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Wir vier
Nichts – nur das Sirren des Windes in den Kiefern hinter
dem Grundstück. Das Bett neben ihr war leer, und Lothars
Decke bildete im Mondlicht einen bizarren Hügel, als sei
sie wütend zurückgeschlagen worden. Ruth stützte sich
auf. Sie sah sein Hemd über der Stuhllehne, auf der Sitzfläche
die Zeitschrift, in der er geblättert hatte, als sie am
Abend ins Zimmer gekommen war. Sie lauschte in die Stille
hinein. Es dauerte, bis sie etwas vernahm, Schritte von unten
aus der Küche und, kaum wahrnehmbar, Scheppern von
Geschirr. Klirrende Flaschen in der Kühlschranktür. Dann,
wesentlich lauter, ein Rumpeln aus dem Flur. Er trug die
Schuhe, mit denen er im Garten arbeitete. Ihr aufgestützter
Arm begann zu zittern, während sie hörte, wie ihrMann die
Kellertreppe hinunterstieg. In den letzten Monaten war es
vorgekommen, dass er mitten in der Nacht Löcher für neue
Rosenstöcke ausgehoben hatte, und bei der Vorstellung,
dass er gleich die bemoosten Stufen zur hinteren Terrasse
hinaufstapfen und im gelblichen Licht der Ballonlampen
seinen Spaten in die Erde stoßen könnte, presste sie kurz
die Augen zusammen und drehte sich ruckartig zur Tür, um
das Bild zu vertreiben. Da stand er, in Boxershorts, und sah
zu ihr hin. Sie brachte keinWort heraus.
»Hab ich dich geweckt?«
»Ich dachte, du bist unten«, flüsterte sie und sank erleichtert
ins Kissen zurück. Baumschatten huschten über
die Dachschräge. Gestern hatte sie einen Spaziergang unternommen,
während er über seinen großformatigen Bögen
brütete. Der Wald war menschenleer gewesen, der Sand am
Ufer der Kiesgrube hatte im Abendlicht geleuchtet wie
Schnee. Und auf dem Weg zurück war sie so ruhig geworden,
dass ihre Schritte jede Anstrengung verloren. Lothar
stand noch immer in der Tür. Sein Körper wirkte massiger
als sonst, der harte Zug um seinen Mund war fort, doch die
Arme standen ab wie unter Spannung.
»Bist du schon lange wach?«, fragte sie. Er erwiderte
nichts. »Alles in Ordnung?«
»Zu viele Zeichnungen im Kopf«, sagte er.
So weit sie es überblickte, hatte er seine Pläne kurzfristig
über den Haufen geworfen. Statt Gebäude für Unterrichtsräume
undWerkstatt wollte er nur noch einen kleinenHangar
auf das Gelände setzen. Sie wartete darauf, dass er ins
Zimmer trat oder weitersprach, aber er blieb, wo er war, als
hielte ihn etwas zurück. Schließlich sagte sie:
»Mein Fuchs war wieder da.«
Lothar kam nicht näher, lehnte sich aber an den Türrahmen
und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie konnte
seine verschatteten Augen nicht erkennen, doch ein erwartungsvoller
Ausdruck lag auf seinen Zügen. Sie wusste, dass
er ihren Fuchs mochte, obwohl er ihm auf seinen Spaziergängen
nie begegnete.
»Erst hab ich wieder das Knacken im Gehölz gehört«,
sagte sie. »Dann brach er durchs Gebüsch und trabte zehn
Meter vor mir her. Ich hab gehofft, er würde mich bis zur
Holzbrücke begleiten, doch plötzlich blieb er stehen, hob
die Schnauze und war – zack – wieder im Unterholz verschwunden.
« Sie meinte etwas wie Enttäuschung in Lothars
Gesicht auszumachen. Keine zögernde Annäherung, kein
Umeinanderstreichen, dieses Mal gab es von keinem Tanz
zwischen dem Tier und seiner leise flüsternden Frau zu berichten.
»Ich dachte, ein anderer Spaziergänger auf dem
Weg nach Blumenhagen hat ihn verschreckt, aber als ich zur
Gabelung kam, war weit und breit niemand zu sehen. Da
lag nur ein Heft, aufgeschlagen, genau in der Mitte des Weges.
«
»Was für ein Heft?«
Die scharfen Linien hatten sich wieder in seine Wangen
gegraben. Sie saß aufrecht, ein Kissen im Rücken, und während
sie Lothar ansah, wusste sie schützend das Haus um
sich – der leere Raum bis zu den Dachbalken, die Abgeschlossenheit
der Zimmer, die Weite des Wohnbereichs unter
ihnen –, ein verwinkeltes Gehäuse, in dem sie sicher war.
»Ein Heft mit Bildern«, sagte sie. »Ein blutüberströmter
Körper mit verdrehten Gliedern, neben dem eine Autotür
auf der Straße lag. Ein verbogenes Stück Leitplanke ragte in
den Himmel. Und weißt du, was die nächste Seite zeigte?«
»Du hast das Heft aufgehoben?«, fragte er ungläubig.
»Ich hab mit dem Fuß geblättert. Die Überreste eines
Busses, in dem offenbar gerade eine Bombe hochgegangen
war. Und dann war da noch ein gefesselter Mann, auf einer
ganzen Doppelseite, Mund und Augen mit Klebeband verschlossen,
neben seinem Gesicht ein Gewehrkolben.« Sie
füllte ihren Bauch mit Luft. »Das ganze Heft bestand aus
Gewaltbildern. Jemand muss es dort hingelegt haben, um
Spaziergänger zu erschrecken.«
Sie spürte seinen forschenden Blick.
»Was hättest du an meiner Stelle gemacht?«, fragte sie.
»Was? Nichts natürlich. Ich wäre weitergegangen. Vielleicht
hätte ich es auch in den Graben getreten und mit
Laub bedeckt, damit kein Kind es findet.«
Auch ihre erste Reaktion war gewesen: Weitergehen. Ignorieren.
Doch dann war ihr die neugierige Abscheu desjenigen
eingefallen, der das Heft als Nächstes finden würde,
wenn sie es nicht aus demWeg schaffte.
»Das habe ich auch gemacht«, sagte sie. »Ich habe es mit
der Schuhspitze zur Seite befördert und Erde drübergeschoben.
Aber dann dachte ich: Was ist, wenn ich beobachtet
werde? Wenn einer von diesen Spannern, die tagsüber
um die Kiesgrube schleichen, im Gebüsch hockt und jeden
meiner Schritte verfolgt? Er könnte warten, bis ich weg
wäre, und das Heft wieder hinlegen.«
»Du hast es angefasst!«
»Ich habe ein Blatt gesucht und es damit aufgehoben,
und dann habe ich das Heft mitgenommen und entsorgt.«
Bei dem Gedanken an ihre Tat ergriff Ruth wieder das
gestrige Hochgefühl, das umso erhebender gewesen war,
weil sie es nicht erwartet hatte. Unschlüssig hatte sie auf
das Häuflein Erde gestarrt, unter dem die zerknitterte Ecke
des Heftes herausschaute. Entfernt war das Rauschen der
Autobahn zu hören gewesen. Sie hatte keine Angst, aber ihr
Herz pochte. Sie nahm ein Blatt vom Boden, zog das Heft
mit spitzen Fingern unter dem Sand hervor und rollte es zusammen,
peinlich darauf bedacht, das Papier nicht direkt zu
berühren. Sobald sie die Rolle zwischen Daumen und Zeigefinger
hielt, war der Schauder verschwunden. Und niemand
hatte sie verfolgt.
Sie strich Lothars Decke glatt, ließ die Hand darauf liegen
und sah ihren Mann an – doch Lothar reagierte nicht.
»Was heißt entsorgt?«
»Ich habe es verbrannt.«
»Verbrannt?«
»Ich habe es in der Küchenspüle verbrannt.«
»Du hast diesen Dreck ins Haus gebracht?«
»Ich wollte es nicht wegschmeißen, ich wollte, dass es
sich auflöst, dass es verschwindet, und weil ich keine
Streichhölzer dabei hatte, musste ich es mitbringen.«
»Du stehst in der Küche und verbrennst ein Heft, das du
aus dem Wald mitbringst? Das irgendein Perverser ausgelegt
hat?«
»Genau«, sagte sie trotzig.
Lothars Augen schimmerten angriffslustig. Er würde
sich auf jedes ihrer Worte stürzen, aber da sie schwieg,
schüttelte er nach einer Weile nur den Kopf und ging ins
Badezimmer. Sie hörte, wie der Strahl insWaschbecken traf,
wie Lothar schnaubte und sichWasser ins Gesicht schaufelte.
Sie hatte in der Küche gestanden und dabei zugesehen,
wie die Glut sich durch das beschichtete Papier gefressen
hatte. Vier Streichhölzer hatte sie entzünden müssen, bis
auch der letzte bedruckte Rest zu weißlicher Asche geworden
war, die an ihrer Haut klebte, als sie mit dem Finger
hindurchfuhr. Als Lothar wieder in die Tür trat, schien sein
Ärger verschwunden. Ein undefinierbares Lächeln lag auf
seinem Gesicht, er hielt ihr ein Glas mit Wasser hin. Dann
machte er die paar Schritte zu ihr, setzte sich auf die Matratze,
reichte es ihr und beobachtete zufrieden, wie sie
trank.
»Warum hast du mir gestern Abend nichts davon gesagt?
«, fragte er, nachdem sie das Glas auf den Nachttisch
gestellt hatte.
»Es hat mich glücklich gemacht. Du hättest dich nur aufgeregt.
«
Er sah sie an. Dann wandte er sich zum Fenster. Sein
drahtiges Haar hatte sich in all den Jahren kaum verändert,
war weder grau geworden noch zurückgegangen. Er trug es
noch immer kurz, so dass es energiegeladen vom Kopf stand
und ihm etwas Altersloses gab, doch jetzt, im Halbdunkel,
wirkte sein Schädel wie eine Last. Er wollte am Vormittag
einen der Grundstückserben im Odenwald treffen, wo er
während seiner ausgedehnten Fahrten ein Gelände entdeckt
hatte, ideal für einen Segelflugplatz: auf einer terrassenartigen
Fläche am Rande eines Berges gelegen, hoch über einer
Ebene. Ein Schild, von der Serpentinenstraße aus leicht zu
übersehen, hatte in fahrig hingeschriebenen Lettern darauf
hingewiesen, dass es zum Verkauf stand, was – wie sich herausgestellt
hatte – nicht ganz stimmte. Denn von den drei
Brüdern der Erbengemeinschaft waren bisher nur zwei gewillt,
sich von ihrem Besitz zu trennen.
»Was machst du, wenn er nicht verkaufen will?«, fragte
sie.
Seine Züge blieben unbewegt, und sie bereute, so abrupt
das Thema gewechselt zu haben, doch dann huschte ein triumphierendes
Lächeln über seine Lippen, seine Augen verengten
sich, Lothars ganzer Körper schien plötzlich alar-
miert, obwohl er die Haltung kaum verändert hatte; allein
sein flacher Atem und die Entschlossenheit des nach innen
gerichteten Blicks zeigten seine Sprungbereitschaft an, seine
Piratenkraft, und sie war von dieser Wandlung auch dieses
Mal überrascht. Sie schob ihre Zehen unter der Decke hervor,
schabte mit dem Ballen über die Tapete. Er betrachtete
ihren Fuß.
»Er wird verkaufen«, sagte er, während er mit einer ruhigen
Bewegung, die ihr Bein bis zum Schenkel entblößte, die
Decke zurückschlug. Er nahm ihre Ferse in die Hand,
wiegte sie wie einen Gegenstand und legte die andere Hand
um ihren Spann, so dass ihr Fuß umschlossen war von einem
pulsierenden warmen Verband, dessen Druck sich als
Strom bis in ihre Leiste zog. »Er wird verkaufen«, wiederholte
er.
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