Die dunkle Seite
der Liebe
(Leseprobe aus: Die dunkle
Seite der Liebe, 2004, Hanser)
Ein
warmer Wind fegte von Süden über die Ibn-Assaker-Straße. Der Tag hatte seine
graue Maske noch nicht abgestreift. Hinter der Altstadtmauer erwachte Damaskus
unwillig wie ein verwöhntes Mädchen.
Die ersten Busse und kleinen Transporter fuhren mit höllischem Lärm über die
lange Straße. Sie transportierten Hilfsarbeiter aus den umliegenden Dörfern zu
den vielen Baustellen im neuen Stadtviertel. Einer der Bauarbeiter, ein Mann von
kleiner Statur, lief am Straßenrand auf und ab, von Bab Kisan, dem Eingang der
Buloskapelle, ein Stück Richtung Osttor und wieder zurück. Er wartete auf
seinen Bus. In der linken Hand trug er wie alle Arbeiter aus dem bäuerlichen
Umland sein Proviantbündel aus verblichenem blauem Stoff. Mit der rechten
gestikulierte er heftig, als ob er auf einen unsichtbaren Gesprächspartner
einreden würde. Die Schleife, die er ging, wurde immer länger, als wünschte
er, dass der Bus bei der nächsten Kehrtwende auftauchte.
Gerade als die Sonne die oberste Kante der alten Stadtmauer golden erleuchtete,
drehte er sich wieder um. Dabei richtete er die Augen kurz nach Süden. Sein
Blick fiel auf den großen Korb, der über dem Eingang der Buloskapelle hing,
dem Ort, wo der Legende nach der geläuterte Kirchengründer Bulos nach seinem
Damaskus-Erlebnis in einem Korb seinen Häschern über die Mauer entkam.
Aus dem immer noch im Schatten hängenden Korb reckte sich eine Hand, als gehörte
sie einem Ertrinkenden. Noch im selben Moment wusste der Bauarbeiter, dass der
Mann, dem diese Hand gehörte, tot war. Auf einmal wurde ihm alles andere
gleichgültig: der Bus, die Fliesen, die er auf seinem Rücken drei Treppen hoch
schleppen musste, und sogar der Streit mit seinem geizigen Meister.
»Da ist ein Toter im Korb!«, schrie er vor Aufregung, und als endlich ein
Polizist vorbeikam, der verschlafen zu seinem Revier am Osttor radelte, wandte
er sich so heftig an ihn, dass der beleibte Beamte nur mühsam das Gleichgewicht
hielt. Entsetzen überzog das Gesicht des Polizisten, als der kleine Mann wie
von Sinnen an seiner Lenkstange rüttelte und unentwegt wiederholte: »Ein
Toter! Ein Toter!«
Ein Verrückter, dachte der Polizist. Widerwillig wandte er den Blick zu der
Stelle, auf die der Arbeiter ständig deutete, und sah den inzwischen ganz ins
Morgenlicht getauchten großen Korb.
»Was für ein Toter? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mein Rad los!« Er
hatte in seinen dreißig Dienstjahren überall Tote gesehen: im Bett, im Kanal
und sogar erhängt auf einer Toilette, aber noch nie in einem Korb über der
Stadtmauer. »Beruhigen Sie sich!«, versuchte er auf den Mann einzureden. »Da
ist kein Toter. Die Christen feiern nur die Erinnerung an ihren Apostel Bulos,
der hier an dieser Stelle floh.« Und er beäugte noch einmal den Korb, der
schon seit Wochen über dem Tor hing.
Doch statt in den Bus einzusteigen, der endlich kam, ereiferte sich der
Bauarbeiter weiter. Er klammerte sich an das Fahrrad des Polizisten. »Und ich
sage Ihnen, da liegt ein Toter drin«, brüllte er heiser.
Der Busfahrer, der neugierig geworden war, schaltete den Motor ab und stieg aus
dem Wagen. Ihm folgten mehrere Fahrgäste. Alle umringten den Polizisten und
bestärkten ihren Kollegen in seiner Vermutung.
Endlich lenkte der Polizist ein und versprach, die Kriminalpolizei zu verständigen,
doch zugleich bestand er darauf, den Mann, der ihm den Morgen verdorben hatte,
als Zeugen zu benennen. Er schrieb die Personalien auf und ermahnte ihn, sich
jederzeit zur Verfügung zu halten. Dann radelte er weiter. Auch der Busfahrer
setzte seine Fahrt gen Norden fort.
Rezension I Buchbestellung IV04 LYRIKwelt © Hanser