Fast ganz die Deine von Marcelle Sauvageot, 2005, Nagel&Kimche

Marcelle Sauvageot

Fast ganz die Deine
(Leseprobe aus: Fast ganz die Deine, Essay, 2005, Nagel & Kimche - Übertragung Claudia Kalscheuer,  Nachwort von Ulrike Draesner)

«Ich heirate... Unsere Freundschaft bleibt...» Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich bin ganz still sitzengeblieben, und das Zimmer hat sich um mich gedreht. In meiner Seite, da, wo ich krank bin, vielleicht etwas tiefer, fühlte es sich an, als schneide man mir langsam mit einem sehr scharfen Messer ins Fleisch. Plötzlich hatte sich die Bedeutung aller Dinge geändert. Es war wie ein angehaltener Film, dessen noch nicht abgespulter Teil keine Bilder enthält; und die Figuren auf den bereits gesehenen Aufnahmen waren zu Holzpuppen erstarrt – sie hatten keinen Sinn mehr. Reich waren sie durch mich und meine Erwartung; ich wußte nicht, was mit ihnen passieren würde, aber ich hatte ihnen meine Seele geliehen; da nichts mehr geschieht, wird die vorangegangene Bewegung leer und bricht; ich habe das Gefühl, mein Ich einem Gerippe gegeben zu haben, dessen Starrheit meiner Angst spottet – ich kann nicht einmal dagegen ankämpfen. Die Gesten, die sich in der letzten belichteten Aufnahme abzeichnen, tun weh; sie waren voller Versprechen; und die Einlösung dieser Versprechen ist ein leerer Film.

Wenn ein Schmerz unbekannt ist, hat man mehr Kraft, ihm zu widerstehen, denn man kennt seine Macht nicht; man sieht nur den Kampf und hofft, daß es später wieder ein erfüllteres Leben geben wird. Doch wenn man Bescheid weiß, möchte man mit erhobenen Händen um Gnade flehen und voll fassungsloser Müdigkeit sagen: «Nicht noch einmal!» Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere.

Es wird das Erwachen im Morgengrauen kommen, wenn der Schmerz noch ohnmächtig ist und man

zu Gott betet, weiterschlafen zu dürfen. Wie ein in Watte gehüllter Tumor – und plötzlich ein heftiger, stechender Schmerz. Ein kleines, präzises Bild, das zwei Tage zuvor noch harmlos erschienen wäre; eine Geste, ein Blick, damals kaum bemerkt, nun in der Vorstellung an eine andere gerichtet, lassen das Herz in einem schmerzhaften Krampf stocken. Ein heimlich erdachter Plan, um «ihm» eine Freude zu machen, dessen Sinnlosigkeit sich nun zeigt wie eine rohe Fratze. Tagsüber oder am Abend gibt es Momente der Ruhe, in denen man sich wundert, nichts zu spüren; dann lauert man auf den Satz, den Ton, den Duft, der den Schmerz jäh wieder zum Leben erwecken wird. Der geringste Anlaß ruft Tränen hervor; ein dummer Satz in der Zeitung, über den man an einem anderen Tag die Schultern gezuckt hätte, wirkt zutiefst ergreifend. Und die andere, wie mag sie wohl sein? Man verleiht ihr alle Vorzüge, und man sieht die beiden zusammen allzeit in höchstem Glück; bevor die Nachricht kam, war dieses Glück belanglos erschienen. Doch jetzt fühlt man sich sehr elend, und man möchte schüchtern sagen: «Ich hätte Sie auch glücklich machen können; das hatten Sie mir gesagt.» Man begehrt auf, man verwünscht, man möchte eine Revanche. Aber die Revanche kommt nicht, oder zu spät, wenn man schon vergessen hat. Jetzt, jetzt wäre sie gut, denn so könnte die Liebe, die man noch hat, sich verausgaben und vielleicht siegen. Unsere Liebe hat keine Macht mehr über «sein Herz». Doch wenn auf einmal «er» wegen der anderen leiden müßte wie wir, oder wenn «er» uns vermißte und glaubte, es sei zu spät, so würde man mit Freuden herbeieilen, um ihn zu trösten; so tröstet die Liebe sich selbst, indem sie den tröstet, der sie verschmäht hat.

Es ist hart zu denken, daß er mich nicht mehr braucht.

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