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Ben
(Leseprobe aus:
Ben, Roman, 2010,
Kookbooks).
BENVOLIO
1
Ein weicher Tag mit Licht, das aus allen Richtungen strahlt. Die Sonne kann das
nicht alleine schaffen. Gleißend steht die Stadt zwischen zwei Flüssen, hindurch
führt keiner, geschnitten wird sie von Straßen und Wegen und einem Rinnsal, dem
die Flüsse den Titel versagen. Da ist so eine Ahnung und vom Bürgersteig aus
läuft er, so schnell er kann, zwischen den wartenden Autos hindurch auf die
Insel zu. Hinwerfen. Schnell Deckung suchen. Und da ist Lea. Lea fährt Rad. Ihn
wird sie gleich treffen, und zwar zum ersten Mal. Lea fährt Rad und sieht vor
sich auf der Straße jemanden liegen. Sie wird langsamer, hält schließlich an,
stützt sich mit einem Bein ab und beugt sich hinunter zu dem, der da liegt und
den Kopf unter den großen Händen verbirgt. Lea fragt, ob sie helfen kann.
Der, den sein Mitbewohner Ben nennt, liegt auf dem winzigen Grünstreifen, den
man der Straße zum Schmuck ihrer Mitte gegönnt hat. Er liegt, wo er liegt, weil
er weiß, was geschehen wird, aber nicht, was er dagegen tun kann. Es war
angekündigt, es muss also geschehen. Er kann es nur aushalten, er sieht sie
nicht an.
Ben sagt jetzt:
Dankeschön.
Und dass es ihm wirklich gut geht, und dann sagt er noch, und das ist jetzt nur
noch ein Flüstern:
Ich würde gerne noch ein bisschen hier liegen bleiben, wenn das in Ordnung ist.
Lea sagt:
Ich weiß nicht, ob das in Ordnung ist, wenn du hier liegst. Meinetwegen kannst
du das natürlich tun, aber pass auf, hier fahren Autos, und zwar schnell, und es
ist eigentlich auch noch zu kalt. Zum Liegen.
Es ist sehr schwierig, sich durch das Gehupe hindurch zu verständigen. Er mag
das, was er von ihrer Stimme hört, es fällt ihm schwer, sie nicht anzusehen. Lea
beobachtet, wie der Mensch, ungefähr in ihrem Alter, sich versteckt, und jetzt
betrachtet er eine verfrühte Osterglocke. Er gefällt ihr ganz gut, vor allem
weil er sie an niemanden erinnert, den sie kennt. Außerdem trägt er eine rote
Mütze, die eindeutig selbstgestrickt ist, und er hat sie nur auf, da ist sie
sich sicher, falls ihm derjenige begegnet, der sie ihm geschenkt hat. Und der
soll sich freuen.
Das grüne Männchen verschwindet, die Autos tragen ihre Insassen weiter und Lea
hebt zum Abschied die Hand. Der mit der Mütze auf der Insel grüßt zurück, ohne
ihr in die Augen zu sehen. Sie hat keine Ahnung, was soeben seinen Anfang
genommen hat, Lea weiß nicht, dass in diesem fast Frühling der Tod so richtig
begonnen hat.
Zum Tod
Der macht, das darf nicht vergessen werden, auch nur seine Arbeit. Von der
Prophezeiung weiß er nichts, aber vielleicht leuchtet in seinem Schädel jetzt
ein neuer Name auf. Jedenfalls wendet er nun und der Kies knirscht. Er seufzt
luftleer durch alle Rippen hindurch in das Gewand hinein. Er muss immer bereit
sein, er ist immer unterwegs. Oft grinst er, wenn etwas aufblitzt im Schädel.
Dann füllt ein Name die Leere darin aus und der Tod bekommt eine Idee vom Leben.
Es taucht eine Welt auf, für wenige Momente, vielleicht sind es Jahre, die Zeit
misst er und er hat seine eigene Rechnung. Der Tod ist auf der Suche nach
Anschluss an alles, was atmet.
2
Eine Osterglocke,
sagt er zu der Blume.
Das war Lea.
Und darauf wollte er eigentlich hinaus.
Ben betrachtet jetzt die Wolken. Es ist ihm bewusst, dass man ihn für irre
halten könnte, wie er da so liegt, auf der Insel, auch Lea wird vermutlich
denken, dass er spinnt. War das schon ein richtiges Treffen?
Liebe,
sagt er versuchsweise und denkt:
Ich mag alle Menschen. Irgendwie mag ich sie alle. Es gibt allerdings keine
Person, die mir wirklich wichtig ist.
Massen an Menschen hat es in seinem Leben bisher gegeben. Alle nett,
grundsätzlich. Es gibt Menschen, mit denen er sich sehr gerne unterhält. Das
sind im Allgemeinen diejenigen, über die er nicht sofort viel weiß. Menschen,
denen nichts entscheidend Großes und Wichtiges geschehen wird. Neutrale
Menschen, könnte man sagen. Gibt es neutrale Menschen? Für Ben gibt es sie und
sie sind sehr beruhigend, weil er kein Drama auf sie zukommen sieht. Auch keine
große Überraschung, und deshalb kann er sich mit ihnen unterhalten, ohne sich
verantwortlich zu fühlen.
Außerdem gibt es Menschen in Bens Welt, die lachen, wenn sie traurig sind, und
weinen, wenn sie sich freuen, und solche Menschen wollen nicht, dass man ihnen
auf die Schliche kommt. Niemand darf ihnen zu nah rücken und irgendwann, das
meint jedenfalls Ben, haben sie sich selbst irgendwo verloren und treiben durch
Partys und Geschäfte und Kneipen und bleiben überall nur kurz. Das ist spannend
für ihn, denn bei solchen Menschen ist alles so durcheinander, dass es lange
dauert, bis alles klar und deutlich erkennbar ist. Weil das dauert, sind
Menschen dieser Art manchmal für sehr lange Zeit Bens Freunde. Bis er weiß, was
passieren wird oder sie sich selbst gefunden haben beim Yoga oder
Ladendiebstahl, und dann nimmt Ben Ab-schied, denn in dem Moment ist es besser
zu gehen.
Ben ist eigentlich nur selten alleine, manchmal fühlt er sich einsam, aber so
schlimm ist das nicht.
Tja,
denkt Ben in diesem Zusammenhang.
Jetzt bald,
jetzt bald, lieber Ben, wird sich das ändern für dich. Jubele, freue dich. Es
wird besser.
Noch besser?
Noch besser.
Ben denkt dazu:
Na dann.
Jetzt rollt er sich auf die Seite, stützt den Kopf auf die Hand und bohrt den
Ellenbogen direkt neben der schwachen Osterglocke der Stadtverwaltung in die
Erde. Jetzt ist Frühling. Ein Gedanke von Ben. Der:
Lea-Gedanke.
Das Wissen in seinem Kopf benötigt eine Bezeichnung und diese scheint treffend.
Der Lea-Gedanke also passt gut zu dem Geruch des Frühlings in der Stadt. Noch
ist er nur zu ahnen.
Schon morgen wird es noch wärmer.
Das sagte der Wetterbericht. Die Mischung aus Erde, Blumenkolonnen,
Hundescheiße, Asphalt, Essen, Wasser vom Rinnsaal, Schweiß, Holz und Abgasen
wird sich in ein die Stadt durchziehendes Parfüm verwandeln. Aufdringlich und
lockend wird es sein, und die Menschen, die werden schon am nächsten Tag mit
einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht herumlaufen und sich verlieben. Und
dieses Jahr:
Oh weh.
Wird Ben mitmachen.
*
Es hat begonnen, rückt näher und wird dringender. Drüben, wenn hier hier ist und
dort dort und damit drüben, wird eine sehr kleine Frau zu einem in gewissen
Situationen überaus nützlichen Gegenstand. Als der winzige Mann das sieht,
bricht er in Tränen aus. Draußen pfeift außerdem der Wind und im Schloss wird
man unruhig. Er muss bald kommen. Er muss.
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