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Mein innerer Elvis
(Leseprobe aus: Mein innerer Elvis, Roman,
2010,
Schöffling&Co.).
Ich liebe Elvis. Er macht die beste Musik,
die ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Ich kenne Elvis aus dem Fernsehen,
wo eine Dokumentation über ihn lief. Am Anfang fand ich das ziemlich langweilig
und habe nur nicht umgeschaltet, weil ich eine Magengrippe hatte und mir bei
jeder Bewegung noch schlechter wurde. Ich habe einfach dagelegen und auf den
Fernseher gestarrt, den Mama mir eingeschaltet hatte, damit ich nicht so alleine
bin. Elvis wurde in der Dokumentation immer fetter, was von dem ganzen Alkohol
kam, den er getrunken hat. Das schwemmt auf, wie der Sprecher sagte. Außerdem
war er fresssüchtig und aß einmal zwanzig Hamburger vor einem Konzert, nur um
sie gleich wieder auszukotzen. Als ich das hörte, musste ich mich sofort zu der
Schüssel vor meinem Bett runterbeugen. In dem Moment habe ich plötzlich eine
tiefe Verbundenheit mit Elvis gespürt.
Als ich wieder hochschauen konnte, sagte der Sprecher »Elvis starb angeblich am
16. August 1977 an den Folgen seiner Tablettensucht.« Ich saß sofort aufrecht im
Bett. Am 16. August habe ich Geburtstag. Und dann sagte der Sprecher, dass Elvis
gar nicht gestorben ist, sondern seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um der Mafia
zu entkommen. Er war geheimer Agent der amerikanischen Kriminalbehörden und hat
als Lockvogel ein Geschäft mit der Mafia gemacht. Als die gemerkt haben, dass
Elvis gar kein Blödmann ist, dem sie das Geld aus der Tasche gezogen haben,
sondern ein Agent, der sie hochgehen lassen wird, wollten sie ihn aus dem Weg
räumen. Und da hat Elvis sich einen Tag bevor der Prozess gegen die Mafiatypen
losgehen sollte aus dem Staub gemacht. In der Dokumentation wurde ein Mann
gezeigt, mit grauen Haaren und Goldrandbrille. Er saß vor einer Bücherwand, und
vor seinem Bauch wurde eingeblendet Allan McMorren, international anerkannter
Graphologe. Der international anerkannte Graphologe lehnte sich in seinem
Schreibtischstuhl zurück, hielt einen Kugelschreiber in der Hand, sah in die
Kamera und sagte »aus graphologischer Sicht steht zweifelsfrei fest, dass Elvis
seinen Totenschein selbst ausgefüllt hat.« Das fand ich ziemlich unheimlich,
aber gleichzeitig auch irgendwie gut. Ist nur konsequent, dass, wenn Elvis
seinen eigenen Tod vortäuscht, er auch den Totenschein selbst ausfüllt. Elvis
hat auch viele Zeichen hinterlassen für die Leute, die sie zu lesen im Stande
sind, sagte der Sprecher. Zum Beispiel steht auf seinem Grabstein Elvis Aaron
Presley mit zwei A im Aaron und nicht mit einem, so wie Elvis seinen zweiten
Namen eigentlich geschrieben hat. Das soll den wahren Fans zeigen, dass Elvis in
dem Grab eigentlich gar nicht drin liegt. Genial, das den Leuten durch einen
Rechtschreibfehler mitzuteilen. Dann habe ich eine Weile von der Dokumentation
nichts mitbekommen, weil ich damit beschäftigt war zu überlegen, welchen
Buchstaben ich auf meinem Grab einfügen oder weglassen könnte, wenn ich später
mal meinen Tod vortäusche. Aber ob ich meinen Tod fake oder wirklich abkratze,
ist den meisten Leuten wahrscheinlich eh egal. Und wenn ich auf meinen Grabstein
»Anje« oder »Atje« schreibe, denken die Leute bei meinem Glück nicht, dass ich
da gar nicht drin liege, sondern dass ich ’ne Leserechtschreibschwäche hatte.
Als ich dann wieder zugehört habe, war in der Dokumentation eine Frau, die
behauptete, Elvis hätte sie angerufen und ihr gesagt, dass er ein
zurückgezogenes Leben in Michigan führt. Und dass besondere Leute, die zu seinem
dreißigsten Todestag nach Graceland kommen, ihn vielleicht zu sehen bekommen
werden. Damit meint er mich.
Rezension I Buchbestellung I home IV10 LYRIKwelt © Schöffling&Co.