Schwimmbadsommer von Fridolin Schley, 2003, Beck

Fridolin Schley

Schwimmbadsommer
(Leseprobe aus: Schwimmbadsommer, S. 31-35, 2003, Beck).

Bestimmt war Milos` Blick kurz an Martina hängengeblieben, als sich ihre Wege zwischen den Plätzen kreuzten, an ihren langen dunklen Haaren, die sie offen trug und die nur durch eine hochgesteckte Sonnenbrille aus dem Gesicht gehalten wurden; an ihren nackten Schultern und Armen, die frisch eingecremt braun glänzten und einem griechischen Inselstrand entliehen schienen; an ihren orange lackierten Zehennägeln, die aus Sommerschuhen mit hohen Absätzen lugten, an ihrem Lächeln mit geschlossenen Lippen, durch die sie ein leises schob, als mein Gegner sie bemerkte.
Das alles geschah, wie gesagt, nahezu gleichzeitig: Zum ersten Mal führte ich in einem Spiel mit 30:0, zwei ungewöhnliche Schläge waren mir geglückt, Schröder hatte seine Sprache verloren und riß damit den gewohnten Ablauf der Dinge auf, mein tschechischer Trainer sah sich aufgerufen, seinen Teil zur Sensation beizutragen, indem er den Steisser maßregelte und des Platzes verwies, und Martina Bolisch, die Tochter des Physik-Bolisch, die Fee des Pausenhofs, hatte sich an einem höllisch heißen Sonntagnachmittag an keinen anderen Ort verlaufen als den Tennisplatz des TSV Gauting, wo ihr Freund sich anschickte, ein gewonnen geglaubtes Finale noch aus der Hand zu geben.
Martina Bolisch war die Tochter meines Physiklehrers, jenes Mannes, der mich noch kürzlich über Heisenbergs Quantenmechanik an der Tafel geprüft und mit einer fünf zurück in die Bank geschickt hatte. Sie war ein Jahrgang über mir, war also schon eine gänzlich andere Form von Mensch (und ihre Mutter musste, wenn man sich ihren Vater ansah, einmal unendlich schön gewesen sein). In den Pausen sah man Martina bei gutem Wetter über den Pausenhof gehen, ja schreiten, immer umringt von Freundinnen, die viel und aufgeregt sprachen, während sie nur lächelte, und Jungen, die in Haargel schwammen und immer etwas Ernstes zu erörtern hatten. Einmal hatte ich mit ihr gesprochen, einmal, als ich in der Schlange vor dem Verkaufstand anstand, da hatte sie mir auf die Schulter getippt, hatte mir Geld in die Hand gedrückt und mich gebeten, ihr eine Käsesemmel mitzubringen. Eine Käsesemmel - darüber vergaß ich, mir selbst etwas zu kaufen und reihte mich, nachdem sie sich bedankt und gelächelt hatte und wieder Richtung Pausenhof verschwunden war, erneut hinten in der Schlange ein – und war glücklich.
Nein, wir wussten nicht, dass sie einen Freund hatte, das wusste nicht einmal Dennis, der alles wusste und den man für gewöhnlich nach den Sommerferien als erstes anrief, um sich in Sachen Radio Gauting auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Und schon gar nicht, dass dieser Freund eine mörderische Vorhand schlug und am letzten heißen Tag des Jahres mein Gegner auf Platz drei sein würde und damit unmittelbarer Zeuge des Spiels meines Leben.

Ich hatte ihm eben einen Vorhandblock vor die Füße gelegt, sein Schläger war nicht mehr rechtzeitig unter den Ball gekommen, die Kugel taumelte im Netz, ich suchte Blickkontakt mit Milos, der seinen Platz aufgegeben und sich in Bewegung gesetzt hatte, sah Martina die Treppe herunterkommen und sich am Platzzaun postieren, sah ihre Haare, ihre Schultern und Arme, ihre orangefarbenen Zehennägel in hohen Sommerschuhen, hörte ihr, „Hey“, und Gallenbergers, „Na, da bist du ja“. Sie hatte mich wohl noch nicht erkannt, und auch ich grüßte sie nicht, nahm wieder Position ein und erwartete seinen Aufschlag.
Gallenberger schlug, nun da Mädchenaugen den Platz durchmaßen, die Bälle verfolgten und Martina von Zeit zu Zeit Beifall spendete, auch die nächsten Punkte ohne Hast, ohne gesteigerten Kraftaufwand, kein Drang zum Imponieren bestimmte seine Taktik. Noch ahnte er nichts. Genausowenig ich selbst, obwohl mir plötzlich diese Melodie vom Morgen und Gagis Kung-Fu Ratschläge nicht mehr aus dem Kopf gingen und meine Beine trotz der anhaltenden Hitze sicherer und schneller in ihren Bewegungen wurden: auf einmal erahnte ich die Absichten meines Gegners besser, umlief wiederholt die Rückhand, servierte ihm hohe Spinbälle, die an Länge gewannen, hoffte auf seine Ungeduld und provozierte seinen Fehler mit dem Rückhandschuß die Linie entlang. Ich begann, bei jedem Schlag verbissen zu stöhnen, variierte meine Aufschläge, servierte abwechselnd mit Pronation im Handgelenk und butterweich mit Slicedrall in die Vorhandecke. Gelegentlich griff ich überraschend auf den zweiten Aufschlag an, attackierte auch immer öfter beim Return, so dass wir, da auch er nicht gewillt war, seine Offensivtaktik aufzugeben, uns mehrfach am Netz gegenüberstanden, nur wenige Meter zwischen unseren Schlägern, und uns gegenseitig gefühlvoll durch das Halbfeld schickten. Diese Art von Schlagabtausch brachte uns Martinas Beifall ein, und wir beide, Gallenberger und ich, lächelten dann und griffen nach den Handtüchern, um die verschwitzten Griffe zu trocknen.
Mein Trainer Milos bekam von dem nun ausgeglichener verlaufenden Spiel wenig mit, seit Minuten redete er auf den Steisser ein, der seine Zigarette noch immer zwischen den Fingern hielt und unbeweglich auf den kleinen Tschechen hinabsah. Ich schnappte nur einige Wörter und Satzfetzen auf, „...bin Turnierleiter...keine Ausnahmen...hier nicht beim KGB...“, Milos` Grammatik litt bei zunehmender Aufregung, und er war aufgeregt, sonst hätte er sich das mit dem KGB besser verkniffen. Ich wertete es als gutes Zeichen und Beweis für Gallenbergers wachsende Unsicherheit, dass er derjenige war, der die beiden zur Ruhe mahnte, da sie seine Konzentration störten. Nach kurzem Zögern schob Milos den Steisser Richtung Terrasse und die Treppe hinauf, wobei er sich bei ihm einhakte wie ein Polizist, der einen Verurteilten aus dem Gerichtssaal geleitet.
So blieb Martina die einzige Zuschauerin des Finalspiels im Junioren-Einzel, das noch bis weit in den Nachmittag hinein andauerte, und lediglich seltsames Gebrüll, das nach Anfeuerungsrufen klang und zu uns auf den Platz drang, ohne uns zu gelten, zeugte von Tumult im Stüberl, wo Gagi alle Hände voll zu tun hatte.
Bei 4:5 wehrte ich einen Matchball mit Hilfe der Netzkante ab und einen zweiten im Tie-Break mit einem riskanten Volleystop. Ich ballte die Faust und sah auf dem Weg zur Grundlinie zu Martina, die immer noch geduldig war, oft lächelte und die Sonnenbrille ins Gesicht geschoben hatte. Jetzt sah ich sie offen an, wollte, dass sie erkannte, wer hier ihrem Freund keuchend und schwitzend den Kampf ansagte, während dieser sich mit Seelenruhe den Sand von den Schuhen klopfte. Seine Gelassenheit verlor er auch nicht, als ich den zweiten Satz gewonnen hatte, nachdem ich ihn am Netz ins Leere hatte laufen lassen und einen Topspinlob über ihn hob, dem er nicht einmal mehr nachsah. Einmal schickte er Martina beim Seitenwechsel zu Gagi eine Flasche Wasser kaufen, und sie kam etwas später irritiert zurück, sagte, dass oben eine regelrechte Orgie im Gange sei, mit zwei seltsamen Männern im Mittelpunkt, einer mit Anzug, der andere im Trainingsanzug, die sich offenbar ziemlich in  den Haaren hätten.
Sonst sprachen die beiden nicht miteinander, und selbst später, als das Finale beendet war, vernahm ich kaum ein Wort zwischen ihnen. Ab und zu suchte er ihren Blick und fand ein Lächeln und ein Augenzwinkern, dann verengte er die Lippen und legte den Kopf schief, scheint doch noch etwas länger zu dauern als geplant, mochte das heißen, und beide lächelten, während ich mich unter meinem Handtuch vergrub.

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