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Cowboysommer
(Leseprobe aus:
Cowboysommer,
Roman, 2010,
Aufbau).
Der Wind hatte den frisch
gestreuten Kalk der Torlinie bereits wieder verweht, doch das schien den Mann,
der die Linien nachzog, nicht zu stören. Er nickte mir lächelnd zu, und als ich
ihn fragte, wo die B-Junioren des FC Blue Stars trainierten, deutete er mit dem
Kinn auf den Strafraum am anderen Ende des Platzes.
Ich war zu spät, die Polizei hatte mich angehalten, das zweite Mal diesen
Sommer, weil die Vorderradgabel meines Mofas verlängert und natürlich nicht
zugelassen war. Die Gabel hatte die beiden Beamten so fasziniert, dass sie nicht
einmal auf die Idee kamen, den Zylinderkopf zu überprüfen. Die vier Tage, die
sie mir gaben, um das Mofa mit der erlaubten Teleskopgabel vorzuführen, reichte,
um den ausgebohrten Kolben durch den zu ersetzen, den ich nach dem Kauf des
Mofas ausgebaut und in einer Kiste unter dem Bett verstaut hatte.
Der Wind griff mir in die schulterlangen Haare, während ich so langsam wie
möglich über den Platz ging; ich fühlte mich nicht wohl in Gruppen, und die
Vorstellung, zu spät zu fünfzehn oder sechzehn Jungen dazuzukommen, die sich
alle kannten, brachte mich fast dazu, umzudrehen und wieder nach Hause zu
fahren. An den Nebenplatz des Letzigrund-Stadions, auf dem die verschiedenen
Mannschaften des FC Blue Stars trainierten und ihre Heimspiele austrugen,
grenzten mehrere offene Bocciabahnen, gedeckt von einem Flachdach. Die
verhaltenen Zurufe der italienischen Gastarbeiter, die bestimmt Schicht
arbeiteten und darum an einem Mittwochabend Boccia spielen konnten, ihre leise
verwehte Akkordeonmusik und das Klacken der Kugeln, die gegeneinanderstießen,
ließen mich genauso weitergehen wie der Junge, der sich aus der Gruppe gelöst
hatte und mir entgegenlief, beidfüßig einen Lederball jonglierend. Als er
vielleicht noch zwanzig Meter von mir entfernt war, kickte er den Ball hoch über
seinen Kopf hinaus. Der Ball drehte sich, schien aber gleichzeitig für Sekunden
festgefroren in der Luft zu stehen, bevor er wie ein Stein aus dem Himmel fiel.
Der Junge nahm ihn volley und ohne ihn anzusehen, weil er mich nicht aus den
Augen ließ. Ich weiß bis heute nicht, wie es mir gelang, den scharfen Ball zu
stoppen. Er klebte auf jeden Fall an meinem rechten Fuß, als gehöre er dort hin.
Ich ließ ihn einen Augenblick ruhen, bevor ich ihn flach zurückgab.
»Endlich einer, der Fußball spielen kann«, rief der Junge, nahm den Ball an,
jonglierte kurz mit ihm und passte ihn zu mir zurück, während er strahlend auf
mich zukam.
»Und die richtigen Schuhe hast du auch!«
Ich trug nicht nur Puma wie er, wir hatten das gleiche Modell. Mit 1 Meter 86
war ich der Größte der mehr als zwanzig Setzerlehrlinge in der Druckerei, keine
dreihundert Meter vom Stadion entfernt, in der ich seit April zum Bleisetzer
ausgebildet wurde: Der Junge war einen halben Kopf größer als ich. Seine blonden
Haare waren dünn und glatt wie meine, reichten ihm jedoch bis in die Mitte des
Rückens. Er war knochig, fast hager, aber gleichzeitig so muskulös, dass ich
nicht gern gegen ihn gespielt hätte.
»Ich heiße Boyroth«, sagte der Junge.
»Hanspeter.«
»Etwas dagegen, wenn ich dich Gönggi nenne?«
Ich schüttelte den Kopf. Gönggi? Er trug eine geflochtene Schnur am rechten
Handgelenk und eine silberne Kette um den Hals.
»Mach dir keine Sorgen. Die Ärsche«, er deutete mit dem Daumen auf den Rest der
Mannschaft, »spielen wir mit links an die Wand.«
In diesem Moment wurde er mein Freund. Mit siebzehn war ich zwar aus dem Alter
heraus, in dem etwas nur stattfand, wenn man es nicht allein erlebt hatte,
sondern teilen und damit mitteilen konnte, aber einen Verbündeten brauchte ich
dennoch. Einen Verbündeten gegen Lehrer und Vorgesetzte, gegen Eltern und
Erwachsene überhaupt. Ich habe damals immer ausgesehen, als sei ich beleidigt,
weil man mich verstoßen hat. Dabei war ich es, der sich abseits hielt und nichts
mit den anderen zu tun haben wollte. Diese selbstgewählte Einsamkeit, unter der
ich eben auch litt, hätte ich gerne mit einem Freund geteilt, mit einem Mädchen
nicht, das kam erst später, mit einem Freund, der sich ebenfalls bewusst am Rand
hielt. Boyroth war dieser Freund, das spürte ich sofort. Er war etwas
Besonderes. Er würde mir das Gefühl geben,
dazu sein, am Leben zu sein, wirklich und immer, jede Sekunde,
jemand, der nicht in der Menge untergeht und doch nicht allein ist. Er hatte,
das sah ich, die schwierige Aufgabe, er selbst zu werden, bereits geschafft. Mit
ihm konnte ich üben, ein anderer zu sein, bis ich wirklich ein anderer war. Er
war mir voraus, weit voraus. Und nicht nur mir. Boyroth gehörte nicht zu den
Menschen, die alles daransetzen, Träume nicht wahr werden zu lassen, um sie sich
zu bewahren. Er tat alles dafür, seine Träume zu erfüllen. Er würde mich größer
machen als ich war, älter auch. Erwachsener nicht, sogar das spürte ich, aber
älter und weniger ängstlich. Und was tust du für ihn? Diese Frage fiel mir erst
viele Jahre später ein. Was es für ein Geschenk war, den größten und
schwierigsten Abschied, den Abschied von der Kindheit nämlich, ausgerechnet mit
ihm erleben zu dürfen, konnte ich damals natürlich nicht sehen.
Die erschreckende Erkenntnis, »Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich mich auf der
Stelle in dich verlieben«, verdrängte ich mit der Vermutung »Der hat vor gar
nichts Angst«. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Gestank aus dem nahen
Schlachthof an diesem Mittwoch wieder besonders schlimm war. An manchen Tagen
konnten wir die Fenster der Bleisetzerei nicht öffnen, weil uns der faulige
Geruch nach Fleisch, oder war es Blut?, den Atem verschlug und weil wir die
Schreie der Schweine, Kühe und Kälber, die zur Schlachtbank geführt wurden, und
das aufgeregte Gebrüll der Metzger nicht länger ertrugen.
»Wer da nicht zum Vegetarier wird, gehört geschlachtet«, sagte Boyroth und
deutete mit dem Kinn über die Straße. Aus dem Kamin des Schlachthofes stieg
Rauch, eine kerzengerade Säule von hellem Grau.
»Also ich esse Fleisch«, sagte ich.
»Nicht mehr lange. Alkohol trinkst du auch?«
»Du nicht?«
»Seh ich so aus?«
Er grinste spöttisch und tat so, als hebe er mit der rechten Hand einen Humpen
an die Lippen, den er, kaum war er leer getrunken, in weitem Bogen wegwarf.
»Seh ich so aus?«, fragte er noch einmal.
»Wie sieht denn einer aus, der Alkohol trinkt?«, gab ich zurück.
»Anders als einer, der Haschisch raucht und Gras. Verstehen wir uns?«
»Und wie wir uns verstehen.«
»Nach dem Training bau ich uns eine Tüte. Gut?«
»Gut.«
»Hast du das Spiel gesehen gestern?«
Natürlich hatte ich das WM-Spiel zwischen der DDR und der BRD gesehen. Als
Jürgen Sparwasser das einzige Tor des Matches für die Ostdeutschen erzielt
hatte, war ich jubelnd durch unsere Wohnung gerannt.
»Von diesem 0:1 werden die Deutschen noch jahrelang reden«, sagte ich, »das
vergessen die nie.«
»Stimmt. Aber Weltmeister werden sie trotzdem!«
»Nie im Leben. Weltmeister werden die Brasilianer.«
»Komm, ich stell dich den Ärschen vor«, sagte er und drückte mir den Ball in den
Arm. »Ich erzähl ihnen, dass wir uns schon seit Jahren kennen.«
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