Kindbettfieber von Sabine Schiffner, 2005, S. Fischer

Sabine Schiffner

1911. Sonnabend
(Leseprobe aus: Kindbettfieber, Roman, 2005, S. Fischer)

Am Vorabend zum Ostersonntag wird im Dom die Osternacht gefeiert, Punkt zehn vor elf beginnt die Brema als erste der Glocken mit dem Geläut zum späten Gottesdienst.
Sie müssen früh ins Bett gehen, hat Doktor Bonus letzte Woche gesagt, damit Sie genug Kraft haben. Nachdem sie sich also kurz nach Sonnenuntergang ins eheliche Schlafzimmer begeben und dort ausgekleidet hat, setzt Hinrike sich im Nachthemd hin auf die Kante ihres Ehebettes. Leise singt sie das Lied aus Humperdincks Oper. Abends will ich schlafen gehn. Vierzehn Englein bei mir stehn. Weil eine Schläfrigkeit sich nicht einstellen will, öffnet sie die Schublade des kleinen Nachtschränkchens auf ihrer Schlafseite und nimmt die Zigarrenkiste heraus, in der sie ihre Fotografien aufbewahrt. Zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken. Der Deckel lässt sich ganz leicht hochheben. Zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken. Manche Fotografien haben den Geruch des Tabaks angenommen, der ihr jetzt in die Nase steigt. Vertraut ist der, gibt eine Ahnung von fremden Ländern, von den großen Windjammern im Freihafen, wo die Frachten aus Übersee und dem Orient gelöscht werden. Zweie, die mich grüßen, zwei an meinem Kissen. Er kommt ihr jedes Mal entgegen, wenn sie die Tür öffnet zu den kleinen Geschäften an der Domsheide, die den Tabak in gerollter Form, als Zigarillo, Zigarre, Zigarette und Pfeifentabak, als Schnupftabak und zum Selberdrehen vertreiben. Zweie, die mich weisen, in das Paradeisen. Ein Geruch, der jeder tagenbarenen Bremerin gefällt, und eine solche ist sie, denn schon ihre Eltern und Großeltern haben den Bürgereid geleistet.
Ein Foto nimmt sie in die Hand, aufgenommen wurde es mit einer großen, schweren Balgenkamera an einem kalten, klaren Morgen in einem Jahr vor der Jahrhundertwende, vom Vater, dessen Passion die Fotografie war, er muss gegen seine Gewohnheit früh aufgestanden sein für die Aufnahme. Das dicke Papier, ursprünglich mal schwarz-weiß, hat jetzt eine schmutziggelbe Patina, trotz eines Risses ist das Motiv gut zu erkennen, diese Landschaft im Norden, ein Fluss im Vordergrund, in der Mitte des Wassers das Ufer einer Insel, hell leuchtet der Schnee zwischen dunklen Bäumen und Büschen, gibt die Unversehrtheit eines Augenblicks wieder.
Der Nachthimmel zu diesem neuen Tag liegt als rabenschwarzes Tuch da. Einzig der Morgenstern blinkt, als sei er ein Loch, mit einer Nadel in die große Decke gestochen, hinter der die Sonne immerwach scheint.
Auf Höhe der Stadt Bremen ragt ein toter Seitenarm der Weser wie ein Zeigefinger in Richtung Südost, die Kleine Weser erweitert sich später zum Werdersee und versickert Richtung Ost in den Marschwiesen von Obervieland. Dort liegt die kleine, dichtbewachsene Insel, die die Fotografie zeigt, sie wird im Volksmund die Vogelinsel genannt. Wie in jedem Frühjahr haben sich auch in diesem Jahr Hunderte von sibirischen Gänsen, Sing- und Zwergschwänen auf den Flutwiesen ihr Nachtlager bereitet, Fremdlinge, in den ersten Tagen des April sind sie eingetroffen, zitternd vor der für sie ungewohnten Kälte.
Zwischen den weißen und grauen Tierkörpern liegen kleinere, Krickenten mit grauen Schnäbeln und dunkelbraunem Gefieder, das nahtlos in die Farbe der Nacht übergeht.
Nie ist die Nacht so still wie kurz vor Tagesanbruch, nur zuweilen kommt das eine oder andere Stöhnen aus der Menge der Federn.
Da öffnet sich ein roter Streifen am Horizont, es scheint ein Licht durch einen Spalt in die Nacht, und das Licht ist wie Musik, die mit dem Flüstern eines einzelnen Geigenbogens auf einer Saite beginnt, das Flüstern erweitert sich, wird zum Fluss aus Tönen und zu einer schweren Orchestermusik aus den noch glücklichen und schon traurigen Tagen der jüngst vergangenen Jahrhundertwende, einer Musik, die getragen daherkommt, so verhalten, als wolle sie sich ausbedingen, vielleicht doch und heimlich davonzuschweben und so zu vergehen, als sei sie nie da gewesen. Das Schwarz wandelt sich, wird durch den morgendlichen Nebel, der vom Fluss kommt und sich am Ufer staut, zu einem Anthrazit, eben noch fast undurchsichtig, doch gleich lichter, schon sind Farben zu erkennen, einzelne weiße Haufen, die sich aus der Dunkelheit herausheben, die Schwäne, die nahe dem sicheren Feucht schlafen. Eine Unruhe geht von den Vögeln aus, deren Augen eben noch geschlossen waren, die noch zu schlummern schienen, sich wärmeren Fernen entgegenwünschten. Ein Schaben, Schnaufen, Schlurfen, Reiben, ein Gurren, Quaken, Zwitschern, Tschilpen, ein Schnattern, Klappern, Platschen, Räuspern, die winzige Lichtmenge hat ausgereicht, die Vogelschar zu wecken und sie zum Morgengesang zusammenzuführen. Dann, bevor noch ein einziger Schritt getan wird, bevor noch ein einziger Flügel zittert, bevor auch nur ein einziges Lid die Pupillen freigibt, öffnen sie ihre Schnäbel und stimmen ein in diese Mischung aus Schlaflied und Schlachtruf. Vielstimmig und immer lauter werdend, wird die aufgehende Sonne begrüßt. Ihr Gesang offenbart sich dem stetig breiter werdenden Spalt, aus dem jetzt ein schweifendes Rosa quillt, als Freudenorchester. Die Töne steigen empor, verbinden sich zu einem großen Ganzen, legen sich als Ornament über die gefrorene Landschaft. Die Noten zu den Tönen lassen sich nicht aufzeichnen, eines Tages wird die Musik in eine Schellackplatte gepresst und in einem Tonarchiv in Berlin aufbewahrt, die Königlich-Preußische Phonographische Kommission sammelt die Stimmen der tierischen Untertanen ihrer Majestät Kaiser Wilhelm II.
Aus der Flut der Stimmen und aus der Masse der befiederten Körper taucht ein einzelner Kranich auf, er läuft zwischen den anderen Vögeln hindurch zum Fluss, mit schwerelosem Schritt und immer schneller über das gefrorene Nass, um sich zu erheben, mit ausgebreiteten Schwingen fortzufliegen, der aufgehenden Sonne entgegen. Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebchen, trag ich dich fort, leicht und unbeschwert fliegt er, fort zu den Fluren des Ganges, am Werder entlang, die alten Kastanienbäume am Kuhhirten ziehen unter ihm vorbei, den Krähenberg, die einzige Erhebung am Weserufer, streift er fast mit den Füßen, dann überquert er die Weser an ihrer breitesten Stelle und schwingt sich hinterm Osterdeich über die Flut der Dächer des Ostertorviertels, immer höher schraubt er sich in den Morgenhimmel und, dort weiß ich den schönsten Ort, der Stadt entgegen, wer jetzt genau hinhört, kann den Rhythmus seiner auf- und abschlagenden Flügel vernehmen, wie ein Herzschlagen, dies leise Rascheln, das dem Teppich des Gesanges eine Ordnung gibt.

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