Der schwarze Prinz vom
Montparnasse
(Leseprobe aus: Der schwarze Prinz vom Montparnasse von Princesse
Sapho, Manholt-Verlag)
Dieser Kutscher war wirklich nicht der hellste. Nachdem er ihn bezahlt hatte schimpfte Mauri sich einen Dummkopf, der für nichts taugt, und bog in die Rue d'Odessa ein auf der Suche nach einem Café in dem er sich ausruhen konnte, da er eine seltsame Müdigkeit in seinen Beinen verspürte. Diese Müdigkeit in den Beinen überraschte ihn sogar, und er weigerte sich absichtlich, in Gedanken die Gründe dafür zu suchen. »Monsieur Mauri! Und mein Gespann?« Die Worte kamen aus der Luftröhre eines zweiten Kutschers, eines Kutschers der Urbaine diesmal - der erste gehörte zur Coopérative, oder vielmehr zu den Métropolitaines. Er verlangte fünfzehn Francs von ihm, da er seit Mitternacht auf ihn gewartet hatte. »Seit Punkt Mitternacht, Monsieur Mauri. Sie haben mir gestern aufgetragen, um Mitternacht auf Sie zu warten. Ich habe seit Mitternacht auf Sie gewartet. Jetzt ist es fünf Uhr. Rechnen Sie selbst!« »...lassen Sie mich in Frieden. Das ist das letzte Mal, daß ich eine Droschke nehme. Wenn ich eine bestelle, dann verwende ich sie nicht. Ich werde es so wie alle machen, ich werde mich mit dem Pferdeomnibus begnügen.« »Aber in der Nacht, Monsieur Mauri...« Der Kutscher hatte recht. In der Nacht fuhren keine Pferdeomnibusse. Mauri lud ihn auf ein Gläschen ein, das der andere mit Würde ablehnte. Im übrigen gab es in der Rue d¹Odessa gar kein Café und auch auf dem Place de Rennes war kein einziges Lokal mehr offen. Noirof schlenderte dahin, watete durch die gelben Pfützen, naß wie ein Enterich, noch immer aufgewühlt in Gedanken an den Ziegelstein, den er fest umschlossen hielt. Einige der wenigen Vorübergehenden betrachteten ihn voller Neugier, und ein Schutzmann musterte ihn voll Verachtung. Wohin sollte er gehen? Am Bahnhof schlug es halb sechs. Halb sechs am Morgen! Und er, Mauri de Noirof, zu solch einer Stunde auf der Straße! Er kehrte um. Da er aber eine starke Abneigung dagegen hatte, zweimal hintereinander an den gleichen Orten vorbeizugehen - was er als Pleonasmus der Fortbewegung bezeichnete - nahm er die Rue du Départ, wobei ihn die Erinnerung an eine Zigarre plagte, die ihm vor sechs Monaten bei Madame Perle schlecht bekommen war, dieser großen Halbweltdame der Champs-Elysées, bei der man mit hohem Einsatz spielte. Ja, diese Zigarre war ihm nicht gut bekommen. Plötzlich befand er sich auf dem Boulevard Montrouge, und durch einen merkwürdigen Zufall tanzten alle Ereignisse des Morgens in einem wilden Reigen durch seinen Kopf: der Spaziergang, das Ziegelstück, der Pfiff der Lokomotive, die Eisenbahnbrücke, der Fuß auf der Fuge zwischen zwei Steinplatten des Gehsteigs, das andere Ziegelstück, die zwei Kutscher, die Müdigkeit in den Beinen. Der Tag tat gab sich Mühe anzubrechen, der zu schwere Nebel blieb am Boden haften, die Luft stank nach Wasser. Aus der Rue de la Gaîté strömten Arbeiter, auf dem Boulevard stellten Gemüsehändler ihre Stände auf. All das wirkte trostlos. Noirof saß die Müdigkeit in den Augen; jedesmal, wenn er zwinkerte, schien es ihm, als reibe er Sandkörner unter den Lidern. Sehr amüsant, das Leben! In der letzten Nacht hatte er dort, in diesem großen Haus, das noch immer in keuscher Unschuld schlief, die höchsten sinnlichen Freuden kennengelernt. Das war es also, das Ideal der Fleischeslust! Er zögerte, sollte er zu solch ungewöhnlicher Stunde nach Hause gehen oder nicht? Wo könnte er Zuflucht suchen? Wohin sollte er, durchnäßt wie er war, gehen, um sich zu trocknen? Er zitterte vor Kälte. Er kam an einem Spiegel vor einem Antiquitätenhändler vorbei und sah sich an. Er sah sich wahrscheinlich zum ersten Mal an, denn seine Verwunderung war sehr groß. Das sollte er sein, dieses große durchnäßte Knochengerüst mit einem Gesicht, das ins Leichengrün eines drei Monate im Wasser gelegenen Ertrunkenen hinüberspielte und Furchen des Regens auf der Wange hatte, dessen Schlips verkehrt gebunden und dessen Gehrock mit einer Seite der Weste zugeknöpft war, und das vor Dreck nur so starrte? Er sagte sich: »Ich sehe aus wie ein Bettler, ich werde mir zwei Sous geben.« Mit seiner Rechten nahm er einen Sous aus seiner Westentasche und bot ihn sich großzügig an. »Nimm schon, altes Haus, das ist aufrichtig gemeint.« Dieser Monolog ließ ihn lächeln, und er lächelte sich freundlich zu und verspürte dadurch eine Zufriedenheit, die er halblaut oder vielmehr mit der Stimme eines Mannes ausdrückte, der lag und auf dessen Brust ein Gewicht von mehreren Millionen Kilogramm lastete: »Phantastisch!« Dann faßte er einen Entschluß: an diesem Morgen würde er nicht nach Hause gehen. Sehr rasch überquerte er den Boulevard und ging wieder ins Bordell.
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