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Friesenblut
(Leseprobe aus: Friesenblut,
Roman, 2006, Eichborn)
Das Wattenmeer lag wie ein schimmernder Spiegel vor ihm. Der Sturm hatte sich über Nacht gelegt, der Wind war kaum zu spüren. Der gestrige Abend kam ihm wie ein halbvergessener Traum vor. Anselm blickte hinüber nach Föhr. Die Insel war in eine dunkle Wolke gehüllt, als sei dort drüben der Tag noch nicht angebrochen. Sie lag nicht sehr weit vom Festland entfernt, den noch würde die Fähre beinahe eine Stunde brauchen, um den Wykcer Hafen zu erreichen. Sie konnte nicht auf direktem Kurs hinüberfahren, sondern mußte aus Rücksicht auf Sandbänke und Untiefen einer kurvenreichen Fahrrinne folgen. In der Hochsaison pendelten die Fährschiffe ununterbrochen zwischen dem Festland und den Inseln hin und her, jetzt, im Herbst, herrschte nur schwacher Betrieb. Die Inseln lagen schon im Winterschlaf.
Mit der Morgenröte im Rücken stand Anselm auf dem Promenadendeck der Fähre, die ihn auf die Insel bringen sollte. RUNG-HOI.T stand in schwarzer Balkenschrift auf die Bordwand gepinselt. »Heut bin ich über Rungholt gefahren, / Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.« Das hatten sie in der Schule auswendig lernen müssen. Das reiche Rungholt ging unter um seiner Sünden willen, wie Sodom und Gomorrha. Was hatte sich die Reederei nur dabei gedacht, eines ihrer Schiffe nach einer im Meer versunkenen Stadt zu benennen? Nomen male ominatum. Außer ihm hielt sich nur ein älteres Paar auf dem oberen Deck auf. Beide trugen Gummistiefel und Friesennerze, obwohl es nicht einmal nieselte. Eingefleischte Föhr-Fans, die seit vierzig Jahren jeden Herbst auf der Insel verbrachten, der Stille und Einsamkeit wegen. Gründe, aus denen man auch Selbstmord begehen konnte. Sie winkten zu ihm herüber. Anselm erwiderte kurz den Gruß und beeilte sich, die Treppe hinunter auf das Achterdeck zu kommen.
Föhr war seine Heimat, falls es für ihn so etwas gab. Durch Zufall, nein, durch einen Unfall, den Autounfall, bei dem seine Eltern gestorben waren. Da war er vierzehn Jahre alt gewesen. Seine Großeltern hatten ihn zu sich auf die Insel genommen. Bei der Beerdigung seiner Großmutter war er zum letztenmal dort gewesen. Kein Mensch würde ihn mehr kennen. Damals hatten sie Friesisch miteinander gesprochen, eine klangvolle, dabei eigenartig kantenlose Sprache, anders als das Deutsche. Seine Mutter-, nein Großelternsprachc. Eine Sprache, die es eigentlich gar nicht mehr geben durfte, die vergessene Zwillingsschwester des Englischen. Das Friesische hatte nicht wie das Angelsächsische vornehm geheiratet. Es war ledig geblieben und dämmerte nun in diesem entlegenen Winkel seinem Ende entgegen. Allerdings war schon vor Jahrhunderten sein baldiges Aussterben vorausgesagt worden. Aber es war zäh, das alte Tantchen. Auf Föhr wurde immer noch Friesisch gesprochen. Die Sprache gehörte in eine andere Zeit, in der er ein anderer gewesen war. Irgendwann hatte sich alles geändert. Nicht mit einem Schlag, sondern kaum merklich, schleichend. Es hatte immer öfter wegen Kleinigkeiten Streit gegeben. Das Leben auf der Insel war ihm unerträglich eng vorgekommen. Ein Lehrer vom Gymnasium hatte seine Großeltern schließlich davon überzeugt, daß es für alle das Beste sei, ihn auf ein Internat zu schicken. Geld dafür war aus der Erbschaft seiner Eltern vorhanden gewesen. Die Entscheidung hatte sich als richtig erwiesen. Das Verhältnis zu seinen Großeltern hatte sich tatsächlich wieder gebessert. Aber bei jedem seiner Besuche waren sie ihm leiser und auf eine sonderbare Weise durchscheinender vorgekommen, und nie war er die Vorstellung los geworden, daß sein Wegzug ihr Verlöschen beschleunigt oder sogar ausgelöst hatte. Als sie kurz hintereinander gestorben waren, hatte es für ihn keinen Anlaß mehr gegeben, auf die Insel zurückzukommen. Der Kauferlös des alten Friesenhauses war so beträchtlich gewesen, daß er die letzten Jahre von dem Geld hatte leben können.
Die Insel lag jetzt zum Greifen nahe. Auf dem Wyker Sand wall waren bereits Einzelheiten zu erkennen, entlaubte Bäume, geschlossene Cafes, der verwaiste Pavillon der Kurkapelle. Obwohl es aufgeklart hatte und die Sonne die Szenerie jetzt mit einem goldenen Licht überflutete, als hätte der Fremdenverkehrsverein sie dafür bezahlt, bewegten sich nur wenige Menschen auf der Promenade, Individualisten wie seine beiden Mitreisenden, die den melancholischen Charme eines Seebades im Herbst zu schätzen wussten. Sich am Strand richtig »durchpusten« lassen, dann irgendwo gemütlich einen Pharisäer trinken ...
Langsam lief die Fähre in den Hafen ein. Der Kai
war beinahe menschenleer. Nur eine Frau mit hellblondem Haarschopf stand
rauchend an einen Kombi gelehnt. Jetzt blickte sie zu ihm herüber. Anselm
winkte andeutungsweise.
Die Frau hob kurz die Hand.
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