Michel Schäfer

Konsum

1

Ich kaufe mir die Stammbaumrinde
Ich kaufe die Kasteiungsstriemen
Ich kauf' mir euren Anspruch ab
Ich kaufe mir die Todesahnung
Strom sparend zu überwintern;

Ich kauf' mir einen strammen Hintern
Kaufe ein Nackengelenk, das nickt
Ich kauf' mir Kraft, den Mund zu halten
Ich kauf' mir ein gezuckertes Dessert
Mich im Edelstahllöffel zu spiegeln;

Ich kauf's Gestöhn unter Stadtkernziegeln
Kauf's Rückgrat einer Vogelscheuche
Ich kaufe ein Rezept für Heimat
Ich kauf' mir ein Stück Frohnatur
Als Spielplatz fürs Gewissen;

Ein Selbstbild, nichts zu vermissen
Kauf' mir grammweise Glaubwürdigkeit
Kaufe mir ein Paradiesimitat
Kauf' mir ein Paar Kriegerstiefel
Um für Freiheit zu marschieren;

Kauf' Gipstücher fürs Eregieren
Kaufe ein Schwarz-Weiß-Kaleidoskop
Ich kauf' mir sechs Liter Jungbrunnensud
Ich kauf' die Hoffnung einer Frühgeburt
Fürs Spalier der schwatzhaften Flut.

2

Ich nehme mir Gewächshausschweiß
Ich nehm' elf Meter Bürgersteig
Ich nehm' mir eine Clownsgestalt
Nehm' eure Gesten auf Tonband auf
Für einen Stummfilm über Asphalt;

Ich nehm' die Scheuklappenmaske
Ich nehme mir Intensität
Nehme eure Gesetze aus
Ich nehm' vom Gleichschrittdenken
Das Echo für mein Sterbehaus;

Ich nehme nur die lauten Scherze
Ich nehm' die handbreit Gras als Bett
Nehm' von Anstand täglich dreizehn Tropfen
Nehme der Schwerkraft nur den Kopf
Um ihn mit Leichtsinn vollzustopfen.

3

Ich klau' mir eine Blitzableitung
Klaue den Humor einer Autobahn
Klau' mir Lagerhallencharakter
Ich klaue der Besessenheit
Den faulen Weisheitszahn;

Ich klau' mir vom Wundbrand Asche
Ich klau' dem Akrobaten den Sturz
Klaue die Iris der guten Absicht
Ich klaue dem Geburtsspektakel
Den ersten feuchten Furz;

Ich klau' mir Setzkastengewalt
Klau' zweihundert Stunden Animation
Klau' meinem Urin ein Hoheitsgewässer
Ich klaue jeder Überlegenheit
Eine Decke für meinen Thron.

4

Ich will den Überholspurtanz
Will tausend Sternschnuppenkopien
Ich will Wolkenkratzerspitzen
Nur wenn Gewitter drüberziehen;

Ich will von euch ein Lotterieasyl
Will von Erinnerung nur eine Milbe
Ich will von der Unsterblichkeit
Wenigstens die erste Silbe;

Ich will Fütterverbot fürs Schicksal
Für jedes Versprechen einen Locher
Ich will vom dunklen Kirchgebälk
Für mein Gebiss zwölf Stocher;

Will den Januskopf gegen Sprachlosigkeit
Die Karriereleiter unter Strom
Von Gott will ich ein eignes Rom
& den Altar zum Opfern von Zeit.

5

Ich krieg' Schüttellähmung, um Balance zu halten
Ich krieg' den Orden für Vergeblichkeit
Kriege den Stempel meiner Existenz
Auf regennassem Pauspapier;

Krieg' ein Unterweltquartier
Ich krieg' Enttäuschung der Konsequenz
Krieg' noch in den Kerker der Geborgenheit
Trocken Brot, auf Fernschienen gespalten;

Krieg' ein Stück Vaterland in Aspik
Krieg' die Vollmacht zum Selbstverzehr
Das Fegefeuerpanorama als Puzzle
& krieg' noch viel mehr Schlachtgestank
& krieg' noch mehr als Hautausschlag
& Alltäglichkeit als Erntedank
& Füße gewaschen mit Benzin
& krieg' mit der Axt den Ritterschlag
& ich krieg' Hierarchie für einen Tag
& kriege Euphorie in Raten
& die Agonie zum Runterkippen
& von euch krieg' ich noch den Spaten
um den ganzen Dreck in die Sanduhr zu schippen.

(1994/2004)

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