Der Koffer
Wahrscheinlich würde
ich wieder die Letzte sein, die ihren Koffer vom Band heben konnte. Ich kannte das schon,
egal wann und wo ich eincheckte, mein Koffer oder meine Reisetasche landete immer als eine
der letzten auf dem Laufband. Deshalb zündete ich mir auch in aller Gemütsruhe eine
Zigarette an und stellte mich gelangweilt in fünfter Reihe an.
Ah, da war er endlich
mein lila Koffer. Er musste jedem ins Gesicht stechen. Lila war eine schöne Farbe, noch
dazu hatte ich einige silberne Sterne aufgeklebt. Aber diesmal drehte er nicht alleine
seine einsamen Runden. Ein schwarzer Überseekoffer leistete ihm Gesellschaft. So ein
schönes Ding hatte meine Oma mal besessen. Ich hätte ihn damals sehr gerne gehabt, als
Oma ihren Speicher entrümpelte, aber mein großer, frecher Bruder war wie immer schneller
gewesen und hatte sich den Koffer ratz-fatz unter den Nagel gerissen. Eine Hausbar hatte
er daraus gebastelt. Ich wollte keinen Streit mit ihm, denn seine Argumente waren manchmal
mehr als schlagkräftig.
Als ich meinen Koffer
vom Laufband heben wollte, bemerkte ich, dass sich die beiden Gepäckstücke ineinander
verhackt hatten. Das Überseeding war rundum mit zwei Spanngurten versehen. Sie sollten
wohl zusätzlichen Halt geben, wahrscheinlich waren die Schlösser defekt. Bei einem Band
hatte sich ein Häkchen durchgedrückt und sich mit der Schlaufe meines
Lilanen verheddert. Während ich heftig zog und versuchte die beiden Koffer
voneinander zu lösen, malte ich mir aus, dass der weit gereiste Koffer (immerhin bewiesen
das die vielen Aufkleber auf ihm), wohl einem arabischen Prinzen gehören könnte. Auf
diese Weise würde ich die Bekanntschaft einer berühmten Persönlichkeit und vielleicht
im show-biz Karriere machen. Wer weiß?
Endlich hatte ich mein
Reiseutensil befreit. Das Band bewegte sich immer noch. Mittlerweile stand ich alleine an
der Gepäckausgabe. Der Schwarze zog einsam seine Runden. Weit und breit machte kein
Reisender Besitzansprüche geltend.
Was passiert,
wenn ein Koffer nicht abgeholt wird?, fragte ich neugierig einen Mann, der an der
Hemdtasche einen Ausweis bummeln hatte. Ist kein Name dran, kommt er ins Fundbüro
und wird versteigert, brummte er mir lustlos zu, während der einsame Koffer von
lieblosen Händen hochgezerrt und wuchtig auf einen Wagen geknallt wurde.
Das war meine Chance.
Versteigerung lautete das Zauberwort. Und die wollte ich mir auf keinen Fall entgehen
lassen.
Endlich war es soweit.
Es hatte mich viel Geduld und etliche Telefonate gekostet aber da saß ich nun
gespannt auf meinem Stuhl. Unruhig und aufgeregt rutschte ich hin und her. Endlich wurde
das gute Stück aufgerufen.
20 Mark rief der
Versteigerer. Flugs hob ich die Hand.
An die Dame in
der 2. Reihe. Bietet jemand mehr?
Mama, der hat so
schöne Bildchen, den will ich! Ein etwa 5-jähriges Mädchen mit niedlichen
Löckchen sah seine Mama schmollend an, worauf diese etwas von 30 Mark rief.
40 Mark schrie ich.
50 Mark die andere
Frau.
60 Mark so viel
wollte ich eigentlich gar nicht ausgeben.
Stille das war
ihr dann wohl doch zu viel für einen alten Koffer mit Bildern.
Und zum dritten
an die Dame in der 2. Reihe.
Er gehörte mir!
Triumphierend stand
ich auf, zückte meinen Geldbeutel, zählte die Scheine ab, nahm wie in Trance die
Quittung in Empfang und hob meinen ersteigerten Koffer an. Er war federleicht.
Enttäuschung wollte sich breit machen. Ich zwang mich dazu, die Mundwinkel nicht gar zu
sehr nach unten zu ziehen. Erst zuhause wollte ich ihn öffnen.
Während der Heimfahrt
schielte ich bei jeder Ampel, an der ich halten musste, meinen Koffer an. Welches
leichte Geheimnis würde er wohl bergen?
Um den Genuss der
Spannung noch etwas hinauszuzögern, schenkte ich mir ein Glas Piccolo ein. Ein Schluck
des perlenden Getränkes, vorsichtig, fast ehrfurchtsvoll löste ich die Haken der beiden
Gummibänder; ein klick und die Schlösser waren offen.
Als erstes sah ich nur
Wäsche, einen Haufen dreckiger Wäsche. Nicht ordentlich hinein gelegt, nein, alles
durcheinander geworfen. Vorsichtig hob ich die Stücke hoch. Tangaslips in giftgrün,
Boxershorts mit Obstmotiven, ein Apfel aus dem ein Wurm kroch, T-Shirt mit Kaffeeflecken
übersäht, eine Schachtel Kondome, eine gebrauchte Zahnbürste mit einem
Mickey-Mouse-Emblem, eine zerrissene Jeans und eine herausgerissene Seite eines
einschlägigen Männermagazins. Sonst nichts. Enttäuschung machte sich bei mir breit.
Gleichzeitig konnte ich mich des Eindrucks nicht verwehren, dass mir die Sachen irgendwie
bekannt vor kamen.
Ich war wirklich
enttäuscht. Kein heimlicher Goldschatz, keine Aktien, kein wertvoller Schmuck nur
Dreckwäsche. Auch als ich das Futter des Koffers vorsichtig abtrennte, kamen keine
Schätze zutage. Ich hatte 60 Mark für einen alten Koffer ausgegeben. Nun gut, damit das
gute Ding zur Geltung kam, warf ich meine Obstkiste weg, die dekorativ in der Ecke stand
und mir bis dato als Ablage für Blumenvasen und Weinflaschen gedient hatte. Ich drapierte
meine Errungenschaft geschmackvoll. Ein Seidentuch vervollständigte den gestylten
Eindruck noch.
Die Dreckwäsche
stopfte ich in einen Plastiksack. Bei Gelegenheit wollte ich ihn in die Altkleidersammlung
geben.
Als ich den letzten
Schluck meines Piccolos ausgetrunken hatte, ganz versunken in meinen Überseekoffer
läutete es Sturm an meiner Haustüre. Dem Klingeln nach zu urteilen konnte das nur mein
Bruder sein.
Wie immer kam er
polternd in mein Wohn-Koch-Klo, schmetterte zuerst die Türe und dann mir ein Hallo zu und
erstarrte mitten im Satz.
Woher hast du
meinen Koffer?
Wieso deinen
Koffer?
Das ist mein
Koffer, der von Oma.
Stimmt nicht,
den habe ich am Flughafen ersteigert, für ganze 60 Mark. Vom Stress vorher mal ganz zu
schweigen.
Du weißt doch,
Schwesterchen, dass ich vor einiger Zeit mit meiner neuen Flamme einen Kurztrip gemacht
habe. Bei der Reisetasche war der Henkel abgerissen und der Koffer hat einen großen Riss.
Und da habe ich eben den Überseekoffer genommen. Leider ist das Ding auf dem Heimflug
verloren gegangen. Wurde wahrscheinlich fehlgeleitet. Warst wohl wieder zu faul
einen Antrag zu stellen, meinte ich bissig.
Aha, mehr
brachte er nicht heraus. Und jetzt ist er bei dir.
Wortlos überreichte
ich meinem Bruder die Quittung und die Tüte mit den Klamotten. Wusste ich es doch gleich,
dass nur ein Geschmacksverirrter grüne Tangaslips und Boxershorts mit sich kringelnden
Würmern aus Äpfeln tragen würde nämlich mein Herr Bruder.
Raus,
sagte ich, und damit dus weißt, der Koffer mit den netten Bildchen ist jetzt
MEINER!
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