, für demagogisch, wittert hinter der Kunstfertigkeit wirtschaftliche
Interessen und glaubt, dein Bestreben, die Leute wachzurütteln, sei reine
Marketingstrategie; davon abgesehen disqualifiziert er sich selbst, wenn er die
Leser als minderbemittelte Untermenschen bezeichnet, diese soziale
Geringschätzung ist geradezu schamlos. Doch die noch unerfahrene und mäßig
intelligente Florence war leicht beeinflußbar und verwechselte Bosheit mit einem
kritischen Verstand: Somit war die Sache für sie klar.
Zweifellos war der mitleidig verächtliche Blick der jungen Frau der Auslöser für
die langanhaltende Depression, die Balthazar an diesem Abend befiel. Mit
gehässigen Kommentaren hatte er immer umgehen können, nicht aber mit mitleidigen
Blicken. Er kam sich alt vor, vernichtet, lächerlich.
Seit dieser Nacht hatte Odette Die Stille der Ebene dreimal wiedergelesen. Für
sie war es eines des besten Bücher Bal¬thazar Balsans. Ihrem Sohn Rudy, dem
Friseur, erzählte sie schließlich doch noch von ihrer verunglückten Begegnung
mit dem Schriftsteller. Er lachte sie nicht aus, denn er begriff, daß seine
Mutter litt.
»Was hast du denn erwartet? Was wolltest du ihm sagen?«
»Daß seine Bücher nicht nur gut sind, sondern mir auch guttun. Sie sind die
besten Antidepressionsmittel der Welt. Eigentlich müßte man sie auf Rezept
bekommen.«
»Wenn du ihm das nicht sagen konntest, dann schreib’s ihm doch.«
»Findest du es nicht seltsam, daß ausgerechnet ich einem Schriftsteller
schreiben soll?«
»Was soll denn daran seltsam sein?«
»Eine Frau, die nicht gut schreiben kann, schreibt an einen Schriftsteller, der
gut schreibt?«
»Es gibt schließlich auch kahle Friseure!«
Das leuchtete Odette ein, und so setzte sie sich in die Wohnküche, schob ihre
Federarbeiten kurzerhand beiseite und begann ihren Brief.
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