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aus:
Schwimmbadsommer
S. 31-35
Bestimmt war Milos` Blick kurz an
Martina hängengeblieben, als sich ihre Wege zwischen den Plätzen kreuzten, an
ihren langen dunklen Haaren, die sie offen trug und die nur durch eine
hochgesteckte Sonnenbrille aus dem Gesicht gehalten wurden; an ihren nackten
Schultern und Armen, die frisch eingecremt braun glänzten und einem
griechischen Inselstrand entliehen schienen; an ihren orange lackierten Zehennägeln,
die aus Sommerschuhen mit hohen Absätzen lugten, an ihrem Lächeln mit
geschlossenen Lippen, durch die sie ein leises
Das alles geschah, wie gesagt, nahezu gleichzeitig: Zum ersten Mal führte ich
in einem Spiel mit 30:0, zwei ungewöhnliche Schläge waren mir geglückt, Schröder
hatte seine Sprache verloren und riß damit den gewohnten Ablauf der Dinge auf,
mein tschechischer Trainer sah sich aufgerufen, seinen Teil zur Sensation
beizutragen, indem er den Steisser maßregelte und des Platzes verwies, und
Martina Bolisch, die Tochter des Physik-Bolisch, die Fee des Pausenhofs, hatte
sich an einem höllisch heißen Sonntagnachmittag an keinen anderen Ort
verlaufen als den Tennisplatz des TSV Gauting, wo ihr Freund sich anschickte,
ein gewonnen geglaubtes Finale noch aus der Hand zu geben.
Martina Bolisch war die Tochter meines Physiklehrers, jenes Mannes, der mich
noch kürzlich über Heisenbergs Quantenmechanik an der Tafel geprüft und mit
einer fünf zurück in die Bank geschickt hatte. Sie war ein Jahrgang über mir,
war also schon eine gänzlich andere Form von Mensch (und ihre Mutter musste,
wenn man sich ihren Vater ansah, einmal unendlich schön gewesen sein). In den
Pausen sah man Martina bei gutem Wetter über den Pausenhof gehen, ja schreiten,
immer umringt von Freundinnen, die viel und aufgeregt sprachen, während sie nur
lächelte, und Jungen, die in Haargel schwammen und immer etwas Ernstes zu erörtern
hatten. Einmal hatte ich mit ihr gesprochen, einmal, als ich in der Schlange vor
dem Verkaufstand anstand, da hatte sie mir auf die Schulter getippt, hatte mir
Geld in die Hand gedrückt und mich gebeten, ihr eine Käsesemmel mitzubringen.
Eine Käsesemmel - darüber vergaß ich, mir selbst etwas zu kaufen und reihte
mich, nachdem sie sich bedankt und gelächelt hatte und wieder Richtung
Pausenhof verschwunden war, erneut hinten in der Schlange ein – und war glücklich.
Nein, wir wussten nicht, dass sie einen Freund hatte, das wusste nicht einmal
Dennis, der alles wusste und den man für gewöhnlich nach den Sommerferien als
erstes anrief, um sich in Sachen Radio Gauting auf den neuesten Stand bringen zu
lassen. Und schon gar nicht, dass dieser Freund eine mörderische Vorhand schlug
und am letzten heißen Tag des Jahres mein Gegner auf Platz drei sein würde und
damit unmittelbarer Zeuge des Spiels meines Leben.
Ich hatte ihm eben einen
Vorhandblock vor die Füße gelegt, sein Schläger war nicht mehr rechtzeitig
unter den Ball gekommen, die Kugel taumelte im Netz, ich suchte Blickkontakt mit
Milos, der seinen Platz aufgegeben und sich in Bewegung gesetzt hatte, sah
Martina die Treppe herunterkommen und sich am Platzzaun postieren, sah ihre
Haare, ihre Schultern und Arme, ihre orangefarbenen Zehennägel in hohen
Sommerschuhen, hörte ihr, „Hey“, und Gallenbergers, „Na, da bist du
ja“. Sie hatte mich wohl noch nicht erkannt, und auch ich grüßte sie nicht,
nahm wieder Position ein und erwartete seinen Aufschlag.
Gallenberger schlug, nun da Mädchenaugen den Platz durchmaßen, die Bälle
verfolgten und Martina von Zeit zu Zeit Beifall spendete, auch die nächsten
Punkte ohne Hast, ohne gesteigerten Kraftaufwand, kein Drang zum Imponieren
bestimmte seine Taktik. Noch ahnte er nichts. Genausowenig ich selbst, obwohl
mir plötzlich diese Melodie vom Morgen und Gagis Kung-Fu Ratschläge nicht mehr
aus dem Kopf gingen und meine Beine trotz der anhaltenden Hitze sicherer und
schneller in ihren Bewegungen wurden: auf einmal erahnte ich die Absichten
meines Gegners besser, umlief wiederholt die Rückhand, servierte ihm hohe Spinbälle,
die an Länge gewannen, hoffte auf seine Ungeduld und provozierte seinen Fehler
mit dem Rückhandschuß die Linie entlang. Ich begann, bei jedem Schlag
verbissen zu stöhnen, variierte meine Aufschläge, servierte abwechselnd mit
Pronation im Handgelenk und butterweich mit Slicedrall in die Vorhandecke.
Gelegentlich griff ich überraschend auf den zweiten Aufschlag an, attackierte
auch immer öfter beim Return, so dass wir, da auch er nicht gewillt war, seine
Offensivtaktik aufzugeben, uns mehrfach am Netz gegenüberstanden, nur wenige
Meter zwischen unseren Schlägern, und uns gegenseitig gefühlvoll durch das
Halbfeld schickten. Diese Art von Schlagabtausch brachte uns Martinas Beifall
ein, und wir beide, Gallenberger und ich, lächelten dann und griffen nach den
Handtüchern, um die verschwitzten Griffe zu trocknen.
Mein Trainer Milos bekam von dem nun ausgeglichener verlaufenden Spiel wenig
mit, seit Minuten redete er auf den Steisser ein, der seine Zigarette noch immer
zwischen den Fingern hielt und unbeweglich auf den kleinen Tschechen hinabsah.
Ich schnappte nur einige Wörter und Satzfetzen auf, „...bin
Turnierleiter...keine Ausnahmen...hier nicht beim KGB...“, Milos` Grammatik
litt bei zunehmender Aufregung, und er war aufgeregt, sonst hätte er sich das
mit dem KGB besser verkniffen. Ich wertete es als gutes Zeichen und Beweis für
Gallenbergers wachsende Unsicherheit, dass er derjenige war, der die beiden zur
Ruhe mahnte, da sie seine Konzentration störten. Nach kurzem Zögern schob
Milos den Steisser Richtung Terrasse und die Treppe hinauf, wobei er sich bei
ihm einhakte wie ein Polizist, der einen Verurteilten aus dem Gerichtssaal
geleitet.
So blieb Martina die einzige Zuschauerin des Finalspiels im Junioren-Einzel, das
noch bis weit in den Nachmittag hinein andauerte, und lediglich seltsames Gebrüll,
das nach Anfeuerungsrufen klang und zu uns auf den Platz drang, ohne uns zu
gelten, zeugte von Tumult im Stüberl, wo Gagi alle Hände voll zu tun hatte.
Bei 4:5 wehrte ich einen Matchball mit Hilfe der Netzkante ab und einen zweiten
im Tie-Break mit einem riskanten Volleystop. Ich ballte die Faust und sah auf
dem Weg zur Grundlinie zu Martina, die immer noch geduldig war, oft lächelte
und die Sonnenbrille ins Gesicht geschoben hatte. Jetzt sah ich sie offen an,
wollte, dass sie erkannte, wer hier ihrem Freund keuchend und schwitzend den
Kampf ansagte, während dieser sich mit Seelenruhe den Sand von den Schuhen
klopfte. Seine Gelassenheit verlor er auch nicht, als ich den zweiten Satz
gewonnen hatte, nachdem ich ihn am Netz ins Leere hatte laufen lassen und einen
Topspinlob über ihn hob, dem er nicht einmal mehr nachsah. Einmal schickte er
Martina beim Seitenwechsel zu Gagi eine Flasche Wasser kaufen, und sie kam etwas
später irritiert zurück, sagte, dass oben eine regelrechte Orgie im Gange sei,
mit zwei seltsamen Männern im Mittelpunkt, einer mit Anzug, der andere im
Trainingsanzug, die sich offenbar ziemlich in den Haaren hätten.
Sonst sprachen die beiden nicht miteinander, und selbst später, als das Finale
beendet war, vernahm ich kaum ein Wort zwischen ihnen. Ab und zu suchte er ihren
Blick und fand ein Lächeln und ein Augenzwinkern, dann verengte er die Lippen
und legte den Kopf schief, scheint doch noch etwas länger zu dauern als
geplant, mochte das heißen, und beide lächelten, während ich mich unter
meinem Handtuch vergrub.
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