Wir vier von Andreas Schäfer, 2010, DuMont

Andreas Schäfer

Wir vier
(Leseprobe aus: Wir vier, Roman, 2009, DuMont).

Nichts – nur das Sirren des Windes in den Kiefern hinter

dem Grundstück. Das Bett neben ihr war leer, und Lothars

Decke bildete im Mondlicht einen bizarren Hügel, als sei

sie wütend zurückgeschlagen worden. Ruth stützte sich

auf. Sie sah sein Hemd über der Stuhllehne, auf der Sitzfläche

die Zeitschrift, in der er geblättert hatte, als sie am

Abend ins Zimmer gekommen war. Sie lauschte in die Stille

hinein. Es dauerte, bis sie etwas vernahm, Schritte von unten

aus der Küche und, kaum wahrnehmbar, Scheppern von

Geschirr. Klirrende Flaschen in der Kühlschranktür. Dann,

wesentlich lauter, ein Rumpeln aus dem Flur. Er trug die

Schuhe, mit denen er im Garten arbeitete. Ihr aufgestützter

Arm begann zu zittern, während sie hörte, wie ihrMann die

Kellertreppe hinunterstieg. In den letzten Monaten war es

vorgekommen, dass er mitten in der Nacht Löcher für neue

Rosenstöcke ausgehoben hatte, und bei der Vorstellung,

dass er gleich die bemoosten Stufen zur hinteren Terrasse

hinaufstapfen und im gelblichen Licht der Ballonlampen

seinen Spaten in die Erde stoßen könnte, presste sie kurz

die Augen zusammen und drehte sich ruckartig zur Tür, um

das Bild zu vertreiben. Da stand er, in Boxershorts, und sah

zu ihr hin. Sie brachte keinWort heraus.

»Hab ich dich geweckt?«

»Ich dachte, du bist unten«, flüsterte sie und sank erleichtert

ins Kissen zurück. Baumschatten huschten über

die Dachschräge. Gestern hatte sie einen Spaziergang unternommen,

während er über seinen großformatigen Bögen

brütete. Der Wald war menschenleer gewesen, der Sand am

Ufer der Kiesgrube hatte im Abendlicht geleuchtet wie

Schnee. Und auf dem Weg zurück war sie so ruhig geworden,

dass ihre Schritte jede Anstrengung verloren. Lothar

stand noch immer in der Tür. Sein Körper wirkte massiger

als sonst, der harte Zug um seinen Mund war fort, doch die

Arme standen ab wie unter Spannung.

»Bist du schon lange wach?«, fragte sie. Er erwiderte

nichts. »Alles in Ordnung?«

»Zu viele Zeichnungen im Kopf«, sagte er.

So weit sie es überblickte, hatte er seine Pläne kurzfristig

über den Haufen geworfen. Statt Gebäude für Unterrichtsräume

undWerkstatt wollte er nur noch einen kleinenHangar

auf das Gelände setzen. Sie wartete darauf, dass er ins

Zimmer trat oder weitersprach, aber er blieb, wo er war, als

hielte ihn etwas zurück. Schließlich sagte sie:

»Mein Fuchs war wieder da.«

Lothar kam nicht näher, lehnte sich aber an den Türrahmen

und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie konnte

seine verschatteten Augen nicht erkennen, doch ein erwartungsvoller

Ausdruck lag auf seinen Zügen. Sie wusste, dass

er ihren Fuchs mochte, obwohl er ihm auf seinen Spaziergängen

nie begegnete.

»Erst hab ich wieder das Knacken im Gehölz gehört«,

sagte sie. »Dann brach er durchs Gebüsch und trabte zehn

Meter vor mir her. Ich hab gehofft, er würde mich bis zur

Holzbrücke begleiten, doch plötzlich blieb er stehen, hob

die Schnauze und war – zack – wieder im Unterholz verschwunden.

« Sie meinte etwas wie Enttäuschung in Lothars

Gesicht auszumachen. Keine zögernde Annäherung, kein

Umeinanderstreichen, dieses Mal gab es von keinem Tanz

zwischen dem Tier und seiner leise flüsternden Frau zu berichten.

»Ich dachte, ein anderer Spaziergänger auf dem

Weg nach Blumenhagen hat ihn verschreckt, aber als ich zur

Gabelung kam, war weit und breit niemand zu sehen. Da

lag nur ein Heft, aufgeschlagen, genau in der Mitte des Weges.

«

»Was für ein Heft?«

Die scharfen Linien hatten sich wieder in seine Wangen

gegraben. Sie saß aufrecht, ein Kissen im Rücken, und während

sie Lothar ansah, wusste sie schützend das Haus um

sich – der leere Raum bis zu den Dachbalken, die Abgeschlossenheit

der Zimmer, die Weite des Wohnbereichs unter

ihnen –, ein verwinkeltes Gehäuse, in dem sie sicher war.

»Ein Heft mit Bildern«, sagte sie. »Ein blutüberströmter

Körper mit verdrehten Gliedern, neben dem eine Autotür

auf der Straße lag. Ein verbogenes Stück Leitplanke ragte in

den Himmel. Und weißt du, was die nächste Seite zeigte?«

»Du hast das Heft aufgehoben?«, fragte er ungläubig.

»Ich hab mit dem Fuß geblättert. Die Überreste eines

Busses, in dem offenbar gerade eine Bombe hochgegangen

war. Und dann war da noch ein gefesselter Mann, auf einer

ganzen Doppelseite, Mund und Augen mit Klebeband verschlossen,

neben seinem Gesicht ein Gewehrkolben.« Sie

füllte ihren Bauch mit Luft. »Das ganze Heft bestand aus

Gewaltbildern. Jemand muss es dort hingelegt haben, um

Spaziergänger zu erschrecken.«

Sie spürte seinen forschenden Blick.

»Was hättest du an meiner Stelle gemacht?«, fragte sie.

»Was? Nichts natürlich. Ich wäre weitergegangen. Vielleicht

hätte ich es auch in den Graben getreten und mit

Laub bedeckt, damit kein Kind es findet.«

Auch ihre erste Reaktion war gewesen: Weitergehen. Ignorieren.

Doch dann war ihr die neugierige Abscheu desjenigen

eingefallen, der das Heft als Nächstes finden würde,

wenn sie es nicht aus demWeg schaffte.

»Das habe ich auch gemacht«, sagte sie. »Ich habe es mit

der Schuhspitze zur Seite befördert und Erde drübergeschoben.

Aber dann dachte ich: Was ist, wenn ich beobachtet

werde? Wenn einer von diesen Spannern, die tagsüber

um die Kiesgrube schleichen, im Gebüsch hockt und jeden

meiner Schritte verfolgt? Er könnte warten, bis ich weg

wäre, und das Heft wieder hinlegen.«

»Du hast es angefasst!«

»Ich habe ein Blatt gesucht und es damit aufgehoben,

und dann habe ich das Heft mitgenommen und entsorgt.«

Bei dem Gedanken an ihre Tat ergriff Ruth wieder das

gestrige Hochgefühl, das umso erhebender gewesen war,

weil sie es nicht erwartet hatte. Unschlüssig hatte sie auf

das Häuflein Erde gestarrt, unter dem die zerknitterte Ecke

des Heftes herausschaute. Entfernt war das Rauschen der

Autobahn zu hören gewesen. Sie hatte keine Angst, aber ihr

Herz pochte. Sie nahm ein Blatt vom Boden, zog das Heft

mit spitzen Fingern unter dem Sand hervor und rollte es zusammen,

peinlich darauf bedacht, das Papier nicht direkt zu

berühren. Sobald sie die Rolle zwischen Daumen und Zeigefinger

hielt, war der Schauder verschwunden. Und niemand

hatte sie verfolgt.

Sie strich Lothars Decke glatt, ließ die Hand darauf liegen

und sah ihren Mann an – doch Lothar reagierte nicht.

»Was heißt entsorgt?«

»Ich habe es verbrannt.«

»Verbrannt?«

»Ich habe es in der Küchenspüle verbrannt.«

»Du hast diesen Dreck ins Haus gebracht?«

»Ich wollte es nicht wegschmeißen, ich wollte, dass es

sich auflöst, dass es verschwindet, und weil ich keine

Streichhölzer dabei hatte, musste ich es mitbringen.«

»Du stehst in der Küche und verbrennst ein Heft, das du

aus dem Wald mitbringst? Das irgendein Perverser ausgelegt

hat?«

»Genau«, sagte sie trotzig.

Lothars Augen schimmerten angriffslustig. Er würde

sich auf jedes ihrer Worte stürzen, aber da sie schwieg,

schüttelte er nach einer Weile nur den Kopf und ging ins

Badezimmer. Sie hörte, wie der Strahl insWaschbecken traf,

wie Lothar schnaubte und sichWasser ins Gesicht schaufelte.

Sie hatte in der Küche gestanden und dabei zugesehen,

wie die Glut sich durch das beschichtete Papier gefressen

hatte. Vier Streichhölzer hatte sie entzünden müssen, bis

auch der letzte bedruckte Rest zu weißlicher Asche geworden

war, die an ihrer Haut klebte, als sie mit dem Finger

hindurchfuhr. Als Lothar wieder in die Tür trat, schien sein

Ärger verschwunden. Ein undefinierbares Lächeln lag auf

seinem Gesicht, er hielt ihr ein Glas mit Wasser hin. Dann

machte er die paar Schritte zu ihr, setzte sich auf die Matratze,

reichte es ihr und beobachtete zufrieden, wie sie

trank.

»Warum hast du mir gestern Abend nichts davon gesagt?

«, fragte er, nachdem sie das Glas auf den Nachttisch

gestellt hatte.

»Es hat mich glücklich gemacht. Du hättest dich nur aufgeregt.

«

Er sah sie an. Dann wandte er sich zum Fenster. Sein

drahtiges Haar hatte sich in all den Jahren kaum verändert,

war weder grau geworden noch zurückgegangen. Er trug es

noch immer kurz, so dass es energiegeladen vom Kopf stand

und ihm etwas Altersloses gab, doch jetzt, im Halbdunkel,

wirkte sein Schädel wie eine Last. Er wollte am Vormittag

einen der Grundstückserben im Odenwald treffen, wo er

während seiner ausgedehnten Fahrten ein Gelände entdeckt

hatte, ideal für einen Segelflugplatz: auf einer terrassenartigen

Fläche am Rande eines Berges gelegen, hoch über einer

Ebene. Ein Schild, von der Serpentinenstraße aus leicht zu

übersehen, hatte in fahrig hingeschriebenen Lettern darauf

hingewiesen, dass es zum Verkauf stand, was – wie sich herausgestellt

hatte – nicht ganz stimmte. Denn von den drei

Brüdern der Erbengemeinschaft waren bisher nur zwei gewillt,

sich von ihrem Besitz zu trennen.

»Was machst du, wenn er nicht verkaufen will?«, fragte

sie.

Seine Züge blieben unbewegt, und sie bereute, so abrupt

das Thema gewechselt zu haben, doch dann huschte ein triumphierendes

Lächeln über seine Lippen, seine Augen verengten

sich, Lothars ganzer Körper schien plötzlich alar-

miert, obwohl er die Haltung kaum verändert hatte; allein

sein flacher Atem und die Entschlossenheit des nach innen

gerichteten Blicks zeigten seine Sprungbereitschaft an, seine

Piratenkraft, und sie war von dieser Wandlung auch dieses

Mal überrascht. Sie schob ihre Zehen unter der Decke hervor,

schabte mit dem Ballen über die Tapete. Er betrachtete

ihren Fuß.

»Er wird verkaufen«, sagte er, während er mit einer ruhigen

Bewegung, die ihr Bein bis zum Schenkel entblößte, die

Decke zurückschlug. Er nahm ihre Ferse in die Hand,

wiegte sie wie einen Gegenstand und legte die andere Hand

um ihren Spann, so dass ihr Fuß umschlossen war von einem

pulsierenden warmen Verband, dessen Druck sich als

Strom bis in ihre Leiste zog. »Er wird verkaufen«, wiederholte

er.

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