Nach fünf Jahren von Herbert Schlüter, 2008, Lilienfeld

Herbert Schlüter

Nach fünf Jahren
(Leseprobe aus: Nach fünf Jahren, Roman, 2008, Lilienfeldiana im Lilienfeld Verlag).

Erster Teil

I.

Als ich Victoria das erste Mal besuchte, war ich dreizehn

Jahre alt. Ich kannte sie schon länger, von jenen

alle Mitglieder der Verwandtschaft zusammenfassenden

Festen des bürgerlichen Lebens her, wie sie Begräbnisse

und Hochzeiten darstellen. Aber ich kannte

sie doch nur von weitem und sozusagen von unten:

sechsjährig und achtjährig. Die Jahre 1914 bis 1918 verbrachte

meine Cousine am Vierwaldstätter See. Anfang

1919 kehrte sie dann nach Deutschland zurück,

um ihr Erbe im Märkischen anzutreten: einen mittelgroßen

Landsitz, der ihr von ihrem schon lange

verwitweten Vater zugedacht worden war. Ihr Vater,

mein Onkel, starb im Spätherbst 1918, ein paar Tage

vor dem Waffenstillstand. Im Vorfrühling des darauf

folgenden Jahres kam Victoria zurück, in eine regenfeuchte,

trostlose Mark, dreißigjährig, mit einem leichten

Augenschaden, ein wenig nervös, unruhig und ruhebedürftig

in einem.

In den „großen Ferien“ eines der folgenden Jahre

schickte man mich zu ihr aufs Land.

Ein Wagen holte mich an der Station ab. Man fuhr

eine halbe Stunde durch einen Buchenforst, dann an

Roggenfeldern vorbei. Von weitem sah man einen See,

der sehr groß und unbewegt erschien.

Ich traf meine Cousine auf einer von Blumen und

Blattgerank halb verdüsterten Terrasse, die sich ein

paar Stufen über der ebenen Erde befand. Es war gegen

sechs Uhr. Es war noch jemand bei ihr, ein alter

Freund des Hauses und spezieller Freund ihres Vaters,

ein Pfarrer in mittleren Jahren.

„Da kommst du gerade recht zum Tee“, empfing

mich meine Cousine, als ich aus dem Wagen kletterte.

Sie gab mir einen leichten Kuß auf die Stirn und schob

mich dann zu dem geistlichen Herrn. „Mein jüngster

Freund und Cousin“, sagte sie und lachte leise. Der

Pfarrer drückte mir mit einem ernsten Lächeln die

Hand. Er hatte dunkelgraues Haar und graublaue

Augen.

Ich bekam Tee und Kuchen. Den Tee gab es in einem

bäuerlich bunten Porzellan, mit dem meine Cousine

vor uns, mit einer Art verheimlichter Hast, hantierte.

Ihre Hände waren etwas stark für eine Frau,

aber weiß und sehr gepflegt. Ihr Gesicht war beinahe

breit, mit Backenknochen, die ein wenig hervorstanden,

und mit großen braunen Augen. Die Gesichtshaut

war bleich, wodurch ihr dunkelblondes Haar fast

ganz dunkel erschien. Alles in allem war sie ein Typ, in

dem sich die Urbevölkerung der Mark repräsentiert.

Ich habe wenig Erinnerungen an diesen ersten Tee.

Es waren hauptsächlich Namen, die mir sogleich im

Gedächtnis haften blieben und die meine Phantasie

anregten. So der Name des Schweizer Ortes, in dem

Victoria die vier Jahre verbracht hatte. Ich fand ihn

drollig und zerbrach mir, beim leisen Nachsprechen,

die Zunge an ihm. Auch Genf wurde erwähnt und

viele Personennamen, von denen ich einige aus der

Zeitung kannte.

Der Pfarrer hatte uns verlassen. Es schien mir, da

der hellharte Blick seiner stahlblauen Augen fort war,

ein bißchen dunkler geworden zu sein. Vom Dorf her

klangen die Glocken der kleinen Kirche. Um die Gegend

des Sees herum stiegen Nebel auf.

„Früher“, erklärte meine Cousine mir, „waren das

alles Sümpfe hier. Sümpfe, die vielleicht ein heißes

Jahrzehnt austrocknete. Dann Urwald. Aber zuerst

Sümpfe.“

Ich erinnere mich sehr gut, daß ihre Worte, so vernünftig

sie waren, mir einen ganz kleinen, mehr wohlig

spannenden als schreckenden Schauder einflößten.

„Wirklich?“ fragte ich neugierig, „lauter Sümpfe?“

„Natürlich“, erwiderte sie trocken, „der Schrotsee ist

ja ein Rest davon.“ Das war der See, an dem ich vorher

von weitem vorübergefahren war. Er gehörte zu

Victorias Besitzung.

„Wenn du etwa Lust zu angeln hast?“ fragte sie.

„Mir ist das zu langweilig. Robert hat gestern nachts

Netze ausgelegt.“

„Nachts?“ fragte ich, „macht man das immer nachts?“

„Ich weiß nicht“, antwortete sie, versonnen und beinahe

etwas mürrisch, „natürlich nachts. Das wird wohl

am besten sein, wenn die Fische dann alle schlafen.“

Da ich lachen mußte, sah sie mich freundlich an und

lachte mit. Dann machte sie eine fahrige, rudernde Bewegung

mit den Armen, stand auf und sagte: „Nun

komm, wir wollen ein bißchen gehen.“ Wir gingen

zum See hinunter. Victoria summte etwas vor sich

hin. Ab und zu bückte sie sich und pflückte am Rande

des Roggenfeldes Mohn- und Kornblumen.

„Die stellen wir nachher in dein Zimmer, wenn du

sie magst“, sagte sie und summte dann ihre Melodie

weiter. Sie war auf eine stille Weise mit sich, mit ihren

Gedanken beschäftigt. Wenn sie etwas sagte, sah

sie mich selten dabei an. Tat sie es dennoch, geschah

es mit einem Ausdruck plötzlicher Aufmerksamkeit,

gleichsam freundlichen Erstauntseins über meine bis

dahin ignorierte Anwesenheit. So kam ich bald dazu,

sie für etwas zerstreut zu halten.

Schon von weitem hatte ich auf dem See ein Ruderboot

bemerkt. Victoria erklärte mir, wer die Insassen

waren. Der große Junge, der mit langen, gleichmäßigen

Schlägen ruderte, war Robert, der Gärtnerbursche.

Sein Vater besaß große Mustergärtnereien, eine dreiviertel

Stunde mit dem Wagen von hier entfernt. Das

Mädchen, das steuerte, war Isolde Perbom, die Nichte

des Pfarrers, den ich bei meiner Ankunft kennengelernt

hatte, Tochter eines pensionierten Landrats.

Die Kinder winkten uns zu. Wir gingen zum Anlegesteg

und erwarteten sie dort. Isolde stieg zuerst aus.

Sie bat mich dabei um meine Hand. Als sie sie nahm,

lächelte sie. Es war ein freundliches Lächeln, das ihr

eine gewisse Reife gab. Ich hielt sie für fünfzehn Jahre

alt, Robert, der sechzehn – oder vielleicht schon siebzehn

– Jahre alt war, sprang nach ihr aus dem Boot.

Er war sommersprossig, rotblond, und sein Gesicht

trug den Ausdruck einer wilden Scheu.

(...)

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