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aus: Heute ist auch noch ein Tag
Herr Himmelreich liegt immer noch im Bett. Der Ruf der Tauben lockt ihn weiter zu jenem Vormittag, an dem er vor drei Jahren die gurrende Hausbesitzerin in den siebten Himmel mitnahm.
Sie war rot geworden, als sie Herrn Himmelreich einen Wandschrank im Schlafzimmer öffnete. Er selbst war sich unanständig vorgekommen, als er nach der Antennenbuchse fragte. Darauf lief er wieder ins Wohnzimmer, in die Küche, ins Bad, dann wieder ins Wohnzimmer. Er nahm sozusagen schon ihre Wohnung in Beschlag, und sie folgte ihm auf den Fersen. Die Meteorologie, fragte sie, ist also Ihr Hobby. Meine Leidenschaft, Frau von Steinhöfel. Ihre Augen waren neblig-trüb, ihre Lippen feucht und aufnahmebereit wie Löschpapier. Es sei durchaus möglich, hatte er mühsam eingelenkt und ihr zugelächelt, daß sein Name sein Interesse für Himmelsbilder, Wetterlage und -aussichten gefördert habe. Einen anderen, vielleicht esoterisch angehauchten Herrn Himmelreich hätte womöglich das Spiel der Planeten in seinen Bann gezogen, ein naiver Frömmler hätte sich in den Sitz der Götter verguckt. Herr Himmelreich aber, ehemaliger Versicherungsangestellter in leitender Position, interessierte sich nur für die Wetterfroschperspektive. Am liebsten hätte er bei der Nationalen Ozeanischen und Atmosphärischen Behörde in Washington gearbeitet.
Der Name beeinflußt den Berufsweg, stimmte die Hausbesitzerin fröhlich zu und erzählte von einem Doktor Krebs, der Internist geworden war, woraufhin sie eigene Beschwerden erwähnte, die sich Gott sei Dank, als psychosomatische Wehwehchen, entpuppt hätten, und er hatte nur ach, ach genickt, und ganz schnell eine Frau Singer erwähnt, die Sängerin geworden sei. Wahrscheinlich verdanke diese Sängerin ihren Namen dem Minnesängerberuf eines Ahnen und habe damit unbewußt einen Kreis geschlossen, der dem Kausalgesetz entsprach. Mit Ihnen kann man sich wirklich gut unterhalten, setzte er hinzu, mit den meisten Frauen ist es, wie soll ich bloß sagen ...
Oberflächlich, schlug die Dame vor. Ich bin nun mal anders.
Oh ja, sagte er.
Sie hatte dann ein bißchen schneller geatmet.
Vom Fenster aus schauten sie dann zusammen auf die Stadt, den weit entfernten Fluß und den bedeckten Himmel, und Herr Himmelreich erzählte mit gedämpfter, entschwebter Stimme vom Cirrocumulus, von einfachen Menschen auch Schäfchenwolken genannt: Sie sind, sagte er sanft, aus kleinen Ballen geformt. Er sah dabei kühn in die Tiefe ihres Dekolletés. Sie schweben in sechs bis zehn Kilometern Höhe. Sechs bis zehn Kilometer, echote die Hausbesitzerin. Eigentlich sind sie meine Lieblingswolken, sagte er. Meine auch, erklärte sie. Er erklärte weiter, daß Cirrocumulus die Voraussetzung für Effekte wie Halos, Nebensonne, Irisieren sei. Sie öffnete das Fenster, damit er die Aussicht besser bewundern konnte. Der Wind blies ihnen heftig ins Gesicht, sie spürten den sprühenden Regen auf der Haut. Herr Himmelreich schlug die Augen nieder und bewunderte kühn die benetzte Brust der Hauseigentümerin. Ich will diese weißen Wölbungen ablecken, flüsterte er, als sie das Fenster zumachte. Sie hatte nicht gehört und prustete vor Kälte und Nässe, er legte dann die Arme um sie, sagte, mit Ihnen möchte ich mich ewig über das Wetter unterhalten. Sie hielt den Mund ein bißchen geöffnet, drückte sich an ihn, seufzte, er küßte ihre Lippen und leckte dann die Regentropfen von dem seufzenden Busen. Sie roch nach Himbeere, und der Duft füllte seine Nase, sein Gehirn. Ich könnte Sie auffressen, hatte er geflüstert, so leise, daß sie das nicht hören konnte, auffressen, er hatte es lauter wiederholen müssen, auffressen, so sehr brannten ihm die Lippen, der Mund, der Rachen. Die Hausbesitzerin hatte noch gehaucht, daß ihr Mann auf sie warte, es sei Samstag, sie müsse das Mittagessen kochen. Werktags koche sie nicht warm. Aber samstags sei es so eingefahren. Ja, hatte er geflüstert, was sagen Sie da, und er hatte an ihren Brustspitzen gesaugt, harten Kandisveilchen, und weil er ein bißchen Abstand genommen hatte, ein paar Millimeter vielleicht, konnte er spüren, daß diese Frau, die aus seinem Küssen und Lecken entstand, jetzt so perfekt dastand, daß die Stunde der Entschleierung geschlagen hatte. Da solle er unterschreiben, hier seien die Schlüssel, stammelte noch die Hausbesitzerin. Diese schlugen schicksalsergeben auf dem gekachelten Boden. Sie knöpfte sein Hemd auf, lockerte seine Krawatte, sie ließ mit weit aufgerissenen Augen geschehen, daß seine Hand unter ihren Rock fuhr, wie ein Wiesel, sagte sie später, wie ein Tier, das sich in ihrem Höschen verbiß. Er spürte in seiner Handfläche ihre nassen Schamlippen, ein pochendes Ja, hielt inne, verbot sich die groben, saftigen Worte, die er bei solchen Augenblicken gern aussprach, genoß eine Sekunde lang das Gefühl seiner Macht und ihrer schamlosen Hingabe. Sie hatte die Arme und Beine ausgebreitet, wie der für die Ewigkeit rotierende Mensch in der Skizze des Leonardo da Vinci. Später hatte sie ihm erklärt, sie habe im Bauch ein Ebbe- und Flutgefühl gespürt, eine fast kosmische Sehnsucht nach Neugeburt, sie habe sich in einer sanften Wolke gedreht, ihr Unterleib von einer Zauberformel schmerzlos aufgeschlitzt. Sie habe den Wunsch gehabt, wie eine Flocke in seinem Mund zu zerschmelzen, mit ihm gemeinsam auf einen Cirrocumulus oder auf sonst eine rötliche Streifwolke des Sonnenuntergangs zu schweben. Aber damals behielt sie, Gott sei Dank, das poetische Zeug für sich, lag nur da, rot und still, lag nur auf den Kacheln, warm und feucht, die Beine und Arme auseinandergestreckt, und Herr Himmelreich, der ehemalige Versicherungsangestellte in leitender Position, erfreute sich seiner Männlichkeit, als er ihr Gesäß gehoben und die groben Worte zwischen ihre Schenkel hineinflüsterte, die er nicht mehr für sich behalten konnte.
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