Rote Handschuhe
(Leseprobe aus:
Rote
Handschuhe, Roman, 2001, Zsolnay)
Der kleine Mann steht
hinten in der Zelle mit dem Rücken zu mir. In der Düsternis ist er kaum auszumachen.
Seine Kleider muten altmodisch an. Er reicht mir die Hand, sagt leise: "Grüß Gott!
Mein Name ist Rosmarin", und tippt an die verwaschene Baskenmütze, "Anton
Rosmarin aus Temesvar." Er verbeugt sich.
"Sagen Sie mir nicht, seit wann Sie hier sind. Ich halte es keine Stunde mehr
aus." Als ich mich aufs Bett strecke, stelle ich am Strohsack fest, daß es eine
andere Zelle ist als die von heute nacht.
"Liegen darfst nicht", sagt er sanftmütig.
"Die müssen mich rauslassen. Es ist ein Mißverständnis."
"Das glaubt im Anfang jeder Teifi", flüstert er. "Jetzt aber tu aufstehn.
Wenn der draußen dir sieht liegen, bestraft er dir, du wirst stehn in der Ecken auf einem
Fuß: Storch heißt das. Ich kenn mich aus beim Wurschtkessel. Seit sechs Jahren bin ich
hier."
"Seit sechs Jahren! Wo, hier? In diesem Loch?"
"Hier in dieser Stuben nur seit sieben Monate. Aber allein." Ich ziehe den
Mantel über mein Gesicht und sage weinerlich aus dem Halbdunkel: "Ich will nichts
wissen. Nicht seit wann. Nicht warum. Nichts, gar nichts. Verschonen Sie mich
gefälligst."
Er schiebt den Mantel von meinem Gesicht weg, sagt: "Aber bald bin ich frei, die
letzten zwei Jahr schenken's mir. Wenn ich tu kommen nach Haus", er schluckt, wischt
den Speichel von den Lippen, das einzig Glänzende in seinem fahlen Gesicht, "dann
tritt ich in die Kuchel, dann sag ich: Mitzi, sag ich, da bin ich, jetzt will ich essen,
essen will ich brânza? mit Zwiefel!" Dabei zerhackt er mit der rechten Hand die
Luft. "So will ich die Zwiefel! Geschnitten finom. Und den Käs will ich in
Stückerln. Und nachher erst tu ich fragen: Wo sein die Kinder? Die Emma und der Toni? Die
erkennen mir sowieso nicht. Und dann leg ich die Mitzi überm Kucheltisch aufs Nudelbrett,
und dann tut's scheppern!" Pause. Er flüstert: "Meiner Seel, Sie sein ein rarer
Vogel. Der gardian hat geglotzt herein, lange, und hat nichts krakeelt."
"Woher wissen Sie das? Sie stehen ja mit dem Rücken zur Tür."
"Ich hab's gehört mit meine Ohren. Du aber, was hast ausgefressen?"
"Nichts, gar nichts!"
"Tja", sagt er, "das glaubt jeder von sich selber, daß er ist unschuldig
wie ein Mädchen, bevor sie in den Beichtstuhl kriecht. Auch ein Spion wie ich tut so
glauben."
Spion! Bis zur Stunde ein Fabelwesen in Romanen und Filmen, dem unsereiner nie Gefahr
lief, leibhaftig zu begegnen. Nun steht er vor mir, zwar unansehnlich und bar jeder Glorie
oder Dämonie, aber wirklich und wahr.
Ich beteuere: "Nichts habe ich mir zuschulden kommen lassen! Rein gar nichts.
Wenngleich ich ein Siebenbürger Sachse bin, bin ich doch für den Sozialismus." Und
sage noch vieles, die Worte überschlagen sich, als wollte ich im Nu Realitäten schaffen.
"So ist es, bei der Securitate sein's alle kommunistischer als der Papst. Hier wirft
jeder seine Vergangenheit ab wie die Eidechs ihren Schwanz, wenn man drauf tut
treten."
Außerdem sei ich krank, leide an einer Art Entzündung der Seele. Zwangsideen überfielen
mich wie Fieberschübe. "Dies hier ist pures Gift für mich, nicht zum Aushalten!
Enge und düstere Räume haben die Ärzte ausdrücklich verboten
"
"Keiner tut es hier aushalten", sagt Rosmarin, "es ist Gift für jeden.
Auch mir haben die Ärzte verboten, eingesperrt zu gehn. Und seit damals tut meine Seele
verbrennen im Feuer."
"Viel Bewegung auf weiten Wiesen", ich starre auf die weiße Wand, "das hat
man mir empfohlen. Wiesen mit Gänseblümchen und Himmelschlüssel, mit Tannenwäldern,
Höhenrauschen. Ja keine Konfliktsituationen. Und überhaupt, im Grunde genommen hab ich
das Leben satt."
"Dann bist hier gerade richtig."
Er fragt, wie es mir beim Verhör ergangen sei. "Was wollten's wissen?"
"Nichts. Nichts Besonderes. Herumgeredet haben sie. Das heißt nur zwei von ihnen,
die anderen sind dagehockt wie Ölgötzen. Zuletzt haben sie mich nach einem gefragt, mit
dem ich nie was zu tun gehabt habe."
"Das denkst! Mit Fremdländern ist nicht zu spaßen."
Fremdländer, welch sonderbares Wort. Weiter will Rosmarin wissen, wie die zwei Befrager
ausgesehen hätten.
"Der eine war in Uniform, mit gelben Augenbrauen, der andere in Zivil, ein
gemütlicher, dicklicher Mann, ein brünetter Typ. Vielleicht war er der Oberste."
"Der die Hände falten tut wie in der Kirchen, überm Hosenschlitz? Meiner Seel, Sie
sind ein Teufelsbraten!" Der Kommandeur der Securitate, Cra?ciun mit Namen, war also
beim morgendlichen Empfang dabei gewesen. Kein übler Gesell! Von ihm hänge ab, ob man
einen schlage und wie man einen schlage. Doch passiere nichts, wenn man nicht gerade den
Blöden spiele. Seine Herzpinkerl seien die Hirsche und Rehe rundum im Hof und Garten.
Wehe, wenn denen etwas zustieße: "O mei, o mei!" Vom Bergmann in Petroschen
habe er es zum Obersten gebracht. "Heißt sich Director General von der Securitate
für die Region Stalin." Das fließt dem Rosmarin von den Lippen, als bete er den
Rosenkranz. Und der mit den gelben Augenbrauen und dem Gesicht wie ein Hühnervogel, das
sei der Chefermittler Alexandrescu. "Zuviel der Ehr für einen so jungen Purschen wie
Sie."
"Woher wissen Sie das so genau?"
"Ach, ich bin ein alter Fuchs, und hier tut man wissen alles. Konntest du am End auf
deine Füß stehen?"
"Nein", antworte ich erstaunt, "ich war wie gelähmt."
"Dann liegst richtig. Das tut sich so gehören." Er scheint zufrieden, trippelt
hin und her, fünf Schritte auf, fünf Schritte ab. "Tausenddreißig Schritt, dann
kommen's mit dem Essen."
"Woher wissen Sie das?"
Er hebt den Zeigefinger zur Fensterluke: "Dorten. Meine Sonnenuhr." Nach der
Lichtstärke am Panzerglas bestimme er die Zeit. Das Mittagessen ist um zwanzig Schritte
zu früh da. Rosmarin ist einige Male nachdenklich stehen geblieben. Oder hat er sich
verzählt? Ein rollendes, quietschendes Geräusch stockt in Abständen vor den
Arrestzellen. Geschirr klappert. Rosmarin lauscht mit seinen großen, gräulichen Ohren:
"Dort sind sechs."
"Sechs was?"
"Sechs Eingekastelte."
"Das gibt es nicht, die können nicht einmal atmen!"
"Dreizehn", sagt er nachsichtig, "dreizehn gehn kommode ein und müssen
atmen und stehen, sitzen und schlafen und furzen und pischen viele Jahre. Neben uns ist
einer."
"Allein?" frage ich aufgescheucht.
"Einer tut immer allein sein." Wir hören den Wächter mit ungarischem Akzent
und in falschem Rumänisch befehlen: "Linierea!" Aufstellen in Reih und Glied.
"Dieser gardian ist ein Magyare. Wir heißen ihn Pa?sa?rila?, weil er so lang tut
sein wie ein Vogelfänger. Der kennt kein Spaß nicht." Die Klappe geht auf. Ein
Schnauzbart beugt sich zur Öffnung hin und sagt: "Linierea!" Rosmarin
übernimmt die zwei Blechnäpfe mit Kartoffelsuppe, ich greife nach den Blechtellern mit
einem Klacks Kraut. "Am Abend geben's Gerstel oder Bohnen." Das hätte ich auch
voraussagen können.
Ich löffle die zwei Gänge und bin fertig. Rosmarin läßt sich Zeit. Er kippt das
gedünstete Kraut in die Suppe, brockt Brot ein und kaut langsam, mit mahlenden Bewegungen
und ohne Pause. Endlich schluckt er hinunter, als nehme er schmerzlich Abschied von einem
trauten Wesen, doch holt er den Brei noch einmal aus dem Schlund, kostet nach und trennt
sich endgültig mit einem Seufzer von dem Bissen. Die Baskenmütze hat er vor dem Essen
abgenommen und das Kreuz geschlagen. Seiner vertrockneten Glatze fehlt jeglicher Glanz.
"Fertig", sagt er, sammelt mit der Zungenspitze letzte Tropfen und Brosamen von
den Lippen, wischt über den Mund und leckt den feuchten Handrücken glatt. Er macht
neuerlich das Kreuz über Gesicht und Brust, murmelt etwas, setzt die Mütze auf. Vom
restlichen Brot bricht er Krumen. Er bückt sich zum Heizkörper und verstreut sie auf den
Boden: "Für die Mäus'!" Bei der Abgabe des Geschirrs durch die Luke füllt
eine Frauenhand unsere Emailtöpfchen mit Wasser. "Das ist eine Zigeunerin",
sagt Rosmarin, "sie heißt Füschfüsch."
"Wie?"
"Füschfüsch. Hörst nicht, wie alles an sie tut rascheln?"
"Woher wissen Sie, daß es eine Zigeunerin ist?"
"Schau dir ihre Hand an. Braun wie Schokolade. So, fertig!" Er setzt sich nach
Vorschrift an das Fußende des Eisenbettes, während ich mich hinlege. Der Wachtmeister
lugt durchs Guckloch, sein Auge fixiert mich lange. Er öffnet das Fensterchen in der
Tür, sein Schnauzbart hängt in die Zelle, seine Hakennase erzittert. Er rollt die Augen.
Ich rühre mich nicht. Wortlos zieht er sich zurück.
"Es geht ihm wider den Strich. So, und jetzt haben wir frei." Rosmarin klärt
mich auf, daß hier am Sonntag nicht gearbeitet werde. Das mit mir heute vormittag sei
eine Ausnahme gewesen. "Es deranschiert uns niemand bis zum Abendbrot." Zu
bedauern sei der arme Pa?sa?rila?. Eingesperrt auch er. Doch allein! Nicht in feiner
Gesellschaft wie unsereiner. Könne sich mit niemandem amüsieren. Rosmarin seufzt:
"Der Arme."
Doch diesmal irrt er. Die himmlische Ruhe zerschellt: die Tür fliegt auf, Rosmarin
verschwindet lautlos im Halbdunkel hinten. Ein kleingewachsener Offizier tritt ein,
Schnurrbärtchen, an den Stiefeln überhohe Absätze. Prallt zurück, als er mich auf dem
Bett gewahrt, befiehlt: "Erheb dich!" Was ich nicht tue. Er erspäht Rosmarin,
der regungslos mit dem Gesicht zur Wand verharrt, fällt ihm in den Rücken mit dem
Befehl, er möge sich gefälligst umdrehen und seinen Strohsack glattstreichen; der schaue
aus wie die Kähne im Tierpark von Hermannstadt. Dann drückt er mir Papier und Bleistift
in die Hand. "Schreib alles auf, was du heute versprochen hast!" Er legt ein
Buch auf das Pult. Weg ist er.
"Ein Buch", stellt Rosmarin fest, "meiner Seel, Sie sein ein toller Hund.
Deutsch. Traven: Der Aufstand der Gehenkten, Aufbau Verlag. Zuviel des Guten."
Besorgt fügt er hinzu: "Stellen S' Ihnen an den Tisch und schreiben Sie. Alles! Auch
was Sie nicht wissen."
"Ich bin nicht gegen das Regime."
"Trotzdem tun Sie alles sagen, was ihr gepackelt habt gegen das Regime. Die
erfahren's mehr wie. Aber Sie kommen besser weg."
"Weg! Nur weg! Am Mittwoch werde ich vor meinen Studenten in Klausenburg
herausstreichen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns."
"Also nächstes Jahr!" Er lacht lautlos, wie es das Gesetz an der Wand befiehlt.
Dann streicht er betört über den Einband, braunes Leinen. "Wissen S', wer hier ist
ihr ärgster Feind?"
"Ich habe hier keine Feinde."
"Nicht die Securitate. Nein, es ist die verfluchtige Zeit. Wenn Sie die Zeit
totschlagen und sie Ihnen nicht auffrißt, dann haben S' hier ein gutes Leben. Essen,
Schlafen und Nichtstun ist gratis. Ich bin ein alter Fuchs, ich weiß, wo der Hase liegt
im Pfeffer. Und haben S' gesehen, wie zapplig der Oberleutnant ist gewesen? Der
Solotänzer. Immer ist er aus dem Häuschen. Wehe, wenn einem von uns was passieren tut.
Der Arme."
"Der Arme", sekundiere ich.
"So ist das: Denen ihre Zeit ist nicht unsere Zeit."
Das versteht sich von selbst. Aber die Umkehrung - darüber lohnt es sich nachzudenken.
Unsere Zeit ist nicht ihre Zeit. Die Frage ist: Gibt es hier ein Gehäuse von Zeit, wohin
sie einem nicht folgen können? Rosmarin fährt fort: "Die tun mehr Angst haben als
wir."
"Wovor Angst? Wieso?" frage ich bestürzt.
"Daß sie gelangen her in Arrest. Uns aber kann man nicht mehr einkasteln. Denn wir
sind schon hier. Das werden S' noch zu schätzen wissen."
"Nie werde ich hier etwas zu schätzen wissen!"
"Ja, ja", sagt er, "ich weiß, Sie tun sich beeilen. Doch Eile mit Weile.
Sehen S' nicht, wie die mit unserer Zeit schweinzen? Aber wo ham Sie mich unterbrochen?
Ja, eins ist sicher: Wer frei ist draußen, kann wann immer eingesperrt gehen, jeder, auch
der Oberste. Sehen S' in Aiud: Eines Tages geht die Tür auf, und wer tut hereinspazieren?
Der Kommandant vom Gefängnis Zeiden. Geschoren ratzekahl am Kopf und angezogen in Zebra
wie wir. War das eine Gaudi. Doch hören S' weiter." Und ich höre, daß es auch
einer Wachtmeisterin nicht besser ergangen sei. Beide, die Wachtmeisterin und den
Kommandanten, habe man verurteilt wegen "Techtelmechtel mit dem Klassenfeind".
Der Kommandant hatte von der Frau eines Häftlings einen Perserteppich als Geschenk
angenommen, die Wärterin einer Schwangeren ein Kilo Zucker zugesteckt.
"Aber das ist doch nicht das gleiche."
"Doch. Für die Bolschewiken ist das scheißegal. Die zwei haben mit dem Klassenfeind
gepackelt." Rosmarin führt mich durch das Gruselkabinett aller nur erdenklichen
Fehltritte bis zum Minister hinauf.
Rezension I Buchbestellung III01 LYRIKwelt © Zsolnay