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Der Zar von
Brooklyn
(Leseprobe aus: Der Zar von Brooklyn,
Roman, 2000, Eichborn)
Kompliment, Iwan Andrejewitsch –
Kompliment.
Ihre persönliche Sekretärin hat Klasse. Geduldig hat sie sich angehört, was
ich ihr zu sagen hatte, und die ganze Zeit hat sie dabei gelächelt, steif zwar,
aber entschlossen wie die Frau im Fernsehen, die ihre Ansage beendet hat und
feststellt, daß die Kamera noch immer läuft. Kein Stirnrunzeln, kein Seufzer,
kein ungeduldiger Griff zum Telefon. Eiserne Korrektheit. Sie beugte ihren schönen,
streng toupierten Kopf kaum merklich zur Seite, und falls sie etwas an mir
auszusetzen hatte, zeigte sie es nicht. Klasse. Wenn ich da an die Damen von früher
denke, die ihre Nägel betrachtend am Hörer hingen … Natürlich hab ich’s
ihr leicht gemacht. Ich hatte mich extra gut angezogen für diesen Gang in Ihr
Vorzimmer, und die Tatsache, daß ich alle Hürden auf dem Weg vom Eingang bis
zur Chef-etage elegant genommen hatte, machte mich munter und umgänglich. Kann
sein, daß ich etwas ausführlich war, denn plötzlich unterbrach sie mich,
nicht ungeduldig, eher kameradschaftlich, streckte ihre Hand aus und sagte: »Zeigen
Sie mal her.« Sie nahm das Papierbündel, ließ die Seiten über ihren Daumen
springen und legte es vor sich hin auf den Schreibtisch. Dann streckte sie das
Kinn und sagte: »So. Und das soll ich nun Herrn Gubin bringen?«
Die leise Belustigung, mit der sie das sagte, spiegelte sich auf dem Gesicht des
Wachmanns, der mich hoch bis in den sechzehnten Stock begleitet hatte. Er
streckte seinen Bullenleib und sagte etwas, das mir zeigen sollte, daß er mit
der Sekretärin auf gutem Fuß stand. Sie ignorierte ihn routiniert. Ich überlegte,
was besser klingen würde als ein simples Ja, aber da kam nichts, und so sagte
ich: »Ja. Bitte.«
In solchen Momenten entscheiden sich Schicksale. Sie fingerte am Kragen ihrer
Bluse herum und schaute etwas ratlos auf mein Dokument. Ich hielt den Atem an
– Sie verstehen, Iwan Andrejewitsch, schließlich ging es um Leben und Tod. Oh
doch, um nichts Geringeres. Hätte sie abgelehnt, worauf hätte ich noch hoffen
können? Wer weiß, was sie alles tut, um ihrem Chef die kostbare Arbeits-zeit
freizuhalten. Wer weiß, wo sonst Dokumente landen, die ihr junge Männer auf
den Schreibtisch legen. Die Sekunden verflossen. Ich betrachtete noch einmal
meinen Bericht, in dem jetzt die unentschlossenen Finger der Sekretärin
spielten, und faßte Mut. Wie gut, daß ich ihn sauber getippt und für teures
Geld in einwandfreie westliche Form gebracht hatte. Anthrazitfarbener Halbkarton
hinten, Klarsichtfolie vorne, solider Spiralrücken. Sauber der Titel, kurz,
nicht protzig, nicht zu bescheiden. Von einer optimistischen, etwas
studentenhaften Sachlichkeit ist das Ganze, und nichts daran wird Sie an die
Dokumente erinnern, mit denen Sie sich früher herumschlagen mussten, diese Wälzer
mit verblassender Schrift und fasrigem Papier, die unter Ihren zupackenden Händen
zerfielen wie mürbe Semmeln. Argwöhnisch wie ein Spion hatte ich mein Werk
durch Moskauer Metrotunnels und Unterführungen zu Ihnen getragen, ängstlich
meinen Rücken sichernd, unablässig die Nähe unverdächtiger Hausfrauen
suchend. Am Eingang des Hochhauses an der Moskwa, in dem Sie residieren,
passierte ich eine Dutzendschaft blasser Herren in blauer Uniform, einen
Metalldetektor und eine lächerlich feindliche Rezeptionistin, und als ich mit
dem _Bullen endlich im Lift stand, begann ich fest an den Erfolg meiner Mission
zu glauben. Wie leicht sich Zuversicht einstellt, wenn man so unbeschwert in die
Höhe gleitet! Auf diesem Niveau konnte mich die Sekretärin gar nicht mehr
abweisen.
Und das tat sie auch nicht.
»Gut«, sagte sie. »Ich werde es ihm geben«. Sie schaute auf die große,
zweiflüglige Holztür, hinter der Sie saßen, und legte mein Werk auf ihren
Schreibtisch neben das Telefon. Dann lächelte sie noch ein Lächeln in ihr Lächeln
hinein, sagte auf Wiedersehen und wandte sich so entschieden ab, daß ich unter
normalen Bedingungen augenblicklich gegangen wäre. Aber ich blieb stehen. Ich
wollte, daß sie es Ihnen gleich hereinbrachte, ich wollte sehen, wie sie im
Zimmer des ›Herrn‹ Gubin verschwand. Dieses ›Herr‹ hat mich übrigens
sehr beeindruckt. Tatsächlich, die Zeiten haben sich geändert! Jahrzehntelang
waren Sie der Genosse Gubin, eine graue Eminenz mit Tschaika und Eintritt in den
Berioska-Geschäften, und hätte es einer gewagt, Sie ›Herr‹ zu nennen, Sie
wären ihm an die Gurgel gegangen, stimmt’s? Ein dynamischer Mensch wie Sie.
›Herr‹, das war etwas für Ausländer und Volksfeinde, auch wenn natürlich
der Nebenklang – Geld! – schon immer etwas Über-zeugendes hatte. Und jetzt
sitzen Sie in Ihrem Büro im früheren Comecon-Gebäude, sehen schräg hinab auf
den Neuen Arbat und die Dächer von Moskau und sind ein Herr, ein Gospodin,
einer von diesen Geldsäcken, mit denen Sie früher im Metropol um Kredite
feilschten. Das nenn ich Karriere! Kompliment.
Sie schaute hoch, jetzt eine Spur irritiert. Worauf ich noch warte? »Nun«,
sagte ich, »verstehen Sie. Ich möchte, daß Sie es ihm jetzt geben. Ich möchte
es, entschuldigen Sie, mit eigenen Augen sehen.« Und ich schaute sie so fest
und arglos wie möglich an.
»Sie vertrauen mir wohl nicht?«, fragte sie, aber sie lächelte immer noch,
kokett diesmal, und gab mir damit Gelegenheit zum Scherzen. »Dochdochdoch«,
sagte ich, »natürlich vertraue ich _Ihnen, es ist nur« – und ich schaute im
Zimmer herum und hatte keine Ahnung, was sein sollte – »also wissen Sie, es wäre
einfach schön. Ich könnte dann besser schlafen.« Mein strahlendes Lächeln
ging ins Leere, ich räusperte mich und änderte den Ton. »Nein. Im Ernst. Es
geht um etwas sehr Wichtiges. Wirklich. Wissen Sie, ich weiß, daß auch Herr
Gubin großes Interesse an diesem Bericht hat. Er hat ihn ja bestellt,
gewissermaßen.«
Und haben Sie das etwa nicht, Iwan Andrejewitsch? Sie haben mir zwar nicht
direkt befohlen, mich an Sie zu wenden, aber habe ich denn eine andere Chance?
Hat irgend jemand eine andere Chance bei Ihnen? Sie zwingen den Leuten Ihren
Willen auf. Sie kommandieren, und dabei brauchen Sie gar nicht zu sagen,
worum’s geht, man kapiert’s auch so. Ich habe mir vorgestellt, in der Metro,
wie Sie das machen. Sie lehnen sich zurück. Das ist das erste. Wenn Sie
jemanden zwingen, dann nie aufrecht sitzend oder vorgebeugt. Geht nicht, macht
keinem Eindruck. Dann räuspern Sie sich, fassen vielleicht die Gabel, trommeln
aufs Tischtuch, nicht laut, aber etwas drohend, und zufrieden stellen Sie fest,
ohne aufzuschauen, daß alle Augen im Raum auf Sie gerichtet sind. Stille; man
weiß, jetzt kommt etwas Wichtiges. Etwas Großes. Sie sind für das Große zuständig,
nicht wahr, Iwan Andrejewitsch? Sitzungszimmerentscheide – die überlassen Sie
ihren Direktoren. Sie gehen ins Restaurant. In Klasselokale. An der Twerskaja,
am Ochotnyj Rjad, am Boulevardring. Oder weit draußen, in der Natur, im Country
Club. Wegen der Atmosphäre. Wegen der Luft. Und weil Sie sich hinter Wein und
Wodka einfach besser machen. Und dann, wenn abgetragen worden ist, wenn Sie sich
den Mund an der steifen Leinenserviette bedächtig abgewischt haben, wenn Sie
sich zurückgelehnt haben, gewartet haben, bis die Kellnerin den Raum verlassen
hat und Sie Ihre Augen in die Ihres Gegenübers versenkt haben – dann sagen
Sie diesen einen, kleinen, unerhörten Satz, leise, aber nachdrücklich, und
alles schweigt und zittert, obwohl Sie doch gar nicht viel gesagt haben, nicht
wirklich, es war alles ganz harmlos, fast nebensächlich, und nie würde ein Außenstehender
auf die Idee kommen, daß Sie soeben eine Existenz ruiniert haben – nur Sie
wissen es und die stummen Herren im Kreis und Ihr Opfer, das zu Boden schaut und
um Fassung ringt, während Sie auf einmal wieder beginnen, mit der Gabel auf das
Tischtuch zu trommeln.
»Bestellt?« Sie hatte die Brauen sehr weit hochgezogen, aber das Lächeln in
den Mundwinkeln war noch immer da.
»Sozusagen, ja. Fragen Sie ihn doch, ich meine, bitte, also wenn es Ihnen
nichts ausmacht, ich wäre Ihnen sehr verbunden. Ich möchte ganz einfach sicher
sein, daß er es bekommt. Jetzt gleich. Sie verzeihen.«
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