Ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie 13 Ölgemälde überenndergelegt von Ulrike Almut Sandig, 2016, Schöffling

Ulrike Almut Sandig

Grimm
(Leseprobe aus: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie 13 Ölgemälde übereinandergelegt, Gedichte, 2016, Schöffling&Co.).

wir schrieben uns Nachrichten auf rohen Eiern
wir hielten unsere Kratzer und Schleifen
auf Kalk für glückliche Zeichen, einander ohne
Rücksicht auf Verluste, buchstäblich alles
schreiben zu können, auf rohen Eiern zumal
und in schwankenden, hohen Gebäuden
wie gemacht, sich im heiteren Rasen der Erde
sacht zu bewegen. wir schrieben auf rohen Eiern
je nach Dringlichkeitsfaktor drückten wir
ordentlich auf, bis wieder eines kaputt war.
pah, kein Problem! wir hatten ja eine gegen
unendlich gehende Menge an rohen Eiern
im Kühlschrank, sie lagen zierlich und ziemlich
wie Zukunftsballons am Horizont hängen
hinter dem es weiter, immer weiter ginge
so hatten wir gehört. in unseren Wolkenkratzern
war immer Silvester und Ostern in einem
und wenn etwas brach, war schon mal
die ganze Seitenfront weg, und wir konnten
einander betrachten, mit wehendem Haar
und vollkommen ungestört in unseren
der Reihe nach einknickenden Lückenruinen
wie wir uns die Zeit mit dem Zerdrücken
von Eiern vertrieben. wir schwenkten
die klebrigen Arme zum Gruß und senkten
die Köpfe über eine gegen unendlich
gehende Menge an Scherben und Grimm.

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