aus: H.G. Wells
Kartographie
Es gibt wenige Spaziergänger bei Wells; keine geruhsamen, resignierten Wanderer,
Abkömmlinge der Romantik, Meditierende und Zukurzgekommene wie in der deutschen
Literatur. Ging er selbst spazieren? Wir wissen, daß er gerne wanderte, aber oft war es
ihm zu langsam, er konnte ungeduldig sein, und deshalb zog er Fahrzeuge vor. Zunächst das
Fahrrad, das eine Zeitlang auch Dreirad, Tricycle, war. Auf dem Fahrrad begann er die
Landschaft, aber auch die Luft zu entdecken, Bewegungen des Himmels, Luftschiffe, so daß
sich aus dem Zweirad in seinen Geschichten bald Fluggeräte erhoben, Zeppeline, Ballons,
fischartige Gestalten und allerlei Konstruktionen, die über den Ärmelkanal schwebten,
noch bevor Blériot seinen Flug antrat; Fluggeräte auch, die von Deutschland über den
Atlantik flogen, um Amerika zu erobern; schließlich Fahrzeuge für das All, Raketen,
Kapseln mit Antischwerkraftelementen. Später bestieg Wells das Auto und noch später
wurde das Flugzeug
sein Vehikel, mit dem er aus der Vogelperspektive die Weltorte sah und den Weltplan zu
schmieden begann. Er hatte, bei allem demokratischen Denken, immer etwas Diktatorisches,
und für die Diktatur war, wie die Futuristen es in die Welt blökten, das Flugzeug
geboren worden. Aber Wells haßte auch die Diktaturen, er bekämpfte Faschismus und
Kommunismus, bewunderte zunächst Stalin, verachtete Hitler und Mussolini, bewunderte
Lenin und Roosevelt, kritisierte sie alle, und bestieg wieder das Flugzeug, um an den
Menschenrechten zu arbeiten, um eine Weltenzyklopädie zu entwerfen und um das Weltgehirn
in Form einer offenen Verschwörung, einer open conspiracy, vorzubereiten.
Fahrzeuge befreiten ihn von der Welt, die er als uneingelöste, unfertige, noch zu
verwirklichende haßte und liebte. Man könnte sein Werk nach Fahrzeugen einteilen: das
Fahrrad rast durch The Time Machine (Die Zeitmaschine), ist gar identisch mit ihr, durch
den Radlerroman The Wheels of Chance (Die Räder des Glücks); durch die Sozialsatiren
Kipps, Mr. Polly und Love and Mr. Lewisham. Es verwandelt sich in The War in the Air (Der
Luftkrieg) zunächst in ein Motorrad, dann in einen Ballon und schließlich in eine
Flugmaschine. In The First Men in the Moon (Die ersten Menschen auf dem Mond) steigt die
Raketenkapsel in den Weltraum, während auf dem Mond andere Arten der Fortbewegung
praktiziert werden, etwa das schwerelose Hüpfen oder die merkwürdigen Bewegungen der
Mondbewohner, der Seleniten. Die Marsianer lassen sich mit Projektilen zur Erde schießen
und staken auf hohen Dreifüßen durch England. In mehreren Erzählungen - etwa in
"Under the Knife" ("Unter dem Messer") - verläßt der Mensch das
Fahrzeug namens Körper und läßt das Bewußtsein selbst ausfliegen. In dieser Geschichte
verläßt der Mensch den irdischen Innenraum; Information und Bewegung werden eins. So
ließe sich Wells' Werk als Diagramm von Bewegungen und Fahrzeugen beschreiben, auch als
Diagramm von Geschwindigkeiten, vom Auftauchen und Verschwinden.
Das Vergessen ereilt Autoren auf die unterschiedlichste Art. Fehlende Resonanz beim
Publikum oder Eigenbrötlerei der Schreibenden mögen in den meisten Fällen genügen. Das
Vergessen bedient sich jedoch einer genialeren Strategie, wenn es dafür sorgt, daß sich
Autoren mit ihren Werken und Ideen so weit ausdehnen, daß diese einen gasförmigen
Zustand erreichen und von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind.
Literaturgeschichte erweist sich dann als eine Folge von Aggregatzuständen, die nur
mühsam zu rekonstruieren sind. Denn wie verflüssigt und verfestigt man literarisches Gas
und macht es so wieder beschreibbar? Wie rekonstruiert man eine Landkarte, die mit der
Landschaft identisch, mithin unsichtbar geworden ist? Vor dieses Problem stellt uns heute
Herbert George Wells, der zur Blüte des Viktorianismus, 1866, geboren wurde und ein Jahr
nach Abwurf der ersten Atombomben starb. Lange Zeit war er der Repräsentant englischer
Literatur. Schon Zeitgenossen bewunderten seine merkwürdige Ausdehnungskraft. Sein
weltanschaulicher Gegner und Freund G. K. Chesterton nahm sich in seinem Buch Heretics
(Ketzer, 1905), in dem er den Zeitgeist der anbrechenden Moderne genüßlich entgrätete,
des Phänomens an. In einem Kapitel über "Mr. H. G. Wells und die Riesen" weist
er darauf hin, daß Wells der einzige Zeitgenosse sei, der nicht aufhöre zu wachsen;
nachts, wenn man wach im Bett liege, könne man ihn wachsen hören.
Heute gelingt dies nur noch ganz Schlaflosen. Die anderen sind auf die stammelnden Zeichen
der Literaturgeschichte, schon immer eine unbefriedigende Form der Vogelschau, angewiesen.
Mit dem Namen Wells verbinden Leser hierzulande vielleicht die Zeitmaschine und eventuell
noch einen schlechten Film mit Marlon Brando. Wenn es gutgeht, verwechseln sie Wells
gleich noch mit Welles, Orson Welles nämlich. Nicht ganz zu Unrecht aber, denn dieser hat
1938 ein Hörspiel nach Wells' Krieg der Welten produziert, das so authentisch über den
Äther kam, daß es zu Massenhysterie in New Jersey und anderen Teilen der USA führte.
Schon diese wenigen Anhaltspunkte zeigen gasförmige Tendenzen. Wells' Fiktionen haben den
Drang, sich schnell in medialen Ereignissen aufzulösen, hinter denen die Persönlichkeit
des Schöpfers wie ein mittelalterlicher Meister zurücktritt. Das mußte er selbst eines
Tages im Jahre 1927 feststellen, als er in Fritz Langs Metropolis die eigenen Phantasien,
die er dreißig Jahre zuvor gehabt hatte, in filmischen Bildern wiederentdeckte. Es war
für ihn "der albernste Film". Das Prinzip Zeitreise, das Wells zwar nicht
entdeckte, aber erstmals zu einer griffigen, weltanschaulich pointierten Geschichte
verarbeitete, ist uns inzwischen viel geläufiger durch Filme wie Zurück in die Zukunft.
Ähnliches gilt für die Invasionen, Aliens und Kometeneinschläge im Kino, für die Wells
ebenfalls die Vaterschaft beanspruchen kann. Wells' Scientific Romances, die vor allem in
seiner ersten Lebenshälfte entstanden, brachten Archetypen hervor, von denen sich ein
Großteil späterer Science Fiction nähren sollte. Er schrieb über den Unsichtbaren, der
nach Weltherrschaft strebt, über Bakterien im Dienste des Terrorismus, über Ameisen, die
die westliche Hemisphäre erobern, die ersten Menschen auf dem Mond und die
Kontaktaufnahme mit dort ansässigen Intelligenzen, über Reisen durch die vierte
Dimension ebenso wie über interplanetarische Kommunikation. Kurz vor Ausbruch des Ersten
Weltkriegs beschrieb er in einem Roman den Abwurf der ersten Atombombe, der über Berlin
im Jahre 1953 geschieht. Für das Jahr 1978 ist in einem anderen Werk ein Attentat auf den
Papst vorgesehen. Einen Wissenschaftler läßt er auf einer pazifischen Insel Menschen aus
Tieren herausschälen, in einer anderen Geschichte schießt ein Engländer aus Versehen
einen Engel vom Himmel. Ein Komet erneuert die Menschheit, indem er ein utopisches Gas
ausströmt. Das sind die Stoffe und Prophezeiungen, die Wells absonderte und von denen
Borges einst schrieb: "Nichts bereitet mir in der ausgedehnten und vielseitigen
Bücherei, die er uns hinterlassen hat, solchen Genuß wie seine schaurigen Wunderberichte
Die Zeitmaschine, Die Insel des Dr. Moreau, Plattners Geschichte, Die ersten
Menschen auf dem Mond." Entkleidet man diese Geschichten von ihren sensationellen
Beigaben, so entsteht jedoch ein Universum, das auf erstaunliche Weise an die Schöpfungen
Kafkas, an die Absurditäten eines
Ionesco oder die
Verzweigungswelten von Borges
selbst erinnert.
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