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Frost und Schnee
(Leseprobe aus: Frost und Sonne, Roman,
2007, Hoffmann
und Campe)
»Bei allen Heiligen, Sinaida, dein Sohn ist
vollkommen! Schön wie ein Engel!«
Xenia Alexandrowna kniete sich hinunter zu Felix. Ihr Duft nach Rosenöl machte
ihn schwindlig. Er sah die Knöpfe des hellgrauen engen Straßenkostüms und die
Falten, die sich quer über der Brust hinzogen. Vielleicht würde einer der
Knöpfe abspringen, oder eine Seitennaht platzte auf. Felix meinte, die feinen
Nähte krachen zu hören, und er fürchtete sich ein wenig. Er hatte gelernt,
dass Mütter und Tanten ungerecht und streng wurden, wenn an ihren Kleidern
Knöpfe abplatzten oder Nähte krachten.
Tante Xenia gab mit einem kaum hörbaren Seufzer ihre Hockstellung wieder auf,
und er hoffte, dass er gleich erlöst sein würde von dem Begrüßungstheater.
Doch seine Tante drehte ihn zu seiner Mutter herum, als habe die ihn noch
niemals gesehen.
»Du musst doch zugeben, Sina, er hat ein Gesicht wie eine Blütenknospe, sieh
mal, dieser Kopf, wenn das nicht die klassische,
griechische Form ist, unglaublich, und die Locken, er könnte ein Mädchen
sein!«
Zu viele Zuckerstücke auf einmal. Felix sah, wie sich die Augen seiner Mutter
leicht verengten. Nur ganz kurz. Dann begann sie mit ihrem Abwehrzauber: dass
Felix viel zu dünn sei, weil er nicht recht esse, außerdem schlafe er schlecht
und habe
Albträume. Seine Mutter war abergläubisch. Doch Tante Xenia bekam davon nichts
mit. Ihr Gesicht sah aus, als horche sie auf
etwas.
»Ich habe eine sehr junge Amme für Irina angestellt. Sie leugnet es zwar, doch
ich glaube, dass sie raucht.«
»Um Gottes willen«, hörte Felix seine Mutter sagen. Ihre Stimme klang ehrlich
entsetzt. »Einer unserer Kammerdiener ist gerade Großvater geworden. Er hat
seine Töchter streng erzogen. Soll ich sie dir schicken?«
Daraus entwickelte sich ein Gespräch über die Vorzüge oder auch Sünden von
Ammen, und Felix hörte nicht mehr zu.
Meistens war es öde für ihn, wenn die Mutter in ihrem blauen Salon Gräfinnen,
Großfürstinnen, Wissenschaftler, Künstler oder andere langweilige Leute
empfing, und er machte sich schnell davon. Heute jedoch würde sich etwas Geduld
vielleicht lohnen.
Er konnte Tante Xenia gut leiden. Sie war eine Schwester es jungen Zaren
Nikolaus II. Für Felix war sie die Liebste aus der großen Familie der
Romanows. Als Tante Xenias Tochter Irina noch nicht auf der Welt war, hatte sie
Felix und seinen Bruder Nikolaj manchmal abgeholt und in den Winterpalast
mitgenommen, wo sie wohnte. Oft zeigte sie ihnen dann vom Schlossufer aus die
Inseln an der großen und der kleinen Newa,
und Felix hatte immer das Gefühl, dass die Inseln sich ängstlich duckten, als
befürchteten sie, das Wasser wolle sie überfluten.
Auch die größte der Inseln, die Wasiljewskij-Insel mit ihren mächtigen
Gebäuden, schien im grünlichen Dunst zu beben. Felix sprach nicht über das,
was er sah. Er hatte gelernt, dass die Erwachsenen mit seinen Eindrücken nichts
anfangen konnten.
Also betrachtete er folgsam das Galaruderboot der Zarenfamilie und die vielen
anderen Ruder- oder Segelboote, die Tante Xenia ihm zeigte.
Einmal waren sie gegen Abend zum Ufer der Wasiljewskij-Inselspitze gefahren und
schauten von dort über die Newa, die spiegelblank war und in der Abendsonne
dalag wie ein riesiger Diamant. Das hatte Tante Xenia gesagt und dabei die
Finger an die Lippen gelegt, damit Nikolaj und Felix die Glocken der
Petersburger Kirchen hören konnten, deren sonst so einschüchternder Klang
gedämpft war durch den Lärm der Stadt. Besonders der die Glocken begleitende
Trommelwirbel war Felix unheimlich.
Er erinnerte ihn an die Hinrichtungen, von denen ihm sein Diener Nefedow immer
erzählte, und er schauderte.
Ihm wurde bange vor den wuchtigen Granitmauern, den Schatten, die alle Paläste
wie in dunkle Tücher einhüllten. Damals
hatte Felix sich an seinen Bruder geschmiegt und ihm zugeflüstert, dass er nach
Hause wolle, an die Mojka.
Seit der Geburt ihrer Tochter, so schien es Felix, tat Tante Xenia, als sei
Prinzessin Irina das erste und einzige Mädchen, das jemals in Sankt Petersburg
geboren worden war, so aufgeregt vor Mutterglück war sie. Sie hatte seitdem
viel weniger Zeit für Felix und Nikolaj. Genau genommen hatte sie überhaupt
keine Zeit mehr. Und wenn sie zu Besuch kam, drehte sich fast jedes Gespräch um
Irina, die schönste aller Prinzessinnen.
Seine Mutter konnte nicht mit einer wunderschönen Tochter angeben.
Wahrscheinlich steckte sie Felix deshalb so gern in üppig gerüschte seidene
Kleider und tanzte mit ihm übers Parkett. Sie hatten das im roten Salon geübt:
immer rundherum, rundherum – so flogen sie durch den prächtigen Raum, in
dessen Mitte kunstvolle Intarsien einen Teppich darstellten, über den man nicht
stolperte, dessen Rundung man ungefährdet entlangtanzen konnte. Felix hatte das
schnell begriffen, sein Kleidchen flog genauso auf wie die Röcke der Mutter,
und das Grammofon spielte eine Musik, die Walzer hieß. Diese Musik rauschte auf
wie die Wellen am Meer, wenn sie groß waren und mächtig.
Dieses Rauschen, das ihm so viel versprach, von dem er noch nichts wusste, nach
dem er sich aber sehnte, diese magischen Klänge, das verschwörerische Lachen
seiner Mutter über ihm, die gold schimmernden Wände, die blinkenden Lüster,
all das vermischte sich zu schleierhaften, leuchtenden Bahnen, die sich in
seinem Kopf drehten und drehten, bis seine Mutter und er schließlich atemlos,
sich aneinander festklammernd, auf eines der rot-goldenen Sofas fielen, die wie
stumme Zuschauer an den Wänden standen.
Es gefiel ihm, es gefiel ihm sogar sehr. Vor allem, weil sein Vater jedes Mal
wütend wurde, wenn er dazukam, so wütend, dass er die Zähne zusammenbeißen
musste, damit er die Mutter nicht anschrie. Aber lieber hätte der sich die
Kiefer zermalmt, als seine Frau anzuschreien. Felix hatte schon gelernt, dass
Diskussionen zwischen den Eltern in aller Regel von seiner Mutter beendet
wurden. Felix wusste aber noch nicht, warum ihm die Siege seiner Mutter über
den Vater eine Genugtuung waren.
Und wenn sie dann plötzlich schwieg, wusste Felix trotzdem, was sie sagen
wollte.
Gerade hörte er, wie seine Mutter Xenias Hut bewunderte, auf dem ein mächtiger
Busch weißer Federn wippte. »Du hast Mut, meine Liebe. Alle tragen sie jetzt
weiße Federn, aber du hast richtig aufgetrumpft, absolut unglaublich!«
»Ach, Sina, das ist gar nichts gegen vorgestern. Du hättest Madame von
Larskaja sehen sollen, auf dem Empfang von Sophia – warum warst du eigentlich
nicht dort? – Also, die Larskaja – außergewöhnlich! Man sagt, dass ein
Mitarbeiter von Fabergé ihr Teile des Familienschmucks auf die Robe genäht
habe.
Alle lagen ihr zu Füßen, bewunderten die herrlichen Steine und Perlen.«
Seine Mutter hatte offenbar nicht zugehört, sie ging wortlos auf eine
Marmorkonsole zu und zeigte ihrer Freundin zwei neue Kandelaber, die sie jüngst
aus Paris mitgebracht hatte und die ihrer Meinung nach den blauen Salon erst
vorzeigbar gemacht hatten.
»Wie findest du sie? Sind sie nicht einzigartig?«
Xenia, ihren kleinen Seitenhieb offenbar schon wieder bereuend, fuhr behutsam
über das herrliche blaue Porzellan. »Du findest immer neue Kostbarkeiten,
Sina. Dieses unvergleichliche Blau, die exquisite Malerei. Aber das Schönste in
deinem Palais sind für mich die Gobelins. Ich wusste gar nicht, dass Kaiser
Napoleon sie deinem Großvater geschenkt hat. Schließlich sind sie Ludwig XIV.
gestohlen worden, aber das ist ja nicht eure Schuld –« Xenia stockte, ihr
Teint färbte sich zartrot, die tiefdunklen Augen in ihrem Kindergesicht sahen
Sinaida bekümmert an.
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