Die beste Zeit von Roswitha Schieb, 2007

Roswitha Schieb

Bresław
(Leseprobe aus: Die beste Zeit, Erzählung, 2007, Literaturmetzgerei).

Im Winter kehrte Lilo aus Moskau nach Deutschland zurück. Wir schmiedeten Pläne zu einer Wiedersehensfeier, einer Wiedersehensfahrt. Was hältst du von Breslau, fragte ich, es ist ein Genuß, in das Kreisen der Passanten auf dem Ring einzutauchen und entlang der Barockgebäude auf die entrückte Dominsel zu wandern. Warum nicht, gab Lilo zurück, ich war bislang nur auf der Durchreise in Polen, und die Sprache wird mich ein bißchen an Rußland erinnern. Albert wird mitkommen, sagte ich. Umso besser, antwortete Lilo, dann können wir alle drei unser Wiedersehen feiern [..]

Als wir in der Dämmerung auf den Ring traten, blieb Lilo stehen. Eine solche Schönheit dieses großen städtischen Innenraums hatte sie nicht erwartet. Unablässig kreiste der Strom der Passanten um das Rathaus. Unter den vielen Schritten knirschte der Schnee. Gerade flammten die Kandelaber auf, die den Ring beleuchteten. Die dicke goldene Sonne der astronomischen Uhr schaute zu uns herab. Rufe und Gelächter stiegen in den Schneehimmel. Die blaue Stunde in Breslau war geheimnisvoll und fröhlich zugleich, als wir mit den vielen Passanten mitzukreisen begannen [..]

Am nächsten Tag hatte die Kälte noch zugenommen. Auf dem Weg zur Dominsel sahen wir, daß die Oder zugefroren war. Große und kleine Eisschollen hatten sich übereinander geschoben, sich verkeilt, sich zu Schollenhaufen aufgetürmt, die dick verschneit waren. Die Silhouette der Dominsel erhob sich dunkelgrau gegen den hellgrauen Himmel. Lilo versuchte die ganze Zeit, sich aus dem Russischen polnische Wörter zu erschließen. Albert jonglierte erfolgreich mit seinen Polnischkenntnissen. Sogar auf der strengen hieratischen Dominsel gerieten sie in Hochstimmung und spielten sich unablässig sprachliche Bälle zu. Hin und wieder versuchten sie, mich mitzureißen. Aber ich ging nur halbherzig auf ihre Angebote ein und antwortete nur einsilbig auf ihre Fragen. Obwohl ich über die Stadt viel zu erzählen gewußt hätte, sagte ich keinen Ton mehr. Ich war mir selber fremd mit diesem inneren Geiz. Ich erzählte nichts vom exzentrischen Mystiker Angelus Silesius, der im barocken Matthiasstift gewohnt hatte, nichts von Hofmannswaldau, Lohenstein und Quirinus Kuhlmann, als wir wieder vor dem Rathaus standen, nichts von Heinrich Laube, als wir über die verschneite Stadtgrabenpromenade wanderten. Ich wußte nicht, was in mich gefahren war. Wie eine Auster kam ich mir vor, die alles für sich behalten wollte, die Geistlichen Jahreszeiten von Angelus Silesius, Der Winter ist die Sünd, die Buße Frühlingszeit, der Sommer Gnadenstand, der Herbst Vollkommenheit, und ebenso das Geistliche Sterben, kryptisch wie es klang, Stirb, ehe du noch stirbst, damit du nicht darfst sterben, wenn du nun sterben sollst, sonst möchtest du verderben. Dieser Austernzustand gefiel mir nicht. Dazu mußte ich noch wie eine Gefängniskugel wirken, die sich an Alberts und Lilos Knöchel geheftet hatte.

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