Kinder des Ungehorsams von Asta Scheib, dtv, 1994

Asta Scheib

Kinder des Ungehorsams
(Leseprobe aus: Kinder des Ungehorsams, Roman, 1994, dtv)

Katharina hilft Luther, sich für die Reise zu rü­sten. Sie hat ihm ein paar Fladen gebacken und bringt eine lederne Weinflasche. Sie hört, wie Luther einen Brief an die Herzöge diktiert: »Dieser Müntzer, der Satan, hat sich zu Allstedt ein Nest gemacht«

Luther will durch Thüringen reisen und gegen die Schwarmgeister predigen. Er sieht, daß sein Evangelium gefährdet ist. Gerade jetzt, wo das Wort durch Deutschland läuft und siegreich ist ohne einen Schwertschlag.

Jedesmal, wenn Luther von seinen Predigten zurückkommt, ist er niedergeschlagen, zornig. Die Menschen in den Kirchen empfingen ihn stumm und mißtrauisch. Andere fluchten ihm, legten ihm ein verstümmeltes Kreuz auf die Kanzel, Die Bauern sind enttäuscht von Luther. Seine Er­mahnung zum Frieden können sie nicht begreifen. Schlimmer noch, daß er ihnen empfiehlt, sich auch ungerechter Obrigkeit zu fügen. Luther droht: »Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.« Die Fürsten und Herren sind Luther ebenfalls gram. Luther hat ihnen vorgehalten, daß sie ihr Amt mißbraucht, ihre Fürsorge- und Schutzpflicht gegenüber ihren Untergebenen verletzt haben. »Gottes Zorn wird über Euch kommen...«

Luther ist hilflos, zum erstenmal. Gegen schreiendes Unrecht, das den Bauern zugefügt wird, ist mit Gebet und Disputation nicht beizukommen. Andere Waffen hat Luther aber nicht. Auch Luthers Freunde kommen nur noch selten ins Schwarze Kloster. Katharina sieht Luther oft grübelnd am Schreibtisch sitzen oder ziellos auf dem Klosterfriedhof auf- und abgehen. Sie sieht es und fühlt eine unbestimmte Zuneigung, ein Mitgefühl für den Geächteten, der seinen Kampf in absoluter Einsamkeit führt.

In der Nacht pocht Brisger ans Granachsche Tor. »Martinus ist krank, kommt schnell.« Cranach fährt in die Stiefel, Katharina wickelt sich in ihr Umschlagtuch. Sie rennen zum Schwar­zen Kloster. Luther ist in seiner Kammer, eine Kerze wirft Schatten. Der Kranke wälzt sich schweißnaß und stöhnend auf dem Lager, schreit auf, krallt seine Fingernägel in den weißen Verputz der Wand. Die Nieren. Katharina kocht einen großen Topf Tee und bittet Brisger, vom Brunnen viel Wasser zu holen. Sie nötigt Luther wieder und wieder, viel Tee zu trinken. Außer sich vor Schmerz gehorcht der Kranke. Als seine Kolik ein wenig nachläßt, bittet Katharina ihn, die Treppe zum Obergeschoß hinaufzuspringen und wieder herunter. (Diese Therapie hat sie im Kloster Marienthron kennengelernt, wo die Sakristanin an Nierensteinen litt.) Luther tut, was Katharina ihm vorschlägt. Währenddessen breitet sie ihm frische Laken aufs Bett. Cranach stellt einen Badezuber bereit.
Tatsächlich fühlt sich Luther bald besser, vor allem das Bad erfrischt ihn. Cranach geht wieder nach Hause, Katharina bleibt bei Luther.

Der Kranke liegt jetzt ruhig, nur manchmal stöhnt er leise. Katharina sieht sein erschöpftes Gesicht, wischt ihm behutsam die feinen Schweißperlen von Stirn und Oberlippe. Luther sieht wie ein Kind aus. Traurig, verletzbar, allein. Katharina, die seit langem weiß, daß sie Luther für sich gewinnen will, sie, die bereit ist zu jeder List, schämt sich vor seiner Wehrlosigkeit. Tief in sich spürt sie den Wunsch, eine Brücke zu bauen zu diesem einsamen schmerzgepeinigten Mann, der im Schlaf seine reine, kindliche Seele offenbart. Katharina weiß, sie wird zum Ufer seiner Seele schwimmen, gleichgültig, wie weit entfernt sie heute noch davon ist. 

Leise streichelt sie seine Hände. Plötzlich spürt sie, daß Luther wach ist. Daß er sie anschaut. Sie sieht ihn auch an. Zwei einsame Menschen. Als Katharina seinen Blick nicht mehr aushält, senkt sie den Kopf, bis ihr Mund sacht seine Wange berührt. Sie bleibt über ihn geneigt, bis er seine Arme fest um sie schließt. Katharina liegt still. Sie hört sein Herz. Sein gleichmäßiger Schlag hat etwas von der Ruhe, die an die Gestirne erinnert. An die Sterne des Nachthimmels mit ihrem immer gleichen Gang. In ihrer unbeirrbaren Ordnung ziehen sie ihre Bahn am Firmament. Sie sind eins mit der unendlichen Größe, die sie hält und schützt. Sie sind eins mit den unabänderlichen Gesetzen allen Lebens.

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