Flussabwärts von Norbert Scheuer, 2002, BeckNorbert Scheuer

Flußabwärts
(Leseprobe aus: Flussabwärts, Roman, 2002, Beck).

Es schneite, das Flutlicht auf dem Sportplatz war noch nicht an, wir liefen im Halbdunkel herum, schossen uns den Ball zu, bis der Trainer schrie, daß wir uns in einer Reihe aufstellen sollten. Mein Freund Martin kam wie immer zu spät. Er arbeitete damals im einzigen Supermarkt unserer Stadt, sein Chef gab ihm nicht frei. Um halbwegs pünktlich zu sein, mußte er heimlich abhauen und vom Bahnhof, in dessen Nähe sich der Supermarkt befand, laufen. Er kam außer Atem an, drängte sich in die Reihe, stieß mich an und raunte, daß ihm saukalt sei und er keine Lust zum Trainieren habe. Claßen schimpfte wegen Martins Verspätung und hielt dann seine obligatorische Ansprache. Er sagte, daß es unser letztes Jahr in der Jugendmannschaft sei und wir den Aufstieg unbedingt schaffen müßten. Es donnerte von weit her, ein paar Blitze zuckten durch den Abend. Es war das erste Mal, daß ich ein Gewitter im Schnee erlebte. Irgendwie erschien mir alles, trotz der Ansprache des Trainers still und unbewegt, als würde die Zeit einen Moment stehenbleiben. Flocken senkten sich auf unsere Köpfe und Schultern, blieben in unseren Haaren hängen. Die Flocken schienen wie Papierschnipsel, die lautlos vom Himmel taumelten. Weit entfernt hörte man die hinter Anstois verlaufende Schnellstraße, über die wir noch am Morgen zu unserer Ausflugsfahrt in die Eifel gestartet waren. Ich dachte an diese Tour, auf die Mutter sich das ganze Jahr über gefreut hatte, ich dachte daran, was Oma während der Fahrt erzählt hatte. Sachen, die mir rätselhaft waren und die ich nicht wirklich wissen wollte, vielleicht weil ich ahnte, daß sie mein Leben verändern würden. Martin zitterte, trat von einem Bein aufs andere und schimpfte über Claßen, daß der wieder kein Ende mit seinem Gerede fand. Wenn Autos über die Straße in Richtung Stadt fuhren, tauchten in ihrem Licht rote Sandsteinmassive auf. Sie lagen auf der anderen Flußseite hinter den Bahngleisen. Scheinwerferlichter drehten sich über dem Wald im Schneehimmel. Claßens Stimme kam als leises Echo von den Sandsteinfelsen zurück. Auf den Felsen wuchsen krüppelige Kiefern, deren Äste in den Himmel griffen. Wir hörten Claßen gelangweilt zu, weil wir nur zu gut wußten, was er sagen würde, er hatte seit Wochen kein anderes Thema als unser Spiel gegen Jünkerath. Wir wollten auch alle gewinnen. Aber Claßen tat so, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht, um den Schnee vom Schnauzbart zu wischen. Er sah in diesem Moment aus wie ein Seehund, der aus dem Wasser auftaucht und mit der Flosse übers Maul fährt, und dann schrie er, daß wir laufen sollten, laufen, laufen ...

Zum Abschluß des Trainings kickten wir auf das Tor, das zur Urft hin lag. Vorher schlurfte Claßen durch den Schnee zu seinem alten Koffer, in dem er Trikothemden hatte. Wer ein Trikot bekam, spielte am nächsten Sonntag auf jeden Fall. Der Trainer hatte mich für den Sturm vorgesehen, obwohl ich viel lieber im Mittelfeld spielte.

Claßen machte beim Trainingsspiel mit, tapste hektisch durch den Schnee, forderte den Ball, stolperte am Verteidiger vorbei, dribbelte weiter und schoß, als ich ihn angriff. Der Ball verschwand über der Querlatte im Dunkel. Claßen wollte den Ball mal wieder nicht holen, er tat so, als hätte er sich bei meinem Angriff verletzt. Er hockte sich hin, hielt sich sein Knie und verzerrte das Gesicht, als hätte er sich sehr weh getan, und brüllte, ich solle den Ball holen. Widerwillig stapfte ich die Böschung zur Urft hinunter. Der Schnee lag am Ufer fast kniehoch. Etwas weiter flußabwärts, hinter den Stromschnellen und der Kläranlage, begann ein Gebiet, das im Frühjahr immer überschwemmt wurde und in dem wir früher oft gespielt hatten. Alle paar Jahre stieg das Wasser bis zur stillgelegten Bahnstrecke, die direkt neben der Straße nach Gemünd verlief. Wie ein zerrissenes gelbes Tuch schwamm das Flutlicht auf der Urft. Der Ball war im Fluß gelandet und trieb langsam ab. Martin rannte an mir vorbei, um ihn noch vor den Stromschnellen abzufangen. Ich suchte nach den Stecken, die wir für solche Fälle am Ufer liegen hatten. Sie waren zugeschneit. Als ich endlich einen gefunden hatte, erschien Claßen auf der Böschung. Er schrie:

«Leo, wenn euch der Ball forttreibt, müßt ihr dafür bezahlen.» Die Jungs, die bei ihm standen, lachten. Um den Ball zum Ufer zu lenken, schlug ich mit dem Stecken ins Wasser. Es war klar, daß ich an den Ball nicht mehr herankommen würde. Nur weil Claßen brüllte, stocherte ich noch weiter. In diesem Moment sah ich den Hut im Wasser, Lias Hut, Lia zog sich den Schlapphut immer bis über die Ohren, man sah kaum noch etwas von ihrem Gesicht mit den lustigen Augen. Ich versuchte, ihren Hut aus dem Wasser zu angeln. Ich hatte alles um mich herum vergessen und wollte nur noch den Hut. Ich versuchte ihn näher ans Ufer ziehen, aber die Strömung trieb ihn immer weiter vom Ufer weg. Ich bekam ihn mit der Steckenspitze nicht aus dem Wasser gehoben, da er vollgesogen und zu schwer war, er fiel schließlich zurück und tauchte ganz unter. Dann sah ich Martin, der auf den glitschigen Steinen der Stromschnellen ausgerutscht und beinahe ins Wasser gefallen war. Er schrie etwas, daß ich wegen des Wasserrauschens nicht verstehen konnte. Der Ball war schon an ihm vorbei, und ich suchte immer noch nach dem Hut, den ich ein paar Meter weiter flußabwärts zu sehen glaubte, als Claßen plötzlich neben mir stand, den Stecken aus meiner Hand riß, mich als Idioten beschimpfte und den Stock wütend in den Fluß warf.

Noch heute laufe ich in meinen Träumen am Ufer entlang, warte, daß Lias Hut wieder auftaucht und ich dann ihr Gesicht sehen werde.

Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Beck