H.G.Wells von Elmar Schenkel, Zsolnay-Velag, 2001Elmar Schenkel

aus: H.G. Wells

Kartographie

Es gibt wenige Spaziergänger bei Wells; keine geruhsamen, resignierten Wanderer, Abkömmlinge der Romantik, Meditierende und Zukurzgekommene wie in der deutschen Literatur. Ging er selbst spazieren? Wir wissen, daß er gerne wanderte, aber oft war es ihm zu langsam, er konnte ungeduldig sein, und deshalb zog er Fahrzeuge vor. Zunächst das Fahrrad, das eine Zeitlang auch Dreirad, Tricycle, war. Auf dem Fahrrad begann er die Landschaft, aber auch die Luft zu entdecken, Bewegungen des Himmels, Luftschiffe, so daß sich aus dem Zweirad in seinen Geschichten bald Fluggeräte erhoben, Zeppeline, Ballons, fischartige Gestalten und allerlei Konstruktionen, die über den Ärmelkanal schwebten, noch bevor Blériot seinen Flug antrat; Fluggeräte auch, die von Deutschland über den Atlantik flogen, um Amerika zu erobern; schließlich Fahrzeuge für das All, Raketen, Kapseln mit Antischwerkraftelementen. Später bestieg Wells das Auto und noch später wurde das Flugzeug
sein Vehikel, mit dem er aus der Vogelperspektive die Weltorte sah und den Weltplan zu schmieden begann. Er hatte, bei allem demokratischen Denken, immer etwas Diktatorisches, und für die Diktatur war, wie die Futuristen es in die Welt blökten, das Flugzeug geboren worden. Aber Wells haßte auch die Diktaturen, er bekämpfte Faschismus und Kommunismus, bewunderte zunächst Stalin, verachtete Hitler und Mussolini, bewunderte Lenin und Roosevelt, kritisierte sie alle, und bestieg wieder das Flugzeug, um an den Menschenrechten zu arbeiten, um eine Weltenzyklopädie zu entwerfen und um das Weltgehirn in Form einer offenen Verschwörung, einer open conspiracy, vorzubereiten.
Fahrzeuge befreiten ihn von der Welt, die er als uneingelöste, unfertige, noch zu verwirklichende haßte und liebte. Man könnte sein Werk nach Fahrzeugen einteilen: das Fahrrad rast durch The Time Machine (Die Zeitmaschine), ist gar identisch mit ihr, durch den Radlerroman The Wheels of Chance (Die Räder des Glücks); durch die Sozialsatiren Kipps, Mr. Polly und Love and Mr. Lewisham. Es verwandelt sich in The War in the Air (Der Luftkrieg) zunächst in ein Motorrad, dann in einen Ballon und schließlich in eine Flugmaschine. In The First Men in the Moon (Die ersten Menschen auf dem Mond) steigt die Raketenkapsel in den Weltraum, während auf dem Mond andere Arten der Fortbewegung praktiziert werden, etwa das schwerelose Hüpfen oder die merkwürdigen Bewegungen der Mondbewohner, der Seleniten. Die Marsianer lassen sich mit Projektilen zur Erde schießen und staken auf hohen Dreifüßen durch England. In mehreren Erzählungen - etwa in "Under the Knife" ("Unter dem Messer") - verläßt der Mensch das Fahrzeug namens Körper und läßt das Bewußtsein selbst ausfliegen. In dieser Geschichte verläßt der Mensch den irdischen Innenraum; Information und Bewegung werden eins. So ließe sich Wells' Werk als Diagramm von Bewegungen und Fahrzeugen beschreiben, auch als Diagramm von Geschwindigkeiten, vom Auftauchen und Verschwinden.
Das Vergessen ereilt Autoren auf die unterschiedlichste Art. Fehlende Resonanz beim Publikum oder Eigenbrötlerei der Schreibenden mögen in den meisten Fällen genügen. Das Vergessen bedient sich jedoch einer genialeren Strategie, wenn es dafür sorgt, daß sich Autoren mit ihren Werken und Ideen so weit ausdehnen, daß diese einen gasförmigen Zustand erreichen und von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind. Literaturgeschichte erweist sich dann als eine Folge von Aggregatzuständen, die nur mühsam zu rekonstruieren sind. Denn wie verflüssigt und verfestigt man literarisches Gas und macht es so wieder beschreibbar? Wie rekonstruiert man eine Landkarte, die mit der Landschaft identisch, mithin unsichtbar geworden ist? Vor dieses Problem stellt uns heute Herbert George Wells, der zur Blüte des Viktorianismus, 1866, geboren wurde und ein Jahr nach Abwurf der ersten Atombomben starb. Lange Zeit war er der Repräsentant englischer Literatur. Schon Zeitgenossen bewunderten seine merkwürdige Ausdehnungskraft. Sein weltanschaulicher Gegner und Freund G. K. Chesterton nahm sich in seinem Buch Heretics (Ketzer, 1905), in dem er den Zeitgeist der anbrechenden Moderne genüßlich entgrätete, des Phänomens an. In einem Kapitel über "Mr. H. G. Wells und die Riesen" weist er darauf hin, daß Wells der einzige Zeitgenosse sei, der nicht aufhöre zu wachsen; nachts, wenn man wach im Bett liege, könne man ihn wachsen hören.
Heute gelingt dies nur noch ganz Schlaflosen. Die anderen sind auf die stammelnden Zeichen der Literaturgeschichte, schon immer eine unbefriedigende Form der Vogelschau, angewiesen. Mit dem Namen Wells verbinden Leser hierzulande vielleicht die Zeitmaschine und eventuell noch einen schlechten Film mit Marlon Brando. Wenn es gutgeht, verwechseln sie Wells gleich noch mit Welles, Orson Welles nämlich. Nicht ganz zu Unrecht aber, denn dieser hat 1938 ein Hörspiel nach Wells' Krieg der Welten produziert, das so authentisch über den Äther kam, daß es zu Massenhysterie in New Jersey und anderen Teilen der USA führte. Schon diese wenigen Anhaltspunkte zeigen gasförmige Tendenzen. Wells' Fiktionen haben den Drang, sich schnell in medialen Ereignissen aufzulösen, hinter denen die Persönlichkeit des Schöpfers wie ein mittelalterlicher Meister zurücktritt. Das mußte er selbst eines Tages im Jahre 1927 feststellen, als er in Fritz Langs Metropolis die eigenen Phantasien, die er dreißig Jahre zuvor gehabt hatte, in filmischen Bildern wiederentdeckte. Es war für ihn "der albernste Film". Das Prinzip Zeitreise, das Wells zwar nicht entdeckte, aber erstmals zu einer griffigen, weltanschaulich pointierten Geschichte verarbeitete, ist uns inzwischen viel geläufiger durch Filme wie Zurück in die Zukunft. Ähnliches gilt für die Invasionen, Aliens und Kometeneinschläge im Kino, für die Wells ebenfalls die Vaterschaft beanspruchen kann. Wells' Scientific Romances, die vor allem in seiner ersten Lebenshälfte entstanden, brachten Archetypen hervor, von denen sich ein Großteil späterer Science Fiction nähren sollte. Er schrieb über den Unsichtbaren, der nach Weltherrschaft strebt, über Bakterien im Dienste des Terrorismus, über Ameisen, die die westliche Hemisphäre erobern, die ersten Menschen auf dem Mond und die Kontaktaufnahme mit dort ansässigen Intelligenzen, über Reisen durch die vierte Dimension ebenso wie über interplanetarische Kommunikation. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschrieb er in einem Roman den Abwurf der ersten Atombombe, der über Berlin im Jahre 1953 geschieht. Für das Jahr 1978 ist in einem anderen Werk ein Attentat auf den Papst vorgesehen. Einen Wissenschaftler läßt er auf einer pazifischen Insel Menschen aus Tieren herausschälen, in einer anderen Geschichte schießt ein Engländer aus Versehen einen Engel vom Himmel. Ein Komet erneuert die Menschheit, indem er ein utopisches Gas ausströmt. Das sind die Stoffe und Prophezeiungen, die Wells absonderte und von denen Borges einst schrieb: "Nichts bereitet mir in der ausgedehnten und vielseitigen Bücherei, die er uns hinterlassen hat, solchen Genuß wie seine schaurigen Wunderberichte Die Zeitmaschine, Die Insel des Dr. Moreau, ›Plattners Geschichte‹, Die ersten Menschen auf dem Mond." Entkleidet man diese Geschichten von ihren sensationellen Beigaben, so entsteht jedoch ein Universum, das auf erstaunliche Weise an die Schöpfungen Kafkas, an die Absurditäten eines Ionesco oder die Verzweigungswelten von Borges selbst erinnert.

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