Der König von Helsinki von Roman Schatz, 2008, Eichborn

Roman Schatz

1. Alles Fotzen, außer Mama!*
(Leseprobe aus:
Der König von Helsinki, Roman, 2008, Eichborn).

Wie für fast alle Männer, so war auch für mich meine Mutter
die First Lady, meine erste Frau. Ich kann mich noch lebhaft
daran erinnern, wie mich ihre Wehen unerbittlich von dem
wunderbaren, warmen und sicheren Ort vertrieben, an den
ich seither wie fast alle Männer unermüdlich zurückzukehren
versuche und dessentwegen ich mich wie auch die meisten
anderen Männer hunderte Male zum kompletten Vollidioten
gemacht habe.
Ich war ein großes, dickes Baby und gab meiner Mutter
kein Pardon. Als ich schon halb draußen war und noch halb
drinnen, schrie sie wie ein abgestochenes Schwein, und das
Einzige, was sie wollte, war sterben, um endlich den unerträglichen
Schmerz loszuwerden. An mich dachte sie zu diesem
Zeitpunkt überhaupt nicht, aber das sei ihr verziehen. Eine
Entbindung ist schließlich eine Situation, in der man von
einer Frau nicht allzu viel Rücksicht auf ihr soziales Umfeld
verlangen kann.
Ein Granitbusen in weißem Kittel wischte mir den blutigen
Schleim aus den Augen, und ich sah Licht. Über mir baumelte
träge die gelbliche Leuchtröhre eines katholischen Provinzkrankenhauses
irgendwo in Süddeutschland. »Jetzt geht's
los!«, dachte ich. »Hier komme ich, Welt, bist du bereit?«
Um ehrlich zu sein, war der Beginn meines Lebens ziemlich
mies. Mama und ich hatten es uns zur Gewohnheit gemacht,
während der gesamten Schwangerschaft eine Packung
HB am Tag zu rauchen. Hätte ich sprechen können, meine
ersten Worte wären gewesen: »Gebt mir �ne Kippe, zum Teufel!«
Meine Mutter durfte nach ihrer femininen Heldentat auf
dem Kindbett rauchen (ein Hoch auf die Sechzigerjahre!).
Nach der Zigarette danach schlief sie umgehend glücklich und
erschöpft ein. Ich wurde gewaschen, gewogen und geimpft,
aber zu rauchen gab es nichts. Der Arzt lobte meine Maße,
meine Kopfform und meine Hautfarbe, dann verschwand er
und ließ mich den ersten Tag meines irdischen Lebens mit
schweren Entzugserscheinungen verbringen. Schwitzende
Handflächen, Konzentrationsstörungen und existenzieller
Groll — ich kenne sie alle seit meiner ersten Minute.
Andererseits bin ich meiner Mutter dankbar dafür, dass sie
Kette rauchte. Die Babys von rauchenden Müttern bleiben bekanntlich
kleinwüchsig, und so hörte aufgrund von Mamas
kleinem Laster auch bei mir das Längenwachstum nach einem
Meter und 95 Zentimetern auf. Wenn sie nicht geraucht hätte,
wäre ich bestimmt ein Monster von drei Metern geworden.
1,95 ist eine richtig gute Länge für einen Mann: deutlich größer
als die anderen, aber noch nicht entstellt. Überlänge hat
viele Vorteile: Man braucht sich nicht oft zu prügeln, man
braucht keinen Herzinfarkt vorzutäuschen, um Aufmerksamkeit
zu erregen, und es ist bedeutend einfacher, Frauen zu kriegen.
Es ist wohl wahr, dass große Männer deutlich jünger sterben,
aber dafür leben wir auch auf höherem Niveau, ohne
Napoleonkomplex und ohne verzweifeltes Kompensieren. Es
hat auf der Welt nicht viele groß gewachsene Diktatoren gegeben.
Wir wirklich Großen haben Besseres zu tun, als andere zu
unterdrücken.
Dankbar bin ich meiner Mutter auch für die Verachtung,
die sie gegenüber Ordnung und Pünktlichkeit aufrechterhielt.
Man hatte sie am Freitagvormittag ins Krankenhaus eingeliefert.
Das Personal hängte sie unverzüglich an den Tropf und
versuchte, die Geburt einzuleiten, denn wenn es gelänge, mich
während der Dienstzeit der Freitags-Tagschicht das Licht der
Welt erblicken zu lassen, käme das bedeutend billiger. Am
Wochenende kosteten alle medizinischen Maßnahmen das
Doppelte. Meine Mutter zuckte nicht einmal mit der Wimper,
als man ihr die dreifache Dosis Beschleunigungsmedizin in
die Venen pumpte. Sie presste ihre hübschen, katholischen
Knie zusammen und gab erst nach 48 Stunden nach.
So wurde ich also ein waschechtes Sonntagskind. Und so
eins bin ich noch immer, fast einmal wöchentlich.

* Provisorische Gedenktafel in der Herrentoilette des Wiener Sigmund-Freud-Museums

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