Ursula Schmid-Spreer

Der Koffer

Wahrscheinlich würde ich wieder die Letzte sein, die ihren Koffer vom Band heben konnte. Ich kannte das schon, egal wann und wo ich eincheckte, mein Koffer oder meine Reisetasche landete immer als eine der letzten auf dem Laufband. Deshalb zündete ich mir auch in aller Gemütsruhe eine Zigarette an und stellte mich gelangweilt in fünfter Reihe an.

Ah, da war er endlich mein lila Koffer. Er musste jedem ins Gesicht stechen. Lila war eine schöne Farbe, noch dazu hatte ich einige silberne Sterne aufgeklebt. Aber diesmal drehte er nicht alleine seine einsamen Runden. Ein schwarzer Überseekoffer leistete ihm Gesellschaft. So ein schönes Ding hatte meine Oma mal besessen. Ich hätte ihn damals sehr gerne gehabt, als Oma ihren Speicher entrümpelte, aber mein großer, frecher Bruder war wie immer schneller gewesen und hatte sich den Koffer ratz-fatz unter den Nagel gerissen. Eine Hausbar hatte er daraus gebastelt. Ich wollte keinen Streit mit ihm, denn seine Argumente waren manchmal mehr als schlagkräftig.

Als ich meinen Koffer vom Laufband heben wollte, bemerkte ich, dass sich die beiden Gepäckstücke ineinander verhackt hatten. Das Überseeding war rundum mit zwei Spanngurten versehen. Sie sollten wohl zusätzlichen Halt geben, wahrscheinlich waren die Schlösser defekt. Bei einem Band hatte sich ein Häkchen durchgedrückt und sich mit der Schlaufe meines „Lilanen“ verheddert. Während ich heftig zog und versuchte die beiden Koffer voneinander zu lösen, malte ich mir aus, dass der weit gereiste Koffer (immerhin bewiesen das die vielen Aufkleber auf ihm), wohl einem arabischen Prinzen gehören könnte. Auf diese Weise würde ich die Bekanntschaft einer berühmten Persönlichkeit und vielleicht im show-biz Karriere machen. Wer weiß?

Endlich hatte ich mein Reiseutensil befreit. Das Band bewegte sich immer noch. Mittlerweile stand ich alleine an der Gepäckausgabe. Der Schwarze zog einsam seine Runden. Weit und breit machte kein Reisender Besitzansprüche geltend.

„Was passiert, wenn ein Koffer nicht abgeholt wird?“, fragte ich neugierig einen Mann, der an der Hemdtasche einen Ausweis bummeln hatte. „Ist kein Name dran, kommt er ins Fundbüro und wird versteigert“, brummte er mir lustlos zu, während der einsame Koffer von lieblosen Händen hochgezerrt und wuchtig auf einen Wagen geknallt wurde.

Das war meine Chance. Versteigerung lautete das Zauberwort. Und die wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Endlich war es soweit. Es hatte mich viel Geduld und etliche Telefonate gekostet – aber da saß ich nun gespannt auf meinem Stuhl. Unruhig und aufgeregt rutschte ich hin und her. Endlich wurde das gute Stück aufgerufen.

20 Mark rief der Versteigerer. Flugs hob ich die Hand.

„An die Dame in der 2. Reihe. Bietet jemand mehr?“

„Mama, der hat so schöne Bildchen, den will ich!“ Ein etwa 5-jähriges Mädchen mit niedlichen Löckchen sah seine Mama schmollend an, worauf diese etwas von 30 Mark rief.

40 Mark schrie ich.

50 Mark die andere Frau.

60 Mark – so viel wollte ich eigentlich gar nicht ausgeben.

Stille – das war ihr dann wohl doch zu viel für einen alten Koffer mit Bildern.

„Und zum dritten an die Dame in der 2. Reihe.“

Er gehörte mir!

Triumphierend stand ich auf, zückte meinen Geldbeutel, zählte die Scheine ab, nahm wie in Trance die Quittung in Empfang und hob meinen ersteigerten Koffer an. Er war federleicht. Enttäuschung wollte sich breit machen. Ich zwang mich dazu, die Mundwinkel nicht gar zu sehr nach unten zu ziehen. Erst zuhause wollte ich ihn öffnen.

Während der Heimfahrt schielte ich bei jeder Ampel, an der ich halten musste, meinen Koffer an. Welches ‚leichte‘ Geheimnis würde er wohl bergen?

Um den Genuss der Spannung noch etwas hinauszuzögern, schenkte ich mir ein Glas Piccolo ein. Ein Schluck des perlenden Getränkes, vorsichtig, fast ehrfurchtsvoll löste ich die Haken der beiden Gummibänder; ein klick und die Schlösser waren offen.

Als erstes sah ich nur Wäsche, einen Haufen dreckiger Wäsche. Nicht ordentlich hinein gelegt, nein, alles durcheinander geworfen. Vorsichtig hob ich die Stücke hoch. Tangaslips in giftgrün, Boxershorts mit Obstmotiven, ein Apfel aus dem ein Wurm kroch, T-Shirt mit Kaffeeflecken übersäht, eine Schachtel Kondome, eine gebrauchte Zahnbürste mit einem Mickey-Mouse-Emblem, eine zerrissene Jeans und eine herausgerissene Seite eines einschlägigen Männermagazins. Sonst nichts. Enttäuschung machte sich bei mir breit. Gleichzeitig konnte ich mich des Eindrucks nicht verwehren, dass mir die Sachen irgendwie bekannt vor kamen.

Ich war wirklich enttäuscht. Kein heimlicher Goldschatz, keine Aktien, kein wertvoller Schmuck – nur Dreckwäsche. Auch als ich das Futter des Koffers vorsichtig abtrennte, kamen keine Schätze zutage. Ich hatte 60 Mark für einen alten Koffer ausgegeben. Nun gut, damit das gute Ding zur Geltung kam, warf ich meine Obstkiste weg, die dekorativ in der Ecke stand und mir bis dato als Ablage für Blumenvasen und Weinflaschen gedient hatte. Ich drapierte meine Errungenschaft geschmackvoll. Ein Seidentuch vervollständigte den gestylten Eindruck noch.

Die Dreckwäsche stopfte ich in einen Plastiksack. Bei Gelegenheit wollte ich ihn in die Altkleidersammlung geben.

Als ich den letzten Schluck meines Piccolos ausgetrunken hatte, ganz versunken in meinen Überseekoffer läutete es Sturm an meiner Haustüre. Dem Klingeln nach zu urteilen konnte das nur mein Bruder sein.

Wie immer kam er polternd in mein Wohn-Koch-Klo, schmetterte zuerst die Türe und dann mir ein Hallo zu und erstarrte mitten im Satz.

„Woher hast du meinen Koffer?“

„Wieso deinen Koffer?“

„Das ist mein Koffer, der von Oma“.

„Stimmt nicht, den habe ich am Flughafen ersteigert, für ganze 60 Mark. Vom Stress vorher mal ganz zu schweigen.“

„Du weißt doch, Schwesterchen, dass ich vor einiger Zeit mit meiner neuen Flamme einen Kurztrip gemacht habe. Bei der Reisetasche war der Henkel abgerissen und der Koffer hat einen großen Riss. Und da habe ich eben den Überseekoffer genommen. Leider ist das Ding auf dem Heimflug verloren gegangen. Wurde wahrscheinlich fehlgeleitet. „Warst wohl wieder zu faul einen Antrag zu stellen,“ meinte ich bissig.

„Aha“, mehr brachte er nicht heraus. „Und jetzt ist er bei dir.“

Wortlos überreichte ich meinem Bruder die Quittung und die Tüte mit den Klamotten. Wusste ich es doch gleich, dass nur ein Geschmacksverirrter grüne Tangaslips und Boxershorts mit sich kringelnden Würmern aus Äpfeln tragen würde – nämlich mein Herr Bruder.

„Raus“, sagte ich, „und damit du’s weißt, der Koffer mit den netten Bildchen ist jetzt

MEINER!“

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