Es ist still!
Ich sitze hier und
sehe in die Nacht hinaus. Es ist still. Lediglich das Geräusch eines
gelegentlich vorbeifahrenden Wagens ist zu hören. Die Flamme der Kerze, die vor
mir steht, bewegt sich im Luftzug des gekippten Fensters. Lange sitze ich nun
schon so hier und spüre die Einsamkeit. - Wohltuend! Oder doch nicht? Ich weiß
es nicht. Es ist so vieles geschehen in der letzten Zeit, in den letzten Jahren.
Zuviel um es hier niederzuschreiben. Und doch bewegt es mich, will hinaus aus
meinem Herzen. Aber wo will es hin? All diese Dinge gehören doch zu mir und ich
zu ihnen. Was wäre ich ohne all diese Erfahrungen? Ich weiß es nicht.
Allein
die Last ist es, die mich so bedrückt, die Last der nicht verarbeiteten Dinge.
Wann soll ich es denn auch tun. Immer wieder, wenn ich gerade dabei bin über
Dinge nachzudenken, die in meinem Leben geschehen sind, kommt etwas Neues hinzu.
Immer Negativ!
Warum
versuche ich immer wieder davon zu laufen, frage ich mich. Und bekomme keine
Antwort. Von wem auch, es ist ja niemand hier. Und warum kann ich es nicht tun,
wenn jemand bei mir ist? Vielleicht hat das den einen Grund, dass ich mit
Menschen, die mir etwas bedeuten, nur schöne Momente erleben will, oder will
ich diese Menschen schützen vor meinem seelischen Sondermüll?
Warum
gibt es so viele Fragen, auf die man so schwer Antworten bekommt? Warum müssen
wir nur so schwere Fragen an das Leben stellen, die alles verkomplizieren und
nur noch trübsinniger machen? Liegt es wirklich einzig und allein daran, dass
wir den Regeln und Gesetzen der ach so scheinheilig glücklichen Gesellschaft
unterworfen sind? Liegt es wirklich nur daran, dass wir die Sprache der Wahrheit
verlernt haben? Die Sprache, die alle Tiere und Pflanzen sprechen und die immer
glücklich sind.
Schon
eigenartig dieser Gedanke, dass sich alle Tiere und Pflanzen unterhalten, ohne
je ein Wort zu verlieren. Und doch tun sie es. Nur wir Menschen, wir haben es
verlernt. Und warum? Na, weil wir diese Sprache nicht sprechen dürfen. „Wie
sieht das denn aus, wenn ich mich mit einer Blume unterhalte?“ Ich bin mir
sicher, dass würde ich es tun, in aller Öffentlichkeit, so würden sicher bald
zwei nette Herrn kommen und mich zu einem lieben netten Mann bringen, der nur
mein Bestes will.
Was
sagte einmal ein behinderter Mann zu mir: „Weißt Du, wir Krüppel leben viel
intensiver als alle anderen Menschen.“ Jetzt wo ich selbst schwer krank bin
und mir jeder Tag schwerer fällt, muss ich ihm Recht geben. Man macht sich
wieder Gedanken über den Sinn des Lebens und stellt fest, dass alles, was man
bisher scheinbar erreicht hat, Nichts ist. Jede gesellschaftliche Stellung,
jedes Statussymbol alles ist nichts, wenn man innerlich leer und abgestumpft
ist. Mit leer meine ich unsere Emotionen, ja wo sind sie denn? Männer dürfen
nicht mehr weinen. Liebe erkaltet immer schneller. Beziehungen werden nur noch
zum Eigennutz eingegangen. Kinder stören die Karriere, das Familiengefühl ist
verschwunden. Man sieht nur noch sich und ist auch noch mit sich selbst
unzufrieden.
In der
Bibel steht der Satz: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!“ Ja wie soll
ich denn meinen Nebenmann akzeptieren und respektieren, wenn ich mit mir selber
nicht zufrieden bin? Das geht nie! Also muss ich bei mir selbst beginnen.
Vielleicht mal wieder bewusst die Schicksale in meiner Umgebung betrachten,
damit ich merke, wie gut es mir doch geht. Damit ich merke, „verdammt noch
mal, was tue ich eigentlich?“
Dann
kann ich auch anfangen, mich zu verändern. Dazu braucht man nicht erst
schwerkrank zu werden oder gar auf dem Sterbebett zu liegen. Denn dort ist es eh
zu spät. Jetzt muss ich anfangen mein Leben zu verändern und in eine Richtung
zu steuern wo ich wieder sagen kann „Ja, ich bin mit meinem Leben zu 100%
zufrieden, so wie es jetzt ist. Und was morgen ist, das sehen wir dann.“
Wir
Menschen machen auch immer wieder den Fehler, dass wir meinen, alles müsse
geplant und vorausberechnet sein. Nein! Wir leben im Heute! Nur Heute haben wir
die Möglichkeit unser Leben zu gestalten. Was gestern war, das ist vorbei, das
muss ich so hinnehmen wie es war, denn ändern kann ich daran nichts mehr. Und
morgen ist noch nicht. Und keiner von uns weiß, was morgen auf uns zukommt.
Vielleicht sterben wir in der kommenden Nacht, und dann? Dann stehen wir in der
neuen Welt und müssen uns sagen, dass wir im körperlichen Leben versagt haben.
Unsere Lebensaufgabe nicht erfüllt, und warum? Weil wir uns nicht an das
einfachste Gebot, dass einmal auf der Welt galt gehalten haben. Weil wir uns von
Vorgaben, Lebensmustern und Regeln der angeblich so tollen Gesellschaft haben täuschen
und betrügen lassen. Weil wir und selbst vergessen haben.
Und
dann sitzen wir da, und schauen hinaus in die Nacht. Es ist still!
Bald ist Advent. Zeit der Besinnung und Vorbereitung. Aber auf was? Auf die Erinnerung an das schönste Geschenk, dass der Menschheit je gemacht wurde. Gott schenkte uns seinen einzigen Sohn. Und was machen wir egoistischen Menschen aus diesem großen Fest?
Ein
kaltes, bedeutungsloses Ritual. Wir sind ja nicht mal mehr bereit unserem
Nebenmann auch nur ein warmes Lächeln zu schenken, so sind wir mit uns selbst
beschäftigt. Weihnachten heißt heute Stress, Zusatzbelastung. Wir rennen von
Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier, kaufen dazwischen lieblos irgendwelche
Geschenke, weil wir uns gar keine Gedanken mehr darüber machen, wie wir den
Menschen, die wir lieben eine Freude machen können.
Als
ich diese Tage mit dem Lebensgefährten meiner Mutter sprach und ihn fragte, mit
was ich ihm denn schenken könnte um ihm eine kleine Freude zu machen, bekam ich
eine Antwort, die mich sehr getroffen hat. Er sagte zu mir: „Allein damit,
dass Du mich angerufen hast um mich das zu fragen, hast Du mir schon sehr viel
geschenkt. Aber wenn Du unbedingt etwas schenken willst, dann schenk mir an
Weihnachten etwas Zeit, damit wir dieses Fest gemeinsam mit Deiner Mutter
erleben können.“
Ich
war zu tiefst berührt von diesen Worten. Wer hat denn heute noch Zeit? Auch
noch zum Verschenken, hab ich mich dann gefragt. Wenn man ehrlich ist, keiner
der im „reellen“ Alltag steht. Aber wie reell ist denn dieser Alltag? Er ist
doch nur künstlich hochgezogen um vor sich selbst weglaufen zu können mit dem
Satz: „Ich habe keine Zeit!“ Irgendwann hat man nicht mal mehr Zeit für
den, der einem das Liebste auf der Welt ist. Und dann?
Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © J. Sch.