Müller haut uns raus
(Leseprobe aus: Müller
haut uns raus, Roman, 2002, Beck)
Unten stand ich mit Deborah noch eine Weile vor dem Haus. Die Luft war
angenehm mild. Ich versuchte, mir eine Zigarette zu drehen, mußte aber immer wieder von
vorn anfangen, weil ich zuviel redete und das Papier zerriß. Außerdem meinte sie, ich
solle hier nicht rauchen, das sei unhöflich. Ich fragte sie, was sie von den Leuten
gehalten habe.
«Ach, das sind immer die gleichen Entschuldigungen gegenüber den Schwarzen.»
«Aber sie meinen es doch ehrlich.»
«Laß uns nicht davon sprechen. Es ist eigentlich langweilig. Kannst du mir deine Adresse
aufschreiben ? Hast du einen Stift ? Ich hab nie einen Stift.»
Ich hatte immer einen Stift und schrieb ihr meine Adresse auf einen Flyer für Telefonsex.
Ich hatte inzwischen die Taschen voll von diesen Zetteln, weil ich es noch nicht gelernt
hatte, einfach wegzugucken und weiterzugehen. Ich hielt es für menschlicher
stehenzubleiben, aber dafür bekam ich dann etwas in die Hand gedrückt, oder ich wurde
mein Geld los.
«Du könntest mich nach Hause bringen, es ist nicht weit.»
«Zwanzig Blöcke und vier Avenues?»
«Ach, es ist warm, du kannst mit dem Bus zurückfahren, mir gefällt es, wenn man sich
abends nach Hause bringt. Was machst du überhaupt in New York? Studierst du etwa immer
noch?»
Ich erzählte ihr von meiner Arbeit zur Soziolinguistik des Jiddischen, für die ich hier
Recherchen betrieb. Sie wollte mir erst nicht glauben, daß ich Jiddisch und nicht
Hebräisch meinte, aber ich überzeugte sie mit ein paar Beispielen, die ich mir auf die
Schnelle ausdachte.
«Es ist eine faszinierende Sprache. Viel davon ist heute noch lebendig. Wenn man für
<Schuhe> <teire Fieß> sagt, das ist doch sehr poetisch.»
«Und wie bist du darauf gekommen?»
«Ach, ich hatte keine Lust mehr auf Französisch, dann habe ich Spanisch und Italienisch
gelernt, und das hat mich auch nicht befriedigt. Ich bin irgendwie <gefielskribblig>
geworden.»
«Gefielskribblig ?»
«Ja, das kann man werden von zuviel <Blutschreck>...»
«Was?»
«Ach so, <Blutschreck> heißt Kaffee. Man kann es aber auch werden, wenn man keinen
<Oogtröstel> hat.»
«Und was soll das sein?»
«Das kann vieles sein, meistens ein Mädchen.»
Als wir an ihrem Haus ankamen, fragte ich sie, wie ich jetzt mitten in der Nacht noch
zurückkommen sollte.
«Du kannst mit dem Bus fahren, laß dir ein Transfer geben. Oder du läufst, es ist warm,
be careful.»
«Das ist mir aber gar nicht koscher hier draußen, am Ende kommt noch so ein Schlemihl
und schartäkelt mich ins Gnick. Kann ich nicht einfach bei dir bleiben ?»
«Ich kann niemanden mit hochnehmen, das ist unhöflich.»
«Genauso habt ihr Betty Smith damals vor dem Krankenhaus sterben lassen, war das
vielleicht höflich ?»
«Come, come, you have to be manly.»
Sie hielt mir die Wange hin und zeigte, als ich nicht gleich verstand, mit dem Finger
darauf, ich sollte sie zum Abschied küssen. Dann ging ich etwas mißmutig die langen
Avenues hinunter. Als ich eine von ihnen überquerte, mußte ich an Brest denken. Ich
hatte dort eines Abends beobachtet, wie eine riesige Möwe auf der Straße von einem Auto
angefahren wurde. Sie schlug mit den Flügeln, aber sie gewann keine Höhe mehr und flog
direkt auf die Autos zu. Sie bekam überhaupt nicht mit, in welcher Gefahr sie schwebte,
und schien auch keinen Schmerz zu empfinden, als sie wieder angefahren wurde. Beim
Gedanken an das dumpfe Geräusch mußte ich mich schütteln. Judith war am Anfang unserer
Bekanntschaft auch immer so zusammengezuckt. Woran mochte sie dabei gedacht haben ?
Ich beschloß, mich mit einem Imbiß zu trösten. Ich mußte lange suchen, bis ich an einem Deli vorbeikam, der noch offen hatte. Es war inzwischen drei Uhr nachts, und ich war so müde, daß mich die grelle Beleuchtung quälte. Ein Radio spielte mexikanische Hits, und ich hatte das Gefühl, der erste Kunde seit Mitternacht zu sein. Ich versuchte, auf spanisch zu bestellen: «Un Cheesburger, por favor.»
Der Küchenchef verstand mich nicht und fragte auf englisch zurück. Ich verstand ihn nicht und zeigte mit dem Finger auf ein Bild. Er grinste und machte sich ohne übertriebene Eile an die Arbeit, während ich ungeduldig am Tresen stehenblieb. Der Kassierer fragte: «Cigarettes? Chewing gum?» Ich nahm nichts, ich wollte nur möglichst schnell nach Hause und bereute schon, daß ich nicht direkt gegangen war. Nachts war mir die Stadt doch etwas unheimlich. An der Wand hinter der Kasse hingen Vermißtenanzeigen und Kidnapperanzeigen. Ich überlegte, welche Vermißten wohl zu welchen Kidnappern gehörten. Dann blätterte ich in einem Stapel Flyer für Stripshows und tappte von einem Fuß auf den anderen. Ob meine Bestellung für diese Tageszeit unüblich war? Der Küchenchef begann gerade, das Fleisch in der Pfanne aufzutauen. Ich schaute auf den kleinen Wecker, den ich in der Tasche trug. Alle anderen Uhren hatte ich früher oder später kaputtbekommen. Immer wenn meine Eltern mir eine schenkten, war ich sie nach ein paar Wochen wieder los. Die Schulstunden waren einfach zu langweilig und meine Uhr die einzige Unterhaltung. Die erste hatte eines Morgens auf meinem Geburtstagstisch gelegen, ich hatte sie gleich umgemacht und schüttelte auf dem Weg zur Schule alle paar Meter den Ärmel der Jacke hoch, um mir das Handgelenk quer unter die Nase zu halten. Leider hatten andere schon eine Uhr mit Digitalanzeige, und die Mädchen wollten nur von ihnen alle fünf Minuten die Zeit wissen.
Rezension I Buchbestellung II02 LYRIKwelt © Beck