Fluchtpunkt von Andreas Schendel, 2002, Nagel und KimcheAndreas Schendel

Fluchtpunkt
(Leseprobe aus: Fluchtpunkt, Roman, 2002, Nagel&Kimche)

Die Stadt war um ihrer Schönheit willen kampflos gefallen. Und jeden Morgen, bei der ersten Tasse Kaffee, erzählten sie einander aus ihren Träumen. Den Träumen der letzten Nacht, der gemeinsamen Nächte oder einer der einsamen Nächte davor.
Mancher Traum schien im Erwachen zerronnen, blieb nur zu ahnen und blaß. Und mancher Tag begann mit dem Versuch sich zu erinnern. Auch an die Zeit vor der Besatzung.
Die Nächte waren dunkel und still, die Fenster verhängt, die Straßen und Plätze nach der Sperrstunde menschenleer. Und einmal erzählt, verschwammen die Träume, so daß nicht mehr zu erinnern war, ob Sam nun Signes, Signe ihren oder auch Sams Traum geträumt hatte.
Die Welt war im Krieg.
Paris war besetzt, seit siebenhundertundzweiundneunzig Tagen. Seit dem Einmarsch der grauen und siegreichen Truppen.
Sam begann ein neues Heft seines Tagebuchs. Es war ein letzter Versuch, ein schwarzes Heft, aus Vorkriegspapier, mit einem beigen Rücken und rostrotem Schnitt. Die Seiten waren gelblich, und blaßblau liniert.
Auf das umrahmte Etikett schrieb er zuerst seinen Namen, Samuel Weldon, dann darüber, 42, die Jahreszahl. Seine Schrift kam ihm fremd vor, ein wenig zitterte seine Hand, und Sam zog seinen Nachnamen mit der Feder zweimal nach.

12. Juli. Wir haben Bekka heute nachmittag beerdigt. Die letzte Nacht wie davor kaum geschlafen. Die Hitze. Am frühen Morgen schon das erste Gewitter. Nicht gefrühstückt. Wir hatten beide keinen Hunger. Ich machte uns Kaffee und trank meine Tasse im Stehen am Fenster. Auf der Straße nach dem Regensturz Leben und Geschäftigkeit. Die Sonne kam durch und trocknete bald die Pfützen auf dem Pflaster.
Mit Signe zu Fuß zum Friedhof. Der gleiche Weg wie gestern. Simone und McGrown warteten am Eingang. Die Luft war warm und feucht. Unsere Augen rot vom Weinen. Jacques hatte sich um alles gekümmert. Er kam zusammen mit dem Geistlichen. Schnell wurde versucht, das Restliche zu regeln. Ich schämte mich. Es kam mir würdelos vor. Die Angst und die Eile. Dann zum Schluß noch ein sinnloser Streit über die Kosten, im ganzen mehr, als wir haben. Für den kleinen Kasten, das Rechteck in der Erde und die Formalien. Signe stand da und schwieg. Ich griff nach ihrer Hand. Die anderen gingen vor. Das Wennundaber, das erbärmliche Drumherum, es war schlimmer als gestern. Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen; sie helfen so gut sie können. Ich drückte Jacques unser letztes Geld in die Hand, ein paar zerknitterte Scheine. Er schüttelte den Kopf und stopfte es zurück in meine Jackentasche. McGrown deutete auf eine Stelle, an der frische Erde ausgehoben war, dann auf die Kutsche. Ob ich es schaffen würde? Signe auch? Wir nickten.
Es gab keinen Gottesdienst, nur eine kurze Ansprache am Grab. Er las irgend etwas ab, es hatte nichts mit ihr zu tun. Über uns hing ein fehlfarbener und rastloser Himmel. Der kleine Sarg wog fast nichts. Für einen Moment glaubte ich, er wäre leer, spürte dann aber, wie sein Schwerpunkt bei jeder Unebenheit des Weges verrutschte. Nicht zu glauben, daß sie das war. Mal mehr auf meinen Schultern, dann mehr auf Signes, ich will es nicht glauben. Mit uns trugen McGrown und Simone. Ich schämte mich; ich dachte daran zu fliehen, einfach wegzulaufen. Mir stand das Bild vor Augen, wie mein Vater zusammen mit fünf anderen Männern einen schweren, schwarzen Sarg trug. Ein Jahr später trugen sie ihn, ich war nicht dabei, ich lag im Krankenhaus und hustete mir die Kindheit aus dem Leib. Ich fühlte das rauhe Holz an meiner Schläfe und dachte an ihn, an das glatte und polierte Schwarz auf seinen Schultern.
Es muß anders gewesen sein. Wie stolz ich damals auf ihn war. In meinen Augen war er der Stärkste und hätte die schwarze und glänzende Last problemlos alleine tragen können. Ich erinnerte mich an die Feierlichkeit, die ich
bei der Beerdigung meiner Großeltern empfand. Ich war vielleicht sieben oder acht, es war wie Weihnachten. Die Kirche, der Geruch der Kleider, die nur selten getragen wurden, die Gäste, Kerzen, die großen, weißgedeckten Tische, Kaffee und Kuchen. Alles ein Duft, und als Kind für mich der Inbegriff von Festlichkeit.
Sie wollen zusammenlegen, jeder gibt soviel er kann. Jacques schien sehr traurig. Irgendwo hatte er einen Kranz aus Grünzeug aufgetrieben, mit dem humpelte er hinter uns her. Er versprach, sich um die Kollekte zu kümmern, heute abend im Café. Ob ich nicht mitwolle? Er wolle sammeln und sei überzeugt, bei einer Flasche Cognac trauere
es sich besser, ‹lukrativer›. Die würde er organisieren. ‹Für eure Kleine.› Ich bin ihm dankbar, ihnen allen, daß Signe und ich sie nicht allein - ich konnte es ihnen nicht zeigen. Ich schüttelte nur den Kopf. Und dann schimpften sie auf Blum. Er gehöre nicht dort, eigentlich gehöre er überhaupt nicht beerdigt.
Gestern mittag, ich habe es nicht eingetragen, es war ein neues Heft und die Frage, überhaupt mit dem Tagebuch aufzuhören. Blum liegt nicht weit von ihr. Am Nachmittag, nur Signe und ich, und eine Art Gärtner, der half den Sarg zu tragen, gestern erst.
Jeder, der Blum verteufelt, blickt mich dabei an, als forderten sie: ‹Sag du es, sag du, daß ich recht hab, du hast es doch mit eigenen Augen gesehen.› Mein Schweigen gilt als Zustimmung und wird entschuldigt durch den Schock. Nicht einer weiß, wie sehr ich jetzt die Wahrheit fürchte, alle möglichen, ja alle unmöglichen Folgen dieser Lüge. Nicht einem habe ich heute in die Augen schauen können. Signe nicht, vorhin, im Spiegel, mir selbst nicht. Ich vermisse sie noch nicht. Es ist so, als ob sie noch da sei. Ich habe das Gefühl, als schliefe sie noch jenseits dieser Wand, als könnte es jeden Moment klopfen, und sie käme herein.

Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Nagel & Kimche