Christina Scheck

Was ein Baum wert ist

Vor meinem Fenster in bemooster Wiese,
Steht ein immergrüner Riese.
Nächste Woche wird die Fichte schon gefällt,
Machtlos dagegen der, dem’s nicht gefällt.

Obschon sehr hoch und gut gewachsen,
Dekaden brauchte, um zu wachsen,
Beansprucht der stolze Nadelbaum,
Offensichtlich wenig Raum.

Ich hegte nie die Befürchtung, er könne knicken,
Wenn er mit herausforderndem Nicken,
Seufzend und sich schüttelnd, Sturmböen besiegte.
Mochte es aber, wie sich sein Wipfel sanft im Winde wiegte.

Im Sommer sassen in seinem Schatten Gäste
Und seine ausladenden Äste,
Verströmten würzigen Wohlgeruch.
Dahinter versteckt, las ich manch gutes Buch.

Unter spitzen Nadelzweigen lagen
An sehr heissen Tagen,
Schlafende Katzen, gut verborgen
Und fühlten sich hier kühl geborgen.

Die Rottanne hat viel Besuch erhalten,
Von Singvögeln aller Arten,
Die munter hüpfend vom Zweige springen,
Frühmorgens schon, ihr Jubilate singen.

Wie sehr ich doch stets den Duft genoss,
Von jungem, frischem Tannenschoss,
Wenn ich nach einem Regentag,
Aus dem Haus ins Freie trat.

Besonders schön erstrahlte meine Fichte,
Im weissen Winterkleid;
Doch geheimnisvoll und festlich im Lichte,
Zur Weihnachtszeit.

Mein Tannenbaum, du wunderbare Konifere,
Mich vergeblich für dich wehre;
Ich kann es nicht verhehlen,
Du wirst mir unglaublich fehlen!

Noch weitere Bäume sollen mit dir weichen,
Die angeblich nah ans Haus hinreichen.
Ich aber werde dem Trauerspiel nicht frönen,
Wenn die Kettensägen dröhnen!

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