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Johannes
(Leseprobe aus: Johannes, Roman
einer Jugend, 2005, Nagel
& Kimche, Nachwort von Peter Hamm)
Geboren bin ich, Johannes Schattenhold, im dunkelsten Monat das Jahres – am
14. November 1875 – in Basel, und zwar in derselben Straße, in der auch J. P.
Hebel das unbeständige Licht dieser Welt erblickt hat, er als der Sohn von zwei
kleinen Leuten, die einem malenden Basler Patrizier als Taglöhner dienten, ich
als erstes Kind eines Gärtners, der ebenfalls bei einem Basler Patrizier
angestellt war. Meinen Antrittschrei tat ich im Spital. Damals mochte mein Vater
dreiunddreißig, und meine Mutter gegen sechsundzwanzig alt sein. Mein
schlafendes Leben wurde zum erstenmal geweckt von einem Hagelwetter, das über
die Gegend niederging. Ich sah aus dem Fenster der Wohnstube, wie die Schloßen
niedersausten, das grüne Laub von den Bäumen sank, unreifes Obst zur Erde
fiel, und das Gemüse zerhackt liegen blieb. In der Stube war es dunkel; draußen
herrschte ein kaltes, sehr fremdes Zwielicht, durch das mein Vater den Gartenweg
hinauflief, um die Rolläden über die schrägen Fenster des Treibhauses
herunterzulassen; er hatte zum Schutz gegen die Schloßen die Jacke über den
Kopf gezogen. Meine Mutter schlug auf der anderen Seite des Hauses die Läden
zu. Später trat sie in das Zimmer, in dem ich mich aufhielt, aber ich drehte
mich nicht nach ihr um; sie bekümmerte sich auch nicht um mich, und ich kann
nicht sagen, was sie tat. Meine Stimmung war sehr ernst und aufmerksam, und eine
tiefe, furchtbewegte, ehrfürchtige Andacht erfüllte mich gegenüber der
Erscheinung, die ich später als die Natur kennen lernte, und als das Geschick,
das uns darin beschieden ist. Als das Unwetter vorbei war, durfte ich hinaus.
Der Hagel bedeckte handhoch alle Wege und Beete. Dazwischen lagen abgeschlagene
Zweige und kleine Äste, auch tote Vögel fand ich. In einiger Entfernung sah
ich meinen Vater langsam die Gartenbreite durchschreiten, aber ich wagte mich
nicht zu ihm, weil mir seine Haltung die Vermutung eingab, daß er sehr traurig
sei. In diesem Moment verehrte ich auch ihn tief und voll unaussprechlichen
Verständnisses. Ich sah ihm nach, bis er hinter Büschen und Bäumen
verschwunden war; dann dachte ich an die Mutter, die ich im Haus wußte, und ich
hatte die Regung, mit diesem Gefühl zu ihr zu gehen; doch gehorchte ich ihm
nicht, sondern setzte meinen einsamen Umgang ganz im Geist des Vaters durch den
zerstörten Garten fort. Damals mochte ich etwa drei Jahre alt sein.
Rezension I Buchbestellung I home IV05 LYRIKwelt © Nagel&Kimche