Cowboysommer von Hansjörg Schertenleib, 2010, Aufbau

Hansjörg Schertenleib

Cowboysommer
(Leseprobe aus:
Cowboysommer, Roman, 2010, Aufbau).

Der Wind hatte den frisch gestreuten Kalk der Torlinie bereits wieder verweht, doch das schien den Mann, der die Linien nachzog, nicht zu stören. Er nickte mir lächelnd zu, und als ich ihn fragte, wo die B-Junioren des FC Blue Stars trainierten, deutete er mit dem Kinn auf den Strafraum am anderen Ende des Platzes.
Ich war zu spät, die Polizei hatte mich angehalten, das zweite Mal diesen Sommer, weil die Vorderradgabel meines Mofas verlängert und natürlich nicht zugelassen war. Die Gabel hatte die beiden Beamten so fasziniert, dass sie nicht einmal auf die Idee kamen, den Zylinderkopf zu überprüfen. Die vier Tage, die sie mir gaben, um das Mofa mit der erlaubten Teleskopgabel vorzuführen, reichte, um den ausgebohrten Kolben durch den zu ersetzen, den ich nach dem Kauf des Mofas ausgebaut und in einer Kiste unter dem Bett verstaut hatte.
Der Wind griff mir in die schulterlangen Haare, während ich so langsam wie möglich über den Platz ging; ich fühlte mich nicht wohl in Gruppen, und die Vorstellung, zu spät zu fünfzehn oder sechzehn Jungen dazuzukommen, die sich alle kannten, brachte mich fast dazu, umzudrehen und wieder nach Hause zu fahren. An den Nebenplatz des Letzigrund-Stadions, auf dem die verschiedenen Mannschaften des FC Blue Stars trainierten und ihre Heimspiele austrugen, grenzten mehrere offene Bocciabahnen, gedeckt von einem Flachdach. Die verhaltenen Zurufe der italienischen Gastarbeiter, die bestimmt Schicht arbeiteten und darum an einem Mittwochabend Boccia spielen konnten, ihre leise verwehte Akkordeonmusik und das Klacken der Kugeln, die gegeneinanderstießen, ließen mich genauso weitergehen wie der Junge, der sich aus der Gruppe gelöst hatte und mir entgegenlief, beidfüßig einen Lederball jonglierend. Als er vielleicht noch zwanzig Meter von mir entfernt war, kickte er den Ball hoch über seinen Kopf hinaus. Der Ball drehte sich, schien aber gleichzeitig für Sekunden festgefroren in der Luft zu stehen, bevor er wie ein Stein aus dem Himmel fiel. Der Junge nahm ihn volley und ohne ihn anzusehen, weil er mich nicht aus den Augen ließ. Ich weiß bis heute nicht, wie es mir gelang, den scharfen Ball zu stoppen. Er klebte auf jeden Fall an meinem rechten Fuß, als gehöre er dort hin. Ich ließ ihn einen Augenblick ruhen, bevor ich ihn flach zurückgab.
»Endlich einer, der Fußball spielen kann«, rief der Junge, nahm den Ball an, jonglierte kurz mit ihm und passte ihn zu mir zurück, während er strahlend auf mich zukam.
»Und die richtigen Schuhe hast du auch!«
Ich trug nicht nur Puma wie er, wir hatten das gleiche Modell. Mit 1 Meter 86 war ich der Größte der mehr als zwanzig Setzerlehrlinge in der Druckerei, keine dreihundert Meter vom Stadion entfernt, in der ich seit April zum Bleisetzer ausgebildet wurde: Der Junge war einen halben Kopf größer als ich. Seine blonden Haare waren dünn und glatt wie meine, reichten ihm jedoch bis in die Mitte des Rückens. Er war knochig, fast hager, aber gleichzeitig so muskulös, dass ich nicht gern gegen ihn gespielt hätte.
»Ich heiße Boyroth«, sagte der Junge.
»Hanspeter.«
»Etwas dagegen, wenn ich dich Gönggi nenne?«
Ich schüttelte den Kopf. Gönggi? Er trug eine geflochtene Schnur am rechten Handgelenk und eine silberne Kette um den Hals.
»Mach dir keine Sorgen. Die Ärsche«, er deutete mit dem Daumen auf den Rest der Mannschaft, »spielen wir mit links an die Wand.«
In diesem Moment wurde er mein Freund. Mit siebzehn war ich zwar aus dem Alter heraus, in dem etwas nur stattfand, wenn man es nicht allein erlebt hatte, sondern teilen und damit mitteilen konnte, aber einen Verbündeten brauchte ich dennoch. Einen Verbündeten gegen Lehrer und Vorgesetzte, gegen Eltern und Erwachsene überhaupt. Ich habe damals immer ausgesehen, als sei ich beleidigt, weil man mich verstoßen hat. Dabei war ich es, der sich abseits hielt und nichts mit den anderen zu tun haben wollte. Diese selbstgewählte Einsamkeit, unter der ich eben auch litt, hätte ich gerne mit einem Freund geteilt, mit einem Mädchen nicht, das kam erst später, mit einem Freund, der sich ebenfalls bewusst am Rand hielt. Boyroth war dieser Freund, das spürte ich sofort. Er war etwas Besonderes. Er würde mir das Gefühl geben, dazu sein, am Leben zu sein, wirklich und immer, jede Sekunde, jemand, der nicht in der Menge untergeht und doch nicht allein ist. Er hatte, das sah ich, die schwierige Aufgabe, er selbst zu werden, bereits geschafft. Mit ihm konnte ich üben, ein anderer zu sein, bis ich wirklich ein anderer war. Er war mir voraus, weit voraus. Und nicht nur mir. Boyroth gehörte nicht zu den Menschen, die alles daransetzen, Träume nicht wahr werden zu lassen, um sie sich zu bewahren. Er tat alles dafür, seine Träume zu erfüllen. Er würde mich größer machen als ich war, älter auch. Erwachsener nicht, sogar das spürte ich, aber älter und weniger ängstlich. Und was tust du für ihn? Diese Frage fiel mir erst viele Jahre später ein. Was es für ein Geschenk war, den größten und schwierigsten Abschied, den Abschied von der Kindheit nämlich, ausgerechnet mit ihm erleben zu dürfen, konnte ich damals natürlich nicht sehen.
Die erschreckende Erkenntnis, »Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich mich auf der Stelle in dich verlieben«, verdrängte ich mit der Vermutung »Der hat vor gar nichts Angst«. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Gestank aus dem nahen Schlachthof an diesem Mittwoch wieder besonders schlimm war. An manchen Tagen konnten wir die Fenster der Bleisetzerei nicht öffnen, weil uns der faulige Geruch nach Fleisch, oder war es Blut?, den Atem verschlug und weil wir die Schreie der Schweine, Kühe und Kälber, die zur Schlachtbank geführt wurden, und das aufgeregte Gebrüll der Metzger nicht länger ertrugen.
»Wer da nicht zum Vegetarier wird, gehört geschlachtet«, sagte Boyroth und deutete mit dem Kinn über die Straße. Aus dem Kamin des Schlachthofes stieg Rauch, eine kerzengerade Säule von hellem Grau.
»Also ich esse Fleisch«, sagte ich.
»Nicht mehr lange. Alkohol trinkst du auch?«
»Du nicht?«
»Seh ich so aus?«
Er grinste spöttisch und tat so, als hebe er mit der rechten Hand einen Humpen an die Lippen, den er, kaum war er leer getrunken, in weitem Bogen wegwarf.
»Seh ich so aus?«, fragte er noch einmal.
»Wie sieht denn einer aus, der Alkohol trinkt?«, gab ich zurück.
»Anders als einer, der Haschisch raucht und Gras. Verstehen wir uns?«
»Und wie wir uns verstehen.«
»Nach dem Training bau ich uns eine Tüte. Gut?«
»Gut.«
»Hast du das Spiel gesehen gestern?«
Natürlich hatte ich das WM-Spiel zwischen der DDR und der BRD gesehen. Als Jürgen Sparwasser das einzige Tor des Matches für die Ostdeutschen erzielt hatte, war ich jubelnd durch unsere Wohnung gerannt.
»Von diesem 0:1 werden die Deutschen noch jahrelang reden«, sagte ich, »das vergessen die nie.«
»Stimmt. Aber Weltmeister werden sie trotzdem!«
»Nie im Leben. Weltmeister werden die Brasilianer.«
»Komm, ich stell dich den Ärschen vor«, sagte er und drückte mir den Ball in den Arm. »Ich erzähl ihnen, dass wir uns schon seit Jahren kennen.«

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