Das Klavier im
Nebel
(Leseprobe aus:
Das Klavier im Nebel,
Roman, 2005, Zsolnay)
Die Tante in Bukarest, böse wie das
Feuer, zeigte sich von der besten Seite. Sie entfaltete ihren ganzen Charme, was
den Onkel ungerührt ließ, Rodica gleichgültig war, Clemens aber Eindruck
machte.
Es war der Onkel, der Rodica in Schäßburg gezwungen hatte, die Fahrt ans Meer
mit Clemens abzusagen. Die Befehle seiner Frau führte er ebenso dienstwillig
aus wie die Befehle seines Ministers, selbst wenn sie forderte, daß er ihr die
Hände bis zum Ellbogen küßte und zurück bis zu den Fingerspitzen, was er
ohne Murren tat, nicht anders, als handle es sich um Schädlingsbekämpfung. Er
schwieg zu allem.
Doamna Aurora Ingrid war klein von Gestalt, sie trug hochhackige Schuhe, so daß
der Fuß steil abwärts wies. Die große Zehe stand vorne heraus, scharlachrot
touchiert, und scharlachrot waren die krallenhaften Fingernägel. „Weißt du,
warum die Fingernägel so lang sind?“ flüsterte Rodica. „Sie will damit
beweisen, daß sie eine Intellektuelle ist. Mit solch schrecklichen Krallen kann
man keine grobe Arbeit verrichten. Huh. Und die Kinder kriegen die Fraisen.“
Die Gastgeberin trug nur rot. Ein Rausch in Rot. Die leichtfüßige Figur war
umweht von Gewändern in Abwandlungen von Purpur bis Rosa. Ihr Haar war schwarz
mit silbernen Strähnen. „Sie wird grau. Nun hat sie einige Strähnen silbrig
gefärbt, damit man denkt, es sei eine modische Marotte.“
„Mit Ofensilber“, pflichtete Clemens bei. Sie verstanden sich wieder wie
einst. Am Abend, wenn sie sich über die Eindrücke des Tages austauschten, fiel
beiden meist dasselbe ein.
Die Gemächer des Hauses hatte man in Socken zu betreten. Im Flur standen die
Schuhe des Hausherrn in Reih und Glied. Die puppenhaften Schuhe der Dame lagen
wahllos herum, so wie sie ihr von den Füßen gepurzelt waren. Die Gäste
durchquerten den Vorraum wie ein Minenfeld. Im venezianischen Salon waren die
Perserteppiche mit einer Zellophanfolie geschützt. Schritt man darüber, kräuselte
sich das ätherische Gebilde unter den Füßen. „Faites attention! Mon Dieu,
mon Dieu! Les tapis, notre seule fortune!“ rief die Tante. Sie schlug die Hände
vors Gesicht. Die Rubine an ihren Fingern funkelten. An jedem Finger glänzte
ein anderer Ring. Acht Goldringe und einer am Daumen machten die Kollektion aus.
Sie selbst schien über den teuren Teppichen zu schweben.
„Er ist zwar der Hausherr. Aber sie ist der Herr im Haus“, flüsterte
Clemens Rodica zu. „Der scharlachrote Hausdrache!“
Trotzdem: Clemens war geradezu entzückt, um so mehr ihm Schlimmes geschwant
hatte. Ja, sogar eine lange Hose kaufte er, wie doamna Ingrid es wünschte.
„Ihr Wunsch ist mir Befehl“, sagte er galant, und sie schlug weit die
Augendeckel auf. Und erläuterte: „Nu poþi face promenadã la Bucureºti,
dragã Clemente, în pantaloni scurþi, deasupra din Tirolia.“ Unmöglich,
hier in kurzen Tirolerhosen herumzulaufen. Das rufe die Besetzung Bukarests
durch die Deutschen 1916 bis 1918 in Erinnerung. Unselig waren im Gedächtnis
der Bevölkerung die drakonischen Dekrete der deutschen Militärregierung
verwahrt geblieben. „Sogar wie man ein Klosett benützt, wurde
vorgeschrieben.“ So galten für die ganze Walachei millimetergenau gezeichnete
Pläne von Aborten mit der Innenarchitektur im Detail. „Sogar das Kackloch war
angegeben: Durchmesser 240 Millimeter. Die Kinder fielen in die Grube und
schrieen jämmerlich, und die dicken Pfarrfrauen und behäbigen Gutsherrinnen
schlugen sich mit schlechtem Gewissen in die Büsche. Denn die Deutschen
kontrollierten alles mit humorloser Strenge. Seit damals sagt der Rumäne: Sei
ein Mensch, kein Deutscher …“
Om sã fi, nu neamþ. Welch furchtbares Wort, dachte Clemens und schaffte sich
eine lange Hose an. Erstand sie durch ein magisches Opfer seiner Freundin. Die
trennte sich von einer Tonscherbe, die sie als Amulett bei sich trug. Es war ein
Stück jenes Krugs, mit dem der Großvater in Schäßburg das umstrittene Wasser
aus dem eigenen Brunnen geschöpft hatte. Der Krug ging zum Brunnen, bis er
brach. Jedes der Enkelkinder erhielt ein Bruchstück.
In der Strada Lipscani gelang das Tauschgeschäft. Es war noch immer die berühmte
Leipziger Straße, ein orientalischer Basar mitten in Bukarest. Kleinhändler
boten wie eh und je ihre Ware vor den Türen der winzigen Läden feil, wobei
jeder den anderen schreiend übertrumpfte. Vor allem die Textilien hingen
weithin sichtbar an Stangen und Gestellen und schaukelten im Wind. Doch alle wußten:
Die Tage dieses kunterbunten Treibens waren gezählt, trotz des Schwalls von
sowjetischen Fähnchen, mit denen neuerdings die Erzeugnisse garniert waren.
Eine fesche Leinenhose gegen eine verschimmelte Tonscherbe, wie das? Mit einer
Zungenfertigkeit sondergleichen – kaum daß Clemens den Sinn der Wörter
ausmachen konnte – beschwatzte Rodica den Händler, daß diese miese
Tonscherbe ein Teil des Humpens sei, aus dem der dakische König Decebal um das
Jahr 100 nach Christi Geburt Apfelmost getrunken habe. Im Nu hatte der Händler
ein paar obskure Zeichen in den grünlichen Ton gekratzt, und vor ihren Augen
wechselte die Scherbe noch einmal den Besitzer. Ein älterer Herr im Gehrock mit
goldenem Zwicker zählte mehrere Scheine hin, die den Preis der Hose bei weitem
überstiegen.
„Warum Apfelmost und nicht Wein?“ fragte Clemens.
„Du kennst offensichtlich unsere Geschichte nicht. Habt ihr in euren deutschen
Schulen nicht gelernt, daß schon der Vorgänger von Decebal, König Buerebista,
die Weingärten hatte niederbrennen lassen, weil alles Volk nur noch betrunken
dahintorkelte und keiner mehr arbeitete?“
Man saß beim Abendtisch, Clemens hochgemut in der neuen Hose. An der Wand über
der eichenen Anrichte mit Spiegel beobachtete Generalissimus Stalin im
Stuckrahmen das Gastmahl. „Stalin“, sagte die Tante leichthin, „wegen
meinem Mann, la minister.“ Rodica wollte ein Tischgebet sprechen oder das
Vaterunser, wie es bei Orthodoxen Sitte ist. Die Tante Aurora winkte ab: „Nu
se permiþe. Tovarãºul Stalin!“
Sie tranken echten Tee aus hauchdünnen hohen Tassen. Das Menü hatte viele
Facetten: Vinete, jener dumpfgrüne Brotaufstrich aus Blaufrüchten, ein Salat,
salatã asortatã, wohlversehen mit Paradeis, Gurkenscheiben, fleischigen
Paprika, die hier Gogoschar heißen, lila Zwiebelschnitzeln, gemildert mit süßem
Porree, das Ganze von Öl und Essig durchtränkt und mit Kümmelkörnern übersät.
Auf dem Tisch keine Butter, dafür holländische Margarine, „Flora“, unter
der Hand erstanden wie der Tee und das meiste auf dem Tisch. Ziegenkäse, „o
delicateþe”. Orangefarbener Fischrogen. Für jeden gab es drei
Salamischnitten. Die Zeiten seien schwer.
Zum Schluß wartete die Tante trotz der schweren Zeiten mit einer kulinarischen
Überraschung auf: gebratene Fleischstückchen von Schwein bis Rind und Lamm
waren auf zierlichen silbernen Spießen zusammengedrängt, neckisch unterbrochen
von Wurstschnitten unterschiedlicher Couleur, jedes für sich ein Häppchen,
nicht größer als ein Bissen. Die Tante bemerkte mit klagender Stimme: „Dein
armer Vater, wie ihm dieses geschmeckt hätte. Nicht einmal die Epauletten hat
man von ihm gefunden, wir müssen am Meeresstrand ein Kreuz errichten, aber erst
wenn dies alles vorbei ist.“
Ein strohweißer, flaumiger Wecken ersetzte das gemeine Brot. „Pâine este
pentru proletari.“ Als Nachtisch gab es Halva. Bärendreck, dachte Clemens gerührt;
endlich etwas, das an Zuhause erinnerte. Zu Abschluß wurde die traditionelle
Dulceaþa serviert, überkandierte Kirschenkonfitüre, ein rumänischer
Leckerbissen, in Kristallschalen mit Dessertlöffeln aus gepunztem Silber,
bereits schwärzlich angehaucht. Wiewohl es spät war, Tag und Mensch sich zur
Nacht richteten, wurde im venezianischen Salon noch eine Tasse Mokka genossen.
Das Auf- und Abtragen besorgte Rodica, indes die Tante sie mit ausgesuchter Höflichkeit
zwischen Küche und Speisezimmer hin und her pudelte: „Draga mea, fi amabilã“,
hieß es zuckersüß mit einem berückenden Lächeln.
Vor Jahr und Tag hatte man die Tante an einem Nabelbruch operiert. Mit Verve erzählte
sie, wie der Arzt ihr am Vorabend der Operation einen Katalog von Modellen über
Nabelformen vorgelegt habe. „Oder wünsche sie gar keinen Nabel, bloß eine
glatte Bauchfläche?“ Kein Nabel? Da sei Gott vor! Sie entschied sich für das
Muschelmotiv, das als Ornament in der Baukunst seit dem frühen Mittelalter alle
Stilrichtungen und Modeströmungen überdauert hatte. Etwas höher als normal
hatte sie den Nabel gewünscht, „daß man dies dekorative Kunstwerk beim
Bikini gut zu sehen kriegt“. Tante Aurora Ingrid fuhr mit der Hand in das
Gewoge ihrer Gewandung; endlich fand die Hand festen Grund, die Bauchbinde in
der Farbe der Morgenröte. Sie lockerte sie und zeigte das chirurgische Mirakel
freimütig her, die jungen Leute brachen in ein bewunderndes Ah und Oh aus.
Indes der Gatte schwieg.
Mit spitzer Stimme übertönte doamna Aurora Ingrid das Radio, das pausenlos
amerikanische Tanzmusik aus der Westzone Österreichs sendete. Als dann beim
Mokka der beliebte amerikanische Modetanz erklang, Malagamba-Conga, der in der
ideologischen Öffentlichkeit als dekadent verschrien war, zog die Tante die
kleine Abendgesellschaft ins Wohnzimmer, wo diesmal der Parteisekretär
Gheorghe-Gheorghiu-Dej von der Wand herablächelte. Die Dame des Hauses drehte
das gefährliche Foto um und zeigte vor, wie dieser Modetanz ging: Was der erste
Tänzer an tollen Figuren und Freiübungen vormache, müßten alle Mittanzenden
nachahmen. Sie sprang auf das Sofa, hopste über die Fauteuils, schwang sich über
den Tisch und die drei anderen ihr nach. Auch der Onkel machte mit, ohne jedoch
einen Ton von sich zu geben, während die Tante kreischte und Clemens jodelte.
Und Rodica höflich lächelte. Clemens war begeistert, blickte manchmal
vorwurfsvoll zu Rodica hin: Wieso sollte diese Tante böse sein?
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