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Reiche Mädchen
(Leseprobe aus: Reiche
Mädchen,
Prosa, 2005, Schöffling&Co.)
»Immer vor Gewittern«, sagte sie später, als sie am Fenster saßen,
mit Aperitifs und Erdnüssen aus der Minibar, »immer vor Gewittern bist du am
besten, das habe nun ausnahmsweise einmal ich herausgefunden«, sie spielte mit
der Fernbedienung, natürlich, sie mußte ausgerechnet in den trautesten Minuten
ihrer Zweisamkeit mit dem Herumzappen anfangen und noch mindestens vier blonde
Moderatorinnen, ein leukämiekrankes Kind, eine Millionärsehefrau und eine
Horde verzottelter Demonstranten ins Zimmer zu holen. Zum Glück blieb sie
einigermaßen schnell im dritten Programm hängen, »Tatort«, sagte sie mit
einer Begeisterung, die ihm merkwürdig vorkam angesichts der Tatsache, daß es
sich um eine in regelmäßigen Abständen ausgestrahlte Serie handelte, »das
ist Kommissar Brinkmann«. Carl war sich nach drei Minuten sicher, daß sie
diese Tatort-Folge schon gesehen hatten, diese Baugrube, aus der sie die Leiche
holten, kam ihm ausgesprochen bekannt vor, und er verdächtigte sofort die
rothaarige Witwe, wofür es eigentlich gar keinen Grund gab, aber er schwieg,
strich nur Sofie mit der Hand über den Rücken und sagte: »Aber wenn es
losgeht, machst du aus, ja?«
Noch vor dem ersten Donnergrollen war der Film zu Ende, sie warteten, sie hatte
erstaunlicherweise darauf bestanden, daß nicht ein einzelner Sessel, sondern
das ganze Sofa ans Fenster gerückt wurde, und zufrieden über ihr höfliches
Interesse an seiner Wetterforschung, hatte er es, unter Ächzen und Stöhnen,
bewerkstelligt. Nach ein paar Minuten, in denen die andauernde Stille ihn immer
mehr erwarten machte, sagte Carl: »In alten Zeiten glaubten die Menschen, Blitz
und Donner seien die Waffen von Göttern und Zeichen ihres Zorns, heute wissen
wir, daß es Naturerscheinungen sind«, und Sofie bemerkte, friedlich in seinen
Arm gekuschelt: »Schöne Erscheinungen«.
Nichts regte sich, aber er wußte, was da draußen, unsichtbar, gerade
passierte, daß die warme, feuchte Luft sehr schnell in die hohen, kalten
Bereiche der Lufthülle gerissen wurde, und nach noch mehr quälenden Minuten,
endlich, sah er dann tatsächlich, wie riesige Wolkentürme sich aufbauten,
Cumulonimbuswolken, Gewitterwolken – gerne verwechselt mit Cumuluswolken, Schönwetterwolken
–, einer gigantischen, himmlischen Blumenkohlzucht nicht unähnlich.
Er puffte Sofie in die Seite und flüsterte: »Sieh doch«, und sie hielt
ausnahmsweise still, sagte kein Wort, schnaubte nicht einmal, sondern schaute
mit ihm zu, wie einzelne Sonnenstrahlen als feine Risse durch die Wolken
drangen. Er fand diese Stärke des Lichts ehrfuchtgebietend, sie erinnerte ihn
wieder daran, daß dort oben eine Instanz thronte, Gott, fordernd, mächtig,
niemals müde. Carl unterdrückte seinen Impuls, zu winken, den Wolken
entgegenzuwinken.
Dann kam der Donner. Er sah einen verzweigten Blitz zucken. Der Himmel war plötzlich
mit Strähnchen frisiert. Doch so famos das aussah, es waren nichts weiter als
normale Gabelblitze, nichts Ungewöhnliches, und er war ein wenig enttäuscht.
Abgesehen davon fiel ihm zum ersten Mal die Ähnlichkeit mit einer Krampfader
auf.
»Jetzt«, sagte er gepreßt.
Aber das war auch schon alles gewesen. Wasser prasselte wie eine zusätzliche
Wand aus dem grauen Nichts, er hörte die Anlasser von Autos, und weiter weg sah
er ein rotes, rundes Licht, das vermutlich, nein, ziemlich sicher, ein
Scheinwerfer war. Die Welt draußen schwamm unter seinem Blick davon. Er war maßlos
enttäuscht. Es mußte an seiner Konzentration gelegen haben, anders konnte er
sich das nicht erklären. Oder war das Runde, Rote doch kein Scheinwerfer
gewesen, sondern in kleiner, ganz kleiner Kugelblitz?
»Schon vorbei«, sagte Sofie vorsichtig, und er sagte aus einem Impuls heraus:
»Da war einer, nicht so groß«, aber es klang nicht sehr glaubhaft, nicht
einmal vor sich selbst. Doch exakt aus diesem Grund trieb er es noch auf die
Spitze, indem er sie fragte: »Hast du ihn gesehen?« Er fragte auffordernd und
ein wenig resigniert, er hoffte, sie würde nicht bemerken, daß er den Tränen
nahe war.
Aber nein, sie wirkte unsicher, geradezu eingeschüchtert.
»Ich weiß nicht, ja, doch, ich glaube«, sagte Sofie, er verstand nicht
gleich, aber es war die Antwort auf seine Frage, damit sagte sie nichts weniger,
als daß sie diesmal etwas gesehen hatte, sie, nicht er. Nicht zu fassen, konnte
es sein, daß in diesem Fall sie die schnelleren Augen, den konzentrierten Blick
gehabt hatte? Er sah sie an, sie lächelte verstört, freundlich, kein bißchen
ironisch, als wäre sie überrumpelt vom Vorgefallenen.
In seinem Kopf ratterte es... wenn sie auf einmal über seine Fähigkeit verfügte...
konnte es denn sein, daß da ein Austausch stattgefunden hatte, sich die Energie
von einem auf den anderen Körper übertragen hatte?
Doch, das hielt er durchaus für möglich.
»Du hast also etwas gesehen«, bekräftigte er mehr als daß er fragte, und sie
schaute ihn liebevoll an, »so ein rundes, orangefarbenes Ding, nicht wahr,
genau, das hab ich gesehen«.
Carl überlegte, ob er auf die Möglichkeit von Scheinwerfern zu sprechen kommen
sollte, andererseits war dahinten, am Waldstück, ein Auto doch mehr als
unwahrscheinlich, und die praktische Sofie hätte, wenn es sich um solche
gehandelt hätte, mit Sicherheit kein Blatt vor den Mund genommen. »Und?«
fragte er, »ich meine, wie fandest du ihn?« Dabei umarmte er sie so fest, daß
er kaum ihre in seine Schulter genuschelte Antwort hörte, »sehr schön«.
Aber er wußte, daß dies viel, sehr viel mehr war als nur sehr schön, es war
ein Wunder, denn das hieß, daß es so war, daß sie gemeinsam imstande waren,
ins Unbekannte vorzudringen, die Grenzen ihrer Erfahrung zu verschieben und
vielleicht nach einer echten Suche Erkenntnisse zu gewinnen, die schwer zu
erlangen waren, ja, so mußte es sein, welche Gabe! »Und du wirst morgen nicht
behaupten, das hättest du nur mir zuliebe gesagt?« wollte er sicherheitshalber
wissen, sie erwiderte: »Nein, werde ich nicht. Ich habe doch gesagt, ich mag
Gewitter«, aber noch während Sofie nun immer wortreicher das Gesehene bestätigte
und er sie dabei drückte und herzte, formte sich in seinem Kopf eine neue
Theorie, eine, die davon handelte, daß sich Fähigkeiten zwar übertragen
konnten, die Voraussetzung dafür jedoch war, daß zwischen zwei Menschen eine
Liebe bestand, so enorm, daß das Unsichtbare sichtbar und das Unhörbare hörbar
wurde, eine Liebe, die sogar zuließ, daß Sofie jetzt ungeduldig fragte: »Können
wir endlich etwas zu essen bestellen?« und dabei ein Gesicht machte, als hätte
sie in jeder Hinsicht gewonnen. Er ignorierte das, denn er war glücklich.
Die ganze Welt war ein Lampenschirm, und er war das Licht.
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