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Das Gegenteil von Tod
In Marias Zimmer hängen überall Fotos von Gaetano.
Gaetano am Meer. Gaetano beim Training in
der Sporthalle. Gaetano, der ihr einen Kuss gibt. Ein
Bild ist besonders hübsch und bringt mich zum Lachen:
Gaetano hält Maria mit beiden Händen in der
Luft wie eine Hantel, als wäre er ein Gewichtheber
bei der Olympiade. Gaetano war nicht muskulös.
Er hatte einen durchtrainierten Körper wie ein
Boxer, aber in der Fliegengewichtsklasse. Und dann
ist da ein Foto vor dem Kolosseum. Der klassische
Ausflug nach Rom.
»Ja, das war kurz bevor er nach Afghanistan ging.
Ich war zum erstenmal in Rom. Wir wollten uns
Bonbonnieren als Geschenk für die Hochzeitsgäste
anschauen, wir wollten nicht so was Gewöhnliches,
sondern etwas Ausgefallenes, und dann hätten wir
zu Hause ähnliche wie in Rom gesucht.«
Ihre Freundinnen, die, die auf die Universität
gehen, meinten, es mache sich viel besser, statt Bonbonnieren
Anstecknadeln von Emergency zu schenken.
Auch die Leute von Emergency waren in Afghanistan,
und Gaetano hätte vielleicht irgendwo
in Kabul Gino Strada, dem bärtigen Leiter dieser
Hilfsorganisation, begegnen können.
»Ich habe tatsächlich an diese Sache mit Emergency
gedacht. Aber was hätten meine Verwandten
dazu gesagt? Sie hätten doch mit diesem Schleifchen
und der Anstecknadel gar nichts anfangen können,
hätten sie doch zu Hause gar nicht in die Vitrine zu
den anderen Bonbonnieren aller anderen Hochzeiten
inderFamilie stellen können.Vielleicht hätten sie
sogar gedacht, meine Familie könnte sich nicht einmal
Bonbonnieren für die Hochzeit ihrer Tochter
leisten.«
Maria macht viele Pausen, wenn sie über diese
Dinge spricht. Sie muss aufpassen, dass ihre Gedanken
nicht abschweifen. Es ist gefährlich, zu oft schon
hat sie sich in Erinnerungen verloren und keine Luft
mehr bekommen, um weiterzusprechen. Sie fühlte
sich erdrückt von dem, was alles nicht geschehen ist.
Wie ein Fisch, den man aus dem Aquarium gezogen
hat, an der Luft erstickt.
Es gelingt ihr, von dem Vormittag zu erzählen. Sie
war mit den Bonbonnieren nach Hause gekommen,
die sie selbst ausgesucht hatte, die aber genauso aussahen
wie die, die sie mit Gaetano in Rom gesehen
hatte. Das Hochzeitskleid hatte sie noch nicht gekauft,
aber schon drei Modelle anprobiert, und eines
gefiel ihr besonders.
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