Wie ich loszog, den Turm zu
erforschen
(Leseprobe aus: Die Entführung der Welt, 2000, Hanser-Verlag)
Wie ich loszog, den Turm zu
erforschen
A ngefangen hatte alles mit dem Turm. Bei dem hatte ich schon oft gespielt, allein oder
mit andern. Ein paar Mal waren wir auch mit der Klasse dort. Der Turm war schon immer
abgeschlossen. Das war einfach so.
Aber dann, plötzlich, wollte ich doch wissen, was in dem Turm drin war. Wo ich nun einmal
nichts lieber tue als Dinge erforschen und Neues entdecken.
Mein Leiterwagen steht immer gepackt bereit. Da
ist alles drauf, was ich zum Forschen und Entdecken brauche.
So bin ich an einem schulfreien Nachmittag mit dem schweren Leiterwagen losgezogen. Wie
immer hatte ich niemandem verraten, was ich vorhatte. Auch Papa nicht. Papa hatte ich an
diesem Tag überhaupt noch nicht zu Gesicht gekriegt, weil es in der Redaktion mal wieder
schrecklich viel zu tun gab.
"Die Arbeit frisst ihn noch auf", hatte Mama immer gesagt, als sie noch mit uns
zusammen war. Dann verließ sie mich und Papa und zog in eine andere Stadt. In die Stadt,
in der auch meine Tante Lilli wohnt, ihre Schwester. Da lebt sie jetzt ganz allein und
arbeitet wieder in ihrem Beruf als Biologin. Wenn ich am Wochenende bei ihr bin, habe ich
mein eigenes Zimmer. Das ist nur für mich reserviert.
Alles ist nicht mehr so schön wie vorher, als wir
noch zu dritt waren, aber sonst ganz okay. Weil Papa nicht viel zu Hause ist, kann ich tun
und lassen, was
ich will.
Papa hat nichts dagegen, wenn ich zum Forschen losziehe. Er selbst hat mir einen großen
Teil meiner Ausrüstung geschenkt. Nach und nach. Er findet es gut, dass ich so
selbstständig und neugierig bin und alles wissen will. Ja, Lena, du bist schließlich
meine Tochter, sagt er.
Immer bevor ich losgehe, ziehe ich meinen Forscheranzug an. Das ist ein Overall, der sehr
praktisch ist, weil er viele Taschen hat und weil ich ihn schmutzig machen kann, wie ich
will. Und ich sehe die Liste mit den Sachen durch, die auf den Leiterwagen gehören. Damit
ich nichts vergesse.
Ich hab also an dem Tag den Leiterwagen von zu Hause weg bis zur Schule gezogen. Dann quer
über den Pausenplatz und weiter, an den Schrebergärten vorbei. Und noch weiter, wo kein
Haus mehr steht. Da gibt's nur noch Felder und dahinter den Wald.
Endlich hatte ich den schweren Leiterwagen aus der Stadt raus und über den Feldweg zum
Turm hin geschafft. Ich hab dafür ziemlich lange gebraucht. Als ich ankam, musste ich
mich zuerst etwas ausruhen. Besonders die Arme taten mir weh.
Es standen sehr viele Wolken am Himmel. Zum Glück regnete es nicht.
Die Tür vom Turm war natürlich verschlossen wie immer. Ich hatte nichts anderes
erwartet. Doch diesmal hatte ich ja mein Werkzeug dabei.
Damit versuchte ich die Tür zu öffnen. Ich probierte wirklich alles. Ich nahm Hammer und
Meißel, Feile und Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten und versuchte es damit. Und auch
mit dem Stemmeisen. Trotzdem ließ sich die Tür nicht öffnen. Ich hätte jetzt noch ganz
anderes gebraucht. Eine Axt zum Beispiel. Oder sogar ein bisschen Dynamit. Die Tür war
nämlich ziemlich dick und das Schloss alt und eingerostet. Es war bestimmt schon mehr als
hundert Jahre nicht mehr geöffnet worden.
Natürlich gab ich nicht auf. Ich wollte in den Turm rein! Ich hatte den schweren
Leiterwagen doch nicht so weit gezogen, um jetzt einfach wieder umzukehren. Es musste eine
Möglichkeit geben!
Rezension 0I02 LYRIKwelt © Hanser