Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt

Die Pfingstelbraut
(Leseprobe aus: Die Pfingstelbraut, Roman, 1885).

I.

Der letzte Oktobertag ist da; ein opalgrauer Horizont breitet sich über das Gebirge des Bayerwaldes. Im letzten Herbstschmuck prangen die Laubwaldungen und Gelände. WeißebNebelstreifen bezeichnen den Lauf des in vielen Windungen dahinfließenden Gebirgsbaches, des weißen Regens, an und auf welchem durch die vielen an demselben erbauten Mühlen, Hammerwerke und Sägen, sowie durch die Floßfahrt, Blöcher- und Scheitertrift stets ein reges Leben herrscht. Einer der malerisch schönst gelegenen Punkte an diesem aus dem kleinen Arbersee entsprungenen und lebhaft dahinfließenden Gebirgsflusse ist der Marktflecken Kötzting, zunächst umgeben von saftigen grünen Wiesengründen und Feldungen und umschlossen von den tannendunklen Hochwaldungen des wild zerklüfteten Keitersberges, des langgestreckten Hohenbogens, und dem Hochplateau, welches sich zwischen dem Thale des weißen und des schwarzen Regens erhebt. Auf dessen höchstem Punkte thront das prächtige Wallfahrtskirchlein Weißenregen mit seinem grünen Kuppelturme, während sich das Dorf selbst am jenseitigen Abhange hinzieht. Der steile, mit Kreuzwegstationen versehene Steig dorthin ist an Werktagen in der Regel wenig begangen, heute jedoch, am Tage Allerheiligen, sah man ganze Karawanen von Leuten dort verkehren, zunächst Weiber und Kinder, meist in Lumpen gekleidet, mit Spitzkirmen auf dem Rücken, in lautester, oft ausgelassenster Unterhaltung.

Es waren die sogenannten „Seelaleut“, welche zum Betteln der eigens für diese Tage aus Weizenmehl gebackenen und mit Kümmel gewürzten Seelenspitzen oder Seelenwecken im Lande herumwandern, woran sich alles, was sich arm glaubt, selbst solche, die sonst nicht betteln, beteiligt.

Kirm an Kirm kommt vor die Hausthür des wohlhabenden Dörflers oder Märktlers und unausgesetzt schallt es:

„Sei’s Krist’s! (Gelobt sei Jesus Christus.) Bitt’ um an’ Seelaspitzn.“

Andere sagen den Spruch:
„Sei’s Kristes um a Spitzl,
Mei’ Vada is a Kitzl,
Mei’ Muada is a Habasack,
Get’s ma, was i trag’n mag,
Get’s ma fei nöd z’viel und z’weng,
Daß i mei’ Sackal nöd z’spreng.“

Das Spitzl wird in Empfang genommen, in die Kirm geworfen und nach einem gesprochenen „Vergelts Gott!“ geht es wieder hastig von dannen. Der Volkshumor nennt diesen dreitägigen Bettellauf „das große Kirmrennets“; der tosende Sturm der Bettelkirmen staut sich oft, mißliebige Reden fliegen hinüber und herüber, und zeternd, mitunter von handgreiflichen Bemerkungen begleitet, lösen sich oft erst wieder die Parteien von einander. Für freche Bettelsäcke ist die Seelenspitzenzeit die günstigste, mancher lauert das Getümmel ab und kommt dann wohl zwei oder drei Mal vor ein und dieselbe Thüre. Nicht selten dürften da Bettler und Geber die Rolle tauschen, das Kirmweib, das um den Seelenspitzen hineinruft, sollte ihn vielmehr herausreichen und die Hausfrau, welche die Gabe abgiebt, hätte es nötig, um Seelenspitzen sammeln zu gehen.

Dies war auch in dem äußersten Häuschen des Kötzinger Marktes der Fall. Dasselbe lag auf einem Hange etwas seitwärts vom Wege und machte in seiner fast ärmlichen Einfachheit durchaus nicht den Eindruck, als ob von dort auch nur das kleinste Geschenk herausgereicht werden könnte. Trotzdem probierten es viele, auch hier anzuklopfen, aber weder Thüre noch Fenster öffneten sich, das Haus schien leer und unverrichteter Sache mußten die Bettler wieder abziehen.

(...)

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