Stabat mater von Titziano Scarpa, 2011, Wagenbach

Titziano Scarpa

Stabat mater
(Leseprobe aus: Stabat mater, Roman, 2011, Wagenbach - Übertragung Olaf Roth).

"Am Nachmittag passte ich auf die ganz Kleinen auf, als

Don Antonio das Zimmer betrat. »Und, Kinder, habt ihr

eine tüchtige Lehrerin?«

»Ich bin keine Lehrerin«, erklärte ich. »Dazu bin ich

noch zu jung. Ich beaufsichtige sie nur. «

»Überlasse ihnen die Antwort«, sagte Don Antonio lächelnd

zu mir.

»Sie ist sehr gut, aber nicht so wie damals, als wir die

Vögel nachmachen durften!«, rief Elena, die Kleinste.

»Die Vögel?«, fragte der Priester und zog die Mundwinkel

in übertriebener Verwunderung nach unten.

»Ja doch! Sie hat uns mit unserer Violine die Stimmen

der Schwalben nachmachen lassen, und sie selbst hat wie

eine Nachtigall gespielt!«

»Und hat euch das gefallen?«

»Sehr! Aber wir dürfen nicht mehr so spielen. «

»Ich wollte ihnen nur zeigen, wie man nicht spielen soll

und …«, murmelte ich.

»Lasst es mich doch auch einmal hören!«, schnitt mir

Don Antonio das Wort ab.

Die Kinder konnten es kaum glauben, sie fingen an,

Schwalben zu imitieren, indem sie den Saiten schrilles

Tschirpen entlockten, wie vor einem Monat, aber diesmal

noch entfesselter, so als hätten sie es nicht vergessen und

nur darauf gebrannt, es zu wiederholen.

»Und die Nachtigall?«

»Die kann nur sie spielen!«, riefen die Mädchen.

Don Antonio schaute mich an. »Also, worauf wartest

du noch?!«, sagte er.

Ich spielte ein wenig, lustlos, und baute ein paar falsche

Töne ein.

»Glaub nur nicht, dass du mir einen Streich spielen

kannst!«, sagte der Priester. »Dies sind die falschen Noten

von jemandem, der bewusst falsch spielt. Dazu ist nur derjenige

imstande, der perfekt spielen kann.«"

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