Das Gegenteil von Tod von Roberto Saviano, 2009, Hanser

Roberto Saviano

Das Gegenteil von Tod
(Leseprobe aus: Das Gegenteil von Tod, Roman, 2009, Hanser - Übertragung Friederike Hausmann, Rita Seuß).

In Marias Zimmer hängen überall Fotos von Gaetano.

Gaetano am Meer. Gaetano beim Training in

der Sporthalle. Gaetano, der ihr einen Kuss gibt. Ein

Bild ist besonders hübsch und bringt mich zum Lachen:

Gaetano hält Maria mit beiden Händen in der

Luft wie eine Hantel, als wäre er ein Gewichtheber

bei der Olympiade. Gaetano war nicht muskulös.

Er hatte einen durchtrainierten Körper wie ein

Boxer, aber in der Fliegengewichtsklasse. Und dann

ist da ein Foto vor dem Kolosseum. Der klassische

Ausflug nach Rom.

»Ja, das war kurz bevor er nach Afghanistan ging.

Ich war zum erstenmal in Rom. Wir wollten uns

Bonbonnieren als Geschenk für die Hochzeitsgäste

anschauen, wir wollten nicht so was Gewöhnliches,

sondern etwas Ausgefallenes, und dann hätten wir

zu Hause ähnliche wie in Rom gesucht.«

Ihre Freundinnen, die, die auf die Universität

gehen, meinten, es mache sich viel besser, statt Bonbonnieren

Anstecknadeln von Emergency zu schenken.

Auch die Leute von Emergency waren in Afghanistan,

und Gaetano hätte vielleicht irgendwo

in Kabul Gino Strada, dem bärtigen Leiter dieser

Hilfsorganisation, begegnen können.

»Ich habe tatsächlich an diese Sache mit Emergency

gedacht. Aber was hätten meine Verwandten

dazu gesagt? Sie hätten doch mit diesem Schleifchen

und der Anstecknadel gar nichts anfangen können,

hätten sie doch zu Hause gar nicht in die Vitrine zu

den anderen Bonbonnieren aller anderen Hochzeiten

inderFamilie stellen können.Vielleicht hätten sie

sogar gedacht, meine Familie könnte sich nicht einmal

Bonbonnieren für die Hochzeit ihrer Tochter

leisten.«

Maria macht viele Pausen, wenn sie über diese

Dinge spricht. Sie muss aufpassen, dass ihre Gedanken

nicht abschweifen. Es ist gefährlich, zu oft schon

hat sie sich in Erinnerungen verloren und keine Luft

mehr bekommen, um weiterzusprechen. Sie fühlte

sich erdrückt von dem, was alles nicht geschehen ist.

Wie ein Fisch, den man aus dem Aquarium gezogen

hat, an der Luft erstickt.

Es gelingt ihr, von dem Vormittag zu erzählen. Sie

war mit den Bonbonnieren nach Hause gekommen,

die sie selbst ausgesucht hatte, die aber genauso aussahen

wie die, die sie mit Gaetano in Rom gesehen

hatte. Das Hochzeitskleid hatte sie noch nicht gekauft,

aber schon drei Modelle anprobiert, und eines

gefiel ihr besonders.

Rezension I Buchbestellung I home IV09 LYRIKwelt © Hanser