Fluchtpunkt
(Leseprobe aus: Fluchtpunkt,
Roman, 2002, Nagel&Kimche)
Die Stadt war um ihrer Schönheit
willen kampflos gefallen. Und jeden Morgen, bei der ersten Tasse Kaffee, erzählten sie
einander aus ihren Träumen. Den Träumen der letzten Nacht, der gemeinsamen Nächte oder
einer der einsamen Nächte davor.
Mancher Traum schien im Erwachen zerronnen, blieb nur zu ahnen und blaß. Und mancher Tag
begann mit dem Versuch sich zu erinnern. Auch an die Zeit vor der Besatzung.
Die Nächte waren dunkel und still, die Fenster verhängt, die Straßen und Plätze nach
der Sperrstunde menschenleer. Und einmal erzählt, verschwammen die Träume, so daß nicht
mehr zu erinnern war, ob Sam nun Signes, Signe ihren oder auch Sams Traum geträumt hatte.
Die Welt war im Krieg.
Paris war besetzt, seit siebenhundertundzweiundneunzig Tagen. Seit dem Einmarsch der
grauen und siegreichen Truppen.
Sam begann ein neues Heft seines Tagebuchs. Es war ein letzter Versuch, ein schwarzes
Heft, aus Vorkriegspapier, mit einem beigen Rücken und rostrotem Schnitt. Die Seiten
waren gelblich, und blaßblau liniert.
Auf das umrahmte Etikett schrieb er zuerst seinen Namen, Samuel Weldon, dann darüber, 42,
die Jahreszahl. Seine Schrift kam ihm fremd vor, ein wenig zitterte seine Hand, und Sam
zog seinen Nachnamen mit der Feder zweimal nach.
12. Juli. Wir haben Bekka heute
nachmittag beerdigt. Die letzte Nacht wie davor kaum geschlafen. Die Hitze. Am frühen
Morgen schon das erste Gewitter. Nicht gefrühstückt. Wir hatten beide keinen Hunger. Ich
machte uns Kaffee und trank meine Tasse im Stehen am Fenster. Auf der Straße nach dem
Regensturz Leben und Geschäftigkeit. Die Sonne kam durch und trocknete bald die Pfützen
auf dem Pflaster.
Mit Signe zu Fuß zum Friedhof. Der gleiche Weg wie gestern. Simone und McGrown warteten
am Eingang. Die Luft war warm und feucht. Unsere Augen rot vom Weinen. Jacques hatte sich
um alles gekümmert. Er kam zusammen mit dem Geistlichen. Schnell wurde versucht, das
Restliche zu regeln. Ich schämte mich. Es kam mir würdelos vor. Die Angst und die Eile.
Dann zum Schluß noch ein sinnloser Streit über die Kosten, im ganzen mehr, als wir
haben. Für den kleinen Kasten, das Rechteck in der Erde und die Formalien. Signe stand da
und schwieg. Ich griff nach ihrer Hand. Die anderen gingen vor. Das Wennundaber, das
erbärmliche Drumherum, es war schlimmer als gestern. Ich kann ihnen keinen Vorwurf
machen; sie helfen so gut sie können. Ich drückte Jacques unser letztes Geld in die
Hand, ein paar zerknitterte Scheine. Er schüttelte den Kopf und stopfte es zurück in
meine Jackentasche. McGrown deutete auf eine Stelle, an der frische Erde ausgehoben war,
dann auf die Kutsche. Ob ich es schaffen würde? Signe auch? Wir nickten.
Es gab keinen Gottesdienst, nur eine kurze Ansprache am Grab. Er las irgend etwas ab, es
hatte nichts mit ihr zu tun. Über uns hing ein fehlfarbener und rastloser Himmel. Der
kleine Sarg wog fast nichts. Für einen Moment glaubte ich, er wäre leer, spürte dann
aber, wie sein Schwerpunkt bei jeder Unebenheit des Weges verrutschte. Nicht zu glauben,
daß sie das war. Mal mehr auf meinen Schultern, dann mehr auf Signes, ich will es nicht
glauben. Mit uns trugen McGrown und Simone. Ich schämte mich; ich dachte daran zu
fliehen, einfach wegzulaufen. Mir stand das Bild vor Augen, wie mein Vater zusammen mit
fünf anderen Männern einen schweren, schwarzen Sarg trug. Ein Jahr später trugen sie
ihn, ich war nicht dabei, ich lag im Krankenhaus und hustete mir die Kindheit aus dem
Leib. Ich fühlte das rauhe Holz an meiner Schläfe und dachte an ihn, an das glatte und
polierte Schwarz auf seinen Schultern.
Es muß anders gewesen sein. Wie stolz ich damals auf ihn war. In meinen Augen war er der
Stärkste und hätte die schwarze und glänzende Last problemlos alleine tragen können.
Ich erinnerte mich an die Feierlichkeit, die ich
bei der Beerdigung meiner Großeltern empfand. Ich war vielleicht sieben oder acht, es war
wie Weihnachten. Die Kirche, der Geruch der Kleider, die nur selten getragen wurden, die
Gäste, Kerzen, die großen, weißgedeckten Tische, Kaffee und Kuchen. Alles ein Duft, und
als Kind für mich der Inbegriff von Festlichkeit.
Sie wollen zusammenlegen, jeder gibt soviel er kann. Jacques schien sehr traurig. Irgendwo
hatte er einen Kranz aus Grünzeug aufgetrieben, mit dem humpelte er hinter uns her. Er
versprach, sich um die Kollekte zu kümmern, heute abend im Café. Ob ich nicht mitwolle?
Er wolle sammeln und sei überzeugt, bei einer Flasche Cognac trauere
es sich besser, lukrativer. Die würde er organisieren. Für eure
Kleine. Ich bin ihm dankbar, ihnen allen, daß Signe und ich sie nicht allein - ich
konnte es ihnen nicht zeigen. Ich schüttelte nur den Kopf. Und dann schimpften sie auf
Blum. Er gehöre nicht dort, eigentlich gehöre er überhaupt nicht beerdigt.
Gestern mittag, ich habe es nicht eingetragen, es war ein neues Heft und die Frage,
überhaupt mit dem Tagebuch aufzuhören. Blum liegt nicht weit von ihr. Am Nachmittag, nur
Signe und ich, und eine Art Gärtner, der half den Sarg zu tragen, gestern erst.
Jeder, der Blum verteufelt, blickt mich dabei an, als forderten sie: Sag du es, sag
du, daß ich recht hab, du hast es doch mit eigenen Augen gesehen. Mein Schweigen
gilt als Zustimmung und wird entschuldigt durch den Schock. Nicht einer weiß, wie sehr
ich jetzt die Wahrheit fürchte, alle möglichen, ja alle unmöglichen Folgen dieser
Lüge. Nicht einem habe ich heute in die Augen schauen können. Signe nicht, vorhin, im
Spiegel, mir selbst nicht. Ich vermisse sie noch nicht. Es ist so, als ob sie noch da sei.
Ich habe das Gefühl, als schliefe sie noch jenseits dieser Wand, als könnte es jeden
Moment klopfen, und sie käme herein.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Nagel & Kimche