Flamingos von Ulrike Almut Sandig, 2010, Schöffling

Ulrike Almut Sandig

Flamingos
(Leseprobe aus:
Flamingos, Geschichten, 2010, Schöffling&Co.).

Flamingos stehen in Gruppen, aber jeder Einzelne ist allein. Sie halten Abstand. Sie sind wachsam. Wir finden sie hässlich. Wir finden sie schön. Sie sehen aus, als würden sie brennen, aber das ist nicht wahr. Sie sehen aus, als wären sie nicht kaputt zu machen, aber auch das ist nicht wahr. Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da. Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon. Und dann fliegen sie auf.

(...)

Irina ist wieder zurück. Ich bin ihr so böse wie am Tag ihrer Abfahrt. Trotzdem stand ich am Fenster, als Vater und sie endlich auftauchten. Unser Fiat fuhr hinter der Gartensiedlung entlang und wurde dabei größer und größer. Eigentlich sah ich nur das grüne Autodach und die Fenster. Hinter den Fenstern sah ich nichts, weil es im Auto zu dunkel war. Fast schwarz. Zweimal verschwand der Fiat hinter den hohen Hecken der Gärten. Dann fuhren sie auch da vorbei und bogen rechts ein.
Unser Block ist der einzige am Dorfrand, er ist für Zugezogene wie Vater, Irina und mich. Wir sind Zugezogene, seit Mama zurückgezogen ist. Für mich ist Mama schon immer zurückgezogen. Schon immer heißt, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie genau sie gerochen hat, außerdem nicht an ihre Stimme und nicht daran, wo wir gewohnt haben, als Mama noch mit uns zusammen war. Vater sagt auf Deutsch, das sei in der Stadt und ich noch zu klein gewesen, zu klein zum Erinnern. Irina sagt auf Russisch: Vergiss es, kleine Malve. Die ist viel zu weit weg. Besser, du hast ein schlechtes Gedächtnis. Du hast dich dran gewöhnt, weil du dich nicht richtig an sie erinnern kannst. Ich, sagt Irina, hab mich nicht dran gewöhnt. Die ganze Zeit über habe ich mich nicht dran gewöhnt, dass Mama zurückgezogen ist, sagt sie. Und zurück heißt: ans Schwarze Meer. Obwohl Mama schon lange dort ist, spricht Irina russisch mit mir. Wir sind doch zur Hälfte vom Schwarzen Meer, sagt sie.
Das Schwarze Meer grenzt an Russland und ist so weit weg, dass dort Malven blühen, wenn hier noch Schnee liegt. In der Sonne glitzert das Wasser schwarz wie Sonnenbrillenglas, und der Himmel ist himmelblau. Man geht andauernd schwimmen und man isst Fische, die wir hier noch nie gesehen haben. Seit Mama im Schwarzen Meer schwimmt, haben wir sie nicht wieder gesehen. Die ist zu weit weg, um einfach hinzufahren, sagt Vater. Man müsste ein Flugzeug nehmen. Mama ist also weg. Und jetzt ist Irina ohne mich weg gewesen. Einen ganzen Winter lang. Irina käme bald zurück, hatte Vater gesagt. Irina sei in der Klinik. Ich habe das sowieso nicht geglaubt. Welche Klinik? Irina war am Schwarzen Meer. Am Schwarzen Meer wohnt Mama. Irina war dort und ich dachte, vielleicht kommt auch sie nicht mehr zurück. Jetzt ist sie aber hier.
Vater fuhr so langsam, als habe er etwas im Kofferraum, das leicht kaputtgehen konnte, rohe Eier vielleicht oder ein Meerschweinchen für mich, als Geschenk von Mama. Die Reifen knirschten auf dem Parkplatz und Vater stellte den Motor ab. Von außen kann man nicht durch die Gardinen schauen, von innen aber schon. Über dem Beifahrersitz erkannte ich Irinas schwarzen Zopf. Sie stiegen nicht gleich aus. Durch die dunklen Scheiben sah ich Irina geradeaus schauen, obwohl vor dem Auto nichts weiter als der Lattenzaun war. Vater drehte ihr sein Gesicht zu. Hat er was gesagt? Eine Weile blieben sie so. Keiner hat sich bewegt, nicht einmal ich. Dann drehte sie den Kopf weg und drückte die Tür auf.
Im Kofferraum lag nur ihre Sporttasche und nichts weiter. Sie ist silbern und rot und so groß, dass Irina sie nur für den Urlaub nimmt. Normalerweise fahren wir zusammen weg. Vater, Irina und ich, aber am Schwarzen Meer waren wir nie. Am Schwarzen Meer gibt es kilometerlange Flaniermeilen mit Palmen. Ich war noch nie auf einer Flaniermeile. Mama schickt uns viele Briefe. Manchmal ist ein Foto dabei. Ihr blasses Gesicht mit dem pechschwarzen Zopf vor einem Geländer aus weißem Stein, und dahinter das Schwarze Meer. Bald lade ich euch zu mir ein, schreibt sie mit großen geschwungenen Kugelschreiberlinien. Dann gehen wir zusammen schwimmen und danach backe ich uns einen Fisch. Das Schwarze Meer ist eigentlich blau, aber es glitzert schwarz. Genau wie Mamas Haar. Irina hat Mamas Haar. Ich bin schneeblond. Klingt besser als wasserstoffblond. Du, kleine weiße Malve, kommst mehr nach Vater, sagt Irina auf Russisch. Aber der hat mich nicht ans Schwarze Meer geschickt, nur Irina mit ihrem schwarzen Mamazopf. Irina wird immer dünner, deswegen kommt sie ins Krankenhaus, hatte Vater sich herausgeredet. Irina würde zu wenig essen. Was ja stimmte. Irina hatte aber wegen des Schwarzen Meers zu wenig gegessen. Wegen des Schwarzen Meers und wegen ihres schwarzen Haars, das aussieht wie das von Mama. Irina hatte bloß Reisefieber. Jetzt standen beide vorm Haus und blinzelten hoch. Ich zog schnell die Gardine zu.

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