Am andern Morgen, bald nach drei Uhr, da noch kaum die erste Morgenhelle zu bemerken war, nahm der gutherzige Pächter Lorenz den Korb mit den Hühnern, hängte ihn an seinen Reisestab, schwang ihn über die Schulter und wanderte mit eiligen Schritten Waldenberg zu. Der rüstige Mann kam deshalb auch sehr bald wieder zurück.
Als es eben auf dem Turm zu Ellersee sieben Uhr schlug, trat er mit dem leeren Korb und dem erlösten Geld schon wieder in seine Stube. Johanna stand eben am Butterfass. Er setzte sich auf den nächsten Stuhl und wischte sich den Schweiss ab. »Ich habe eben ausgerührt«, sagte Johanna. »Sieh, da hast du ein Glas Buttermilch nebst einem Stück Brot. Erzähle mir nun, was du in Waldenberg erfahren hast.«
»Die Frau Hirschwirtin«, sagte Lorenz, »erzählte mir die Geschichte sehr ausführlich; ich will sie etwas kürzer fassen. Schon am Morgen des vergangenen Tages sah man durch Waldenburg eine Menge Kutschen und Leiterwagen fahren; alle waren gedrängt voll Menschen, die sich vor dem herannahenden französischen Kriegsheeren flüchteten. Gegen Mittag kamen so viele Kutschen mit französischen Ausgewanderten, dass sie in den Wirtshäusern des Ortes kaum mehr ein Unterkommen finden konnten. Die bedauernswerten Leute wollten bloss ein kleines Mittagsmahl nehmen und, sobald ihre Pferde gefüttert waren, eilig wieder weiterfahren. Ludwigs Mutter, eine schöne Frau von zartem, feinem Aussehen, befand sich unter ihnen. Als es Zeit zum Essen war, rief sie dem Knaben, dem sie erlaubt hatte, in den Garten hinab zu gehen; allein es war nichts mehr von ihm zu sehen, noch zu hören. Während sie überall, in dem Garten, auf der nahen Wiese und auf der Gasse, ihn ängstlich suchte, kamen plötzlich einige österreichische Dragoner in das Dorf gesprengt und sagten, dass die französischen Husaren sogleich nachkommen würden. Man hörte in einiger Entfernung scharf schiessen. Es entstand ein allgemeiner Schrecken und ein grosses Getümmel. Die ausgewanderten Franzosen sprangen eilends vom Tisch auf und befahlen, augenblicklich anzuspannen. Einige Herren halfen selbst mit, die Pferde anzuschirren und aus dem Stall zu führen. Die Angst und der Jammer der bekümmerten Mutter aber waren unbeschreiblich. Sie war blass wie eine Leiche und lief, die Hände ringend und mit zerstreuten Haaren umher; sie bat, uneingedenk, dass die Leute die französische Sprache nicht verstanden, mit heissen Tränen und aufgehobenen Händen alle Menschen, die ihr im Haus und auf der Strasse begegneten, ihr den Knaben suchen zu helfen. Indes hörte man immer furchtbarer schiessen; es fiel Schuss auf Schuss bereits sehr nahe an den Hecken und Weingärten des Dorfes. Die Reisegefährten der Frau wollten sie bereden, abzureisen, indem sie sonst in Gefahr stehe, gefangen nach Frankreich ausgeliefert zu werden. Allein sie sagte: 'Lieber will ich sterben als mein Kind im Stich lassen.'
Einer der Ausgewanderten, ein ältlicher Mann, versicherte sie, der Kleine sei mit seinen Gespielen in der Kutsche, die in dem nächsten Gutshof angehalten, sogleich bei dem ersten Lärmen abgefahren. Die Frau lief sogleich selbst hinüber in den Gasthof und fragte, ob das auch gewiss sei. Die Wirtsleute sagten: 'Ja, ganz gewiss!' - Ob die Leute die Frau nicht recht verstanden haben oder ob der alte Mann, der sehr um die Frau bekümmert schien, die Leute nur angelernt habe, die Frau zu hintergehen, damit sie nicht in Gefangenschaft oder gar um das Leben komme, weiss ich nicht. Die arme Mutter wurde, totenbleich und fast ohnmächtig, von dem zitternden Greis in den Reisewagen gehoben. Als der Wagen zu dem Dorf hinausfuhr, ritten die französischen Husaren auf der andern Seite des Dorfes hinein und setzten sich zur Mahlzeit nieder, von der die Geflüchteten, beinahe ohne etwas davon zu kosten, aufgestanden waren.«
»Das ist sehr traurig«, sagte Johanna; »aber sag doch, wer ist die unglückliche Mutter? Wie heisst sie? Und was ist sie sonst für eine Frau?«
Lorenz sagte: »Man nannte sie bloss Madame Düval. Sie schien ehemals reich gewesen zu sein; aber nun scheint sie arm und dürftig. Ihre Kleidung von aschenfarbenem Kattun war nur ganz einfach, wiewohl sehr reinlich. Sie trug weder Gold noch Spitzen. Die Kutsche, in der sie kam, war ganz gemein und ihr Koffer sehr klein. Auch das Mittagsmahl, das sie für sich, ihren Ludwig und jenen alten Mann bestellt hatte, war gar nicht prächtig, ja sogar etwas sparsam. Die Hirschwirtin, die französisch spricht und mir dies alles erzählte, konnte übrigens die Frau nicht genug loben, wie verständig und bescheiden sie sei.«
»Ach, die arme Mutter!« seufzte Johanna, indem ihr die hellen Tränen über die Wangen flossen. »Wie gross wird ihr Schrecken sein, wenn sie jene Kutsche einholt und ihren geliebten Ludwig nicht darin findet. Wegen der nachsetzenden Kriegsheere kann sie nicht zurückkehren, ihn aufzusuchen; sie weiss nicht, wie es ihm unter einem fremden Volk ergehen werde. Sie muss fürchten, ihn lange Zeit oder gar nicht mehr zu sehen. Wahrhaftig, sie muss einen Todeskummer empfinden.«
»Ich bedauere die gute Frau von ganzem Herzen«, sprach Lorenz; »aber wo ist denn ihr Sohn, der kleine Ludwig? Ist er noch nicht aufgestanden?«
»Ach«, sagte die Mutter, »das gute Kind schläft noch sanft und süss. Ich habe eben nach ihm gesehen. Der arme Kleine wird sehr bestürzt sein, seine Mutter vielleicht jahrelang nicht mehr zu sehen.«
Lorenz sprach etwas bekümmert: »Allein, was fangen wir indessen mit dem Kind an?«
»Das gibt sich von selbst!« sagte Johanna. »Gott hat uns das Kind zugeführt - und so behalten wir es, bis die Mutter wiederkommt und das Kind wieder abholt. Ich denke, Gott hat es so gefügt, dass du eben nicht weit von dem alten Eichbaum vorbeigehen musstest, als das Kind unter dem Baum so herzlich betete.«
»Das denke ich auch!« sagte Lorenz. »Aber wenn der Krieg viele Jahre lang dauern und die Mutter gar nicht mehr zurückkommen würde, wenn sie auf ihrer traurigen Flucht, auf der sie sicher vieles auszustehen hat, erkranken und sterben sollte - was machen wir dann mit dem Kind?«
»Dann erziehen wir den armen Kleinen mit unsern Kindern«, sagte Johanna. »Wo sechs essen, isst das siebente auch mit - ohne grossen Aufwand. Gott wird uns das Wenige, das wir haben, wenn wir es mit einem armen Kind teilen, umso reichlicher segnen. Derjenige, der mit fünf Broten fünftausend Mann in der Wüste speiste, lebt noch!«
»Das ist wahr«, sagte Lorenz. »Allein, wenn gute Leute, die reicher sind als wir, sich des Kindes erbarmen und es aufnehmen wollten, so wäre es mir doch lieb!«
»Wenn sich solche Leute fänden und sich selbst dazu erböten«, sagte Johanna, »so wäre mir das vielleicht auch recht. Allein bitten wollen wir sie nicht darum. Die reichsten Leute sind nicht immer die freigebigsten. Und auch die Freigebigsten unter ihnen könnten zwar mehr für den armen Knaben tun als wir, aber mit willigerem Herzen könnten sie es gewiss nicht tun. Ich fühle einmal ein Mutterherz zu dem Knaben, und du, liebster Lorenz - ich weiss es gewiss -, bist nicht weniger liebreich gegen denselben gesinnt; du hast sicher ein Vaterherz für ihn.«
»Das wohl!« sagte Lorenz und fing nun an zu rechnen, ob sie bei dem geringen Ertrag ihres kleinen Pachtgutes soviel erübrigen könnten, den Knaben zu ernähren und zu kleiden. Lorenz kam aber mit seiner Rechnung nicht zurecht.
Allein Johanna unterbrach ihn und sagte: »Wenn man etwas Gutes tun will, muss man nicht gar so genau rechnen; man muss dem lieben Gott auch etwas zutrauen. Ich dachte schon immer, wenn unser kleiner Konrad uns verlorenginge und unter landfremden Menschen, etwa in Frankreich, hilflos und verlassen umherirrte - nicht wahr, da wünschten wir wohl recht herzlich, dass gute Menschen sich seiner erbarmen und ihm unter ihrem Dach und bei ihren Kindern ein Plätzchen gönnen möchten! Nun, was wir wollen, dass man uns tue, das sollen wir auch anderen tun.« Die Tränen standen ihr in den Augen, als sie dieses sagte.
Lorenz sprach sehr gerührt: »Ich wollte das Kind ja von Herzen gern annehmen und erziehen; allein da wir selbst nichts Überflüssiges haben, so können wir das doch kaum tun.«
»Ei«, sagte Johanna, »wir Menschen können mehr, als wir manchmal meinen! Du wolltest mir ja auf dem nächsten Jahrmarkt ein neues Kleid kaufen; lass das gut sein und verwende das Geld für den armen Ludwig!«
»Du bist doch eine ebenso verständige als gutherzige Frau!« rief Lorenz, indem seine bedenklichen Mienen verschwanden und seine gewöhnliche Fröhlichkeit wieder sein ganzes Gesicht erheiterte. »Ja, ja«, sagte er, »so wollen wir es machen; und auch ich will mich mit meinem alten Sonntagskleid noch ein Jahr länger behelfen. So ist einstweilen für den Knaben gesorgt. Wir wollen ihn also behalten, der liebe Gott wird weiter sorgen!«
In diesem Augenblick trat der kleine Ludwig, völlig angekleidet, zur Tür herein, wünschte beiden sehr freundlich guten Morgen und bat Lorenz, nun sogleich zu satteln und mit ihm zu seiner Mama zu reiten.
»Lieber Ludwig!« sagte Lorenz. »Deine Mutter ist schon gestern mittags von Waldenburg abgereist und jetzt viele Meilen weit von uns entfernt. Sie war sehr bekümmert um dich; allein sie konnte nicht dort bleiben. Die Husaren vertrieben sie. Jetzt stehen mächtige Kriegsheere zwischen ihr und uns, so dass wir jetzt unmöglich zu ihr kommen können.«
Der gute Ludwig fing an, schmerzlich zu weinen; er schluchzte vor Jammer und inniger Betrübnis. Mutter Johanna setzte sich auf die Bank, stellte den weinenden Knaben zwischen ihre Knie, trocknete mit dem kleinen, weissen Taschentuch, das er bei sich hatte, ihm die Tränen ab und sagte liebreich: »Weine nicht, liebster Ludwig! Habe eine kleine Weile Geduld; dann wirst du deine liebe Mutter wiedersehen und dann eine desto grössere Freude haben. Indessen will ich deine Mutter sein, so wie mein Mann sich als Vater gegen dich erweisen wird. Alle meine Kinder werden dich lieben, als wärest du ihr Bruder. Alles, was wir haben, wollen wir mit dir teilen!«
Allein Ludwig wollte sich nicht trösten lassen und hörte nicht auf zu weinen. Da versuchte Johanna ein anderes Trostmittel. Sie ging mit ihm hinaus in den Hof am Haus und sagte zu Lorenz, er solle das Füllen aus dem Stall führen. Lorenz tat es. Ludwig hatte noch nie in seinem Leben ein junges Pferd gesehen und wusste nicht, dass dieses Pferdchen noch gar so jung sei. Er rief daher voll Erstaunen: »Ei, ein kleines Pferd! Ein kleines Pferd!« Er betrachtete das hübsche Tierchen, das kaum drei Monate alt war, mit grossem Wohlgefallen und versicherte, die Pferde, die er in der Stadt und auf der Reise gesehen habe, seien alle sehr gross; dies kleine Pferd aber finde er viel artiger. Lorenz setzte ihn auf das Pferdchen und führte es in dem Hof auf und ab. Ludwig hatte eine ganz ungemeine Freude, das erste Mal zu Pferd zu sitzen, und zwar auf einem so kleinen, niedlichen Pferd, das ganz für ihn geschaffen schien. Aller Jammer war vergessen. Er sagte, wiewohl seine Wangen noch von Tränen nass waren, mit lachendem Mund: »Auf diesem Pferd werde ich morgen oder übermorgen zu meiner Mutter galoppieren.«
»Dies«, sagte Johanna zu Lorenz, »hat geholfen und die Traurigkeit des Knaben auf einmal in Freude verwandelt. Um bei einem Kind eine Empfindung, die unangenehm oder gar unrecht ist, zu überwinden, muss man sie nicht geradezu bestreiten, sondern das Kind auf andere Gedanken zu bringen und in ihm andere Empfindungen zu erregen suchen. Dies tut auch bei Erwachsenen gut, wie ich es öfter an mir selbst erfahren habe. Wenn mir etwas im Kopf herumgeht, singe ich ein fröhliches Liedchen oder plaudere mit meinen Kindern von etwas anderem oder erzähle ihnen ein Geschichtchen, oder ich sehe in dem Garten nach, wie schön alles wachse und gedeihe oder wie schön draussen auf dem Acker der Flachs gerate und wie lieblich er blühe. Neulich war ich gar übel aufgeräumt; da brachte mir die kleine Liese ganz unerwartet einen Strauss von den ersten Maienblümchen, und ich wurde sogleich wieder aufgeheitert und der besten Laune. Freilich, wann schwerere Sorgen oder Leiden der Erde uns darnieder drücken, da hilft so etwas nicht mehr! Allein dann erhebe ich meine Gedanken zum Himmel und denke an den lieben Gott, der für uns alle sorgt und nach dem kurzen Leiden dieser Erde uns ewige Freuden gibt. Da wird es denn sogleich besser mit mir, und ich bin wieder getrost, heiter und fröhlich.«
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